Interview mit Jennifer Pankratz

Women in Tech: „Jede Veränderung braucht Vorreiter, Toleranz und Zeit.“

Jean Kiltz

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Jennifer Pankratz, Storywriterin, Gamedesignerin und PR-Mitarbeiterin bei Piranha Bytes.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Jennifer Pankratz

Jennifer Pankratz ist seit über einem Jahrzehnt als Storywriterin, Gamedesignerin und im Bereich PR bei der Computerspieleschmiede Piranha Bytes beschäftigt. Als gelernte Sozialpädagogin ist sie klassische Quereinsteigerin und hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. Durch den Einstieg über die QA ist sie dafür verantwortlich im Team, Charaktere, Geschichten, Quests und Spielemechaniken zu entwickeln, zu dokumentieren und umzusetzen. Die Spiele an denen sie mitgewirkt hat, wurden inzwischen weltweit mehrere Millionen mal verkauft und prämiert. Neben Ihrer Arbeit, war Jennifer bereits mehrfach Jurymitglied beim deutschen Computerspielpreis.

Seit wann besteht Dein Interesse für die Tech-Branche?

Dank meines Vaters saß ich schon als Kind in den 80ern an seinem C64 und später dann an seinem Amiga. Mein Vater hat mir gezeigt, wie man Computer auseinandernimmt und wieder zusammenbaut und ich habe damals schon sehr gerne Computerspiele gespielt. Dieses Hobby habe ich bis heute behalten und spiele auf dem PC oder diversen Konsolen immer noch sehr gerne.

Darüber hinaus habe ich mir meine Kindheit über jedoch nie vorstellen können, dass man mit solch einem Hobby auch Geld verdienen kann und habe zunächst eher soziale Berufe ins Auge gefasst.

Wie verlief Dein Weg bis zum jetzigen Job?

Mit dem richtigen Sparringspartner ist jeder Weg einfach viel leichter.

Nach dem Abitur habe ich einen helfenden Beruf gewählt und „Soziale Arbeit: Beratung und Management“ an der Universität Duisburg-Essen studiert. Nach meinem Diplom habe ich etwa drei Jahre lang in einer Justizvollzugsanstalt gearbeitet. Auch wenn die Arbeit dort spannend und wichtig war, ging sie mir zunehmend nahe und ich wechselte für etwa ein Jahr in die Arbeiterwohlfahrt in Delegation für das Jugendamt. Da erging es mir jedoch auch nicht viel besser und durch eine unglaublich glückliche Fügung bin ich schließlich über Vitamin B bei Piranha Bytes gelandet und habe mein Hobby zum Beruf gemacht.

Ein paar Freunde haben damals schon bei Piranha Bytes gearbeitet und sie suchten eine/n Tester/in. So habe ich 2008 in der QA (Quality Assessment) angefangen und später dann Fähigkeiten im Bereich Gamedesign und Story dazugelernt.

Gibt es Personen, die Dich unterstützt haben?

Neben meinen Eltern, die mir immer ihr Vertrauen geschenkt haben, hat mich vor allem mein Mann unterstützt. Er hat mir nicht nur geholfen, eine Anstellung bei Piranha Bytes zu finden, sondern auch immer an meine Fähigkeiten geglaubt. Mit dem richtigen Sparringspartner ist jeder Weg einfach viel leichter. Er ist als Projektleiter bei Piranha Bytes bis heute ungewöhnlicherweise nicht nur mein Vorgesetzter sondern auch ein kreativer Wegbegleiter. Wir arbeiten auch heute noch im selben Büro und tauschen Ideen aus.

Hat man Dir Steine in den Weg gelegt?

Tendenziell hat mir die Tatsache, dass ich eine Frau bin, eher geholfen, […]

Es gab zwar hier und da ein verwundertes Gesicht, wenn ich gesagt habe, dass ich nun Computerspiele entwickle, aber diese waren eher von Unwissen und Neugier begleitet. Vielen Menschen muss ich heute noch erklären, dass ich keine Programmiererin bin, da die Entwicklung eines Computerspiels weit mehr Bereiche als diesen umfasst.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich jemals irgendwo in der Branche nicht willkommen gefühlt habe. Tendenziell hat mir die Tatsache, dass ich eine Frau bin, eher geholfen, weil ich Menschen schneller in Erinnerung geblieben bin.

Als ich bei Piranha Bytes angefangen habe, war ich die erste Frau. Das machte in meiner Wahrnehmung aber gar keinen Unterschied. Mittlerweile sind wir fünf Frauen hier in unterschiedlichen Bereichen und es könnten noch mehr sein, wenn sich auch mehr Frauen auf offene Stellen bewerben würden.

Was machst Du bei deiner jetzigen Firma genau?

Heute designe ich Charaktere und Quests, schreibe Dialoge, denke mir Rätsel aus und setze sie um und mache auch Öffentlichkeitsarbeit. Inhaltlich besteht meine Arbeit also vielmehr aus kreativen Anteilen, denn aus technischen. Programmieren kann ich bis heute nicht, das werde ich für meinen Beruf aber vermutlich auch nie brauchen. Viel wichtiger sind Kenntnisse im Bereich Gameplay und ein gutes Bauchgefühl dafür, was Spaß macht und was nicht.

Wenn ich kann, bleibe ich so lange wie möglich bei Piranha Bytes und entwickle hier weiter Rollenspiele. Mittlerweile arbeite ich am fünften Projekt mit und meine Arbeit sieht je nach Projektphase anders aus. Da unsere Spiele sehr groß sind und wir nur an einem Spiel zur selben Zeit arbeiten, brauchen wir für ein Open World RPG etwa 3-4 Jahre Entwicklungszeit.

Zu Beginn bin ich also in Designprozessen involviert und in der Dokumentation, später dann in der Implementation und am Ende auch im Marketing. Unser Team umfasst etwa 30 Leute und ist eher als familiär zu betrachten. So arbeiten wir häufig im Team, testen die Sachen der anderen und treffen uns regelmäßig in Meetings oder in der Homeoffice-Zeit im Teamspeak.

An welchen Projekten hast Du bereits mitgearbeitet?

Bei Risen (2009) war ich vorrangig im Bereich QA tätig, bei Risen 2 (2012), Risen 3 (2014) und ELEX (2017) habe ich im Story- und Gamedesignbereich mitgearbeitet. Jetzt arbeite ich an einem Projekt, das noch nicht veröffentlicht wurde. In den letzten 12 Jahren war ich auch kurzzeitig im Mutterschutz, da wir mittlerweile zwei Kinder haben. Das war jedoch sehr unproblematisch und familienfreundlich in unserer Firma, da ich meine Arbeitszeiten nach Bedarf anpassen konnte und auch in der Elternzeit auf geringfügiger Basis stundenweise weiter arbeiten konnte. So war ich immer im Projekt und hatte dennoch genügend Zeit für die Kinder. In anderen Berufen sieht die Flexibilität sicher ganz anders aus.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Ich vermute, dass immer noch viele Berufe in der Computerspielebranche nicht sehr bekannt sind, da sie mit Programmierern verwechselt werden. Man müsste also am Bekanntheitsgrad der unterschiedlichen Bereiche arbeiten. Denn wenn ich technisch affin bin und beispielsweise gut zeichnen, Musik machen, schreiben, 3D-Modelle erstellen, animieren oder Effekte erstellen kann oder Interesse habe, genau das zu lernen und gerne kreativ im Team arbeite, dann ist die Branche ebenfalls interessant. Vermutlich kommen viele Mädchen und auch Jungen immer noch nicht auf diese Idee. In meiner Wahrnehmung wird es allerdings langsam mehr.

Darüber hinaus sind viele Arbeitsplätze im Bereich der Computerspieleentwicklung leider häufig immer noch unsicher, da man von Projekt zu Projekt arbeitet, die Finanzierung eines Projektes nicht immer einfach ist und man im Zweifel für einen Arbeitsplatz Reisebereitschaft mitbringen muss. Das passt nicht immer zu einem Modell mit Eigenheim oder Familie. Ich hoffe, dass es in der Zukunft mehr sichere Arbeitsplätze für Entwickler in Deutschland gibt, wenn sich auch noch mehr Firmen in der Branche langfristig etablieren.

Welche Stereotypen sind dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet?

Ich glaube, so gut wie jede Branche profitiert von Diversität.

Interessanterweise habe ich in meinem alten Beruf mehr mit Genderklischees zu kämpfen gehabt, wie zum Beispiel: „Frauen gehören nicht in den Knast“.

In der Computerspielebranche habe ich in meinem direkten Umfeld keine Erfahrungen mit Vorurteilen bezüglich meines Geschlechts gemacht. Ich habe jedoch von sexueller Belästigung in anderen Firmen gehört. Insbesondere nehme ich Übergriffigkeiten regelmäßig z.B. auf Social-Media-Kanälen wahr, wenn Frauen aus der Branche zum Beispiel Probleme mit Beleidigungen, Stalkern oder sexueller Belästigung haben.

Dieses Problem ist jedoch aus meiner Sicht nicht spezifisch für die Computerspielebranche, sondern in vielen Bereichen ein generelles Thema, was weiter besprochen und gelöst werden sollte.

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten?

Lass dich nicht verunsichern und folge deinem Bauchgefühl.

Ich glaube, so gut wie jede Branche profitiert von Diversität. Extreme sind aufgrund Ihrer Einseitigkeit tendenziell eher schlecht. Deshalb ist ein Team, das bunt zusammengemischt ist mit erfahrenen und jungen Leuten, Menschen mit unterschiedlicher Herkunft oder unterschiedlichem Geschlecht häufig breiter gefächert und bildet unsere Gesellschaft auch besser ab. Neue Ideen bringen der Tech-Branche sicher auch mehr frischen Wind und Innovationen. Dabei sehe ich den Fokus der Teamzusammensetzung aber vor allem bei gesundem Wachstum, damit das Team auch zusammenwachsen kann und sich nicht aufreibt. Es hat bei unseren Stellenausschreibungen nie eine Rolle gespielt, welches Geschlecht, Herkunft etc. ein Bewerber oder eine Bewerberin hat, sondern ob die Person Spaß hat, an dem was wir machen und ins Team passt. Wir vertreten die Philosophie, dass wenn man selbst Spaß am Entwickeln hat, die Spieler auch Spaß am Spiel haben. Das waren auch unsere Erfahrungen in der Vergangenheit.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Das wäre vielleicht ein wenig zu optimistisch. Ich habe jedoch das Gefühl, wir sind da auf einem guten Weg. In den letzten 30 Jahren war stetig zu beobachten, dass typische Männer- und Frauenberufe etwas „aufweichen“. Jede Veränderung braucht Vorreiter, Toleranz und Zeit. Ich denke, das ist hier auch der Fall und die nächste Generation sieht sicher schon wieder bunter aus. Es ist jedoch an uns, weiter darauf zuzuarbeiten, jeden Willkommen zu heißen und allgemein in der Gesellschaft weiter an der Problematik der sexuellen Belästigung und anderer Übergriffigkeiten zu arbeiten und sie aufzudecken.

Hast Du Tipps für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten?

Mein Rat gilt sicher für alle Interessierten der Computerspieleentwicklung. Viele Bereiche kann man sich bereits im Internet mit unterschiedlichen Tools und Tutorials ansehen, um herauszufinden, was einem liegt. Mach dich schlau, geh auf Veranstaltungen, trau dich, Menschen aus der Branche anzusprechen und deine Fragen zu stellen. Lass dich nicht verunsichern und folge deinem Bauchgefühl.

Geschrieben von
Jean Kiltz
Jean Kiltz ist seit März 2020 Redakteur bei Software & Support Media. Er hat Geschichte und Kulturanthropologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz studiert. Danach war er beim ZDF als First-Level-IT-Support angestellt.
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