Interview mit Jessica Yu, Linux Kernel Developer bei SUSE

Women in Tech: „Eignung (hat) nichts mit dem Geschlecht oder angeborenen Fähigkeiten zu tun.“

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Jessica Yu, Linux Kernel Developer bei SUSE.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Jessica Yu

Jessica ist Linux-Kernel-Entwicklerin bei SUSE und verantwortet die Pflege des Kernel Module Loader. Außerdem ist sie beteiligt an der Fehlerbehebung (Debugging) im Bereich Linux Core Kernel. Davor war sie im Aufgabenfeld Kernel Live Patching tätig.

Seit wann interessierst Du dich für Tech?

[…] ich (war) erstaunt darüber, wie viel Kontrolle Linux seinen Benutzern gibt.

Als Kind habe ich mich nur am Rande für Technik interessiert. Ich habe ein wenig mit HTML und CSS herumgespielt, um meinen Neopets-Shop anzupassen und ein paar Videospiel-Fanseiten über Geocities zu erstellen, aber das war es dann schon. Erst an der Universität habe ich mich ernsthaft für Programmierung interessiert. Auslöser war, dass ich zum ersten Mal Linux auf meinem Laptop installiert habe. Bis dahin kannte ich nur Windows und war begeistert, wie viel Kontrolle und Flexibilität Linux seinen Benutzern ermöglicht. Bei Linux ist nichts in Setup-Boxen verschlossen. Auf einmal konnte ich fast jedes Detail meines Systems optimieren und kontrollieren, vom Bootloader bis zur Desktop-Umgebung und alles, was dazwischen liegt. Und nicht nur das: Benutzer werden ermutigt, an diesen Komponenten herumzubasteln, zu verstehen wie sie funktionieren, und sogar zu ihrem Quellcode beizutragen! Es war die enorme Auswahl und Freiheit, die mich zu Open Source und letztendlich zu einer Karriere im Technologiebereich geführt hat.

Wie verlief Dein Weg bis zum jetzigen Job? Welche unterschiedlichen Karrierewege hast Du eingeschlagen?

Informatik schien einfach ein unzugängliches Fach zu sein.

Eigentlich wollte ich an der Universität Psychologie oder Neurowissenschaften studieren.
Während meines ersten Jahres traf ich einige Kommilitonen, die Linux benutzten und ihre angepassten Desktop-Umgebungen weckten mein Interesse. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie etwas von Linux gehört und ich wollte mehr über die Konfigurationen erfahren. Ich war frustriert über die mangelnde Anpassbarkeit von Windows und aus Neugierde beschloss ich zu wechseln. Wie ich bereits in meiner vorherigen Antwort erwähnte, war ich erstaunt darüber, wie viel Kontrolle Linux seinen Benutzern gibt. Die meisten Komponenten sind so konzipiert, dass man an ihnen herumbasteln kann, und nicht nur das: man wird dazu ermutigt, etwas beizutragen und Änderungen vorzunehmen.

Ich glaube, der Linux Desktop war der Katalysator für mein Interesse an Betriebssystemen und überzeugte mich, Informatik zu studieren. Schließlich motivierte es mich, meine ersten Patches für den Linux-Kernel zu schreiben. Ich empfand es als eine sehr lohnende Erfahrung, zu Open-Source-Projekten beizutragen, weshalb ich mich für eine Karriere in diesem Bereich entschied.

Viele Hindernisse, mit denen ich konfrontiert war, hatten hauptsächlich damit zu tun, dass ich das Programmieren erst von Grund auf lernen musste. Ich hatte das Gefühl, dass viele Computer Science (SC)-Studenten schon vor der Uni mit dem Programmieren begonnen hatten. Meine High School bot nicht jedes Jahr AP-Informatik an und sie war einfach nicht so beliebt oder gefördert wie zum Beispiel AP-Biologie oder AP-Chemie. (Info: AP oder Advanced Placement Kurse an den High Schools sind Kurse auf College-Niveau, die den Schülern den Einstieg in College/Universität erleichtern sollen).

Informatik schien einfach ein unzugängliches Fach zu sein. Und für eine Programmieranfängerin wie mich war Entwicklungsarbeit an einem Linux-Kernel zu dieser Zeit ein hochgestecktes und unmögliches Ziel. Ganz zu schweigen davon, dass Betriebssysteme einfach kein so populäres Thema waren wie beispielsweise die Web-Entwicklung, und das Erlernen der Kernel-Programmierung nicht angeboten wurde.

Als ich den Betriebssystem-Kurs an der Uni absolvierte, wurde zu meinem Glück gerade die Eudyptula Challenge ins Leben gerufen wurde – eine Reihe von Programmierherausforderungen, die Neulinge in die Kernel-Entwicklung einführte. Das gab mir einen konkreten Anfangspunkt und eine gezielte Einführung in die Linux-Kernel-Entwicklung.

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Gibt es Personen, die Dich unterstützt haben?

Ich hatte das große Glück, dass meine Familie meine Entscheidung unterstützt hat, denn ich bin die Erste in meiner Familie, die sich für eine Karriere in der Technik entschieden hat. Ich habe kein bestimmtes Vorbild, aber ich bin den Frauen in dieser Branche dankbar, die dazu beigetragen haben, die Diskussion über Vielfalt und Integration überhaupt erst anzustoßen.

Hat man Dir Steine in den Weg gelegt?

Es ist ein Klischee, dass Menschen, die Informatik studieren, von Jugend an programmieren.

Aus meiner frühen Studienzeit erinnere ich mich an einige Fälle von Feindseligkeit und fühlte mich auch isoliert, nachdem ich mich für das Informatikstudium an meiner Universität entschieden hatte. Damals studierte ich noch Psychologie als Hauptfach. Ich erinnere mich daran, dass einige Kommilitonen an meiner Entscheidung zweifelten. Sie stellten meine Fähigkeit infrage, mit dem Gebiet umzugehen. Einige fragten mich beispielsweise ob ich denn überhaupt jemals eine Zeile Code geschrieben hätte (was ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht getan hatte). Es war entmutigend, von Mitstudenten gesagt zu bekommen, dass ich für das Programm ungeeignet sei, weil ich einen nicht-technischen Hintergrund hätte – und das, obwohl ich das Programmieren von Grund auf lernen wollte.

Es ist ein Klischee, dass Menschen, die Informatik studieren, von Jugend an programmieren. Während meines ersten Jahres als Informatikstudentin fühlte es sich jedoch definitiv so an und ich war ständig im Rückstand. Zuerst war es isolierend, aber schließlich lernte ich andere Kommilitoninnen kennen, die im selben Boot wie ich saßen und die ebenfalls zum ersten Mal programmieren lernten. Ich war froh, dass es Menschen gab, mit denen ich mich austauschen konnte.

Zum Glück habe ich in meinem Berufsleben keine negativen Erfahrungen gemacht. Die meisten Kollegen, mit denen ich in meiner bisherigen Laufbahn zusammengearbeitet habe, waren respektvoll. Ich habe das Gefühl, dass meine Ideen und Kommentare ernst genommen und fair nach ihren Verdiensten kritisiert werden.

Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus?

Ich arbeite als Linux-Kernel-Entwicklerin bei SUSE. Ich betreue den Modul-Loader im Linux-Kernel, also den Teil des Kernels, der für das Einfügen von Modulen oder Treibern in den Kernel zuständig ist. Ein ladbares Kernel-Modul ist ein Teil des Kernel-Codes, der bei Bedarf geladen oder entladen werden kann. Kernel-Module ermöglichen es, die Funktionalität des Kernels während der Laufzeit zu erweitern, ohne dass ein Neustart erforderlich ist. Dadurch kann der Linux-Kernel modular aufgebaut sein, im Gegensatz zu einem monolithischen Image, das alle bereits eingebauten Treiber enthält.

Mein typischer Arbeitstag besteht aus der Überprüfung von Patches, dem Einspielen der Patches in meinen Git-Baum, wenn sie getestet wurden und den Überprüfungsprozess abgeschlossen haben. Zeit verbringe ich ebenfalls mit der Reaktion auf Fehlerberichte, dem Senden von Patches (in der Regel Fixes) an den Upstream und dem Rückportieren von Fixes und Funktionen vom Upstream in die SUSE-Kernel-Bäume. Manchmal gibt es bei der Bearbeitung eines Fehlerberichts auch einen interessanten Kernel-Core-Dump zu betrachten und zu sezieren.

Worauf bist Du am meisten stolz?

Ich bin sehr stolz darauf, den Dreh bei der Entwicklung des Linux-Kernels herausbekommen zu haben: sowohl aus der Sicht einer Beitragenden als auch aus der einer Maintainerin, und dies sogar zu meiner Vollzeitbeschäftigung gemacht zu haben. Als ich vor 5-6 Jahren Studentin im Grundstudium war, erinnere ich mich, dass ich kaum einen funktionierenden Kernel alleine kompilieren, geschweige denn modifizieren konnte. Den Quellcode zum ersten Mal anzuschauen, war überwältigend. Ich bin stolz darauf, dass ich diese Hürde überwunden habe und heute regelmäßig Contributor und Reviewer für eines der größten Open-Source-Projekte der Welt bin.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

[…] meine Wahrnehmung dieses Bereiches (war) allein von den Medien bestimmt.

Das ist eine Frage, die Sozialwissenschaftler seit langem zu beantworten versuchen, daher ist meine Antwort hier meine persönliche Meinung.

Ich glaube, dass die Wahrnehmung eines Bereichs – seine Kultur, die Art der Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, die Erwartungen an den Erfolg in diesem Bereich – einen wesentlichen Einfluss auf die Entscheidung haben, sich in diesem Bereich zu engagieren. Aus meiner Sicht sind Informatik und Ingenieurwissenschaften Bereiche, die besonders mit Stereotypen behaftet sind – mehr als andere Bereiche wie Biologie oder Psychologie. In der US-Popkultur begegnen wir regelmäßig dem Stereotyp des männlichen Programmierer-Geeks – sozial unbeholfen, isoliert, aber von Natur aus brillant, mit einer Besessenheit für Technologie. Diese Stereotypen werden verstärkt durch Serien wie etwa „The Big Bang Theory“ oder „The IT Crowd“ bis hin zu HBOs „Silicon Valley“. Als ich jünger war, ohne Vorbilder oder Kontakt zu Menschen, die in Technik-Bereichen arbeiten, war meine Wahrnehmung dieses Bereiches allein von den Medien bestimmt. Ich konnte mir eine eigene Rolle in einem Technikberuf nicht vorstellen, weil ich das Gefühl hatte, nicht in die dominante Kultur dieses Umfeldes zu passen. Außerdem hieß es immer, man sei dort Neuankömmlingen gegenüber unzugänglich und manchmal sogar feindselig. Selbst wenn diese Stereotypen unwahr sind, ist es sehr schwer die öffentliche Wahrnehmung zu korrigieren.

Darüber hinaus werden durch Vorbilder, Gleichaltrige, Eltern und Verwandte gesellschaftliche Erwartungen vermittelt. Sowohl die Sozialisation als auch Stereotypen können Einfluss darauf haben, ob man Tech als einen gangbaren Karriereweg sieht. Als ich aufwuchs, gab es immer Kommentare, die suggerierten, Computer seien etwas für Jungen und das Programmieren ein männlicher Beruf. Ich habe unzählige Male gehört, dass Mädchen sich einfach von Natur aus nicht für Informatik interessieren, als wäre dies eine angeborene Eigenschaft. Und dann gibt es Kinderbücher wie „Barbie: Ich kann ein Computertechniker sein“, in denen Barbie zugibt, dass sie zwar die Entwürfe für ein Computerspiel entwickelt, aber „die Hilfe von Steven und Brian braucht, um daraus ein richtiges Spiel zu machen“. Wenn junge Mädchen so oft daran erinnert werden, dass sie vielleicht nicht für das Spielfeld geschaffen sind und ihre Beiträge vielleicht nicht so wertvoll sind, dann fangen sie an zu glauben, dass es nichts für sie ist. Es sind kleine soziale und kulturelle Hinweise wie diese, die Mädchen das Selbstvertrauen rauben können, in Technik-Berufen erfolgreich zu sein.

Es gibt den oft zitierten Glauben, dass Frauen sich gegen ein technisches Studium entscheiden, weil ihnen das Thema einfach nicht gefällt oder sie natürlicherweise kein Interesse daran haben. Aber dieser Glaube basiert auf der Annahme, dass die Wahl frei getroffen wird – ohne externe Faktoren, die diese Entscheidung beeinflusst haben könnten. Eine Vielzahl von Forschungsarbeiten macht deutlich, dass „es erhebliche soziale Barrieren für den Eintritt von Frauen in die Informatik und das Ingenieurwesen gibt, die Frauen daran hindern, eine wirklich ‚freie‘ Wahl zu treffen“ (Cheryan et al., 2015).

Eine Reihe von Studien der University of Washington haben gezeigt, wie Stereotypen das Interesse von College- und Highschool-Schülern an der Einschreibung in einführende Informatikkurse beeinflussen können. Dort wo Stereotypen in ihren Lernumgebungen und bei den Menschen, mit denen sie interagierten, stärker ausgeprägt waren, zeigten Mädchen deutlich weniger Interesse an Informatik – selbst dann nicht, wenn sie eigentlich von ihren Fähigkeiten in diesen Fächern überzeugt waren. Die Studien ergaben, dass eine Erweiterung des mentalen Bildes – was es bedeutet, etwa Programmierer oder Ingenieur zu sein – den weiblichen Studierenden zeigen könnte, dass sie nicht einem bestehenden Bild entsprechen müssen, um in der Technik erfolgreich zu sein. Anstatt das Geek-Stereotyp zu dekonstruieren, wäre es also effektiver, das Bild der Informatik zu diversifizieren. So müssen die Frauen, die eine technische Karriere in Betracht ziehen, nicht das Gefühl haben, dass sie die vorherrschenden Stereotypen verkörpern müssen, um sich anzupassen und erfolgreich zu sein. Zu diesem interessanten Thema habe ich einige Literaturhinweise mitgebracht.

Welche Stereotypen sind dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet?

Der beste Umgang mit Kollegen ist daher für mich eine absolute Gleichbehandlung.

Natürlich kann ich hier nicht für alle Frauen im technischen Bereich sprechen. Aber wenn es darum geht, als Frau in einem technischen Beruf zu arbeiten, ist das Spektrum an Erfahrung vielfältig. Ich bin auf einige Hindernisse gestoßen, die sich meiner Meinung nach auch bei anderen wiederholen. Als Erstes gibt es in diesem Bereich einen Mangel an weiblichen Vorbildern und Mentorinnen. Vor allem in meinen ersten Jahren habe ich keine Frauen getroffen oder gekannt, die in der Branche bereits gut etabliert waren. Als ich aufwuchs, hatte ich das Gefühl, dass es für mich keine Vorbilder gab. Was die Rolle von Mentorinnen betrifft, denke ich, dass die Situation heute besser ist als vor 5-6 Jahren, als ich noch Studentin an der Universität war. Ich glaube, es gibt heute mehr Outreach-Programme und Begegnungsgruppen, die darauf ausgerichtet sind, Minderheiten, die vielleicht nicht so viel mit Technik zu tun hatten, an die Informatik heranzuführen.

Eine weitere Herausforderung, vor der Frauen stehen, ist die Voreingenommenheit. Auch wenn dies vielleicht nicht in Form einer erkennbaren Diskriminierung geschieht, finde ich, dass Frauen häufig mit einem Unterstrom von Zweifeln und negativer Voreingenommenheit konfrontiert werden. Wir Frauen haben oft das Gefühl, dass wir unsere Ideen mehr verteidigen oder gegen unbewusste Annahmen ankämpfen müssen, dass wir weniger kompetent seien als unsere männlichen Altersgenossen. Ich habe das Glück, dass ich dies in meinem bisherigen Berufsleben noch nicht erlebt habe. Tatsächlich habe ich negative Voreingenommenheit bisher nur während des Studiums erlebt.

Die Rolle, die einzige Frau im Klassenzimmer oder im Team zu sein, kann für Frauen ebenfalls problematisch sein. In einem solchen Umfeld kann ein Gefühl der Isolation und des Nicht-Dazugehörens aufkommen. Es ist sicher auch abhängig von den Menschen, die man trifft und mit denen man arbeitet. Die meiste Zeit während des Studiums hatte ich damit keine Probleme, aber gelegentlich machte jemand darauf aufmerksam, dass er mich anders behandeln würde als den Rest der Gruppe, weil ich eine Frau bin. Solche Erfahrungen verstärkten das Gefühl der Isolation. Der beste Umgang mit Kollegen ist daher für mich eine absolute Gleichbehandlung.

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten?

Technologie ist allgegenwärtig in unserem Leben. Eine breitere demografische Vielfalt bei der Gestaltung und Entwicklung von Produkten und Services hat als Ergebnis bessere Produkte, die für ein breiteres Spektrum von Menschen geeignet sind. Im Gegensatz dazu können bei homogeneren demografischen Designprodukten Datenverzerrungen für die Allgemeinbevölkerung auftreten. Diese führen dann zu Produkten, die nur noch für bestimmte Personengruppen geeignet sind und andere Gruppen ausschließen.

In ihrem Buch „Invisible Women“ untersucht Caroline Criado Perez die Auswirkungen von Datenverzerrungen. Sie bringt Beispiele, die die Fallstricke von Datenverzerrungen aufzeigen: zum Beispiel KI-Algorithmen, die auf Datensätze trainiert werden, die aus einer engen demografischen Gruppe stammen. Sie zitiert eine Unmenge von Beispielen, die von Verzerrungen bei der Spracherkennung bis hin zur Größe von VR-Headsets und Smartphones reichen. 2016 fand Rachael Tatman (damals Forschungsstipendiatin für Linguistik an der University of Washington) heraus, dass die Spracherkennungssoftware von Google bei Männern 70 % genauer war als bei Frauen. Zurückzuführen ist dies wohl auf unausgewogene Trainingssätze. Peggy Johnson, Executive Vice President of Business Development bei Microsoft, berichtete auf dem New Rules Summit 2010, wie Datenverzerrungen in Kinect kurz vor der Markteinführung aufgedeckt wurden. Eine Mitarbeiterin bei Microsoft hatte beim Test von Kinect festgestellt, dass die Bewegungssensorik für ihren Mann zwar gut funktionierte, aber nicht bei ihr und ihren Kindern. Da zuvor nur an Männern im Alter von 18-35 Jahren getestet wurde, wurden die Körperbewegungen von Kindern und Frauen nicht erkannt.

Deswegen sollten wir uns nicht allein auf das Geschlecht beschränken. Technik hat eine einflussreiche und vorherrschende Rolle in der modernen Gesellschaft. Daher ist es wichtig, dass eine vielfältige Gruppe von Menschen mit unterschiedlichem sozioökonomischen und kulturellen Hintergrund Produkte entwickelt und testet, die das Leben aller Menschen und nicht nur eines Einzelnen verbessern sollen.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Ich bin froh, dass dieses Thema in den letzten Jahren ernster diskutiert wird. Ich glaube aber, dass noch ein sehr langer Weg vor uns liegt. Die CEO von SUSE, Melissa Di Donato, hat dieses Thema in den letzten Jahren immer wieder in den Fokus gerückt, darüber freue ich mich sehr. Sie hat eine Reihe von Initiativen ins Leben gerufen, die meiner Meinung nach Menschen, die sich in dieser Branche isoliert fühlen, Unterstützung und Förderung bieten. Zum Beispiel hat unser Unternehmen kürzlich ein Women-in-Tech-Netzwerk sowie zahlreiche Mentoring-Programme etabliert. Ich denke, das ist definitiv ein großer Schritt nach vorn.
Es ist schwer vorherzusagen wann wir erste Erfolge sehen werden, wie lange es noch dauern wird, bis wir einen kulturellen Wandel in der Technik und Informatik erleben werden. Der Wandel muss von unten nach oben stattfinden – es ist wichtig, Stereotypen, Vorurteile und gesellschaftliche Erwartungen frühzeitig zu hinterfragen und zu dekonstruieren und Mädchen zu ermutigen, Tech- und MINT-Berufe zu wählen. Für diejenigen Frauen, die bereits in der Branche tätig sind, hoffe ich, dass wir den Weg für eine Kultur ebnen können, die alle einbezieht.

Hast du Tipps für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten?

Eine Karriere im technischen Bereich ist herausfordernd, aber auch lohnend. Seien Sie sich Ihres Wertes bewusst und scheuen Sie sich nicht, Ihre Ideen durchzusetzen und Fragen zu stellen. Versinken Sie nicht in Selbstzweifel oder der Angst, dass Sie die Herausforderungen nicht bewältigen können. Finden Sie eine Mentorin und nutzen Sie Netzwerke und Gruppen, die Ihr Vorwärtskommen in dieser Branche fördern. Seien Sie freundlich zu sich selbst und haben Sie keine Angst vor Fehlern. Vor allem: Machen Sie sich bewusst, dass Eignung nichts mit dem Geschlecht oder angeborenen Fähigkeiten zu tun hat.

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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