Interview mit Olivia Klose, CTO für den Bereich Manufacturing bei Microsoft Deutschland

Women in Tech: „Diversität geht weit über eine Frauenquote hinaus.“

Jean Kiltz

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Olivia Klose, CTO für den Bereich Manufacturing bei Microsoft Deutschland.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Olivia Klose

Olivia arbeitet als Chief Technology Officer bei Microsoft Germany. Dort ist sie zuständig für die Strategie der Engineering-Teams im Bereich Commercial Software Engineering, die mit Kunden aus der Fertigungsindustrie an Lösungen arbeiten. Bevor Olivia angefangen hat, bei Microsoft zu arbeiten, hat sie Informatik und Mathematik an der University of Cambridge, an der TU München und am IIT (Indian Institute of Technology) Bombay studiert. Bei Letzterem hat sie ihre Karriere begonnen und sich mit Machine Learning in der medizinischen Bildgebung beschäftigt.

Seit wann besteht dein Interesse für die Tech-Branche?

Die Faszination für Technik kam durch meinen Vater. Er hat in Nachrichtentechnik promoviert und meiner Schwester und mir schon früh einen Rechner zur Seite gestellt, an dem wir selbst experimentieren konnten. Ich kann mich noch gut an die Tonfolge des Telefonmodems erinnern. Außerdem war ich in der Schule von Anfang an ziemlich gut in Mathe und hatte viel Spaß daran, Neues in diesem Bereich zu lernen. Mein Interesse wurde in der Schule durch Informatikunterricht und Projektwochen dann noch weiter gefördert.

Wie verlief dein Weg bis zum jetzigen Job?

Ganz klassisch habe ich mir unterschiedliche IT-Bereiche anhand von Praktika während des Studiums angeschaut: von Forschung bei SAP Research zur klassischen Programmierung bei Scott Logic bis zum Konzern-Reporting bei Siemens und Metro.

Nach meinem Masterabschluss bin ich dann direkt bei Microsoft als Technical Evangelist eingestiegen. In der Rolle war ich vor allem als Sprecherin auf Messen, in Workshops und auf Konferenzen unterwegs. Das Tolle daran war, dass ich meine Begeisterung für Technik an andere Menschen weitergeben konnte.

Machine Learning hat mich während meines Informatikstudium am meisten fasziniert. Unter anderem beschäftigte ich mich im Masterstudium mit Computer Vision in der medizinischen Bildgebung. Diese Leidenschaft konnte ich als Technical Evangelist und später als Software Engineer bei Microsoft wieder aufnehmen. Highlights waren dabei vor allem Speaking Engagements über das Aufspüren von illegalen Goldminen in Ghana auf der re:publica oder zur Klassifizierung von Tumoren mit einem Software-Partner auf der Strata New York.

In den vergangenen Jahren habe ich mich mehr auf die Automobil- und Fertigungsindustrie konzentriert, weiterhin mit Bezug zu Machine Learning: So war ich Software Engineering Manager im Sektor „Autonomes Fahren“ im Bereich Commercial Software Engineering (CSE) von Microsoft und bin dort mittlerweile Chief Technology Officer für die Fertigungsindustrie. In CSE arbeiten wir gemeinsam mit den Entwicklerinnen und Entwicklern unserer Kunden an ihren technischen Problemen.

DYF

Gibt es Personen, die dich unterstützt haben?

Unterstützung bekomme ich von ganz unterschiedlichen Personen, deswegen gibt es nicht nur ein Vorbild für mich. Von Kindesbeinen an hat mich meine Familie unterstützt. Sie war sowohl Ideengeber als auch Unterstützer meiner eigenen Ideen. Sei es, Technik auszuprobieren, mathematische Inhalte zu diskutieren oder Neues im Ausland auszuprobieren. Ich habe beispielsweise in England und Indien studiert.

Vom Studium und über die berufliche Ausbildung hinweg habe ich weltweit enge Freundinnen und Freunde sowie geschätzte Kolleginnen und Kollegen mit IT- und Tech-Fokus kennengelernt, mit denen ich mich regelmäßig auf Augenhöhe austausche und von ihnen inspirieren lasse. Was sie alle eint, ist, dass sie mich immer wieder aufs Neue herausfordern. Das gilt auch für meine aktuellen Teamkollegen. Hier ist aus meiner Sicht jede und jeder Einzelne gefragt, Vorbild zu sein, indem die Meinungen und Ideen aller miteinbezogen und respektiert werden.

Hat man dir Steine in den Weg gelegt?

Hier ist aus meiner Sicht jede und jeder Einzelne gefragt, Vorbild zu sein,[…]

Ich glaube, jeder von uns hat unbewusst Vorurteile, die wir loswerden sollten. Mir passiert beispielsweise immer wieder, dass ich aufgrund „des jungen Alters“ zunächst unterschätzt werde. Gemerkt habe ich das vor allem in meiner Rolle als Technical Evangelist – wobei die Unterschätzung meistens nach den ersten Minuten meines Vortrags verflog. Meine Teamkollegen unterstützen und ermutigen mich hierbei oft.

Welche Position hast du jetzt inne?

Ich bin aktuell als Chief Technology Officer für den Bereich Manufacturing bei Microsoft Deutschland tätig. Konkret bedeutet das, dass ich für die Strategie unserer Engineering-Teams im Bereich Commercial Software Engineering zuständig bin, die mit Kunden aus der Fertigungsindustrie an Lösungen arbeiten. Fragestellungen, die mich bei meiner Arbeit regelmäßig begleiten, sind zum Beispiel: Wie können wir großen Fertigungsunternehmen bei der digitalen Transformation ihrer globalen Fabriken helfen? Wie zuletzt beispielsweise bei ZF gemeinsam mit PwCWie: Wie sieht eine Architektur aus, die über hunderte von Fabriken skalierbar ist und auf der Cloud-Technologie von Microsoft Azure basiert?

Hast du selbst etwas entwickelt?

[…] jeder von uns hat unbewusst Vorurteile, die wir loswerden sollten.

Als Software Engineer gehörte es natürlich dazu, selbst Dinge zu entwickeln. Unter anderem habe ich mit einem Team eine Lösung für die Lagerverwaltung von Online-Modehändlern entwickelt. Über eine Bildersuche kann man durch Deep Learning feststellen, ob ein Kleidungsstück bereits auf Lager ist oder nicht. Über ein anderes Projekt habe ich vor ein paar Jahren auch einen Vortrag auf der re:publica gehalten: In Zusammenarbeit mit der Royal Holloway University of London hatte ich Deep Learning angewandt, um Kleinminen in Ghana mithilfe von Satellitenbildern zu lokalisieren und ihre Auswirkungen auf die umliegende Bevölkerung und Umwelt zu untersuchen. Illegaler Kleinbergbau ist eine wachsende Industrie in vielen Entwicklungsländern.

Welche Hürden müssen Frauen heute immer noch überwinden?

Mädchen gehören genauso in IT-Berufe wie Jungs.

Hier müssen wir schon in Kitas und Schulen beginnen: Dort wird oft das Bild vermittelt, dass technische Berufe eher von Männern ausgeübt werden. Oder, dass Mädchen besser in Fächern wie Kunst, Geschichte und Sprachen seien, wohingegen die Stärken der Jungs in Mathe, Physik, etc. liegen würden. Das ist natürlich Quatsch! Mädchen gehören genauso in IT-Berufe wie Jungs.

Dadurch, dass mein Vater viel Zeit mit mir und meiner Schwester verbracht hat und uns Technik oder Schach beibrachte, war diese Voreingenommenheit bei uns zu Hause glücklicherweise gar nicht vorhanden. Ich persönlich habe diese Vorurteile in der Schule noch nicht erlebt. Da war es noch ziemlich ausgeglichen, doch ab dem Studium ging es los.

Über die Schule hinaus spricht man dann oft von einer „Leaky Pipeline“: Die Daten zeigen, dass je weiter man in der Schule fortschreitet, die Anzahl technikinteressierter Mädchen sinkt. Im Berufsleben ist es eine weitere bekannte Hürde für Frauen, wenn man beispielsweise Familie mit Geschäftsreisen verbinden will. Hier ist noch viel zu tun.

Ich habe auch das Gefühl, dass viele Frauen von utopischen Jobbeschreibungen abgeschreckt werden, wie es meine Kollegin Rachel Yehezkel (“Why won’t I apply for my own jobs?”) oder Tracey Trewin (“Don’t Disqualify Yourself From the Opportunity”) beschreiben.

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten?

Wo soll ich anfangen? Zunächst einmal haben Studien bewiesen, dass diverse Teams bessere Produkte und Services entwickeln. Wohl gemerkt: Diversität geht weit über eine Frauenquote hinaus. Es geht vielmehr auch um Menschen mit Behinderung sowie Personen mit unterschiedlichen Geschlechtern, unterschiedlichen Bildungswegen, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichem Alter. So haben wir einige höhere Manager in Commercial Software Engineering, die zum Beispiel einen geisteswissenschaftlichen Hintergrund haben.

Teams, die Technologien entwickeln, sollten auch deshalb so divers wie möglich sein, damit die Vielfalt unserer Gesellschaft in den Anwendungen abgebildet wird. Und nicht zuletzt, damit sie auch von möglichst allen Menschen genutzt werden kann – Stichwort Barrierefreiheit.

Melinda Gates hat beispielsweise einmal gesagt, dass wir einige der wirklich wichtigen Fragen gar nicht erst stellen würden, wenn wir keine Frauen im Tech-Bereich haben. Wir würden dann viele versteckte Vorurteile in unsere Systeme einbauen und gar nicht bemerken, wo sie sich überall auswirken. Wenn die Teams, die künstliche Intelligenz entwickeln und die Trainingsdatensätze dafür erstellen, nicht divers sind, würde das zu vielen Verzerrungen führen, die sich später kaum noch ausgleichen lassen. Das sehe ich ganz genauso.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Ich glaube, es handelt sich um eine fortlaufende Diskussion, die wir auch wirklich brauchen. Dennoch bin ich absolut optimistisch, dass sich dabei etwas bewegt. Ich beobachte es auf jeden Fall in meinem unmittelbaren Arbeitsumfeld: Das Development Team in meiner Organisation (Commercial Software Engineering) wird beispielsweise immer diverser. Wir haben im letzten Halbjahr unser Team in Zürich um etwa 20 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erweitert, darunter Software Engineers, Data Scientists und Technical Program Managers, von denen mehr als die Hälfte Frauen sind. Unser Technical Program Management Team in Manufacturing besteht außerdem aus mehr Frauen als Männern.

Hast du Tipps für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten?

Ganz klar: Die Tech-Branche ist so spannend, dass man einfach dabei sein muss. Sie ist ständig im Wandel und es ändert sich so viel. Stichwort künstliche Intelligenz und Quantum Computing, um nur einige Entwicklungen zu nennen, die man nicht verpassen sollte!

Meine Tipps – für Frauen und Männer gleichermaßen – sind: Arbeite hart, habe Selbstvertrauen in dich und deine Arbeit und den Mut, immer weiter zu lernen. Wer Lust hat, sich weiterzuentwickeln und immer wieder Neues zu entdecken, ist in der Tech-Branche genau richtig. Ein Growth Mindset ist Voraussetzung, denn niemand von uns lernt jemals aus. Ganz im Gegenteil: Dadurch, dass sich so viele Sachen in kurzer Zeit ändern, lernt man eigentlich immer etwas dazu. Ich kann nur alle dazu ermutigen, ein Teil dieser spannenden Branche zu werden!

Geschrieben von
Jean Kiltz
Jean Kiltz ist seit März 2020 Redakteur bei Software & Support Media. Er hat Geschichte und Kulturanthropologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz studiert. Danach war er beim ZDF als First-Level-IT-Support angestellt.
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