Interview mit Elaine Skapetis

Women in Tech: „Bis heute hat sich das Thema Diversität nicht überall in den Köpfen der Menschen etablieren können“

Jan Bernecke

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Elaine Skapetis, Front End Entwicklerin bei Adobe.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Elaine Skapetis

Im Vergleich zu vieler meiner Kollegen habe ich die Computertechnik erst relativ spät für mich entdeckt. Ich war in meiner Kindheit nie ein großer Gamer und auch sonst habe ich in jungen Jahren nicht viel Zeit vor dem Rechner verbracht. Meinen ersten eigenen PC hatte ich erst mit 18. Aber neugierig war ich schon immer. Die Technik dahinter und wie das Internet und die Websites funktionieren, haben mich von Anfang an fasziniert. Und genau diese Neugierde war es auch, die mich angetrieben hat, immer tiefer in die Welt der Informatik einzutauchen und schließlich den Beruf der Front-End-Entwicklerin zu erlernen. Aus heutiger Sicht war das die beste Entscheidung meines Lebens. Ich habe meinen absoluten Traumberuf gefunden! Erst Recht bei einem Unternehmen wie Adobe: In unserem internationalen Team erhalte ich jeden Tag aufs Neue die Möglichkeit, mit den Besten aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenzuarbeiten und von ihnen zu lernen. Ich bin sehr dankbar, dass ich bei Adobe arbeiten darf.

Wie verlief dein Weg bis zum jetzigen Beruf? Welche unterschiedlichen Karrierewege hast du eingeschlagen?

Bevor ich meinen Traumjob als Entwicklerin für mich entdeckte, habe ich verschiedene spannende Jobs in den Bereichen Technologie und Innovation ausprobiert. Ursprünglich komme ich aus Brasilien, wo ich zunächst eine Lehre im Maschinenbau absolviert habe. Anschließend kam ich nach Deutschland, um Fachinformatikerin zu werden. Nach einer Zwischenstation bei einem Automobilzulieferer in Mexiko gründete ich das IT-Unternehmen Factor Sigma Software Solutions in Griechenland. Erst dann ging es für mich in die Schweiz, wo ich mich dem Adobe.com-Team anschloss.

Gibt es Menschen, die dich auf deinem Weg gefördert haben? Hast du Vorbilder?

Ein großes persönliches Vorbild war sicher mein Vater. Als Energieelektroniker hat er mich häufig mitgenommen und mir einige spannende Projekte gezeigt. Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Heute sind meine Arbeitskollegen bei Adobe meine größten Vorbilder. Wie viel Know-how und Innovationsgeist hier aus den unterschiedlichsten Bereichen an nur einem Ort zusammenkommen, ist wirklich faszinierend.

Wurden dir in deiner Karriere auch bewusst Steine in den Weg gelegt?

Natürlich gibt es in der Karriere und im Front End Engineering immer wieder Momente, in denen Hindernisse den direkten Weg zum Erfolg versperren. Das ist völlig normal. In solchen Situationen kommt es darauf an, einen kühlen Kopf zu bewahren, seinen Weg weiterzugehen und niemals aufzugeben. Ich selbst habe immer fest an mich geglaubt und bin an solchen Herausforderungen nur noch weiter gewachsen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag in deiner aktuellen Position aus?

Meine Welt ist der Adobe-Kosmos. Alles, was der Nutzer bei Adobe online sieht, ist Teil meiner Arbeit als Front End Entwicklerin. Natürlich schaffe ich diese Mammutaufgabe nicht allein: Für das Web-Erlebnis auf Adobe.com arbeite ich weltweit mit rund 100 Entwickler-Kollegen und -Kolleginnen zusammen. Um diese Zusammenarbeit zu koordinieren, startet ein typischer Arbeitstag bei uns in der Regel mit einem Meeting oder Status-Call. Hier besprechen wir die aktuellen Anpassungen, Updates und neuen Komponenten der Adobe-Website. Viel Planung und Architektur ist also gefragt, bevor wir uns an das eigentliche Programmieren machen. Rund ein Viertel der Arbeitswoche geht meistens dafür drauf. In den einzelnen Projekten arbeiten wir mit Kollegen aus der ganzen Welt zusammen, was sich durch die unterschiedlichen Zeitzonen auch schon mal auf die Arbeitszeiten auswirken kann. Da heißt es als Entwickler stets flexibel zu bleiben.


Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche? Welche Hürden müssen Frauen heute immer noch überwinden?

Meiner Meinung nach gibt es immer noch nicht genügend Informationen über die Arbeit und die dazugehörigen Jobs in der Tech-Branche. Vielen Frauen ist gar nicht klar, in welchen Bereichen man hier tätig sein kann, ohne gleich Vollzeit-Entwicklerin sein zu müssen. Außerdem wird bei der Suche nach weiblichen IT-Kräften viel zu spät angesetzt. Die meisten Unternehmen sagen, dass sie nicht in der Lage wären, qualifizierte Frauen für vakante IT-Positionen zu finden. Ich glaube hingegen, sie sollten junge Frauen und Mädchen schon in jungen Jahren dabei unterstützen, mehr über die IT zu erfahren. Denn nur so werden Frauen die Option IT verstärkt in ihren Karriereweg einbeziehen – und die Unternehmen direkt in zukünftige Entwicklerinnen investieren.

Welche Stereotypen sind dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet und welche Probleme ergeben sich daraus?

Das klischeehafte Bild von IT-Arbeit wird dominiert von Menschen, die den ganzen Tag nur vor dem Computer sitzen. Dabei wird jedoch ein zentraler Punkt vergessen, der das Arbeiten in der IT-Branche für mich ausmacht: Als Entwicklerinnen verfügen wir über größtmögliche Flexibilität, was die Arbeitszeiten und den Arbeitsplatz angeht. So haben wir in der Regel alle Freiheiten, um unseren Job mit dem Familienleben in Einklang zu bringen. Ein wichtiger Vorteil, der heute von vielen Frauen gewünscht wird.

Gleichzeitig gilt die IT-Branche häufig als menschenfern und wenig kommunikativ. Auch das ist so nicht richtig: Wir Entwickler arbeiten ja nicht alleine, nur so für uns, sondern in Teams. Hier muss man fortlaufend kommunizieren und seine Projekte und Ideen präsentieren, um erfolgreich zu sein.

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten? Würde unsere Welt anders aussehen, wenn mehr Frauen im MINT-Bereich arbeiten würden?

Mit vielen weiblichen Entwicklerinnen können wir die Bedürfnisse der Frauen tiefergehend verstehen und bessere Produkte entwickeln.

Mehr Frauen am Arbeitsplatz sind vor allem eine treibende Kraft der Wirtschaft und des BIP-Wachstums. McKinsey stellte fest, dass die zunehmende Gleichstellung der Frau den globalen BIP bis 2025 um bis zu 12 Billionen Dollar steigern könnte. Gleichzeitig sprechen wir aber auch über mehr Produktqualität, da die Hälfte der Technologie-Anwender Frauen sind. Ein weiterer wichtiger Aspekt: Heutzutage sind die meisten Opfer von Cyberbullying Frauen oder junge Mädchen. Mehr Frauen in der IT wären daher hilfreich, um wirksame Richtlinien zu schaffen und gezielte Schutzmaßnahmen zu realisieren.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Bis heute hat sich das Thema Diversität nicht überall in den Köpfen der Menschen etablieren können. In meinem Heimatland Brasilien zum Beispiel müssen Frauen noch immer ziemlich hart um ihren Platz in der Tech-Branche kämpfen. In Europa und den USA sind wir zum Glück schon einen großen Schritt weiter. Hier wird in den Unternehmen immer weniger auf die Geschlechter, sondern vielmehr auf die Resultate geschaut. Und genau darum muss es am Ende doch auch gehen. Generell glaube ich daran, dass Frauen und Männer nur zusammen das bestmögliche Ergebnis erreichen können. Diversität kann damit zum echten Wettbewerbsvorteil werden. Bereits aus dieser Perspektive sollte sie in Unternehmen selbstverständlich sein.

Tipps & Tricks

Selbstbewusstsein und Vertrauen in sich und die eigene Expertise sind nicht nur entscheidende Skills, die Frauen in der Tech-Branche mitbringen sollten. Sie müssen diese Qualitäten auch entsprechend kommunizieren, um sich durchzusetzen. Mit Zurückhaltung oder falscher Bescheidenheit hat hier noch keine Frau Karriere gemacht. Und klar: Gemeinsam sind wir stark! Sich mit anderen Frauen zu vernetzen und auszutauschen, ist ein echter Benefit, den man unbedingt nutzen sollte. Generell muss in dieser dynamischen Branche die Bereitschaft da sein, sich ständig weiterzuentwickeln. Stillstand bedeutet für einen Entwickler Rückstand. In der Uni und Ausbildung legt man bestenfalls einen Grundstein. Das Lernen aber geht immer weiter. Denn in der Tech-Branche gibt es keine langjährigen Routinen wie in anderen Bereichen. Und genau das liebe ich so sehr an meinem Beruf als Entwicklerin: Es gibt für mich nichts Schöneres, als immer wieder etwas Neues entdecken und machen zu dürfen!

Geschrieben von
Jan Bernecke
Jan Bernecke
Jan Bernecke ist seit 2019 Online-Redakteur bei S&S Media. Zuvor war der rugbyspielende Literaturwissenschaftler im Bereich Online-Marketing tätig.
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