Interview mit Christin Matt

Women in Tech: „Habt Mut und traut Euch. Viele Klischees und Vorurteile treffen überhaupt nicht zu“

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Christin Matt, Senior Game Designer bei InnoGames.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Christin Matt

Bevor Christin in die Tech-Branche wechselte, hat sie ein Germanistik-Studium angefangen. Da dort aber berufliche Perspektiven fehlten, hat sie eine Ausbildung zur Game Designerin an der Ubisoft Design Academy begonnen. 2010 hat Christin ihre Tech-Karriere bei BlueByte als Junior Game Designerin zu Siedler 7 gestartet. Bei BlueByte hat sie sich zur Game Designerin hochgearbeitet. Seit 7 Jahren ist Christin bei InnoGames angestellt und ist mittlerweile Senior Game Designerin. Sie arbeitet dort an der Umsetzung verschiedener, neuer mobile Games und hat auch schon einige Auszeichnungen erhalten.

Wann entstand dein Interesse für IT und wie hast du die ersten Kontakte zum Tech-Themenbereich geknüpft?

Das Interesse habe ich meinen Eltern zu verdanken. Sehr früh habe ich einen ersten PC bekommen. Mein Papa hat mir oft Floppy-Disketten mit neuen Spielen mitgebracht. Meine Eltern selbst konnten damit nicht viel anfangen und so kam es auch, dass ich mit circa 7 schon Leisure Suit Larry hatte. Einen Game Boy habe ich auch bekommen, als er herauskam – mein größter Schatz damals. Als kleines Kind habe ich also schon viel gezockt und diese Faszination beibehalten.

Wie verlief dein Weg bis zum jetzigen Beruf? Welche unterschiedlichen Karrierewege hast du eingeschlagen?

Wenn ich mich noch einmal entscheiden könnte, würde ich der jungen Christin raten, ordentlich Programmieren zu lernen

Es war schwer für mich zu wissen, was ich später machen möchte. Damals waren Berufe in der Spielebranche nicht besonders populär. Also fing ich an, Germanistik zu studieren. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Gleichzeitig kamen bei mir Zweifel auf, was ich damit denn die nächsten 20-30 Jahre machen kann. Ich entdeckte dann eine Ausschreibung einer Games-Schule zum Game Designer. Also habe ich das Studium abgebrochen und mich dort eingeschrieben. Meine Eltern haben mich sehr unterstützt, obwohl sie sicher nicht überglücklich waren. Seitdem bin ich dem Beruf treu geblieben und konnte bereits an vielen spannenden Projekten arbeiten. Wenn ich mich noch einmal entscheiden könnte, würde ich der jungen Christin raten, ordentlich Programmieren zu lernen. Auch, wenn ich in meiner Rolle bei InnoGames sehr glücklich bin, ist das ein Thema, das mich noch sehr interessiert.

Gibt es Menschen, die dich auf deinem Weg gefördert haben? Hast du Vorbilder?

Mich haben viele Leute unterstützt als Berufsanfänger – Männer, wie auch Frauen. Mein erster Job war bei Blue Byte. Ich bin dort mitten in der Hochphase zu Siedler 7 eingestiegen. Das war eine tolle, aber auch sehr überwältigende Erfahrung. Ich stand sicher oft genug im Weg, anstatt wirklich helfen zu können. Dankbar bin ich vielen Personen aus dieser Zeit, die mir geduldig viele Dinge erklärt und beigebracht haben, unter anderem Lead Designer Andreas Nitsche. Ein Vorbild in dem Sinne habe ich nicht. Die Branche ist voll von kreativen Menschen, von denen man viel lernen kann. Es gibt viele Designer, die mich mit ihren Spielen und ihrer Arbeit inspirieren. Zum Beispiel Suda51 oder Daniel Mullins. Die Branche ist sehr offen und es ist immer schön, sich auf fachspezifischen Messen mit diesen Menschen austauschen zu dürfen.

Wurden dir in deiner Karriere auch bewusst Steine in den Weg gelegt?

Ich war bisher nur in Firmen angestellt, die ihre Mitarbeiter fördern und schätzen, völlig unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Ähnlichem. Das ist mir persönlich auch sehr wichtig. Bei InnoGames werden zum Beispiel Fortbildung, Fairness und Feedback und offene und ehrliche Kommunikation großgeschrieben.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag in deiner aktuellen Position aus?

Der Beruf ist abwechslungsreich und bringt ständig neue Herausforderungen, was viel Spaß macht

Ich bin schon seit vielen Jahren Senior Game Designer bei InnoGames und fühle mich sehr wohl in dieser Rolle. Ich arbeite mit einem kleinen Team an einem neuen Spiel. Einen Alltag habe ich nicht wirklich. Der Beruf ist abwechslungsreich und bringt ständig neue Herausforderungen, was viel Spaß macht. Wir arbeiten von einem konzeptionellen Pitch über eine längere Entwicklungsphase bis hin zum Live-Betrieb. All diese Phasen sind sehr unterschiedlich. Zum Beruf eines Game Designers gehört es zum Beispiel oft, einzelne Bausteine des Spiels zu entwerfen, dieses zu dokumentieren und Feedback von Leuten mit verschiedenen Expertisen einzusammeln und die entsprechend in das Design einfließen zu lassen. Am meisten gefällt mir an meiner Arbeit eben diese Kollaboration im Team.

Nebenbei übe ich programmieren und mache eher kleinere Sachen. Das hilft mir sehr die Programmierer und die Limitationen einer Entwicklung besser zu verstehen. Darüber hinaus macht es viel Spaß, etwas Neues zu lernen und zu sehen, wie nach dem hundertsten Debuggen sich endlich das tut, was man programmiert hat.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche? Welche Hürden müssen Frauen heute immer noch überwinden?

Bei InnoGames gibt es generell verhältnismäßig viele Frauen. In meinem Team haben wir zum Beispiel Programmiererinnen, sowie zwei Grafikerinnen. Wenn wir externe Abteilungen, wie Analyse oder Marketing, dazuzählen, sind es noch einige mehr. Es finden also viele Frauen zu uns, was ganz toll ist. Die größte Hürde ist wohl der Einstieg. Firmen wie InnoGames bieten durch die Firmenkultur viele Möglichkeiten, diese Hürde zu überwinden. Was hier entscheidet, ist letztlich Talent.

Welche Stereotypen sind dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet und welche Probleme ergeben sich daraus?

Tatsächlich betreffen die meisten Gerüchte eher die Männer in Tech. Übelriechende Nerds und Kellerkinder, die noch nie eine Frau gesehen haben? Das kann eventuell abschrecken. Das entspricht aber keinesfalls der Realität. Vielleicht kann ich damit etwas aufräumen: die meisten Männer, mit denen ich in meinem Beruf zu tun habe, sind sehr rücksichtsvoll, pflegeleicht und wahre Teamplayer. Ich habe nicht das Gefühl als Frau eine andere Behandlung zu bekommen und es riecht hier auch meistens gut.

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten? Würde unsere Welt anders aussehen, wenn mehr Frauen im MINT-Bereich arbeiten würden?

Je mehr unterschiedliche Menschen in Unternehmen zusammenkommen, desto besser

Ich denke, man sollte das ausweiten und nicht nur auf das Geschlecht beschränken. Je mehr unterschiedliche Menschen in Unternehmen zusammenkommen, desto besser. Wir sind stolz darauf, so viele verschiedene Nationalitäten unter einem Dach bei InnoGames zu haben. Das öffnet unseren Horizont, sorgt für Austausch und eine hohe Toleranz und Varietät, die wir den Spielern in unseren Produkten weitergeben können.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Leider nein. Es gibt in jeder Branche leider schwarze Schafe, so auch in der Videospielbranche. Solange immer wieder Nachrichten über Firmen ans Licht kommen, die Diversität nicht angemessen wertschätzen, muss diese Diskussion weiter gehen und ist sinnvoll.

Tipps & Tricks

Habt Mut und traut Euch. Viele Klischees und Vorurteile treffen überhaupt nicht zu. In der Videospiel-Branche findet ihr zum Beispiel einen sehr abwechslungsreichen, spaßigen und nachhaltigen Job. Ich mache diesen jetzt 10 Jahre und möchte keine Sekunde missen. Es gibt viele spannende Gelegenheiten, sich über Berufsfelder in der Branche zu informieren. Meine Empfehlung wäre, an einem Game Jam teilzunehmen und mit anderen Leuten ein Spiel zu machen. Diese werden von InnoGames regelmäßig angeboten. Ansonsten kann man über Messen viel erfahren, beispielsweise bieten die Quo Vadis oder die Respawn ein reichhaltiges Programm. Einen ersten Überblick bieten auch die Seiten des Branchenverbands Game, die verschiedene Einstiege und Berufsbilder skizzieren.

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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