Interview mit Sophie Richter-Mendau, AI Consultant Global Business Services IBM

Women in Tech: „Es kommt immer wieder vor, dass man bei Meetings oder auf Konferenzen die einzige Frau im Raum ist.“

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Sophie Richter-Mendau, AI Consultant Global Business Services IBM.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech, Sophie Richter-Mendau

Sophie Richter-Mendau ist AI Consultant bei IBM und Masterabsolventin im Fach Wirtschaftspsychologie. Bei IBM konzipiert und entwickelt sie Künstliche Intelligenz in Kundenprojekten, bspw. Chatbots basierend auf IBM Watson. Kürzlich gestaltete sie die Persönlichkeit des Roboters CIMON, der ersten KI im Weltraum. Ihr Forschungsinteresse liegt in Trends der Mensch-Maschine-Interaktion und den Einsatzmöglichkeiten psychometrischer Tests in Geschäftsanwendungen.

Wie bist Du zum Tech-Bereich gekommen?

Mein erster Kontakt mit Technologie kam durch meine Eltern: Meine Mutter war Mathematik-, mein Vater Physik- und Informatiklehrer. Die beiden haben mich ermutigt, selber Experimente zu machen, Dinge zu bauen und an Mathematikwettbewerben teilzunehmen. Der erste Eintrag in meinem Poesiealbum kommt von ihnen und ist ein Spruch von Albert Einstein: „Je mehr ich weiß, um so mehr weiß ich, dass ich nichts weiß.“ Und daneben: „Darum, liebe Sophie, höre niemals mit dem Lernen auf.“ Doch mein Interesse war sehr breit gefächert: Klar, Physik macht Spaß, aber wenn man stattdessen auch zur Theater-AG gehen oder sich mit der Schulband auf den nächsten Auftritt beim Sommerkonzert vorbereiten kann, was dann? Oder wenn es die Chance gibt, einen Schüleraustausch nach Frankreich zu machen und einen Studiengang mit Inhalten wie „interkulturelle Kommunikation“ wählen zu können, wie hätte Informatik spannender klingen können?

Mir war schlichtweg nicht bewusst, welche Vielfalt an spannenden und technischen Berufsbildern es gibt.

So richtig Begeisterung für Tech-Themen entwickelte ich daher erst durch meinen Einstieg bei IBM:

Nach dem Abitur habe ich mich für ein duales Studium bei IBM im Studiengang International Business Administration entschieden. Ich gestehe: IBM hörte sich nach einer großen, internationalen Company mit vielen Möglichkeiten an – viel mehr wusste ich nicht! In dieser Zeit habe ich die unterschiedlichsten Abteilungen und Aufgabenfelder rund um den technischen Vertrieb und die Beratung bei IBM kennengelernt, einen der insgesamt sieben Praxiseinsätze absolvierte ich sogar in London. Nach dem Bachelor schloss ich einen berufsbegleitenden Master in Wirtschaftspsychologie an. Die Verbindung von Psychologie und Technik faszinierte mich und so landete ich schließlich auch in der IBM-Abteilung für Data Science und Artificial Intelligence. Seit 2019 bin ich nun als AI Consultant in der IBM-Beratungseinheit tätig und ich darf euch verraten: Es ist super spannend!

Hast Du Vorbilder oder Unterstützer?

Mein Vorbild ist meine Mentorin Andrea Martin: Sie leitet das Watson Center in München, war zuvor CTO von IBM Deutschland und ist Mitglied der KI Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages. Mit ihrem Wissen und der technischen Expertise bringt sie eine wertvolle Sichtweise in die Politik, auf Podiumsdiskussionen oder auf Fachkonferenzen – das finde ich sehr beeindruckend. Ich habe aber auch männliche Mentoren und Role Models, die mich inspirieren und von denen ich eine Menge lerne. Ich habe das Glück, dass mir keine Steine in den Weg gelegt wurden. Mein Umfeld – meine Familie, Freunde, Kollegen*innen – unterstützt und fördert mich auf meinem Weg.

Welche Position hast du jetzt inne, bei welcher Firma? Was machst du da genau?

Ich bin AI Consultant bei IBM und bin normalerweise für mehrere Monate am Stück in einem Kundenprojekt eingesetzt. Je nach Projekt arbeite ich direkt beim und mit dem Kunden vor Ort, oft aber auch von Zuhause aus. Meine Aufgabe besteht darin, die fachlichen Anforderungen des Kunden aufzunehmen, die technische Umsetzung zu planen und anschließend auszuführen. Angenommen, ein Kunde möchte seinen Eingangspost in bestimmte Kategorien klassifizieren, dann muss ich verstehen: Wie sehen die Daten aus? Woran erkennt ein Mitarbeiter heute die entsprechenden Kategorien? Welche Methodik ist geeignet, um das Ziel zu erreichen: ein regelbasierter Entscheidungsbaum, ein trainiertes KI-Modell oder ein hybrider Ansatz? Das mache ich natürlich nicht alles allein, sondern gemeinsam mit dem Projektteam und immer in Abstimmung mit unseren Kunden. Ein typischer Arbeitstag wechselt daher zwischen Meetings und konzentrierten Zeitblöcken zur Implementierung. Außerdem plane ich in der Woche immer auch etwas Zeit für Weiterentwicklung und eLearnings ein, damit ich in meinem Themengebiet up-to-date bleibe oder selber Wissen mit anderen teilen kann.

Hast Du selbst etwas entwickelt?

Ich bin Teil des Teams, welches CIMON entwickelt hat – ein gemeinsames Projekt von DLR, Airbus und IBM. Es steht für Crew Interactive Mobile Companion und ist der erste frei fliegende Astronautenassistent sowie die erste KI im Weltall. Meine Aufgabe war es, CIMON das Sprechen beizubringen und dafür zu sorgen, dass alles, was gesagt wird, auch zu dem passt, wie es gesagt wird. Ich habe Dialoge mit dem Watson Assistant konzipiert und implementiert, Domänenwissen und Fachvokabular trainiert sowie mit Expressive Speech Synthesis gearbeitet, damit CIMON auch mit der Stimme Emotionalität ausdrücken kann. Neben dem Training der KI-Algorithmen stand auch die Optimierung der Mensch-Roboter-Interaktion im Vordergrund, damit einhergehend die Verleihung einer Persönlichkeit für CIMON. Mir war wichtig, dass sich die Interaktion so natürlich und konsistent wie möglich anfühlt.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Ich kann mir vorstellen, dass sich ein Mann diese Frage gar nicht erst stellen würde.

Da muss ich an mich selber denken: Trotz Interesse an naturwissenschaftlichen Fächern in der Schule dachte ich, dass ich meine Begeisterung für Sprachen und Kulturen eher in einem Studiengang wie Internationale Wirtschaft entfalten kann. Mir war schlichtweg nicht bewusst, welche Vielfalt an spannenden und technischen Berufsbildern es gibt. Es ist ein Glück, dass ich in einer Firma wie IBM gelandet bin, welche mir den Weg in eine technischere Richtung eröffnet hat. Meiner Meinung nach sollte noch viel mehr Arbeit an den Schulen passieren: Vorträge, Schnuppertage, Berufsinformationsveranstaltungen – Momente, an denen man mit Personen zukunftsträchtiger Berufsfelder persönlich in Kontakt tritt. Oft wird gesagt: Folge deinen Träumen! – Doch auch zum Träumen braucht es manchmal eine kleine Inspirationsspritze.

Welche Stereotypen sind dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet?

Es kommt immer wieder vor, dass man bei Meetings oder auf Konferenzen die einzige Frau im Raum ist. Da kommen leise Zweifel auf: Wurde ich nur eingeladen, um die Quote zu erfüllen oder um das Bild aufzulockern? Selbst wenn es so wäre, möchte ich durch Kompetenz und Projekterfahrung überzeugen. Ich kann mir vorstellen, dass sich ein Mann diese Frage gar nicht erst stellen würde.

Würde unsere Welt anders aussehen, wenn mehr Frauen in STEM arbeiten würden?

Darüber hinaus ist Diversity viel mehr als nur Geschlechterverteilung

Aus den Forschungsgebieten der Arbeits- und Organisationspsychologie weiß man, dass diverse Teams innovationsförderlich sind („How Diversity Works“ in Scientific American 311, 4, 42-47, October 2014). Während des Studiums haben wir uns intensiv damit beschäftigt, wie Persönlichkeitstests helfen können, Projektteams möglichst vielfältig zusammenzusetzen: Neben den Menschen mit einem Auge fürs Detail braucht man auch jemanden mit einem Blick fürs große Ganze, neben ergebnisorientieren Menschen sollte es auch Teammitglieder mit einem Fokus auf den Prozess geben. Es ist oftmals schwieriger und langwieriger, einen Konsens zu finden, wenn jedes Teammitglied eine andere Perspektive vertritt – doch das Ergebnis ist umso wertvoller und das Vorhaben erfolgreicher. Aussagen wie „Frauen hören besser zu“ oder „Frauen sind empathischer“ sind eher umstritten, doch strukturell bedingt erzielt man mit einem Geschlechtermix oft auch einen guten Mix von verschiedenen Persönlichkeiten. Dies würde der Tech-Branche auf allen Ebenen guttun und Innovationen schaffen, die für eine größere Bevölkerungsgruppe nützlich sind.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Ich finde die Debatte wichtig und richtig – denn auch wenn man manchmal den subjektiven Eindruck gewinnt, dass doch eigentlich alles ganz gut läuft und mittlerweile alle die gleichen Chancen haben, erzählen die Zahlen eine andere Geschichte (siehe bspw: Organization., International Labour (2016). Women at Work : Trends 2016 oder PwC Women in Tech UK Report). Darüber hinaus ist Diversity viel mehr als nur Geschlechterverteilung: Bis wir eine echte Gleichberechtigung von Menschen unterschiedlicher Herkunft, sexueller Orientierung, Religionszugehörigkeit oder Lebensalter erreichen, ist es noch ein langer Weg. Umso besser, dass sich mehr und mehr Firmen damit auseinandersetzen!

Hast du Tipps für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten?

Mein Tipp lautet: Sollte auch nur ein kleiner Teil in euch mit dem Gedanken spielen, einen naturwissenschaftlich geprägten Pfad einzuschlagen, traut euch! Soft Skills wie Kommunikationsfähigkeit sind später im Beruf mindestens genauso wichtig. Doch eine tiefe, technische Expertise in einem Feld aufzubauen, ist schlichtweg COOL.

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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