Interview mit Sheree Atcheson, Global Director für Diversität, Gleichheit und Inklusion bei Peakon

Women in Tech: „Unsere Kultur muss sich in Bezug auf Erwartungen an Frauen und Männer wandeln.“

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Global Director für Diversität, Gleichheit und Inklusion bei Peakon.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Sheree Atcheson

Sheree zählt zu den einflussreichsten Frauen in UK Tech und ist eine mehrfache internationale Preisträgerin für ihre Verdienste um Diversität und Inklusion in der Industrie. Sie ist derzeit vom Vorstand ernannte Globale Botschafterin für die gemeinnützige Organisation Women Who Code, eine Autorin bei Forbes und schreibt ein Buch für Kogan Page über Diversität und Inklusion, das im Frühjahr 2021 erscheinen soll.

Seit vielen Jahren arbeitet Sheree mit Unternehmen wie der Bank Monzo und der Beratungsgesellschaft Deloitte zusammen, um C-Suite- und Führungsteams zu leiten und zu schulen und voll ausgebildete, zielgerichtete Strategien für Diversität und Inklusion zu entwickeln.

Als leidenschaftliche Fürsprecherin für Frauen, die in die Technologiebranche eintreten und dort bleiben wollen, hat sie die preisgekrönte britische Erweiterung von Women Who Code ins Leben gerufen und geleitet. Im Jahr 2019 wurde Sheree zur Absolventin des Jahres der Queen’s University Belfast ernannt und in die Liste der Top 100 BAME-Führungskräfte der Financial Times aufgenommen, die den Technologiesektor beeinflussen.

Seit wann besteht Dein Interesse für Tech?

Als Kind der 1990er Jahre bin ich mit dem technologischen Fortschritt groß geworden und habe erlebt, wie dieser unsere Gesellschaft immer stärker verändert hat und ein Teil von uns wurde. Ich hatte das Privileg, Zugang zu neuen Technologien zu haben und sie auszuprobieren.

Da es bei mir in der Nachbarschaft keine Mädchen in meinem Alter gab, habe ich mit meinem gleichaltrigen Bruder und seinen Freunden viel Zeit verbracht und mit ihnen vor Spielkonsolen wie der Sega Mega Drive und der ersten Playstation gesessen. Technologien waren so allgegenwärtig und der Umgang mit ihnen wurde spielerisch erlernt. Mit 11 Jahren habe ich dann meine erste eigene Website über das Leben meiner Hunde, ihr Lieblingsessen und ihre Hobbies, gestaltet.

Für mein Abitur (in Großbritannien wird das das A-Level genannt) habe ich dann Computerwesen gelernt, was eine Grundvoraussetzung für mein Studium zum Softwareingenieur war. Diese Zeit war für mich ein Schlüsselmoment. Denn ich hatte einen sehr guten und motivierten Lehrer, der mich dazu gebracht hat, meinen IT-Weg weiterzugehen und mich schließlich gegen ein Studium der Englischen Literatur zu entscheiden. Ich bin dann zur Universität gegangen und habe einen Abschluss in Computer Science gemacht. Ich hatte schon immer einen sehr analytisch-technologieorientierten Ansatz, darum arbeite ich jetzt auch bei Peakon.

Wie verlief dein Weg bis zum jetzigen Job?

[…] trotzdem wollte ich etwas besser machen und die Rolle der Frau in der IT-Branche verbessern.

Ich habe zuerst als Software-Ingenieurin gearbeitet und wurde in der IT-Branche direkt mit der vorherrschenden Geschlechterungleichheit konfrontiert. Ich war zum Beispiel nur eine von zwei Frauen in einem Team von 18 Personen. Zwar war Konformität für mich als Frau aus Nordirland allgegenwärtig, trotzdem wollte ich etwas besser machen und die Rolle der Frau in der IT-Branche verbessern. Ich habe mich daher intensiv mit Ungleichheitsfragen innerhalb der IT-Branche auf globaler Ebene auseinandergesetzt und dabei Women Who Code in San Francisco gefunden. Damals hatte die relativ kleine Non-Profit-Organisation nur 5000 Mitglieder weltweit.

Ich habe Women Who Code dann in meiner Rolle als Expansion Director nach Großbritannien gebracht und fünf remote-arbeitende Teams sowie Partnerschaften und Sponsorings mit Tech-Giganten, mittelständischen Unternehmen und Startups aufgebaut, um diese Community zu stärken.

Heute ist Women Who Code als größte Non-Profit-Organisation im Bereich Women in Tech mit mehr als 230.000 Mitglieder und Vertretungen in über 80 Städten weltweit.

Ich habe das alles neben meiner Arbeit als Tech-Beraterin gemacht, aber schnell gemerkt: Viele Menschen können programmieren, aber nur wenige können die Arbeit machen, die ich bei Women Who Code leiste. Ich habe mich daher vor sechs Jahren entschieden, diese Aufgabe zu meinem Vollzeitjob zu machen. Seither habe ich mit den unterschiedlichsten Unternehmen zusammengearbeitet und meine Berufung umgesetzt.

Gibt es Personen, die dich gefördert haben?

Ich wurde im Alter von nur drei Wochen als ein Mädchen aus ärmlich Verhältnissen in Sri Lanka von einem irischen Pärchen adoptiert. Durch meine Herkunft hatte ich mit vielen Hindernissen zu kämpfen. Es gab einfach viele Menschen, die mir Dinge nicht zugetraut und mich ständig hinterfragt haben. Und wenn ich dann etwas nicht geschafft oder Aufgaben nicht bekommen habe, wurde mir nur gesagt, dass ich mich nicht ärgern soll.

Auch als ich zu Deloitte kam, hatte ich es als junge Woman of Color sehr schwer, meine Senior-Leadership-Rolle zu erfüllen. Denn ich war den unterschiedlichsten Vorurteilen von Personen ausgesetzt, die schon bis zu 50 Jahre in der Branche gearbeitet hatten. Glücklicherweise habe ich mit Jacky Henry zusammengearbeitet, die in dieser Zeit meine Vorgesetzte war.

Jacky stammt auch aus Nordirland und hat genau verstanden, was ich wollte und jede Chance genutzt, mich weiterzubringen. Sie hat ihren Einfluss genutzt und mir verschiedene Rollen bei Deloitte erst ermöglicht. Jacky und ich sind uns in unserem Verhalten und unseren Ansichten sehr ähnlich. Heute ist sie Chefin von tausenden Mitarbeitern. Das Schöne ist, dass sie dabei immer noch sie selbst geblieben ist und ihre empathischen Fähigkeiten behalten hat. Wir stehen immer noch in engem Kontakt und ich bin glücklich darüber, sie als meine Mentorin zu haben.

Hat man dir Steine in den Weg gelegt?

[…]es wird automatisch eine Annahme über deine Fähigkeiten getroffen.

Menschen haben große Angst aufgrund von Vorurteilen und vor der Art und Weise, wie sie von ihrer Umgebung und der Gesellschaft wahrgenommen und behandelt werden. Es entsteht zum Beispiel automatisch das Vorurteil, dass du einer Position nicht gewachsen bist, wenn nur wenige Menschen wie du eine solche Position inne hatten. Das ist ein großes Problem, denn es wird automatisch eine Annahme über deine Fähigkeiten getroffen. Vorherige Erfahrungen werden auf dich übertragen und sich ein Bild von dir gemacht, ohne das auch zu überprüfen. Wir sehen das gerade vor allem in Großbritannien, wo viele Menschen einfach nicht ein A-Level erreichen, weil man es ihnen auf Grundlage ihrer Herkunft nicht zutraut.

Bei mir waren die Vorurteile sehr verschieden, je nachdem, wo ich gearbeitet habe. Es war häufig mein junges Alter, durch das ich nicht gehört wurde, obwohl ich eine entsprechende Expertise vorweisen konnte. Ich musste mich ständig rechtfertigen und darstellen, was ich bereits erreicht habe, um Gehör zu finden. Es ist wichtig, sich auf Augenhöhe zu begegnen, damit über die Sache diskutiert werden kann. Natürlich gibt es auch immer Meinungsverschiedenheiten. Es muss jedoch anerkannt werden, dass ich die schlauste Person in einem bestimmten Themenfeld sein kann. Ich weiß, was ich mache, denn ich mache das schon seit Jahren. Und solche Situationen entstehen auch durch die Vorurteile gegenüber einer jungen Woman of Color wie mich.

Ich kann mich aber auch glücklich schätzen, dass ich aktuell in einer sehr komfortablen Situation bin – mit einem Partner auf Augenhöhe, finanzieller Stabilität und ohne gesundheitliche Einschränkungen. Aber es gab eine Reihe von Hürden, die ich nehmen musste, um diesen Lebensstil zu erreichen. Ein Beispiel: Man erkennt an meinem irischen Akzent nicht, dass ich eine Women of Color bin, bis man sich mit mir trifft. Daher habe ich bei Bewerbungen in meinen Lebensläufen nie meinen mittleren Namen „Nirushika“ verwendet, um nicht abgelehnt zu werden. Diese Einschränkungen und diesen Druck sollten andere Menschen verstehen können, auch wenn sie nicht aus unterprivilegierten Gesellschaftsschichten stammen.

Welche Position hast Du jetzt inne, bei welcher Firma?

Ich bin seit September 2020 Global Director of Diversity, Equity & Inclusion (DE&I) bei Peakon, einer Plattform zur aktiven Gestaltung der Employee Experience. Bei Peakon kann ich alle meine Interessen verbinden, d.h. einerseits Kunden beraten und andererseits das Produkt besser machen und vor allem meine Vision teilen.

Es ist meine Aufgabe, zuzuhören und mit Hilfe von Daten eine Strategie zu entwickeln, die mehr Diversität und Inklusion bei Peakon schafft. Außerdem arbeite ich eng mit unserem Produkt-Team an der Weiterentwicklung von Peakon Include, mit denen Unternehmen Fortschritte im Bereich DE&I anhand von intelligenten Mitarbeiterbefragungen sichtbar machen. So werden die Effekte und die Wirksamkeit neuer Initiativen nachvollziehbar.

Hast Du selbst etwas entwickelt?

Ich habe ehrlich gesagt seit über sieben Jahren nicht mehr programmiert und habe daher aktuell keine Projekte. Es waren eher kleine Dinge, die ich in meiner Jugend gemacht und worauf ich viel Zeit verwendet habe. In jungen Jahren schon selbst programmiert zu haben, ist eine Fähigkeit, die wertgeschätzt werden muss und nicht unbedingt nur für den eigenen Zeitvertreib ist. Auch eine kleine Website, wie ich sie über meine Hunde gemacht habe, programmiert zu haben, ist ein Anfang, auf dem man aufbauen und der einen Zugang zur IT-Branche verschaffen kann. Man kann mit seiner Fähigkeit auch irgendwann Geld verdienen und nicht mehr nur Spaß haben.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Die Frage, warum es so wenige Frauen in meiner Branche gibt, ist sehr vielschichtig. Die Gründe beginnen schon durch die Erziehung, in der Kindern „klassische Männerberufe“ und „klassische Frauenberufe“ vorgeführt werden. Jungen sollen eher technische Berufe erlernen, wohingegen Frauen eher soziale Berufe verfolgen sollten. Das beeinflusst das Mindest von Kindern natürlich nachhaltig, schafft grundlegende Gender-Stereotype, unterdrückt Berufswünsche und somit auch Möglichkeiten und Chancen für die Zukunft. Wir sollten die Dinge im Umgang mit Jugendlichen grundlegend verändern, sonst können wir Gender-Stereotype nicht auflösen. Unsere Kultur muss sich in Bezug auf Erwartungen von Frauen und Männern wandeln und wir müssen immer überlegen, wie das gelingen kann.

Wenn wir uns darüber Gedanken machen, warum Menschen nicht in die IT-Industrie einsteigen wollen, müssen wir uns klar vor Augen halten, dass wir Menschen, die nicht dem Durchschnitt entsprechen, sehr voreingenommen und ungerecht begegnen. Die Folge ist, dass mehr als die Hälfte der Frauen, die in der IT-Branche arbeiten, diese in der Mitte ihrer Karriere verlassen. Das können wir nicht außer Acht lassen.

Wir können wir das lösen? Wir müssen die Daten analysieren, die wir erheben. Und damit sind wir auch schon bei der Arbeit von Peakon. Es geht immer darum, wie sich Menschen in ihrem Beruf fühlen. Wir sehen ja, dass Arbeitnehmer vor allem die Herausforderung beschäftigt, ihre Karriere und die eigene Gesundheit in Einklang zu bringen. Gerade Frauen aus Randgruppen haben damit am meisten zu kämpfen und verlieren in der aktuellen Krise ihren Job am ehesten. Und welche Folgen das für unsere Gesellschaft haben wird, liegt auf der Hand. Über diese Prozesse müssen wir uns Gedanken machen und grundlegende, ehrliche Diskussionen führen.

Welche Stereotypen sind dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet?

Es gibt insbesondere Stereotype, wenn es darum geht, was eine Person macht, wie sie es macht und warum. Es gibt häufig den Stereotyp, dass eine Person den Job ausübt, weil es ihre Leidenschaft ist. Das ist ein völlig unrealistisches Bild. Denn genauso häufig ist der Grund auch einfach, dass man in der IT-Branche eine Menge Geld verdienen kann. Leidenschaft zahlt keine Rechnungen, Geld schon. Man sollte also niemanden verurteilen, wenn er aus diesem Grund in die IT-Branche geht.

Es wird häufig von begabten Kindern gesprochen, die ihr Wissen in die Wiege gelegt bekommen haben und nun ihren Job mit einer großen Leidenschaft verfolgen und fantastische Software-Ingenieure sind. Das Problem ist dann aber, dass es diesen Personen verziehen wird, wenn sie keine Menschenkenntnisse haben und schlechte Führungskräfte sind. Und das funktioniert gerade in unserer Branche nicht, denn dadurch entstehen schlechte Unternehmenskulturen. Und das betrifft dann auch die Ängste der Frauen, wenn sie kurz davor stehen, Teil der IT-Welt zu werden, die aber Schwierigkeiten damit hat, diese Menschen zu unterstützen. Wenn die IT-Branche mehr Frauen einstellen möchten, dann müssen wir uns auch dementsprechend verhalten und Vielfalt statt Konformität vorleben. Und das funktioniert einfach noch nicht so, wie es sollte.

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten?

Uns wäre sehr geholfen, wenn sehr unterschiedliche Gesellschaftsgruppen an Lösungen für Alltagsfragen arbeiten würden. Bei der Frage nach mehr Frauen in der Tech-Branche heißt das auch, Frauen mit unterschiedlichsten Hintergründen einzustellen. Denn in unserer Gesellschaft lebt nicht DIE eine Frau. Jede Frau, jeder Mensch ist anders und hat verschiedene Ansichten auf Probleme in der Gesellschaft. Ungleichheiten geben uns daher immer mehr Perspektiven auf diese Probleme und somit auch Chancen, diese zu lösen. Denn fast jeder ist ja mit den IT-Problemen vertraut und erlebt sie im Alltag. Aber auch dabei geht es immer darum, uns den Vorurteilen, die wir haben, bewusst zu werden und gegen diese vorzugehen.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Der angestoßene Prozess muss aufrechterhalten werden, um nicht im aktuellen Status Quo zu bleiben.

Nein, keinesfalls. Denn die Fragen, die wir gerade diskutiert haben – über Ungleichheiten, Vorurteile und Diskriminierungen – sind so tief in unserer Gesellschaft verankert, dass sie sich nicht von jetzt auf gleich auflösen lassen. Es ist wichtig, dass sich Personen wie ich mit diesen Strukturen auseinandersetzen. Auch zukünftige Generationen werden das tun müssen. Ich denke, dass sich in der übernächsten Generation jedoch beachtliche Veränderungen beobachten lassen, denn die Gesellschaften und die Umwelt, in der Menschen aufwachsen, verändern sich gerade elementar. Wichtig ist insgesamt, dass der angestoßene Prozess aufrechterhalten wird, um nicht im aktuellen Status Quo zu bleiben, in dem es ja immer noch zahlreiche Probleme, Stereotype und Diskriminierungen gibt.

Hast du Tipps für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten?

Einen Tipp gebe ich immer gerne: Sei stets dein eigener größter Fan. Das scheint auf den ersten Blick eine sehr egozentrische Perspektive zu sein. Wir wissen aber, dass Menschen sich selbst kritischer sehen als andere, insbesondere, wenn sie aus unterrepräsentierten Gruppen stammen. Gerade Frauen sind so erzogen worden, nicht das Wort zu ergreifen, obwohl sie Experte in der Frage sein könnten. Wir sollten da nicht unfair zu uns selbst sein und auch nicht unterdrücken, was wir können oder erreicht haben. Wir müssen uns immer selber antreiben und mit unseren individuellen Fähigkeiten selbstbewusst umgehen.

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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