Interview mit Julia Bubnova, Frontend-Entwicklerin bei Wooga

Women in Tech: „Das Wichtigste ist, etwas mit Begeisterung zu tun, nur dann zahlt es sich aus“

Jan Bernecke

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Julia Bubnova, Frontend-Entwicklerin bei Wooga.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Julia Bubnova

Julia kam im Sommer 2020 als Frontend-Programmiererin zum Berliner Spieleentwickler Wooga. In ihrer Rolle entwickelt sie interne Tools, die die Erstellung der Spiele erleichtern und von Autoren, Designern, Entwicklern und Produzenten eingesetzt werden. Vor ihrem Einstieg in die Spieleindustrie arbeitete Julia in verschiedenen Funktionen bei Siemens in Russland. Sie hat einen Abschluss in Angewandter Mathematik und einen Doktortitel in Mechanik.

Seit wann besteht Dein Interesse für Tech?

Ich habe mich generell schon immer sehr für Mathematik und Technik interessiert. In der Schule hatte ich – anders als viele Mitschüler – auch nie Probleme in Mathe. Nach dem Abschluss wollte ich dann studieren. Neben Mathematik und Physik kam für mich zuerst auch BWL in Frage. Letztendlich habe ich mich dann für den Studiengang “Angewandte Mathematik” an der Universität Sankt Petersburg entschieden.
Das Studium war zeitweise eine große Herausforderung. Ein wichtiger Bestandteil war das Programmieren, was mir besonders schwerfiel. Um ehrlich zu sein, habe ich oft gedacht, dass ich das einfach nicht kann. Als Schwerpunkt hatte ich damals Mechanik mit dem Ziel gewählt, später in die Wissenschaft zu gehen. Ich habe dann einen Fachabschluss in Mathematik gemacht und mich danach für eine Postgraduiertenstelle in Mechanik beworben. Erst im letzten Jahr meiner Promotion habe ich das Programmieren für mich entdeckt. Plötzlich fand ich das viel spannender als Abhandlungen zu schreiben oder mechanische Probleme zu lösen. Allerdings machte das Programmieren nur einen sehr kleinen Teil meiner täglichen Arbeit aus. Die meiste Zeit schrieb oder bearbeitete ich wissenschaftliche Texte. Also habe ich meinen Doktor gemacht und mich gleich danach entschlossen, den Bereich zu wechseln und meiner wahren Leidenschaft, dem Programmieren, nachzugehen.

Wie verlief Dein Weg bis zum jetzigen Job?

Mit minimaler Programmiererfahrung, aber umso größerer Leidenschaft startete ich nach der Uni meinen ersten Job als Backend-Entwicklerin und Mathematikerin in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Siemens. Dort hatte ich die Möglichkeit, verschiedene Programmiersprachen zu lernen und verschiedene Technologien und Teamrollen auszuprobieren. Ich habe unter anderem in C++ programmiert, eine Anwendung in Bare C für Mikrocontroller geschrieben und etwas Java ausprobiert. Lange Zeit war aber Python meine absolute Lieblingssprache. Nach und nach habe ich immer mehr in Programmierzusammenhängen und weniger in mathematischen Formeln gedacht. Wenn mir beispielsweise jetzt jemand sagt, dass die Klasse „Rechteck“ von der Klasse „Quadrat“ bei der objektorientierte Programmierung erbt, dann ergibt das für mich einen Sinn.

Vor ungefähr einem Jahr stand dann die nächste große Veränderung auf meinem Karriereweg an: Ich beschloss, mich in der Frontend-Entwicklung zu versuchen. Meiner Meinung nach ist die Frontend-Welt viel dynamischer und bunter und hält mehr Herausforderungen bereit. Heute arbeite ich als Frontend-Entwicklerin bei Wooga, einem Berliner Spielesoftwareunternehmen. Ich bin froh, dass ich damals mutig genug war, mich in einem völlig neuen Bereich zu versuchen, obwohl ich dafür fast komplett neu anfangen musste. Mein Job macht mir wahnsinnig Spaß und ich bin sehr glücklich.

Hast Du ein Vorbild?

Ich habe keine Vorbilder, kenne aber viele erfolgreiche Entwicklerinnen, Testerinnen, UX-Designerinnen und andere IT-Expertinnen. Die meisten meiner Kollegen und Vorgesetzten haben meine Karriereentscheidungen immer unterstützt.

Hat man Dir Steine in den Weg gelegt?

Programmieren bringt einem bei, rational zu denken und bei akuten Herausforderungen einen kühlen Kopf zu bewahren.

Ich kann mich sehr glücklich schätzen, dass ich meinen Weg immer ungehindert gehen konnte. Meine Familie, Freunde und Kollegen haben mich dabei immer unterstützt. Natürlich habe ich einige meiner Ziele nicht oder erst viel später, als ich gehofft hatte, erreicht. Das lag aber nie daran, dass ich eine Frau bin.

Andererseits denke ich, dass sich jeder Programmierer in seiner täglichen Arbeit vielen Herausforderungen stellen muss. Zum Beispiel, wenn es darum geht, ein besonders hartnäckiges Problem oder einen Fehler zu lösen. Für jedes Problem gibt es meist auch eine Lösung. Das gilt nicht nur für den Job, sondern auch für das Leben. Programmieren bringt einem bei, rational zu denken und bei akuten Herausforderungen einen kühlen Kopf zu bewahren.

Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus?

Derzeit bin ich Frontend-Entwicklerin bei Wooga. Ich bin erst diesen August zum Team dazugestoßen, voller Euphorie, das neue Unternehmen, die Kollegen und meine Aufgaben kennenzulernen. Das Geschäft des Unternehmens sind mobile, storybasierte Casual Games wie „June’s Journey“ oder „Pearl’s Peril“. Meine Aufgabe ist es, interne Tools zu entwickeln, die bei der Entstehung der Spiele helfen. Es ist großartig zu sehen, dass Autoren, Entwickler und Produzenten meine Tools in ihrer täglichen Arbeit verwenden und diese dadurch erleichtert wird. Mithilfe der Tools werden Routinearbeiten optimiert. So können sich die Designer voll auf die Spiele konzentrieren, anstatt sich mit der Lösung von Synchronisierungs- und Versionsproblemen herumzuärgern.

Ich würde sagen, mein Arbeitsalltag ist ziemlich typisch für den einer Entwicklerin: Ich lese und schreibe viel Code, überprüfe Pull-Anfragen, diskutiere weitere Verbesserungen, analysiere und optimiere die Architektur unserer Systeme und behebe Fehler. Als Frontend-Programmiererin habe ich zudem ein besonderes Augenmerk auf die User Experience unserer Spiele-Apps. Das erfordert eine hohe Aufmerksamkeit und ein tiefes Verständnis für die Erwartungen und Ziele der Nutzer. Für mich gibt es kein besseres Gefühl, als wenn sich ein zufriedener Spieler über eine neue Funktion oder einen behobenen Fehler freut und die Arbeit dahinter wertschätzt. Hier ergeben sich oft sehr interessante Herausforderungen, die beim Programmieren Fantasie und unkonventionelles Denken verlangen. Die Frontend-Welt entwickelt sich sehr schnell weiter. Es entstehen ständig neue Technologien, mit denen man bisher schwer lösbare Dinge dann ganz einfach bewältigen kann. Nach meiner langen Tätigkeit als Backend-Entwickler, ist diese Umgebung, Kultur und Atmosphäre für mich erfrischend und aufregend.

Hast Du selbst etwas entwickelt?

Bisher habe ich leider noch keine großartige Open-Source-Bibliothek geschrieben, auch wenn ich das irgendwann unbedingt noch tun möchte. Momentan trage ich aber zu einer russischen Blogging-Plattform bei. Ursprünglich war das Ganze als Übung für meine Frontend-Fähigkeiten gedacht, aber ich habe schnell Gefallen daran gefunden, Dinge so umzusetzen, wie ich möchte und dies ohne eine Deadline tun zu können. Daher verwalte ich nun dauerhaft das Repository der Seite. Gestartet hat diese als Plattform für eine kleine Gruppe von Menschen – mittlerweile haben wir mehr als 7000 Nutzer. Mich macht es glücklich, etwas zu schaffen, das das Leben der Menschen besser macht. Ich freue mich, wenn den Usern gefällt, was wir tun.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Bei Wooga arbeiten rund 40% Frauen. Das Unternehmen legt großen Wert auf Vielfalt. In anderen Tech-Unternehmen ist die Anzahl an Frauen im Durchschnitt nicht so hoch. Warum das so ist, ist schwer zu beantworten. Es haben sich schon viele Forscher und Studien mit dieser Frage befasst. Der einzig plausible Grund scheinen unsere kulturellen Stereotypen zu sein, die das Verhalten und die Entscheidungsfindung von Mädchen noch immer stark beeinflussen.

Andrey Breslav, Entwickler der Programmiersprache Kotlin, hat hierzu einen großartigen Vortrag gehalten. In der klassischen Laufbahn Schule-Universität-Beruf wenden sich Frauen häufig irgendwann von den sogenannten MINT-Fächern ab. Nach Breslavs Recherchen findet der erste große Verlust von Frauen in der Technik irgendwo zwischen der 5. und 7. Klasse statt. Während in der 5. Klasse noch genauso viele Mädchen wie Jungen an Mathematikwettbewerben teilnehmen, ändert sich dieses Verhältnis in der 7. Klasse dramatisch. Nach dem Schulabschluss stehen dann wichtige Entscheidungen über die zukünftige Karriere und die persönliche Weiterentwicklung an. In dieser stressigen Umbruchsphase beeinflussen uns kulturelle Voreingenommenheit und Vorurteile besonders stark. Das ist auch der Grund, warum Wooga Initiativen wie die “Girls Games Workshops” unterstützt – eine Workshop-Reihe, die Mädchen im Alter von 11-15 Jahren beibringt, wie Computerspiele entstehen.

Welche Stereotypen sind Dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet?

Die meisten Stereotypen sind so tief in der Kultur verankert, dass es sehr schwierig ist, sie immer als solche zu erkennen. Außerdem glauben leider auch einige Mädchen an diese Stereotypen und leben nach ihnen. Ein Beispiel: Das Klischee, dass Mädchen entweder klug oder schön sind. Ich bin sicher, jeder von uns kennt hier eine Menge Gegenbeispiele und trotzdem bekommen wir dieses Vorurteil immer wieder im alltäglichen Leben zu hören, zum Beispiel in Witzen.

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten?

Wer Diversität stärkt und bereit ist, bestehende Strukturen aufzubrechen, treibt auch sein Unternehmen voran.

Frauen machen die Hälfte der Menschheit aus, aber nur etwa ein Viertel der Tech-Angestellten. Das bedeutet, dass es viele Frauen gibt, die sich grundsätzlich für Technik interessieren, aber irgendwann beschlossen haben, diesen Weg nicht einzuschlagen.

Viele Unternehmen haben das Problem, dass auf dem Arbeitsmarkt oft geeignete Kandidaten fehlen. Die Förderung von Frauen in der Technik könnte dieses Problem lösen. Ich stimme Andrey Breslav zu, dass Unternehmen, die dem Problem Aufmerksamkeit schenken und versuchen, mehr Frauen in die Technik zu bringen, langfristig erfolgreicher sein werden. Hingegen werden Unternehmen, die das Problem ignorieren, auf Dauer ihren Einfluss und dadurch auch geschäftlich verlieren. Wer Diversität stärkt und bereit ist, bestehende Strukturen aufzubrechen, treibt auch sein Unternehmen voran. Verbesserte Arbeitsbedingungen, die Schaffung einer offenen Kultur und die Beachtung einer durchdachten Kommunikation werden langfristig das Leben aller Mitarbeiter verbessern. Würde das die Welt zu einem besseren Ort machen? Auf jeden Fall.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

In der IT geht es vor allem um Kommunikation bzw. darum, Lösungsansätze für Probleme zu diskutieren.

Obwohl viele Unternehmen das Thema “Diversity” mittlerweile immer mehr auf dem Schirm haben, hat sich die Situation in den letzten 20 Jahren nicht wesentlich verbessert. Das System reagiert sehr langsam auf solche gesellschaftlichen Impulse, daher wird es vermutlich noch lange dauern, bis sich grundlegend etwas verändert. Ich denke, das Thema wird uns noch lange begleiten. Wir müssen in erster Linie die Gründe besser verstehen, warum sich Frauen nicht für technische Berufe entscheiden. Wir sollten versuchen zu erklären, dass beispielsweise in der IT-Branche nicht nur Streber sitzen, die zuhause für sich alleine arbeiten und mit niemandem reden. In der IT geht es vor allem um Kommunikation bzw. darum, Lösungsansätze für Probleme zu diskutieren. Es ist also ein sehr sozialer Beruf, der viel Interaktion mit anderen Menschen und Disziplinen bedeutet.

Hast du Tipps für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten?

Das Wichtigste ist, die eigenen Träume und Ziele zu verfolgen. Mach deine Wahl nicht davon abhängig, wie einfach oder schwer es ist, einen bestimmten Job zu bekommen, oder welcher Beruf besser bezahlt wird. Lass den Gedanken los, einen Beruf für immer ausüben zu müssen. Denk darüber nach, wer du jetzt gerne wärst und hab keine Angst, Fehler zu machen. Das Wichtigste ist, etwas mit Begeisterung zu tun, nur dann zahlt es sich aus. Zögere nicht, auch mal die Richtung zu ändern. Sei neugierig und geh Risiken ein. Mit dem richtigen Maß an Beharrlichkeit ist alles möglich.

Geschrieben von
Jan Bernecke
Jan Bernecke
Jan Bernecke ist seit 2019 Online-Redakteur bei S&S Media. Zuvor war der rugbyspielende Literaturwissenschaftler im Bereich Online-Marketing tätig.
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