Interview mit Maximiliane Zirm, IT-Sicherheitsberaterin

Women in Tech: „Eine Frau im Team zu haben, kann oft die Dynamik und die Kultur zum Positiven verändern“

Madeleine Domogalla

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Maximiliane Zirm, leitende IT-Sicherheitsberaterin bei mgm security partners.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Maximiliane Zirm

Maximiliane Zirm

Maximiliane Zirm arbeitet als leitende IT-Sicherheitsberaterin bei mgm security partners und leitet das Team für Penetrationstests. Darüber hinaus ist sie als Beraterin in verschiedenen Software-Projekten tätig, hält Schulungen für Softwareentwickler im Bereich Web Application Security Best Practices und führt Sicherheitsanalysen für Web- und Mobile-Anwendungen durch.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Mein Interesse für Technik wurde bereits sehr früh geweckt. Verantwortlich dafür war hauptsächlich mein Vater, der mich schon früh für Computer und alles was dazu gehört begeistern konnte. Es wurde keine Gelegenheit ausgelassen, mein Wissen zu vertiefen, z. B. durch Kinder Computer Kurse. Natürlich hatten wir auch immer irgendein technisches Spielzeug zu Hause. Ich habe dann jede Gelegenheit genutzt, mich damit zu beschäftigen. Sei es um das Betriebssystem oder die Hardware besser kennen zu lernen oder meine große Sammlung an PC-Spielen auszuprobieren.

Maximilianes Karriereweg

Eigentlich stand bereits im Gymnasium für mich fest, dass ich Informatik studieren möchte. Mein Vater hatte mir einen Flyer des Studiengangs „Internet Computing“ an der Universität Passau in die Hand gedrückt und ich war vom ersten Moment an begeistert. Weniger Mathe, dafür auch Recht und Wirtschaft und Fokus auf Web Technologien klingt eigentlich perfekt.

Ist ein technischer Studiengang wirklich das Richtige für mich?

Allerdings kamen mir dann in letzter Sekunde doch Zweifel. Ist ein technischer Studiengang wirklich das Richtige für mich? Wir hatten damals kein EDV/Informatik in der Schule, ich hatte also keine Vorstellung, was mich im Studium erwarten würde. Zusätzlich erinnere mich noch gut an eine Informationsveranstaltung der Universität, die ich vorbereitend mit einer Freundin besuchte. Dort trat neben einem sehr unmotivierten Professor ein damaliger Student auf, der begeistert erzählte, wie er und seine Kommilitonen tagelang im Keller im Computerraum sitzen und programmieren. Das war zu dem Zeitpunkt nicht wirklich meine Vorstellung von Freizeitgestaltung.

Und dann war da noch mein damaliger Chemielehrer. Er wollte in einer Stunde von allen wissen, was sie vor hatten zu studieren. Auf meine wahrheitsgemäße Antwort sah er mich nur verwirrt an und sagte dann „Als Frau? Mutig…“.

All diese Dinge haben mich damals so verunsichert, dass ich mich tatsächlich dazu entschied, nicht Internet Computing sondern European Studies zu studieren, ein Studium mit 80 Prozent Frauenanteil, auch an der Universität Passau. Da mich Sprachen und Kultur auch schon immer interessierten, hielt ich es für einen ganz guten „Trostpreis“. Allerdings habe ich sehr schnell gemerkt, dass ich in diesem Feld nicht glücklich werde. Deswegen habe ich dann im 2. Semester den Schritt gewagt und zur Informatikfakultät gewechselt. Die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können. Ich habe dann direkt den Master in Informatik mit Schwerpunkt IT-Sicherheit angeschlossen und bin dann als Pentesterin ins Berufsleben eingestiegen.

Vorbilder und Unterstützer

Meine Mutter war und ist definitiv mein Vorbild. Sie hat mich immer unterstützt, an mich geglaubt und mir vorgelebt, wie man als Frau stark und selbstbewusst durchs Leben geht.

Meine Mutter war und ist definitiv mein Vorbild.

Ein weiteres Vorbild in Feld der IT Security für mich ist Parisa Tabriz, die das Security Team bei Google Chrome leitet. Sie strahlt unheimlich viel Selbstbewusstsein und positive Energie aus, das motiviert mich immer wieder aufs Neue. Sie zeigt allen, dass man in der Brache sein Frau-Sein nicht verstecken muss, um erfolgreich zu sein – ganz im Gegenteil! Ihr offizieller Titel bei Google, den sie selbst gewählt hat, ist „Security Princess“. Ganz bewusst hat sie ihn ausgewählt, auch um Männern in dem Bereich zu zeigen, dass Frauen dort selbstverständlich ihren Platz haben. Auch Prinzessinnen können sich für STEM interessieren und in dem Gebiet erfolgreich sein können.

Ein Tag in Maximilianes Leben

Ich arbeite als Senior Application Security Consultant und Teamleiterin des Penetration Testing Teams bei der mgm security partners GmbH in München.
In meiner Rolle als Consultant Software Teams betreue ich Software Teams dabei, ihre Produkte sicher zu entwickeln und die Security bereits früh in den Software Development Lifecycle zu integrieren. Aktuell betreue ich mehrere Teams, d. h. ich habe hier regelmäßige Calls und Abstimmungen zu aktuellen security-relevanten Themen, führe Risikoanalysen und Code Reviews durch und versuche mit allen Stakeholdern Lösungen zu finden, damit am Ende ein sicheres Produkt entsteht.

Diese Art der Arbeit ist zwar anstrengend aber unglaublich vielseitig und abwechslungsreich.

Als Leiterin des Penetration Testing Teams bin ich dafür verantwortlich, dass in unserer Pentesting Abteilung alles rund läuft. Als Penetrationstester nimmt man die Position eines Angreifers oder Hackers ein und versucht, möglichst viele Schwachstellen in der zu analysierenden Anwendung oder Netzwerk zu finden. Diese werden dem Kunden dann in einem Report aufbereitet und Maßnahmen empfohlen, damit diese effizient behoben werden können. Ich selbst habe diesen Job über zwei Jahre lang gemacht. Heute teste ich nicht mehr selbst, sondern betreue unser Team aus 16 Testern, kümmere mich um deren Anliegen, treffe Entscheidungen, übernehme Kundengespräche und motiviere und coache unsere Teammitglieder. Diese Art der Arbeit ist zwar anstrengend aber unglaublich vielseitig und abwechslungsreich und ich kann mir sehr gut vorstellen auch in Zukunft solche weniger „technische“ Rollen anzustreben.

Eigene Projekte

Selbst etwas entwickelt habe ich bis auf kleinere Scripte noch nichts, da die IT-Security Branche mehr auf Beratung und das Pentesten, mehr auf „Hacking“, fokussiert ist.

Allerdings bin bei uns intern Projektleiterin eines kleinen Softwareteams, in dem wir eine Report Creation Suite für Security Berichte bauen. Dies ist eine Webanwendung, die vor allem unseren Penetrationstestern hilft, schnell und einfach ihre Berichte zu erstellen und dabei auf eine extensive Knowledge Base zugreifen zu können. Im Zuge dessen (und durch meine Beratungsleistung in Softwareteams) konnte ich einiges an Erfahrung über das Entwickeln von Softwareprojekten sammeln.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Ich glaube, dass der Mangel an Frauen in der Tech-Branche daran liegt, dass Mädchen in Schule und Studium immer noch das falsche Bild der Branche vermittelt wird. Häufig wird nur der klassische „Nerd“ als typischer Vertreter gesehen, mit dem sich Mädchen und Frauen häufig nur schwer identifizieren können. Dabei ist Tech so viel mehr. Wenn dann noch dazu kommt, dass der „klassische“ Karriereweg einer Frau meist nicht im technischen Bereich liegt und man seine Entscheidung etwas anderes zu machen, so wie ich damals, häufig erklären oder rechtfertigen muss, denken viele junge Frauen, dass es vielleicht doch besser für die wäre, einen anderen Weg einzuschlagen. Mir ging es zu meiner Schulzeit ja genauso.

Tech ist so viel mehr.

Deswegen ist es so wichtig, junge Frauen für Technik zu begeistern und ihnen zu zeigen, dass sie z. B. vor einem Informatikstudium keine Angst haben müssen. Im Rahmen des „Girls Days“ zum Beispiel. Oder durch Schulbesuche. Während meines Studiums habe ich mit ein paar Kommilitonen in mehrere Gymnasien, darunter auch mein eigenes, im Rahmen einer regulären EDV Stunde meinen Studiengang vorgestellt und mit den Schülerinnen und Schülern eine kleine Android App gebaut. Oft waren es die Mädchen, die die kreativsten Ideen hatten und diese mit Begeisterung umgesetzt haben. So kann man ihnen die Angst vor dem Studium nehmen und zeigen, dass sie dort tolle Leute und ein entspanntes Umfeld erwarten werden.

Frauen in MINT-Fächern

Eine Frau im Team zu haben, kann oft die Dynamik und die Kultur zum Positiven verändern. Natürlich sollte man hier nicht auf Stereotype reduzieren – aber ich habe gesehen, dass die meist etwas emotionalere und sozialere Art von Frauen in allen Ebenen ein angenehmes Arbeitsklima schafft. Oftmals bremst das den sehr kompetitiven Umgang von Männern untereinander etwas. Auch in Führungspositionen habe ich erlebt, dass Frauen sich sehr dafür einsetzen, dass im Team eine entspannte Arbeitsatmosphäre herrscht, in der jeder seine Stärken einsetzen kann und negative Einflüsse ferngehalten werden. Ein, zumindest ansatzweise, ausgeglichenes Verhältnis zwischen Frauen und Männern würde meiner Meinung nach also dafür sorgen, dass es weniger Einzelkämpfer und Konkurrenz in Unternehmen gibt. Dies führt zu einer Verbesserung der Produktivität auf allen Ebenen.

Hindernisse

Ich hatte Glück und wurde während meines Studiums und auch während meiner Arbeitszeit nur positiv bestärkt und nie eingeschränkt. Bis auf wenige Erlebnisse war mein Weg unkompliziert. Die typischen Situationen traten dann im Job auf – meist angestoßen durch Missverständnisse auf Grund meines Vornamens. Die meisten Kunden oder Ansprechpartner waren auf einen „Maximilian“ eingestellt – und dementsprechend verunsichert oder überrascht, wenn ich dann auftauchte. Allerdings habe ich schnell gelernt, solche Situationen positiv zu nutzen, um im Gedächtnis zu bleiben. Meistens reicht ein kurzes, freundliches Gespräch, um das Eis schnell zu brechen.

Bis auf wenige Erlebnisse war mein Weg unkompliziert.

Wenn es etwas gab, dass mich auf meinem Weg behindert hat, dann waren es oft meinen eigenen Selbstzweifel. Manchmal war ich unsicher, ob meine Fähigkeiten für die nächste Herausforderung ausreichen würden. Hier hatte ich das Glück, dass ich immer Vorgesetzte hatte (übrigens alles Männer), die mich bestärkt haben und die durch ihr Vertrauen in mich auch mein Selbstbewusstsein über die Jahre positiv verändern konnten.

Was ich in meiner Brache oftmals erlebt habe ist, ist die Annahme, dass man nur „Quoten“-Frau ist. Das hat zur Folge, dass in vielen Bereichen, in denen Männern Wissen einfach kommentarlos zugesprochen wird, wir Frauen uns erst einmal beweisen müssen. Besonders im Feld der IT-Security, wo der Frauenanteil noch geringer ist als im Rest der IT, scheint dieses Klischee noch häufig vertreten zu sein. Natürlich ist das kein wirkliches Problem und man kann die meisten Leute schnell davon überzeugen, dass man seinen Platz verdient hat. Auf Dauer ermüdet es einen aber doch, besonders nach so vielen Jahren Berufserfahrung, immer wieder dasselbe erzählen zu müssen.

Tipps & Tricks

Lasst euch niemals verunsichern! Arbeiten in der Tech-Brache bedeutet sich mit unglaublich spannenden und abwechslungsreichen Themen zu beschäftigen. Und die meisten Menschen, mit denen ihr zu tun haben werdet, sind unglaublich entspannt, vorurteilsfrei und umgänglich.

Lasst euch niemals verunsichern!

Und: Jeder fängt bei 0 an! Ich habe oft gemerkt, sei es im Studium oder in der Arbeit, dass Männer oft sehr gut darin sind sich und ihre Fähigkeiten selbstbewusst zu verkaufen. Das bedeutet nicht, dass Ihr weniger wisst oder könnt, nur weil ihr euch nicht so sicher fühlt. Vertraut auf euch selber, vergleicht euch nicht mit anderen und seid selbstbewusst, dann werdet ihr schnell erfolgreich sein.

Geschrieben von
Madeleine Domogalla
Madeleine Domogalla
Madeleine Domogalla ist seit 2018 Redakteurin bei S&S-Media. Vorher studierte sie Germanistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.
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