Interview mit Jessica Jordan, Senior Frontend Engineer und Community Evangelist bei Honeypot

Women in Tech: „Es gibt so viele Barrieren für Frauen“

Ann-Cathrin Klose

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Jessica Jordan, Senior Frontend Engineer und Community Evangelist bei Honeypot.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Jessica Jordan

Jessica ist Senior Frontend Engineer und Community Evangelist bei Honeypot. SIe ist Quereinsteigerin und kommt ursprünglich aus dem Fachbereich Biologie, in dem sie 2013 ihren Master an der Universität Bielefeld machte. Schon während ihres Studiums wuchs ihr Interesse an der IT und verdiente ihren Unterhalt als Technikern an ihrer Universität. Nach ihrem Abschluss fand Jessica ihren Weg ins Webcontent Management bei der Bosch Group. Währenddessen absolvierte sie ein Praktikum als Ember.js-Entwicklerin und wechselte wenig später als Software-Developer zum Earlham Institute in Norwich. Von dort verlief ihr Weg vom Frontend-Development und Softwareberatung bis zu ihrer jetzigen Stelle bei Honeypot. Nebenbei engagiert sie sich als Developer- & Community-Support beim Ember Learning Core Team.

Seit wann besteht dein Interesse für die Tech-Branche?

Mein Interesse für Technologie habe ich ziemlich spät entdeckt. Bei uns zu Hause hatte ich erst als Jugendliche Zugang zu einem eigenen Rechner und tatsächlich erst in meiner Studienzeit Zugang zum Internet von zu Hause aus. Meine ältere Schwester hatte schon seit jeher einen guten Draht zur Technik: Sie interessierte sich schon in ihrer frühen Jugend für Computer und Videospiele, gehörte damals in den frühen 90ern zu den ersten Internet-Usern und hat sich damals ihr eigenes Heimnetzwerk eingerichtet, ihre PCs selbst zusammengeschraubt und geupgradet. Über sie kam ich dann auch schon in meiner Kindheit mit Technologie in Berührung, wenn wir gemeinsam Videospiele gespielt haben oder ich sie beim Basteln an Computern erlebt habe. Auch wenn sich zu diesem Zeitpunkt noch kein starkes Eigeninteresse für Technik bei mir entwickelt hatte, waren diese ersten Erfahrungen prägend für mich, um eine generelle Wertschätzung für Technisches zu entwickeln.

Die Überlegung, der Technologie einen größeren Raum in meinem Leben und in meiner beruflichen Entwicklung einzuräumen, kam dann tatsächlich erst in meinem Hochschulstudium, als ich nach einem bioinformatischen Praktikum erste Einblicke ins Programmieren bekommen habe. Es folgten technische Nebenjobs an meiner Uni, bei denen ich mich zum ersten Mal ernsthaft in der Webentwicklung und der Systemadministration versuchen konnte. Außerdem konnte ich bis zu meinem Studium ein wenig als Webentwicklerin beim Editieren meiner MySpace-Profilseite auf MySpace mit HTML / CSS versuchen (wer weiss, ob sich die Leser*innen noch an diese wilden Zeiten des Internets erinnern können :-))

Wie verlief dein Weg bis zum jetzigen Job?

Ich hatte im Laufe meines Lebens viele, verschiedene Vorstellungen davon, was ich später einmal gerne berufsmäßig machen will, aber kurz vor meinem Studium lagen meine größten Interessen in der Kunst, der klassischen Philologie oder Biologie – diese Richtungen kamen für mich also als Studienfach in die engere Auswahl.

Erste Berührungspunkte mit dem Programmieren kamen dann im Masterstudium der Systembiologie. In verschiedenen Nebenjobs an meiner Uni habe ich – ausgehend von diesen ersten Kenntnissen – weitere Erfahrungen im Bereich Webentwicklung und Systemadministration gesammelt. Erst aus diesen Studien- und Arbeitserfahrungen heraus hatte ich zum ersten Mal die fixe Idee, dass ein Job in der IT-Industrie etwas für mich sein könnte. Also habe ich mich nach Abschluss meines Studiums parallel für Stellen im biologischen und im informatischen Fachbereich beworben.

Mein erster Job nach der Uni war dann schließlich auch eine technische Rolle mit einem Fokus auf Frontend-Entwicklung und User-Testing. Darauffolgend habe ich mich in verschiedenen anderen Firmen und Forschungseinrichtungen in Europa und den USA technisch weiterentwickeln können und Erfahrungen im public speaking auf mehreren Dutzend IT-Konferenzen gesammelt (bspw. Bei der International JavaScript Conference). Im Sommer dieses Jahres – nach mehreren Jahren im IT-Consulting – bin ich dann im Team bei Honeypot gelandet, um die digitalen Produkte des Unternehmens weiterzuentwickeln und andere Entwickler*innen in meinem Team bei der technischen Umsetzung zu unterstützen.

DYF

Gibt es Personen, die dich unterstützt haben?

Die Anzahl der Personen, die mich auf meinem bisherigen beruflichen Werdegang unterstützt haben, ist immens: Ich bin besonders dankbar für die Unterstützung, die ich von vielen, tollen Menschen in der Open-Source-Community und insbesondere in der Ember-Community erhalten habe. Der langjährige Support durch die OSS-Community-Koryphäen Leah Silber, Melanie Sumner und Jen Weber, sowie Amy Lam, Jamie White, Dominik Schmidt, Hugh Francis und Marco Otte-Witte hat mich in meinem Werdegang unglaublich vorangebracht. Was Mentorship angeht, bin ich unendlich dankbar für die Menschen, die mich gerade am Anfang meiner Karriere durch die Organisation OpenTechSchool – eine internationale Organisation, die kostenlose Lerngruppen und Workshops für Menschen, die mehr über Technologie lernen möchten, anbietet – unterstützt haben, und dabei insbesondere für die Unterstützung von Martin Stadler. Außerdem ist und war die Förderung durch andere Communityführer*innen, insbesondere Kave Bulambo, die Gründerin von „Black in Tech“ Berlin und meiner Mentorin Samanta de Barros unschätzbar. Ich bin überaus dankbar für meine ehemaligen Vorgesetzten, Prof. Dr. Elisabetta Chicca, Tabea Müller und Emma Tracey, die als Frauen in Führungspositionen und anerkannte Expertinnen in ihrem Fachbereich für mich auch eine entscheidende Rolle als Vorbild gespielt haben.

Ein Tag in Jessicas Leben?

Derzeit arbeite ich als Senior Frontend Engineer und Community Evangelist bei Honeypot – Europas größter Jobplattform und Community speziell für Tech-Talente. Honeypot hat sich zum Ziel gesetzt, Entwickler*innen dabei zu unterstützen, ihren Traumjob zu finden. Honeypot unterstützt dabei lokale Talente in Deutschland, Österreich und den Niederlanden, genauso wie internationale Talente.

Bei uns bin ich vor allem für die Planung und Umsetzung der technischen Entwicklung unserer Jobplattform zuständig und präsentiere uns in Interviews, Podcasts und auf Konferenzen. Die meiste Zeit verbringe ich aber tatsächlich damit, zu programmieren oder technische Umsetzungen mit anderen Entwickler*innen und anderen Teams, wie Marketing oder dem Produktteam, zu koordinieren. Ich gebe ausserdem regelmässig technische Workshops in unserem Entwickler*innen-Team, um den Wissensaustausch zu Frontend-Themen zu fördern.

Hast du selbst etwas entwickelt?

Ich habe in verschiedenen Unternehmen und in meiner Zeit als IT-Consultant in verschiedenen Projekten mitentwickelt oder die Entwicklung als Beraterin unterstützt. Dazu zählen Webapplikationen und -seiten von Trainline, Bosch und anderen Unternehmen. Neben der Entwicklung im Berufsleben, habe ich auch lange Zeit in der EmberJS-Community und in anderen Open-Source-Projekten mitgewirkt. Ein bedeutsames Projekt ist da beispielsweise die Ember Times – ein wöchentlicher Community-Newsletter, der Leser*innen über Neuigkeiten im EmberJS-Projekt auf dem Laufenden hält und dessen Entwicklung im Editorial als auch der technischen Arbeit veröffentlicht.

Welche Hürden müssen Frauen in der Tech-Branche heute immer noch überwinden?

Es gibt so viele Barrieren… Alle systemischen Hürden, die weiterhin für Frauen in der Tech-Branche bestehen, kann man gar nicht im Rahmen dieses Interviews ausreichend differenziert kommunizieren. Wer sich aber für das Thema und eine hinreichende Antwort auf diese Frage interessiert, dem*der empfehle ich die Bücher “Invisible Women: Exposing Data Bias in a World Designed for Men” von Caroline Criado Perez und “Crushing the IT Gender Bias: Thriving as a Woman in Technology” von Kellyn Pot’Vin-Gorman.

Darin erklären die Autorinnen die Probleme, denen Frauen in ihrer Karriereentwicklung und vor allem in Fachbereichen, wie der IT begegnen, viel strukturierter, differenzierter und in einem durch Daten und Forschungsergebnisse gestützten Rahmen, als ich das als hauptberufliche Entwicklerin, deren Beschäftigung nicht in den Sozialwissenschaften liegt, hier in der Beantwortung einer kurzen Interviewfrage könnte.

Welche Klischees sind dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet?

Viele haben intuitiv keine Frau im Sinn, wenn sie an das Thema Software-Entwicklung denken.

Wenn ich anderen Menschen auf Techkonferenzen und Meetups (selbst auf denen, die ich selbst organisiert habe oder auf denen ich als Sprecherin eingeladen bin) begegne, halten mich manche automatisch für eine Catering-Mitarbeiterin oder einer Designerin, die sich irgendwie auf eine technisch-orientierte Veranstaltung verirrt hat. Ich habe den Eindruck, viele von uns – bewusst oder unbewusst – verknüpfen immer noch in Anlehnung an verbreitete Stereotypen, das Gender einer Person mit bestimmten Stärken, Schwächen und entsprechenden Berufsbildern.

In einem ähnlichen Maße, wie es uns schwer fällt, einen Mann in der Rolle als Kindergärtner oder Zahnarzthelfer zu sehen, haben Viele intuitiv keine Frau im Sinn, wenn sie an das Thema Software-Entwicklung denken. Diese teils rigiden Rollenbilder können beispielsweise dann vorteilhaft für uns sein, wenn wir eine „genderkonforme“ Profession verfolgen; und dieselben Rollenbilder können uns andererseits Steine in den Weg legen, wenn wir versuchen, einen für unsere soziale Gruppe unüblichen Beruf auszuüben. Dann stellen wir fest, dass wir oft nicht ganz ernst genommen werden in unserem Beruf, dass wir uns häufig stärker beweisen müssen, um uns unseren Respekt zu erkämpfen und dass wir unsere bloße Existenz in einer Branche, in der wir bspw. aufgrund unseres Genders unterrepräsentiert sind, vor Anderen rechtfertigen müssen.

Ich persönlich habe regelmäßig erlebt, dass Vorgesetzte, Kolleg*innen und Hiring-Manager*innen meine technischen Fähigkeiten tendenziell erst einmal unterschätzen und dass meine Arbeit in Open-Source-Communities und das Sprechen auf Konferenzen ein notwendiger Beitrag zu meiner professionellen Selbstentwicklung ist, um mich als “echte” Entwicklerin zu behaupten.

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten?

Solange wir keinen echten Wandel in der IT-Industrie sehen, werden wir die Diversity-Debatte auch nicht im positiven Sinne hinter uns lassen können.

Ja definitiv. Wenn mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten würden, wäre es auch für Unternehmen sehr viel einfacher, kompetente und diverse Teams zusammenzustellen. Studien zeigen, dass diverse Teams – und vor allem diejenigen, die eine diverse Fuehrungsriege haben – produktiver sind und dass Unternehmen mit diversen Teams höhere Umsätze erzielen (s. auch https://www.bcg.com/en-us/publications/2018/how-diverse-leadership-teams-boost-innovation)

Außerdem denke ich, dass wir in einer Zukunft, in der mehr Frauen am Puls der Innovation arbeiten, besser durchdachte Lösungen für Probleme unserer Zeit finden, weil uns ein diverserer Blick auf die Dinge ermöglicht, Lösungsansätze zu finden, die für Menschen verschiedener Gender funktionieren. Das schließt meiner Meinung nach übrigens nicht nur die Einbeziehung von Cis-Frauen mit ein, sondern ganz besonders auch die von Trans-Frauen und Personen, die ihr Gender nicht-binär definieren. Erst durch die Einbeziehung einer Vielfalt von Menschen ist es in meinen Augen möglich, Probleme in der echten Welt zu lösen, die eben nicht nur ausschließlich Männer betreffen.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Ich hoffe, dass sich mehr Räume für diese Diskussion auftun, damit diese Debatte nicht nur ein Theoretikum bleibt, sondern auch zu echten Ergebnissen führt. Es ist für mich unklar, inwieweit und wie schnell Unternehmen und die Politik Maßnahmen ergreifen werden, um bedeutsame Änderungen in der Industrie umzusetzen.

Das Einzige was für mich feststeht: Solange wir keinen echten Wandel in der IT-Industrie sehen, werden wir die Diversity-Debatte auch nicht im positiven Sinne hinter uns lassen können.

Hast du Tipps für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten?

Der Quereinstieg in die IT-Branche ist möglich[…]

Ich denke, dass es für Mädchen und Frauen jeden Alters wichtig ist, zu verinnerlichen, dass für sie eine Karriere im IT-Bereich eine echte Möglichkeit ist: trotz des bisher geringen Anteils an Frauen in der Industrie und ganz unabhängig davon, wie stark ihr bisheriger, persönlicher Bezug zur Technik ist. Technische Kompetenzen sind nicht “angeboren”, können zu jedem Zeitpunkt in der eigenen Karriere aber entwickelt werden. Der Quereinstieg in die IT-Branche ist möglich (und sehr üblich!) und sogenannte “Soft” Skills sind mindestens genauso wichtig für eine erfolgreiche Laufbahn in der Tech-Industrie, wie sogenannte “Hard” Skills.

Meiner Meinung nach ist es auch wichtig, seine eigene Gemeinschaft von Gleichgesinnten in der Branche zu finden. Möglicherweise findet sich ein lokales Meetup zum Thema Women in IT, eine diverse und inklusive Open-Source Community online oder eine Lerngruppe für Frauen, die sich mit denselben technischen Themen auseinandersetzt, an denen man selbst Interesse hat. Die Teilnahme an Communities, in denen man sich willkommen und repräsentiert fühlt, war für mich persönlich eine unschätzbare Bereicherung für meine professionelle Entwicklung und ich bin überzeugt, dass dies auch ein entscheidendes Hilfsmittel für diejenigen ist, die heute in die Tech-Branche einsteigen möchten.

Schließlich möchte ich Frauen, die den Einstieg in die Tech-Branche suchen, raten, sich nicht von negativen Botschaften Anderer beirren zu lassen und stets in die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Wenn man sich von Kolleg*innen nicht ernstgenommen fühlt oder eine Arbeitsumgebung nicht den Raum schafft, sich beruflich weiterzuentwickeln, ist das allzu häufig ein Spiegel der “Biases” Anderer und nicht der eigenen Fähigkeiten als Entwicklerin. Habt Mut, zu kündigen, wenn ihr Sexismus oder Transphobie am Arbeitsplatz begegnet, und wechselt Jobs so oft wie nötig, bis ihr eine Position gefunden habt, in der ihr euch ernsthaft professionell weiterentwickeln könnt. Findet den Mut und sammelt die Ressourcen, um euer eigenes Unternehmen gründen zu können, um so die Konditionen eurer Arbeit noch besser selbst bestimmen zu können.

Geschrieben von
Ann-Cathrin Klose
Ann-Cathrin Klose
Ann-Cathrin Klose hat allgemeine Sprachwissenschaft, Geschichte und Philosophie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz studiert. Bereits seit Februar 2015 arbeitete sie als redaktionelle Assistentin bei Software & Support Media und ist seit Oktober 2017 Redakteurin. Zuvor war sie als freie Autorin tätig, ihre ersten redaktionellen Erfahrungen hat sie bei einer Tageszeitung gesammelt.
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