Interview mit Deborah Dormah Kanubala, Mitbegründerin der Organisation "Women Promoting Science to the Younger Generation"

Women in Tech: „Geht zu Meetups und anderen Frauen-Tech-Gruppen und teilt eure Erfahrungen mit den anderen Teilnehmerinnen“

Maika Möbus

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Deborah Dormah Kanubala, Mitbegründerin der Organisation „Women Promoting Science to the Younger Generation“

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Deborah Dormah Kanubala, Mitbegründerin der Organisation „Women Promoting Science to the Younger Generation“

Deborah hat einen Masterabschluss in Mathematik mit einer Spezialisierung in Big Data und Finanzmathematik. Gegenwärtig ist sie im Masterstudiengang African Masters in Machine Intelligence in Ghana immatrikuliert. Ihr Forschungsinteresse gilt den Anwendungen von Machine-Learning-Algorithmen bei der Entwicklung robuster Modelle zur Kreditwürdigkeitsprüfung und Computer Vision.

Deborah ist der festen Überzeugung, dass man besser lernt, wenn man andere unterrichtet. Daher hat sie einen YouTube-Kanal, auf dem sie Machine-Learning-Enthusiasten mehr über dieses Thema beibringt. Frau Kanuala ist eine erfahrene Anwenderin von Python im Bereich Machine Learning. Darüber hinaus ist sie Mitbegründerin einer gemeinnützigen Organisation namens „Women Promoting Science to the Younger Generation“. Sie hat mehrere Auszeichnungen und Stipendien erhalten, darunter das Mastercard Foundation Scholars Grant, das Alumnode-Stipendium aus Deutschland sowie den MIT-Preis und Google-Auszeichnungen während Indaba in Kenia bzw. Indabax in Ghana. Zusätzlich wurde Deborah unter die 20 einflussreichsten Personen in Nordghana, Kategorie STEM, gewählt. Sie wünscht sich eine Zukunft, in der Menschen nach ihren Fähigkeiten und nicht nach ihrem Geschlecht beurteilt werden.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Mein Interesse an der Tech-Branche entwickelte sich während meines Masterstudiengangs am African Institute for Mathematical Sciences, Senegal. Obwohl ich Technologie oft verwendete, sah ich mich eher als User von Technologie denn als jemand, der selbst zur Entwicklung von Technologie beiträgt. Während meines Masterstudiums erhielt ich Einführungen in Python-Programmierung und in Java. Zu dieser Zeit begann ich, mich mehr mit Technologie zu beschäftigen und entwickelte ein Interesse an ihr. Was mich daran fasziniert, ist die Tatsache, dass man, wenn man einmal in der Lage ist, sich ein komplexes Problem auszudenken, es in ein paar wenigen Codezeilen niederschreiben kann, und das erschafft die Magie. 🙂 Meinen Code laufen zu lassen, ist das, was mir daran so viel Befriedigung verschafft. 🙂

Wie verlief dein bisheriger Karriereweg?

Ich stamme aus dem nördlichen Teil Ghanas. Das ist eine der Regionen, die in Bezug auf Bildung im Allgemeinen und Informatik im Besonderen hinter dem Rest des Landes und der Welt zurückliegt. Diese Situation behindert die Entwicklung auf diesem Gebiet und grenzt ein Areal weiter aus, das bereits arm und unterentwickelt ist.

Vor allem Frauen bleiben am unteren Ende der Bildungsleiter stets isoliert. In den Fällen, in denen Frauen die Möglichkeit zu Bildung erhalten, werden sie oft ermutigt, an Nicht-MINT-Programmen teilzunehmen. Aus irgendeinem Grund scheint es einen Mythos zu geben, dass Mathematik und Physik der richtige Karriereweg für Männer sei. Ich glaube, diese Situation ist nicht nur dort vorherrschend, woher ich komme, sondern auch in anderen Teilen Afrikas und der Welt im Allgemeinen. Lange Zeit fiel ich, wie die meisten anderen Frauen, dieser fehlerhaften Denkweise zum Opfer, bis ich einen Kurs in Algebra an der Junior High School belegte. Die Konzepte der Mathematik wurden mir klarer, und dieser weit verbreitete Mythos wurde für mich gebrochen.

Meine Reise in MINT wird daher weitgehend von meinem Hintergrund und meiner allgemeinen Entschlossenheit beeinflusst, nicht nur meine persönliche berufliche Entwicklung zu einer einflussreichen Fachkraft auf diesem Gebiet zu erreichen, sondern auch eine Dynamik an der Basis im MINT-Bereich zu erzeugen, die letztlich zur umfassenden Entwicklung meines Wohnorts und Afrikas im Allgemeinen führt. Die Entwicklung von Mädchen und Frauen liegt mir besonders am Herzen, da ich glaube, dass ihre Entwicklung zu einer ganzheitlichen Entwicklung der Gesellschaft und der Menschheit führen wird.

Unterstützer und Vorbilder

Ich hatte eine Menge Unterstützung und erhalte sie noch immer. Während meines Masterstudiums bei AIMS Senegal war ich irgendwann kurz davor, aufzugeben, aber meine Mutter hat mich sehr ermutigt. Ich schreibe es ihr zu, dass ich meinen ersten Masterabschluss machen konnte und ich sehe sie als mein Vorbild an. Meine Mutter ist eine starke, zielstrebige und resiliente Frau. Ihre starke Leidenschaft und ihr Tatendrang, zu sehen, wie ihre Kinder es im Leben schaffen, sind es, wonach sie sich sehnt. Sie ist der Inbegriff von Fürsorge und Liebe und ich schaue zu ihr auf.

Ein Tag aus Deborahs Leben

Da ich derzeit einen zweiten Masterabschluss in Machine Intelligence anstrebe, verbringe ich 6 bis 8 Stunden damit, Vorlesungen zu belegen und Laborübungen und Tutorien zu absolvieren. Da ich mich für Machine Learning im Finanzwesen interessiere, verbringe ich viel Zeit mit der Lektüre von Arbeiten auf diesem Gebiet.

Derzeit lese ich eine Abhandlung über „A study of prediction loan default based on the random forest algorithm“ von Lin Zhu et al. Außerdem habe ich einen Youtube-Kanal über Machine Learning, der noch sehr neu ist, sodass ich einiges an Zeit damit verbringe, die Inhalte dafür zu strukturieren. Abgesehen davon beschäftige ich mich auch bei anderen Treffen mit meinen Mitbegründern mit möglichen Projekten, an denen sich die von mir mitbegründete Vereinigung (Women Promoting Science to the Younger Generation) beteiligen könnte.

Worauf bist du besonders stolz in deiner Karriere?

Ich fühle mich erfüllt, wenn sich meine Arbeit positiv auf das Leben anderer auswirkt. Daher stehen die meisten Dinge, auf die ich in meiner Karriere am stolzesten bin, in Beziehung zu Dingen, die das Leben anderer positiv beeinflusst haben. Insbesondere, dass ich Mitbegründerin von Women Promoting Science to the Younger Generation bin.

Ich fühle mich erfüllt, wenn sich meine Arbeit positiv auf das Leben anderer auswirkt

Dies ist eine Vereinigung, die versucht, das Interesse der jüngeren Generation an Mathematik und Wissenschaft zu wecken. Durch diese Vereinigung haben wir erfolgreich Hilfsprogramme organisiert, die sich an Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe richten. Außerdem leitete ich mein Team bei der Gewinnung eines Projektzuschusses zur Organisation einer Konferenz über die Überwindung der Lücke im MINT-Bereich im ländlichen Afrika. Die Konferenz richtete sich an High-School-Schüler in der nördlichen Region Ghanas. Diese Schüler hatten die Gelegenheit, von führenden Wissenschaftlern und Mathematikern der Region betreut zu werden. Diese bisherigen Errungenschaften bereiten mir Freude und ermutigen mich, härter zu arbeiten, da meine Arbeit in der Regel nicht mir, sondern einem breiteren Publikum zugute kommt.

Warum gibt es nicht mehr Frauen im Tech-Bereich?

Im Allgemeinen fühlen sich Frauen eher eingeschüchtert und haben Angst, die Technologiebranche zu dominieren, weil angenommen wird, dass sie kein Feld für Frauen ist. Die wenigen Frauen, die die Grenzen überwinden und diese Positionen ausfüllen, werden in unseren Gemeinschaften manchmal als „harte Frauen“ bezeichnet. Diese Fehleinschätzungen haben dazu geführt, dass einige Frauen, die in der Tech-Branche wirklich großartig hätten abschneiden können, sich lieber für andere Karrieren entschieden haben. Außerdem werden die meisten Technologieunternehmen in der Regel von Männern geführt und es gibt nur sehr wenige Frauen, zu denen man als Vorbilder aufschauen kann.

Hindernisse

Während im Laufe der Jahre große Fortschritte bei der Erreichung der Geschlechterparität in der Gesellschaft erzielt wurden, ist es nach wie vor sehr entmutigend, dass Frauen wie ich heutzutage immer noch die uralte Geschlechterstereotypisierung vergangener Generationen durchmachen müssen, der auch ich mich stellte.

Besonders problematisch ist, dass meine weiblichen Züge und mein weibliches Aussehen immer noch meinem akademischen und beruflichen Fortschritt vorangestellt sind, wenn ich vom anderen Geschlecht gelobt werde. Es ist für mich sehr demoralisierend, dass meine beruflichen Leistungen mit Kommentaren wie „schöne Frau“ und „nettes Aussehen“ usw. versehen werden, anstatt meine intellektuellen Fähigkeiten zu betonen. Dieser Gesichtspunkt überträgt sich überraschenderweise auf die Art und Weise, wie meine berufliche Leistung aufgenommen wird. Es ist meine Hoffnung, dass zu meinen Lebzeiten Wissenschaftlerinnen und Mathematikerinnen für ihren Intellekt und nicht für ihr Aussehen gefeiert werden.

Würde unsere Welt anders aussehen, wenn mehr Frauen in MINT-Fächern arbeiten würden?

[…] ich hoffe, dass Frauen im nächsten Jahrzehnt nicht nach ihrem Geschlecht, sondern nach ihrer Leistungsfähigkeit beurteilt werden.

Grundsätzlich machen Frauen mehr als 50 % der Bevölkerung aus und von den wenigen Frauen, die tatsächlich eine Ausbildung erhalten, geht weniger als ein Viertel dieser Frauen in die Tech-Branche. Das bedeutet, dass ein beträchtlicher Teil der Humanressourcen ungenutzt bleibt. Wenn mehr Frauen im MINT-Bereich arbeiten würden, würde dies also bedeuten, dass mehr Humanressourcen in Anspruch genommen würden. Mehr Frauen in MINT bringen auch eine andere Perspektive mit und erhöhen somit den Fortschritt unserer Volkswirtschaften.

Die Diskussion über Diversität nimmt Fahrt auf. Wie lange wird es dauern, bis wir Ergebnisse der aktuellen Debatte sehen?

Ich bin der Ansicht, dass sich die Dinge allmählich ändern, und ich hoffe, dass Frauen im nächsten Jahrzehnt nicht nach ihrem Geschlecht, sondern nach ihrer Leistungsfähigkeit beurteilt werden.

Tipps & Tricks

Ich glaube, dass ein geteiltes Problem ein halb gelöstes Problem ist.

Um Erfolg zu haben und eine Expertin in etwas zu werden, braucht man ständige und kontinuierliche Praxis. Es gibt ganz sicher keinen Erfolg von heute auf morgen. Es kann mit der Zeit frustrierend werden, besonders wenn ihr noch Anfänger seid und manchmal das Gefühl habt, auf dem falschen Gebiet zu sein. Aber gebt nicht auf! Geht zu Meetups und anderen Frauen-Tech-Gruppen und teilt eure Erfahrungen mit den anderen Teilnehmerinnen. Redet so viel wie möglich mit anderen Frauen in der Tech-Branche. Ich glaube, dass ein geteiltes Problem ein halb gelöstes Problem ist.

Geschrieben von
Maika Möbus
Maika Möbus
Maika Möbus ist seit Januar 2019 Redakteurin bei Software & Support Media. Zuvor studierte sie Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt und an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
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