Interview mit Rachel Taylor, CEO von Nubix.io

Women in Tech: „Der Gender-Bias führt zu massiven Herausforderungen für alle sozialen, ethnischen und wirtschaftlichen Gruppen“

Chris Stewart

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Rachel Taylor, CEO von Nubix.io

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Rachel Taylor, CEO von Nubix.io

Rachel Taylor ist CEO von Nubix.io, einem Anbieter von winzigen edge-nativen Containern für IoT-Analytik. Sie ist eine leidenschaftliche, operative Führungskraft mit über 20 Jahren Erfahrung in der Technologie der Unternehmensinfrastruktur. Vor Nubix.io war sie Chief Operating Officer bei Rocana und konzentrierte sich auf die Skalierung der Organisation. Sie hatte Führungspositionen bei führenden Technologieunternehmen inne, denen sie beim Aufbau großartiger Teams zur Erreichung operativer Exzellenz half, darunter Cloudera, Meraki (von Cisco übernommen), Clearslide (von Corel Corp. übernommen), Peakstream (von Google übernommen), Riverbed und VMware.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Ich habe Technologie von klein auf geliebt. In der zweiten Klasse wurde ich dazu eingeladen, an einem speziellen akademischen Programm teilzunehmen, bei dem ich zum ersten Mal mit dem Kodieren konfrontiert wurde. Ich schrieb ein Programm, das einen Fisch über den Bildschirm schwimmen ließ und aus dessen Maul kleine Blasen herauskamen. Von diesem Moment an war ich süchtig danach. Während der gesamten Schulzeit besuchte ich jeden Informatikkurs, den ich konnte. Während meines Studiums arbeitete ich im Computerlabor und war die erste Apple-Vertriebsmitarbeiterin auf dem Campus.

Welche Hindernisse musstest du überwinden?

Ich habe festgestellt, dass mein Geschlecht, mein Alter und mein Bildungshintergrund allesamt Hindernisse sind, die es zu überwinden gilt.

Nach dem Studium nahm ich einen Job bei einem Discount-Maklerunternehmen an und verwaltete die Rechnungsstellung für einen Investmentfonds ohne Transaktionsgebühren. Die Firma hatte Tabellenkalkulationen verwendet, um die Salden manuell zu verfolgen. Es dauerte nicht lange, bis mir klar wurde, dass sie in einigen Fällen, aufgrund menschlichen Versagens, um Millionen von Dollar daneben lagen. Durch mein Studium hatte ich Erfahrung mit dem Aufbau von Datenbanken. Ich fand heraus, dass ich jede Nacht eine Datei von unserer Abrechnungsstelle herunterladen und in eine Datenbank eingeben konnte, so dass sie die Bilanzen automatisch aktualisieren und anpassen würde. Das verhinderte menschliche Versagen und erleichterte die monatliche Nachverfolgung und den Versand von Investmentfondssalden. Das festigte meinen Übergang von der akademischen Anwendung von Technologie hin zur sinnvollen Anwendung von Technologie in der Wirtschaft. Innerhalb der nächsten zwei Jahren wuchs meine Rolle in das Management der IT-Systeme des Unternehmens hinein und ich begann mir eine erfolgreiche Karriere in der Technologie vorzustellen.

Der Weg dorthin war jedoch nicht einfach. Ich habe festgestellt, dass mein Geschlecht, mein Alter und mein Bildungshintergrund Hindernisse darstellen, die es zu überwinden gilt. Mitte der 90er Jahre zog ich von San Diego in die Bay Area, wo es viele offene Stellen im Technologiebereich gab. Der Arbeitsmarkt war damals brandheiß und man hätte meine sollen, dass es mir möglich war, eine Stelle als Netzwerk- oder Datenbankadministratorin zu bekommen. Aber als eine Frau in ihren Zwanzigern war es beim besten Willen nicht möglich einen Job zu bekommen. Viele Firmen zogen mich nicht einmal in Betracht, da ich keinen Abschluss in Informatik, sondern Wirtschaft hatte, trotz jahrelanger praktischer Erfahrung und Kenntnis der IT-Systeme. Ich ging zu etwa 40 bis 50 Rekrutierungsfirmen im technischen Bereich, bevor ich mich für einen neuen Weg innerhalb der Branche entschied. Ich stellte fest, wenn ich selbst technische Personalvermittlerin werden würde, dass ich dann mein technisches Wissen nutzen könnte, um erfolgreiche Teams aufzubauen. Dies erweiterte mein Netzwerk und brachte mich mit neuen Bereichen der Technik in Kontakt. In der Folge leitete ich die Expansionsbemühungen für eine Reihe von schnell wachsenden Technologieunternehmen und stieg in der Führung weiter auf.

Hattest du Unterstützung?

Ich erhielt nicht viel Unterstützung von Familie und Freunden, aber ich hatte schon früh in meiner Karriere eine Chefin, die ich als Vorbild betrachtete. Sie hatte auch keinen traditionellen Berufsweg. Sie ging nicht sofort auf die Universität, stattdessen arbeitete sie als Direktionsassistentin in einer Bank, als ihr Chef sie überzeugte, zur Abendschule zu gehen. Nach zwei Jahren bewarb sie sich und wurde in Stanford aufgenommen. Dort hat sie dann mit Ende 20 ihren Abschluss mit Auszeichnung gemacht. Danach erwarb sie ihren MBA in Harvard und wurde eine erfolgreiche Investmentbankerin.

Ich fing als ihre Assistentin an und baute schließlich eine Datenbank für sie auf. Sie veränderte meine Wahrnehmung von Karrierewegen und meine Fähigkeit, etwas zu verändern. Sie ist eine kluge, wunderbare Frau, die andere Frauen nicht zurückhielt, aber auch nicht davor zurückschreckte, sich auf die Seite der Männer zu stellen. Sie war damals die einzige Frau mit einem Platz am Tisch.

Hat jemals jemand versucht, dich vom Lernen oder vom Vorankommen im Beruf abzuhalten

Wir müssen Unternehmenskulturen aufbauen, in denen die Menschen für ihr Fachwissen und nicht für ihr Geschlecht respektiert, gefördert und bezahlt werden.

Ja, ich hatte eine Chefin, die ständig negative Kritik gab und Fehlinformationen verteilte. In vielen Fällen war die Kritik nicht nur beruflicher, sondern auch persönlicher Natur. Sie positionierte sich als Torwächterin der Information und Kommunikation und hinderte ihre Umgebung daran, positive Verbindungen zur Führung aufzubauen. Es war eine schmerzhafte Erfahrung, denn ich hatte hart gearbeitet und großartige Arbeit geleistet. Am Ende verließ ich die Firma und das Team, das ich liebte.
Teil des Problems war meine Naivität und der Wunsch, an das Beste im Menschen glauben zu wollen. Ich nahm an, dass sie mir ein Feedback gab, weil sie wollte, dass ich mich verbessere. Ich hätte erkennen müssen, dass es nicht um mich ging. Es war ihre Unsicherheit. Rückblickend hätte ich bei der Suche nach direkten Begegnungen mit der Führung durchsetzungsfähiger sein können. Dadurch hätte ich mich wohler, ruhiger und selbstbewusster in meiner Rolle gefühlt. Wahrscheinlich hätte ich die Firma trotzdem verlassen, aber es wäre eine weniger stressige Erfahrung gewesen.

Ein Tag in Rachels Leben

Als CEO kann man sich einsam fühlen, besonders als weiblicher CEO.

Ich bin der CEO eines Startup-Unternehmens in der Anfangsphase und es gibt keinen typischen Arbeitstag. In einer Woche fliege ich nach Helsinki, um mich einem potenziellen Geschäftspartner vorzustellen. In der Woche darauf bin ich in Kalifornien, um vor Investoren vorzutragen. Und dann muss ich auch noch herausfinden, warum unser Spesensystem die Mitarbeiterinnen nicht entschädigt. Aber ich liebe meine Rolle, weil ich strategisch vorgehen und sofort etwas bewirken kann.

Aber es kann auch eine Herausforderung sein, denn als CEO gibt es nicht viele Leute, an die ich mich für Ratschläge wenden kann. Als CEO kann man sich einsam fühlen, besonders als weiblicher CEO. Ich muss an mich glauben und zuversichtlich sein, dass die Entscheidungen, die ich treffe, gut für das Unternehmen sind.

Worauf bist du in deiner Karriere am meisten stolz?

Als ich für eine andere Firma arbeitete, kamen fast alle nach einem Firmen-Meeting auf mich zu und sagten: „Das ist die beste Firma, in der ich je gearbeitet habe. Ich liebe die Menschen. Ich liebe die Kultur. Das macht am meisten Spaß. Es ist wie eine Familie und ich weiß, dass es an dir liegt, Rachel.“ Das war der Moment, in dem ich zu dem Schluss kam, dass ein großartiges Unternehmen so aussehen sollte. Das ist es, was ich hier bei Nubix aufbaue.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Es gibt einige kritische Ansatzpunkte, derer wir uns stärker bewusst sein müssen. Es beginnt mit der Grundschule. Wir müssen frühzeitig die richtigen Investitionen in die Bildung von Frauen vornehmen. Das wird dazu beitragen, ihr Vertrauen in Technologie, Wissenschaft und Technik zu stärken. Und wenn sie ihre Karriere beginnen, müssen wir dafür sorgen, dass sie die Netzwerke und Mentoren haben, die ihnen helfen, ähnliche Karrierewege wie Männer einzuschlagen. Wir müssen Unternehmenskulturen aufbauen, in denen die Menschen für ihr Fachwissen und nicht für ihr Geschlecht respektiert, gefördert und bezahlt werden. Wir brauchen eine Kultur, die auch das Gleichgewicht und das Familienleben fördert. So viele der Frauen, die es durchs Studium schaffen und in den technischen Bereich eintreten, entscheiden sich dafür, nicht aus dem Mutterschaftsurlaub zurückzukehren, denn sie sind es leid, ständig zu kämpfen und wollen sich nicht immer wieder beweisen müssen.

Welche Hürden müssen Frauen heute immer noch überwinden?

Abgesehen vom Offensichtlichen, sehe ich mir großer Sorge, dass viele Frauen, die beruflichen Erfolg in der Technologie erreichen, andere Frauen nicht unterstützen. Sie helfen ihnen nicht und dann wird es ein sich selbst aufrechterhaltendes Problem. Unabhängig davon, ob wir auf diesem Weg Hilfe hatten, müssen wir bewusst nach Wegen suchen, wie wir den Erfolg anderer Frauen am Arbeitsplatz unterstützen können.

Würde unsere Welt anders aussehen, wenn mehr Frauen im MINT-Bereich arbeiten würden?

Auf jeden Fall. Werfen Sie einen Blick auf den medizinischen Forschungsbereich, in dem frauenspezifische Fragen lange Zeit vernachlässigt wurden. Der Umfang der Forschung zu männlichen Themen war gegenüber denen der Weiblichen unverhältnismäßig groß. Zum Beispiel wurde bis vor kurzem viel über Dinge wie erektile Dysfunktion geforscht und wenig über weibliche Hormonprobleme. Es ist sehr stark männlich gewichtet, weil alle Ärzte in den Forschungspositionen Männer waren. Irgendwann muss es zu einem Gleichgewicht kommen.

Was die Auswirkungen des Gender-Bias anbelangt, so zeigt die Forschung, dass Frauen mit der gleichen Rolle und Erfahrung wie Männer im Durchschnitt schlechter bezahlt werden. Rechnet man die ethnische Zugehörigkeit hinzu, verringert sich die Zahl noch weiter. Hinzu kommt, dass viele Frauen alleinerziehende Mütter sind, die zwei Jobs haben und versuchen, ihre Kinder zu ernähren, aber sie verdienen weniger als ihre männlichen Kollegen. Sie haben nicht die gleichen Chancen. Sie müssen früher gehen, weil sie ihre Kinder abholen müssen und werden dafür angeprangert. Der Gender-Bias führt zu massiven Herausforderungen für alle sozialen, ethnischen und wirtschaftlichen Gruppen.

Die Diskussion über Diversität nimmt Fahrt auf. Wie lange wird es dauern, bis wir Ergebnisse der aktuellen Debatte sehen?

Wenn mit Ergebnisse volle Gleichberechtigung gemeint ist, könnte dies Generationen dauern. Wir haben es mit einer Menge eingefahrener Vorurteile zu tun. Das Problem ist, dass es so viel aufgestaute Wut und Frustration gibt, dass viele Frauen auf negative Weise reagieren. Das verschiebt die Diskussion fast zu weit in die andere Richtung. Es wird eine Weile dauern, die Leute umzuerziehen. Wir müssen dafür sorgen, dass Frauen nicht zu wütend und Männer nicht zu defensiv werden. Es wird Zeit brauchen, um eine ausgewogenere und faire Antwort zu erhalten. Damit das geschieht, müssen wir als Menschen zusammenkommen, die sich um Menschen kümmern – unabhängig von Geschlecht, Alter, Rasse, Orientierung und sozioökonomischem Status.

Tipps & Tricks

Für Frauen gehe ich darüber hinaus, denn sie haben nicht diese natürlichen, organischen Netzwerke, die Männer haben.

Frauen sollten dem Aufbau ihrer Netzwerke und der Suche nach Menschen und Mentoren, die ihnen auf ihrem Karriereweg helfen können, Vorrang einräumen. Es geht nicht nur darum, was Sie wissen, sondern auch darum, wen Sie kennen. Und das hat nicht unbedingt etwas mit Vetternwirtschaft zu tun – es geht darum, mehr Wege für Chancen zu schaffen. Ich bin immer bereit, bei der Vernetzung von Menschen zu helfen, eine Einführung zu geben. Für Frauen gehe ich darüber hinaus, denn sie haben nicht diese natürlichen, organischen Netzwerke, die Männer haben.

Es gibt auch einige sehr starke Technologiegruppen, die sich auf Frauen konzentrieren. Ich möchte junge Frauen aber ermutigen, auch Berufsgruppen anzustreben, die das gemeinsame Networking von Männern und Frauen in Bezug auf den spezifischen Bereich der Technologie fördern, in dem sie wachsen wollen. Diese können Verbindungen und Möglichkeiten schaffen, die mit den Karrierezielen übereinstimmen, ohne ihr Netzwerk auf Frauen zu beschränken. Und wenn der Weg schwierig ist, sollten sie trotzdem immer wieder auftauchen und sich selbst unersetzbar machen.

Geschrieben von
Chris Stewart
Chris Stewart
Chris Stewart is an Online Editor for JAXenter.com. He studied French at Somerville College, Oxford before moving to Germany in 2011. He speaks too many languages, writes a blog, and dabbles in card tricks.
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