Interview mit Lina Zubyte, QA-Beraterin bei ThoughtWorks

Women in Tech: „Wir bauen sehr viele Vorurteile in die Technologie ein“

Dominik Mohilo
Lina Zubyte

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Lina Zubyte, QA-Beraterin bei ThoughtWorks.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Lina Zubyte, QA-Beraterin bei ThoughtWorks

Ich bin als QA-Beraterin für ThoughWorks tätig. Fragen zu stellen macht viel von dem aus, was ich tun bekomme, deswegen sage ich auch, dass das “QA” auf meiner Visitenkarte für “Question Asker” steht. Es ist faszinierend, mit wie vielen der Thought Leaders ich zusammenarbeiten und von ihnen lernen kann. Das Besondere an diesem Unternehmen ist, dass eine der Hauptunternehmenssäulen auf sozialer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit beruht. Das bedeutet, dass Thought Workers, auch wenn sie sehr verschieden und vielseitig sind, eine ähnlich unvoreingenommen Wertevorstellungen besitzen.

Mir liegen die Menschen, das soziale Gut und unsere Welt im Allgemeinen am Herzen, daher ist es großartig, diesen Aspekt im Auge zu behalten, auch wenn der Schwerpunkt auf der Arbeit auf recht anspruchsvollen Projekten liegt, die anderen Unternehmen beim Aufbau ihrer Produkte helfen.

Bei ThoughtWorks gibt es keinen gewöhnlichen Tag für eine Qualitätsanalytikerin, doch das Ziel ist stets dasselbe: man versucht für Qualität zu argumentieren und dem Team dabei zu helfen, diese einzubauen. Das kann z. B. durch die Zusammenarbeit mit Business-Analytikerinnen, Produkteigentümerinnen und Entwicklerinnen erreicht werden oder indem man untersucht, welche Qualitätsverbesserungen vorgenommen werden können. Auch das Untersuchen von automatisierten Prozessen (und auch anderen Prozessen) können helfen, aber im Allgemeinen ist man der Leim, der ein leistungsstarkes Team zusammenhält.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Mein Interesse an Technologie auf einem höheren Niveau begann mit 13 Jahren, nachdem ich meinen ersten Computer bekommen hatte. Ich verbrachte die Nächte damit, mit verschiedenen Leuten im IRC zu chatten und war neugierig zu erfahren, wie das Internet – eine faszinierende Erfindung – funktionierte. In der Schule programmierte ich zwar ein wenig, aber es hat mich nicht so sehr angesprochen, da es eine sehr männliche Konnotation hatte – wie z. B. die extra Unterrichtseinheit dazu, die voll mit Jungs war. Obwohl ich das Programmieren gut verstand, entschied ich mich dazu, mich auf andere Fächer zu konzentrieren. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich letzten Endes in der IT landen würde.

Welche Hindernisse musstest du überwinden?

Ich studierte Mathematik an der Universität und liebte die Herausforderungen, die das Fach einem stellte, insbesondere die vielen Problemlösungen. Auf einer der Berufsmessen, die an der Universität stattfanden, gab es ein Unternehmen, dass Logikaufgaben für eine ihrer Positionen stellten (es handelte sich dabei um die Rolle der Softwaretesterin und das Ziel war es, Out-of-the-Box-Muster zu bewerten). Ich war nicht so sehr an der Firma oder an der Rolle interessiert, sondern eher daran, dass es auf diesem Papier einige Probleme zu lösen galt. Ich liebte die von ihnen gestellten Aufgaben – es gab jede Menge kreativer Logikrätsel zu lösen! Ich hatte einen Mordsspaß daran und dies führte dazu, dass ich das Testen von Software als Beruf in Betracht zog.

Die erste Annahme, wenn eine Frau in einem Meeting ist, ist, dass sie „nicht technisch“ ist.

Dieses Unternehmen wurde mein erster Arbeitsplatz, an dem ich gute Grundlagen des Testens (und vieles mehr) erlangte. Mit dem ersten Arbeitsplatzwechsel, lerne ich mehr über die Testautomatisierung, Beobachtung und Produktentwicklung, was dazu führte, dass ich mich dem Qualitätsaspekt der Software widmete – es gibt so viel mehr das Qualität ausmacht als nur testen.

Es gab viele Herausforderungen auf dem Weg dorthin: von dem ständigen Versuch, mit Vorurteilen umzugehen (meine eigenen oder die derjenigen, mit denen ich zu tun hatte), über Leute, die meine Arbeit ignorierten, indem sie mir sagten, dass es keine Rolle spielt, weil ich nur „herumklicke“ oder „nicht technisch“ bin (kommt mir nicht damit! Jeder ist technisch, “reine” Entwicklerinnen mögen zwar mehr Wissen haben, aber das Wort “technisch” ist sehr weitläufig!), bis hin zum Hochstaplersyndrom und der Frage, ob die IT das Richtige für mich ist.

Hattest du Unterstützung?

Meine Eltern wissen überhaupt nicht viel über IT, deshalb ist mein Job für sie bisher ein kleines Mysterium. Die einfachste Antwort ist, dass ich mit Computern arbeite. Natürlich unterstützen sie mich bei meinen beruflichen Entscheidungen, aber manchmal fällt es ihnen schwer, sich auf einer tieferen Ebene zurechtzufinden. Ich habe Freunde, die sich mit der Programmierung beschäftigen, das ist ein großartiges Unterstützungsnetzwerk, aber es hat eine Weile gedauert, es zu aufzubauen.

Ich bin einigen der Menschen, die ich bei der Arbeit getroffen habe und die meine Karriere sehr geprägt haben, sehr dankbar. Ich freue mich auch, sagen zu können, dass ich nach meinen Vorträgen auf einigen Konferenzen mit inspirierenden Fachleuten aus der Technik in Kontakt gekommen bin. Auf diese Weise habe ich etwas über Katrina Clokie und Charity Majors erfahren, die große Vorbilder für meine Interessengebiete sind.

Hat jemals jemand versucht, dich vom Lernen oder vom Vorankommen im Beruf abzuhalten

Es gab einige demotivierende Situationen. Zum Beispiel eine Person, die mich in einer sehr wichtigen Besprechung mit Stakeholdern anschrie, dass sie „nicht auf sie hören sollten! Diese Momente können definitiv die Frage aufwerfen, ob es sich überhaupt lohnt, auf dem Gebiet weiterzumachen. Aber ich habe es geschafft, das zu überwinden, und ich habe das Glück, sagen zu können, dass ich von vielen großartigen Menschen umgeben war, von denen ich viel lernen konnte.

Worauf bist du in deiner Karriere am meisten stolz?

Als ich während der Vorbereitung des Vortrags, zu dem ich eingeladen war, durch das Fenster eines Wolkenkratzer-Hotelzimmers auf ein atemberaubendes Panorama von New York City blickte, hatte ich plötzlich einen stolzen Moment, als mir klar wurde, wie ich dorthin gekommen war. Es war nicht leicht, aber ich wuchs schnell, Schritt für Schritt. Ich, die im Inneren immer noch ein Kleinstadtmädchen aus einem winzigen Dorf in Litauen bin, wurde tatsächlich eingeladen, auf einer Konferenz über meine technische Karriere, mein Wachstum und meine Authentizität zu sprechen. In diesem Moment dachte ich mir, dass ich vor Jahren vielleicht nicht geahnt hatte, wohin mich ein Tech-Job führen würde, oder wie viel Wachstum ich erleben würde und wie viele Hindernisse ich überwinden musste, um dorthin zu gelangen.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Manchmal ist es kein inklusives Feld und es mangelt ebenfalls an Vorbildern. Schaut euch die Vorstandssitzungen der meisten Unternehmen an: Sie sind meist mit weißen Männern mittleren Alters besetzt. Es gibt so viele andere Beispiele dafür, wie das Image der IT im Allgemeinen in einigen Unternehmen in einen „Boys Club“ mit Kickertischen, Bier nach der Arbeit oder Basketballplätzen verwandelt wird. Ein anderes Bild kommt mir aus einem der Marketing-Videos für eine Firma in den Sinn, das ich dieses Jahr gesehen habe: Eine Beratungsfirma warb mit einem Video, in dem nur Männer in Anzügen das luxuriöse Leben der Beratung genossen. Weitere Beispiele aus dem wirklichen Leben finden sich in Ellen Paos Buch „Reset“.

Ich habe an Meetings teilgenommen, bei denen ich die einzige Frau war, ganz zu schweigen von Männern, die mich damit aufzogen, bestimmte Aspekte meiner Person kommentierten oder den allgemeinen Eindruck hatten, ich müsse sie davon überzeugen, dass ich es verdiene, dort zu sein. Es gab zahlreiche Fälle, in denen ich nicht ernst genommen wurde, bis ich bewiesen hatte, dass ich es verdiene, an den Meetings teilzunehmen. Keine dieser Geschichten ist ansprechend.

Ein weiterer Aspekt dieses vielschichtigen Themas ist das Selbstvertrauen. Frauen sollen von Anfang an diejenigen sein, die sich „benehmen“. Denkt an die Schule, wo es heißt, dass „Jungs nunmal Jungs sind“, während „Mädchen nett sein müssen“. Wir pflanzen diese Denkweise in den Kindern, sodass nur wenige Mädchen zu mutigen und mündigen Erwachsenen werden – diese (normalerweise als männlich geltenden) Qualitäten werden in der IT sehr gelobt. Deswegen ziehen es viele Frauen vielleicht nicht einmal in Erwägung, in die Branche einzusteigen, da der Eindruck besteht, dass man keine Empathie haben darf.

Welche Hürden müssen Frauen heute immer noch überwinden?

Die größte Herausforderung sind die Vorurteile, die andere Menschen haben können, wenn sie eine Frau im technischen Bereich sehen. Diese Vorurteile kommen nicht nur bei Männern vor. In dem Buch „Confidence Code“, von Claire Shipman und Katty Kay, wird erwähnt, dass ein weiblicher CEO, wenn sie einen Raum voller Menschen betritt, sie diese standardmäßig davon überzeugen muss, dass sie dieser Position würdig ist, dass sie, unabhängig davon was sie erreicht hat, es selbst erreicht hat. Wenn aber ein männlicher CEO den Raum betritt, neigen die Menschen dazu, zu akzeptieren, dass er es selbst erreicht hat und dass er dieser Position würdig ist.

Man muss sich nicht wie ein „Tech-Bro“ verhalten, um in der IT zu sein.

Dies ist besonders in der Technik präsent – die erste Annahme, wenn eine Frau in einer Besprechung ist, ist, dass sie „nicht technisch“ ist – manchmal müssen wir vielleicht sogar die mangelnde Kommunikation eines anderen übermäßig kommunizieren. Und es ist sehr anstrengend, immer wieder versuchen zu müssen, die Leute zu überzeugen. Eine weitere Sache, die nicht so geschätzt wird, sind weibliche Werte im Allgemeinen. In der IT ist die Kultur sehr oft voller Selbstvertrauen, Kühnheit und sogar Direktheit. All diese Werte sind als “Heldenqualitäten” bekannt (und Helden sind oft Männer…), aber was ist mit Empathie, menschenzentrierten Ideen und Sozialem? Es kann ein ziemliches Hindernis sein, keine Beispiele dafür zu sehen, dass diese Qualitäten geschätzt werden. Zum Glück wird es immer besser.

Würde unsere Welt anders aussehen, wenn mehr Frauen im MINT-Bereich arbeiten würden?

Wir brauchen mehr Vielfalt. Sie ermöglicht es uns, integrativere, auf den Menschen ausgerichtete Produkte zu schaffen. Eine ausgewogenere, vielfältigere Arbeitsumgebung hilft allen Teammitgliedern, auf mehrdimensionale Weise zu wachsen. Eine der größten Auswirkungen wäre sicherlich die generelle Aufgeschlossenheit der Teams. Wir müssen unsere Denkweise ändern, dass die IT ein männliches Feld ist. IT ist nicht nur für ein bestimmtes Geschlecht gemacht. Es ist noch ein langer Weg, Tech integrativer, ausgewogener und akzeptabler zu machen.

Zum Beispiel gibt es im Türkischen keine getrennten Geschlechtspronomen, sondern nur ein generisches und Google Translate hat bis heute Mühe, unvoreingenommene Übersetzungen zu liefern. Für „eine Person ist ein Arzt“ lautet die Übersetzung aus dem Türkischen ins Deutsche „er ist ein Arzt“, während „eine Person ist eine Krankenschwester“ mit „sie ist eine Krankenschwester“ übersetzt wird. Wer hat diese Übersetzung hinzugefügt und wieso? Wir bauen so viele Vorurteile in die Technologie ein. Mehr Frauen im MINT zu haben, würde definitiv dazu beitragen, mit diesen Vorurteilen besser umzugehen, die Qualität der Technik zu verbessern und sogar anderen Menschen zu helfen, ihr Verständnis für die Welt um uns herum zu verbessern.

Die Diskussion über Diversität nimmt Fahrt auf. Wie lange wird es dauern, bis wir Ergebnisse der aktuellen Debatte sehen?

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Frauen nicht einmal Universitäten besuchen durften. Stellt euch vor, was für eine Rebellin Marie Curie zu ihrer Zeit war. Und das war im 19. und 20. Jahrhundert! Es dauerte Jahre, bis man begann, Geschlechternormen oder das, was manche als Traditionen bezeichnen, zu brechen. Ich freue mich, dass die Diskussion um Diversität an Fahrt gewinnt, sie trägt viel zur Verbesserung der Situation bei, aber geben wir es zu: Es ist noch ein weiter Weg, aber wir müssen die Debatte fortsetzen. Wenn mehr Menschen zu Verbündeten in diesem Thema werden, kann sich die Situation erheblich verbessern.

Tipps & Tricks

Die Technik ist voll von äußerst interessanten Bereichen, in denen man arbeiten kann und das Beste von allem ist, dass man experimentieren kann, um herauszufinden, welcher Bereich einem am besten gefällt. Haltet also die Leidenschaft am Laufen: Vielleicht unterscheidet ihr euch von anderen im Team oder sogar im Unternehmen und das ist völlig in Ordnung. Die Industrie ist dankbar, dass ihr dabei seid! Ihr müsst euch nicht wie ein „Tech-Bro“ verhalten, um in der Technik zu sein. Die Tech-Branche braucht euer wahres Selbst.

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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