Interview mit Sheeka Patak, Senior Software Engineer bei Zendesk

Women in Tech: „Es gibt viele verschiedene Bereiche, in denen die Stimmen von Frauen in der Tech-Welt oft unterdrückt werden“

Jan Bernecke

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Sheeka Patak, Senior Software Engineer bei Zendesk

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Sheeka Patak, Senior Software Engineer bei Zendes

© City Headshots Dublin

Sheeka hat zunächst in Dublin Genetik studiert, hat aber aufgrund unterschiedlichster Gründen abgebrochen. Danach hat sie sich eine Zeit lang mit verschiedenen Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, zum Beispiel als Au-pair und im Direktvertrieb. 2012 hat sie dann einen Einführungskurs in Java-Programmierung gemacht und ihren Weg in die Tech-Branche gefunden:

Es folgte eine Anstellung bei Chatter Creators als Ruby on Rails Developer. Bei der Social-Media-Agentur war Sheeka als Webentwicklerin tätig. Seit 2016 ist sie bei Zendesk und hat sich dort vom Backend/Software Engineer zum Senior Software Engineer hochgearbeitet. Sheeka arbeitet dort mit dem Team von Mobile Shared Services zusammen an neuen Anwendungen.

Ein Tag aus Sheekas Leben

Bei Zendesk bin ich Senior Software Engineer und arbeite mit dem Mobile Shared Services-Team zusammen. Seit Beginn der Pandemie gibt es sowas wie einen typischen Arbeitstag eigentlich nicht mehr, um ehrlich zu sein. Eine Sache, die sich nicht geändert hat, ist, dass die Arbeit des Teams sehr stark auf Zusammenarbeit beruht. Zu unserer Arbeit gehört oft auch das Lösen von eher komplexen oder verworrenen Problemen und Ausnahmefällen. Als Nebeneffekt, dass seit der Pandemie nun alle im Homeoffice arbeiten, besteht mein Tag, beziehungsweise meine Woche, viel mehr als früher daraus, Dokumentationen zu schreiben. Es gibt viele Vorurteile über Engineers und Dokumentation, aber das lerne ich immer mehr zu akzeptieren!

Eigene Projekte

Ich glaube, es gibt nicht die eine große Sache, die ich da nennen kann. Ich bin oft stolz auf die kleinen Dinge. Zum Beispiel, wenn wir ein großes, teamübergreifendes Projekt abschließen oder wenn jemandem die Arbeit, die wir geleistet haben, wirklich weiterhilft. Das ist es, was mich stolz macht.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Ich bin mit Technik aufgewachsen. Mein Vater hat einen sehr technischen Hintergrund und wir hatten – soweit ich mich erinnern kann – schon immer einen Computer. Ich erinnere mich noch, wie wir unseren allerersten PC hochfuhren und von diesem grün-schwarzen MS-DOS-Bildschirm begrüßt wurden. Und ich weiß noch genau, wie mein Vater uns jedes Mal über die Schulter schaute, wenn wir seine Disketten auch nur ansahen, weil er Angst hatte, dass wir sie verbiegen.

Unterstützer und Vorbilder

Meine Familie hat mich schon immer in allem, was ich tue, unglaublich unterstützt. Die Tech-Welt ist ihnen meist eher fremd, aber sie bemühen sich jederzeit, mir zuzuhören und zu verstehen, worum es mir geht. Ich habe nicht wirklich ein Vorbild. Es gibt keine bestimmte Person, die ich anschaue und denke: „Das ist die Art von Engineer, die ich sein möchte“. Umgekehrt gibt es eine Menge Leute, die auf ihre eigene, unterschiedliche Art und Weise großartige Beispiele abgeben, nach denen man streben kann. Die eine Person geht vielleicht Probleme auf sehr pragmatische Weise an, die andere hat einen besonders einfühlsamen Ansatz bei der Zusammenarbeit und wieder eine andere bezieht bei allem, was sie tut, verschiedene Perspektiven mit ein.

Bei Zendesk versuchen wir, uns an Grassroots-Projekten zu beteiligen. So bekommen junge Mädchen, die über eine Karriere im Tech-Bereich nachdenken, einen lebensnahen Eindruck von Frauen, die in diesem Bereich arbeiten. Ich persönlich bin in iWish involviert, einer Art Karriere-Messe, die 15- bis 16-jährige Mädchen zusammen mit ihrer Schule besuchen. Dort zeigen verschiedene Unternehmen, darunter auch Zendesk, was sie machen und versuchen so, die Tech-Welt und die damit einhergehenden falschen Vorstellungen zu entmystifizieren. Zusätzlich nehme ich an Teen-Turn teil, wo 15- bis 16-jährige Mädchen im August für zwei Wochen in ein Technologieunternehmen vermittelt und mit einem Mentor zusammengebracht werden, der mit ihnen an einem Projekt arbeitet und ihnen auf ganz praktischer Ebene zeigt, was alles zu ihrer Arbeit gehört.

Hindernisse

Ich nehme das als Kompliment […].

Mir wurden nie offenkundig Steine in den Weg gelegt. Meine Kollegen haben mir mal gesagt, dass ich Personalleiterin werden sollte statt einer Fachkraft. Ich nehme das als Kompliment – immerhin sagen sie damit, dass sie in mir Führungsqualitäten sehen. Ähnliches Feedback bekam ich von einem direkten Vorgesetzten, der meine Entscheidung, keine Personalleiterin zu werden, massiv hinterfragt hat. Aber auch das habe ich als Kompliment aufgefasst.

Für Frauen allgemein gesprochen ist das wiederum ein sehr facettenreiches Problem. Es gibt nicht nur einen Aspekt, den man herausgreifen und sagen kann: „Das ist der Grund, warum Frauen im Tech-Bereich unterrepräsentiert sind“. Für mich sind zwei der Hauptursachen wahrscheinlich die Burnout- und die Abbruchsquote:

Feindselige Arbeitsumgebungen verschärfen dieses Problem, […].

Ich habe kürzlich einen Artikel gelesen, in dem es hieß, dass von allen Neueinsteigern in wissenschaftlichen und technischen Berufen Frauen mit 45 % höherer Wahrscheinlichkeit innerhalb des ersten Jahres wieder aussteigen als Männer. Hinzu kommt noch, dass bei vergleichbaren Leistungen in Eignungstests einer von fünf Jungen, aber nur eins von 20 Mädchen sagt, dass eine Karriere im MINT-Bereich für sie in Frage kommt. Gesellschaftliche Vorurteile und Erwartungen führen dazu, dass nicht genügend Frauen in technische Berufe einsteigen. Feindselige Arbeitsumgebungen verschärfen dieses Problem, denn diejenigen, die sich für eine solche Karriere entscheiden, bleiben nicht lange.

Herausforderungen

Wie bereits angedeutet, sind feindselige Arbeitsumgebungen eine der größten Herausforderungen. Um so mehr freue ich mich, dass bei Zendesk sowohl jetzt als auch in Zukunft alles unternommen wird, um das Arbeitsumfeld für jeden Einzelnen einladend und inklusiv zu gestalten. Es ist jedoch für jedes Unternehmen und jedes Team immer noch ein langer Weg dorthin. Ungerechtigkeit am Arbeitsplatz führt dazu, dass Frauen schlechter bezahlt werden, weniger Anerkennung für ihre Arbeit bekommen und bei Leistungsbewertungen häufig schon mit einem klaren Nachteil starten. Unbewusste Voreingenommenheit und die Tendenz mancher Menschen, die gelebten Erfahrungen anderer abzutun, in Verbindung mit dem Hochstapler-Syndrom, mit dem nicht nur Frauen im MINT-Bereich zu kämpfen haben, können oft zu unbeabsichtigtem (aber manchmal absichtlichem) Gaslighting führen. Das drängt Frauen dann in die Defensive und führt dazu, dass sie erklären müssen, warum sie nicht gerecht behandelt werden. Und das wiederum führt dazu, dass sie „aufmerksamkeitssuchend“, „Unruhestifter“, „Lügnerin“ oder Schlimmeres genannt werden.

Würde unsere Welt anders aussehen, wenn mehr Frauen in STEM arbeiten würden?

[…]es wird unweigerlich zu Verbesserungen für alle führen.

Ja, natürlich wäre sie anders. Die Tech-Welt ist dafür bekannt, dass sie sich schnell weiterentwickelt und verändert. Für die Diskriminierung am Arbeitsplatz gilt das leider nicht. Mehr Frauen in der Technologiebranche zu haben, könnte meiner Meinung nach dazu beitragen, positive Veränderungen auch für andere Minderheiten schneller voranzutreiben. Da Privilegien, und der Mangel daran, sehr intersektionell sind, ist es ganz egal, welche Veränderung man zuerst angeht – es wird unweigerlich zu Verbesserungen für alle führen.

Die Diskussion über Diversität nimmt Fahrt auf. Wie lange wird es dauern, bis wir Ergebnisse der aktuellen Debatte sehen?

Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass Unternehmen, die die Herausforderungen rund um Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion ernsthaft angehen, ziemlich schnell positive Auswirkungen auf die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter sehen werden, sobald sich ihre Umsatzzahlen und die Arbeitsplatzkultur verbessern. Wahrscheinlich werden sie auch Steigerungen bei Leistung, Innovation und Produktivität feststellen, auch wenn es vielleicht etwas länger dauern wird, bis sich das bemerkbar macht. Auf jeden Fall denke ich, es ist wichtig im Kopf zu behalten, dass Inklusionsinitiativen kein magischer Zauberstab sind, mit dem man wedeln kann und plötzlich ist alles in bester Ordnung. Die wichtigsten Veränderungen brauchen Zeit, Geduld und Beharrlichkeit und müssen von allen Mitarbeitern mitgetragen werden – unabhängig vom Job-Level.

Tipps & Tricks

Jeder Tag wird in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung sein. Es ist wichtig, sich nicht mit anderen zu vergleichen, sich selbst und die eigene psychische Gesundheit an erste Stelle zu setzen und zu lernen, bis zu einem gewissen Grad außerhalb der eigenen Komfortzone zu leben. Es gibt viele verschiedene Bereiche, in denen die Stimmen von Frauen in der Tech-Welt oft unterdrückt werden. Beispielsweise wenn es darum geht, in Meetings das Wort zu ergreifen, dass ihre Arbeit anerkannt wird oder sie auf Konferenzen vertreten sind. Unterschiedliche Menschen werden mit verschiedenen Aspekten zu kämpfen haben. Aber um ihre Karriere voranzubringen, müssen Frauen lernen, sich Situationen zu stellen, Leute auch mal zurechtzuweisen und für sich selbst einzustehen, wenn nötig.

Geschrieben von
Jan Bernecke
Jan Bernecke
Jan Bernecke ist seit 2019 Online-Redakteur bei S&S Media. Zuvor war der rugbyspielende Literaturwissenschaftler im Bereich Online-Marketing tätig.
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