Interview mit Shani Gal, Director of Product Management bei Snyk.

Women in Tech: „Die IT-Branche ist vielfältig.“

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Shani Gal, Director of Product Management bei Snyk.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Shani Gal

Mit 18 Jahren aht Shani den Wehrdienst in Israel angetreten und landete beim Israelischen Nachrichtendienst. Dort hat sie ihre Begeisterung für Technologie entdeckt und war unter anderem Teamleiterin im Bereich Forschung. Nach ihrer Zeit beim Milität hat sie bei der israelischen Regierung mehrere Stationen im Tech-Bereich durchlaufen, Senior Technology and Intelligence Researcher, Software Engineer, Cyber Product Manager und schließlich Head of Cyber Opsec. Seit 2019 arbeitet Shani bei Snyk, einer Open-Source-Security-Plattform, und ist heute Leiterin des Produktmanagements.

Shanis Weg in die Tech-Branche

Ich komme aus einer Familie von Ärzten. Das Naheliegendste wäre also gewesen, auch Ärztin zu werden, so wie mein Vater, meine Großeltern und fast alle anderen aus meiner Familie. Aber ich habe gemerkt, dass es mich am meisten fasziniert, zu verstehen, wie Dinge von Grund auf funktionieren. Beim menschlichen Körper wissen wir das nicht, dafür aber bei Computern. Der interessanteste Kurs, den ich in der Uni belegt hatte, hieß „Von NAND zu Tetris“ – das war wie eine Reise von elektrischen Schaltkreisen bis zu einem vollständigen Betriebssystem. Ich liebe es einfach, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Ich nahm bereits an Uni-Vorlesungen teil, als ich noch in der High School war und lernte dort viel über Mathe und Informatik. Mit 18 gehen wir in Israel alle zur Armee. Ich war in einer technisch ausgerichteten Eliteeinheit und bekam dort eine weitere technologische Ausbildung. Während des Wehrdienstes habe ich meine Begeisterung für Cyber-Sicherheit entdeckt. In der Armee kann man sich nicht aussuchen, wo man hinkommt, deshalb begegnet man dort neuen Herausforderungen.
Nach meinem Abschluss in Informatik und BWL begann ich als Entwicklerin und arbeitete in der Sicherheitsforschung. Lange Zeit war ich mir nicht sicher, was ich werden wollte – Analystin, Forscherin oder doch Entwicklerin? Dann lernte ich das Produkt-Management kennen und konnte hier alle meine vorherigen Erfahrungen einsetzen. Das ist der Grund, warum ich seit eineinhalb Jahren für Snyk arbeite und mich dort um die Security-Produkte kümmere.

Unterstützung und Hindernisse

Oftmals ist man so im Alltag gefangen, dass man vergisst, die eigenen Erfolge zu genießen.

Ich hatte kein konkretes Vorbild. Ich denke, wir können und sollten von jedem Menschen um uns herum lernen. Über die Jahre hinweg habe ich mir verschiedene Inspirationsquellen gesucht, um meine Träume zu verwirklichen. Aber meine Familie und meine Freunde waren auf jeden Fall eine sehr große Unterstützung. Sie haben mich bestärkt, dass ich alles schaffen kann, was ich will und dass ich jeden Weg einschlagen kann. Diese Erfahrung hat mich sehr positiv geprägt.

Herausforserungen habe ich schon einige erlebt. Auf den ersten Blick sieht es aus, als hätten Frauen die gleichen Chancen wie Männer. Hierzu ein Beispiel: Noch ziemlich am Anfang meiner Karriere hatte ich einen Chef, der mir sagte, dass ich mich anders zu verhalten habe als meine männlichen Teamkollegen. Ich hatte einige Meetings mit Führungskräften, in denen mein Aussehen auf nicht akzeptable Weise thematisiert wurde. In einem Bewerbungsgespräch sollte ich einmal versprechen, nicht schwanger zu werden. Und ich habe schon viel zu oft die Erfahrung gemacht, dass das geschlechtsspezifische Lohngefälle real ist. Einige Frauen machen solche Erfahrungen, aber ich denke, dass solche Fälle heutzutage glücklicherweise etwas seltener sind. Und mittlerweile gibt es auch weniger Hürden für Frauen, wenn sie in der IT-Branche Fuß fassen möchten.

Einblick in Shanis Arbeitsalltag

Ich bin Leiterin des Produktmanagements bei Snyk. Ich führe ein Team von Produktmanagern, die sich darum kümmern, dass wir für die Lösungen von Snyk und anderen die beste Sicherheitsdatenbank bereitstellen.
In meiner Arbeit entwickle ich einerseits Strategien für unsere zukünftige Produktausrichtung. Andererseits stelle ich sicher, dass wir mit unserer aktuellen Arbeit wie geplant vorankommen. Und mir ist auch sehr wichtig, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohlfühlen und mit ihren Aufgaben gut zurechtkommen. Meine MINT-Ausbildung ist dabei eine wichtige Grundlage. Ich habe bereits erwähnt, wie wichtig es für mich ist, Dinge von Grund auf zu verstehen. Ohne meinen Hintergrund in IT-Sicherheit und Programmieren könnte ich die Herausforderungen nicht so umfassend nachvollziehen, die sich für unsere Kunden, die in unserem Fall Entwickler sind und für unser Team und die Entwickler- und Analysten-Kolleginnen und -Kollegen ergeben.

Auf was bist du besonders stolz in deiner Karriere?

Vor einigen Jahren, als ich noch für die Regierung arbeitete, habe ich ein Team von Ingenieuren, Wissenschaftlern und Analysten geleitet und wir haben zusammen an einer sehr komplexen technischen Aufgabe gearbeitet. Dafür haben wir gemeinsam den renommierten israelischen Verteidigungspreis gewonnen. Dieser Preis wird jedes Jahr vom israelischen Präsidenten an ausgewählte Projekte verliehen. Das war eine großartige Erfahrung. Oftmals ist man so im Alltag gefangen, dass man vergisst, die eigenen Erfolge zu genießen. An der Zeremonie mit dem Präsidenten teilzunehmen, hat mich sehr stolz gemacht, und ich fühlte mich geehrt, dass ich in dieser Gruppe meinen Teil beitragen konnte.

Frauen in der Tech-Branche und im Mint-Bereich

Ich war oft die einzige Frau im Raum.

Die Geschwindigkeit in der Tech-Branche ist hoch, und es sind oft einfache, kurzfristige und effiziente Lösungen gefragt. Und Männer einzustellen, erscheint manchmal einfacher, auch weil Mutterschaftsurlaub dann kein Thema ist. Und viele umgeben sich gern mit Leuten, die einem selbst ähnlich sind. Die Vorteile, die durch Diversität entstehen, sind oft eher langfristig, deshalb erscheint es manchmal einfacher, sich auf kurzfristige Erfolge zu konzentrieren.

In meinen Informatik-Kurs waren 50 Prozent Männer und 50 Prozent Frauen. Andernorts mag das anders sein, aber ich denke, in der Ausbildung werden Frauen nicht benachteiligt. Sondern es sind eher die Erwartungen anderer, wie sich Frauen verhalten sollen. Wie deutlich darf eine Frau ihre Meinung sagen? Wie sehr wird sie darin bestärkt, eine andere Meinung zu haben und neue Wege einzuschlagen? Ein und dasselbe Verhalten wird bei den Geschlechtern unterschiedlich bewertet. Eine Frau, die wütend ist, wird etwa anders wahrgenommen als ein Mann, der wütend ist.

Die IT-Branche ist definitiv sehr männlich dominiert. Das spiegelt auch meine eigenen Erfahrungen wider. Ich war oft die einzige Frau im Raum. Bei Snyk ist das zum ersten Mal anders. Es ist großartig für Snyk zu arbeiten, wo es so viele weibliche Führungskräfte im IT-Bereich gibt. Ich bin nie die einzige Frau im Raum. Es ist einfach so viel besser, in einem diversen Unternehmen zu arbeiten!

Wir reden immer davon, wie wichtig es für ein Unternehmen oder auch den eigenen Erfolg ist, offen und kreativ zu sein und verschiedene Ansichten zuzulassen. Trotzdem verbinden wir das nicht immer mit Diversität. Wenn wir alle eine ähnliche Herkunft, Erfahrungen und Wissen haben, treffen wir vermutlich auch alle die gleichen Entscheidungen – und es würde sich nichts ändern.

Wenn ich mit Menschen rede, die wie ich einen Militärhintergrund haben, verstehen wir uns und können uns leicht abstimmen. Wenn ich mit Menschen rede, die einen ganz anderen Hintergrund haben, ist es viel schwieriger sich zu einigen. Aber dadurch lernt man, besser zu kommunizieren, mit verschiedenen Leuten zu arbeiten und sich nicht selbst zu beschränken. Letzen Endes wollen wir doch alle einen Job haben, der uns positiv fordert.

Als Produktmanagerin ist es ein großer Teil meiner Arbeit, die Bedürfnisse der Anwender zu verstehen. Je mehr Meinungen und Standpunkte ich kennenlerne, desto mehr sehe ich, dass „der Anwender“ in Wirklichkeit viele verschiedene Menschen sind, jeder mit einem anderen Hintergrund und Erwartungen. Vielfältigkeit im Unternehmen hilft dabei, die Kunden als ebenso divers zu betrachten.

Die Diskussion über Diversität wird immer wichtiger. Wie lange wird es dauern, bis wir konkrete Ergebnisse sehen?

Jeder kann genau das finden, was er oder sie sucht.

Diversität wird definitiv immer wichtiger. In Israel sind sich die IT-Unternehmen der verschiedenen Arten von Diversität bewusst und unterstützen diese auch. An anderen Orten wird es vermutlich noch ein bisschen länger dauern, aber ich sehe die Veränderungen überall. Wenn man auch andere Arten der Diversität betrachtet, wie Religion oder Herkunft, findet man noch größere Gleichstellungsdefizite – auch in der Bildung, was es noch schwieriger macht, diese Lücke zu schließen. Aber je mehr wir akzeptieren, dass wir alle unterschiedlich sind, desto einfacher wird es werden, das in allen Bereichen anzugehen, nicht nur beim Thema Geschlecht.

Tipps & Tricks

Wenn jemand sagt: „Die Branche ist so oder so“ – das hat keine Aussagekraft. Es gibt so viele einzigartige und verschiedene Möglichkeiten, und solche Aussagen über die IT-Industrie sollte man einfach ignorieren. Jeder kann genau das finden, was er oder sie sucht. Man sollte sich nicht entmutigen lassen, wenn ein Unternehmen nicht zu einem passt oder wenn man entmutigende Geschichten hört. Die IT-Branche ist vielfältig.

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
4000
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: