Interview mit Masha Sharma, Co-Gründerin und CTO von RealAtom

Women in Tech: „Als Erwachsene werden wir aus anspruchsvollen Karrieren gedrängt“

Chris Stewart

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Masha Sharma, Co-Gründerin und CTO von RealAtom

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Masha Sharma, Co-Gründerin & CTO von RealAtom

Masha Sharma ist Mitgründerin und CTO bei RealAtom – eine Plattform für kommerzielle Immobiliendarlehen. Das Unternehmen wurde 2016 gegründet mit dem Ziel, die besten Nutzererfahrungen und Produktentwicklungen zu kombinieren, um den Offline-Prozess kommerzieller Immobiliendarlehen in die Online-Welt zu verlagern und den Prozess komplett neu zu denken.

Vor ihrer Arbeit bei RealAtom hat sie die Firma InteractiveShares mitbegründet, einen online Geldverleiher, in dem sie den Bereich Produkt und Entwicklung leitete, ebenso ein weiteres Startup und eine Consulting Agentur.

In ihrer Karriere hat Masha das Engineering bei Millennial Media geführt und Seniorstellen bei SIRIUSXM Satellite Radio, M23 und vielen anderen technologieorientierten Organisationen im DC-Gebiet innegehabt. Masha hat ein Zertifikat der GSA CIO University und einen Abschluss als Executive Master of Science in Wirtschaftsinformatik von der George Washington Universität.

Wann entstand Dein Interesse an Tech?

In meinem ersten Praktikum musste ich mich durch Survey-Ergebnisse und Pull-Berichte kämpfen. Dafür habe ich die SPSS-Datenbank verwendet und damit begann meine Affaire mit der Welt der Daten. Das Unternehmen testete damals die Möglichkeit, Daten aus SPSS in eine Access-Datenbank zu verschieben. Ich habe mich freiwillig zu dieser Aufgabe gemeldet, habe mir selbst Access beigebracht und lernte, wie man eine Datenmigration durchführt. Ich sehe Daten als ein Rätsel an, das ich lösen muss. Ich besitze die Neugierde, um Fragen zu stellen und Lösungen zu finden, mit denen man Probleme zu Tage fördern kann und versteckte Einsichten in den Rätseln finden kann. Es ist eine Queste. Ich schätze, das geht zurück auf einen meiner Kindheitswünsche: Zu jedem Geburtstag habe ich mir genau eine Sache gewünscht – „Ich will alles wissen“.

Wie verlief der Weg zu Deiner jetzigen Karriere?

Ich stamme aus einer Familie, in der 4 Generationen von Frauen auf dem College waren, Masterabschlüsse haben, Patente innehaben und sogar wissenschaftliche Entdeckungen machten. Meine eigene Mutter war eine brillante PL/SQL-Engineer mit Anstellungen bei IBM und Price Waterhouse Coopers. Sie hat mich dazu inspiriert, nach einer technischen Karriere zu streben, während ich noch an meinem nicht-technischen Grundstudium gesessen habe.

Ich musste eine autodidaktische, selbstorganisierte Problemlöserin sein.

Mein zweites Praktikum war bei einem Technikunternehmen, M23. Dort habe ich meinen ersten Mentor, Scott Mendenhall, kennengelernt, der ein sehr intelligenter Verfahrenstechniker war. Er hat meinen Durst nach Wissen gestillt, indem er mir das Coden beibrachte, um damit Daten abzurufen, zu manipulieren und zu visualisieren. Er war ein Monster von einem Visionär. Ich musste eine autodidaktische, selbstorganisierte Problemlöserin sein. So startete ich meine erfolgreiche Karriere zunächst als Binnenunternehmerin und bin jetzt erfolgreiche Entrepreneurin.

Hattest Du Unterstützung aus der Familie oder dem Freundeskreis? Hast Du ein Vorbild?

Verbale Unterstützung – ja. Bezüglich Vorbilder – ich idealisiere keine Menschen. Aber ich bin sehr von Sharon Sandbers Buch, „Lean in“, inspiriert worden. Es brachte mich dazu, mich selbst neu zu hinterfragen und erklärte, warum ich auf einige Hürden in meiner Karriere getroffen bin.

4. Gab es Versuche, dich vom Lernen oder beruflichen Weiterkommen abzuhalten?

Es wurde nicht unbedingt versucht, mich abzuhalten, aber mir wurde einfach gar keine Chance gegeben. Bei einem meiner früheren Unternehmen gab es die Möglichkeit in eine Product-Position zu kommen. Der damalige Produktverantwortliche hatte von meinem Vorschlag gehört und dass ich eine großartige Produktmanagerin sein könnte. Er sagte zu mir, dass ich nicht die Erfahrung hätte, die Produktvision, die Roadmap, die User Stories usw. zu definieren. Ich brannte für diese Möglichkeit und als ich seinen Standpunkt hörte, habe ich nicht einfach aufgehört, sondern habe mein eigenes Startup-Unternehmen nebenbei aufgezogen.

Kannst Du uns mehr über Deinen momentanen Job erzählen? Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Wir müssen lauter sein, um unsere Sichtweise zu beweisen.

Ich bin eine Technical Founder bei RealAtom. Ich habe viele verschiedene Positionen inne: Ich befasse mich mit unserer Produkt- und Technologie-Roadmap und kümmere mich um das Team, betreibe unser Sicherheitsprogramm, führe Operations und das Marketing, mache aktiv Sales und den Sales-Prozess, ebenso unterstütze ich meinen Mitbegründer beim Fundraising und Rekrutieren. Mein Alltag ist nie alltäglich: montags könnte ich unser Verkaufs-Pipeline-Meeting führen oder Verkaufsanrufe tätigen und Kundenkontakten nachgehen. Dienstags versinke ich in unserer Produkt-Roadmap. Das heißt, ich definiere die Strategie und modelliere neue Features. Abends findet man mich im Restaurant Busboys and Poets mit einem Glas Prosecco, während ich einen Artikel, einen Blogbeitrag oder einen User Guide schreibe.

Worauf bist Du besonder stolz in deiner Karriere?

In meinen früheren Jobs habe ich ein paar sehr coole Suchalgorithmen geschrieben. Außerdem bin ich sehr stolz darauf, was unser Team, RealAtom, geschaffen hat. Wir treffen täglich auf Herausforderungen und überwinden diese eine nach der anderen, während wir etwas aufbauen, das die Industrie dringend benötigt.

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Die Einstiegsbarrieren beginnen sehr früh zu greifen. Als junge Mädchen werden wir vermehrt in Richtung von nicht-Mint-Fächern geschoben. Als Erwachsene werden wir aufgrund unserer familiären Verpflichtungen, aus Ungleichbehandlung im Büro, unrealistischen Erwartungen, Diskriminierung, sexueller Belästigung oder aggressivem Verhalten, etc. aus anspruchsvollen Karrieren gedrängt.

Kannst Du ein paar Herausforderungen nennen, auf die Frauen in der Tech-Branche treffen?

Wenn mehr Frauen in KI-Teams arbeiteten, könnte man den Gender Bias reduzieren[..]

Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Wenn man bedenkt, dass wir zu 90% der Zeit mit männlichen Gegenübern sprechen, müssen wir sehr viel härter arbeiten, um das Recht zu „verdienen“, gehört zu werden. Wir müssen lauter sein, um unsere Sichtweise zu beweisen. Als introvertierte Person war gerade Letzteres unheimlich schwierig für mich. Aber immer wenn ich wusste, dass ich einen wertvollen Beitrag beisteuern konnte, wollte ich unbedingt sicherstellen, dass ich gehört werden würde.

Wäre unsere Welt eine andere, wenn mehr Frauen im MINT-Bereich arbeiten würden?

Absolut. Man nehme KI als Beispiel. Wenn mehr Frauen in Teams arbeiteten, die eine KI programmieren, könnte man den Gender Bias reduzieren, der inhärent ist, wenn Frauen ausgeschlossen sind. Weiterhin würden mit wachsender Zahl an Frauen in MINT-Fächern auch die Anzahl der Köpfe steigen, die sich der Lösung von Problem verschrieben haben, mit der unsere Welt heutzutage kämpft. Das wiederum führt zu mehr Lösungen, welche dann einen riesigen ökonomischen Einfluss auf die Welt haben werden.

Auf die Gesellschaft bezogen würde es bedeuten, dass je mehr Frauen in MINT-Fächern arbeiten, diesen mehr Frauen nachfolgen. Eine kulturelle Akzeptanz von Frauen als gleichwertig würde Vorurteile und Misstrauen ausradieren, stattdessen würden Harmonie und Wachstum im MINT-Bereich folgen.

Die Diskussion um Diversität nimmt an Fahrt auf – wann werden wir erste Resultate aus der Debatte sehen?

Um die Frage zu beantworten, möchte ich ein Paar Statistiken heranziehen: 2019 wurden weniger als 2% der Fördergelder an frauengeführte Unternehmen ausgezahlt. UND es wird 100 Jahre brauchen, bevor Frauen dieselben Gehälter beziehen wie Männer. Um die Frage nach dem „Wann“ zu beantworten: Ich hoffe, es sind weniger als 100 Jahre. Aber ich fürchte, dass es mindestens 50 Jahre sein werden, bevor wir hier in den USA so weit sein werden.

Kannst du Frauen, die eine Karriere in der Tech-Branche anstreben, ein paar Tipps geben?

Es läuft nicht immer glatt, es gibt eine Menge Herausforderungen, aber lasst euch nicht entmutigen und niemand euch im Weg stehen. Meidet die Nörgler und folgt den Förderern. Tretet Communities aus Männern und Frauen bei. Es ist wichtig, den Gemeinschaften der Männer beizutreten, mit ihnen am selben Projekt zu arbeiten, voneinander zu lernen und eure Fähigkeiten zu verbessern. Das Vertrauen wird kommen, der Fortschritt ebenso und der Wandel wird folgen.

Geschrieben von
Chris Stewart
Chris Stewart
Chris Stewart is an Online Editor for JAXenter.com. He studied French at Somerville College, Oxford before moving to Germany in 2011. He speaks too many languages, writes a blog, and dabbles in card tricks.
Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
4000
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: