Interview mit Idit Levine, Gründerin und CEO von Solo.io

Women in Tech: „Zögert nicht und nehmt kein Blatt vor den Mund.“

Chris Stewart

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Idit Levine, Gründerin und CEO von Solo.io

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech:Idit Levine, Gründerin und CEO von Solo.io

Photos by Colson Griffith Photography – www.colsongriffith.com

Idit Levine ist die Gründerin und CEO von solo.io. Sie ist ein ehemalige CTO für die Cloud-Management-Division bei EMC und Mitglied des Global CTO-Büros, wo sie sich auf Management und Orchestrierung (M&O) über den gesamten Stack, Microservices, Cloud-native Anwendungen und PaaS konzentriert.
Idit war von der Cloud fasziniert, als sie als eine der ersten Mitarbeiterinnen zu DynamicOps (vCAC, jetzt Teil von VMware) kam. Anschließend war sie an der Entwicklung der öffentlichen Cloud der nächsten Generation von Verizon Terremark beteiligt und fungierte als amtierende CTO bei Intigua, einem Startup-Unternehmen mit Schwerpunkt auf Container- und Managementtechnologie.

Idit schloss ihr Studium an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan mit einem Bachelor of Science in Informatik und Biowissenschaften ab.

Wie entstand dein Interesse an der Technik?

Mit etwa 18 Jahren brachte ich mir das Coden selbst bei. Doch die Technologie begeisterte mich bereits am College, als ich an einer von Daten gesteuerten Modellierung von Virusinfektionen gearbeitet hatte – was heutzutage sehr nützlich hätte sein können!

Wie verlief dein Weg in den Beruf?

Vor meiner Karriere im Technologiebereich habe ich in Europa professionell Basketball gespielt. Meine technische Karriere begann eigentlich während des Studiums, mit einem Doppelstudium der Informatik und Biologie, was zu meiner ersten Rolle als Softwareingenieurin führte.

Meine Karriere begann in Israel, bevor unsere Familie nach Südkalifornien zog und sich schließlich in Massachusetts niederließ. Ich war Softwareingenieurin bei mehreren Start-ups und großen Technologieunternehmen, was mir ein breites Spektrum an Erfahrungen und Perspektiven bot. Zuletzt war ich als CTO der EMC Cloud Management-Abteilung und als Mitglied des globalen CTO-Büros tätig. Bei EMC verbrachte ich viel Zeit direkt mit Kunden und gründete den Pivotal Dojo, in dem ich mit neuen Open-Source-Projekten arbeiten konnte und miterlebte, wie schnell diese voranschreiten und wohin die Softwareentwicklung geht. Ich beobachtete das Spannungsfeld, eine Balance zwischen der vorhandenen Enterprise-Technologie eines Unternehmens und der aufkommenden Cloud-nativen Open-Source-Software zu finden. Das hat mich dazu bewogen, Solo.io zu gründen.

Als erstmalige Gründerin, Frau und jemand, der nicht in Silicon Valley ansässig war, hatte ich in der Anfangszeit Probleme bei der Finanzierung. Das ist keine wirklich neue Geschichte und eine, die wir alle schon einmal gehört haben. Wir können uns glücklich schätzen, dass die Investoren, mit denen wir letztendlich eine Partnerschaft eingegangen sind, unglaublich sind – sie glauben an mich, an die Vision von Solo.io und an das Unternehmen und waren eine enorme Hilfe, während wir das Unternehmen skalieren.

Hattest du Unterstützung? Wie sieht es mit deinen Vorbildern aus?

Meine Familie hat die Gründung von Solo.io sehr unterstützt. In den ersten Tagen haben alle mit angepackt, um das Unternehmen auf den Weg zu bringen, die erste Website einzurichten, die Projekte zu benennen oder Flüge zu buchen – mein Mann und meine Kinder halfen bei allem.

Wenn ich an Vorbilder denke, denke ich an meine Großmutter. Als meine Geschwister und ich noch sehr jung waren, passte meine Großmutter auf uns auf, während unsere Eltern arbeiteten. Sie war eine starke Frau, die viele Entbehrungen ertragen musste und obwohl sie nur die Schule bis zur 3. Klasse besucht hatte, verbrachte sie einen Großteil ihrer Zeit damit, uns zu unterrichten und zu erziehen. Mein Mann war derjenige, der mir den Anstoß gab, in die Technologie vorzustoßen. Ich kann mich da noch an ein sehr bestimmtes Gespräch erinnern, das vor langer Zeit stattfand, in dem er seinen Doktortitel erhielt. Während ich darüber klagte, montags zur Arbeit gehen zu müssen, war er hingegen begeistert, da er seine Arbeit über alles liebte. Das war mein Weckruf und ich machte mich auf die Suche, um herauszufinden, was meine eigene Leidenschaft war.

Hat man dir jemals Steine in den Weg gelegt?

Im Laufe der Jahre hatte ich es mit Konkurrenten und beruflichen Rivalen zu tun und ich kann nicht sagen, dass alle meine Kollegen mich immer unterstützt hätten. Aber ich begrüße das Wettbewerbsumfeld und glaube, dass es Spitzenleistungen fördert, solange jeder fair behandelt wird.

Ein Tag aus dem Leben von Idit

Ich bin Gründerin und CEO von Solo.io, einem Unternehmen, das Open-Source- und Enterprise-Software entwickelt, die Unternehmen bei der Einführung und dem Betrieb innovativer Cloud-nativer Technologien wie Microservices, Serverless und Service Mesh unterstützt. Als technische Gründerin leite ich die Produktvision und -entwicklung für unser gesamtes Portfolio an Open-Source- und kommerziellen Lösungen. Es gibt keinen „typischen Arbeitstag“, abgesehen davon, dass jeder Tag immer vollgepackt ist mit Meetings oder Anrufen mit dem Team, Kunden, Partnern und führenden Vertretern der Open-Source-Community – zusätzlich zur Erziehung von drei Kindern mit meinem Mann.

Worauf bist du besonders stolz in deiner Karriere?

Ich bin sehr stolz auf Solo.io, mein unglaubliches Team und auf das, was wir hier aufbauen. Dies ist die Kulmination der Erfahrungen, die ich im Laufe meiner Karriere gesammelt habe. Wir haben eine klare und aufschlussreiche Vision davon, wohin sich der Raum der Cloud-Infrastrukturen entwickeln wird und wir schaffen Technologien, die Unternehmen dabei helfen, sich in dem Tempo in diese Richtung zu bewegen, das ihren Bedürfnissen am besten entspricht. Ich bin besonders stolz auf die großartigen Beziehungen, die wir sowohl innerhalb unseres Teams als auch zu unseren Endbenutzern, Kunden und Partnern aufgebaut haben.

Ich begrüße das Wettbewerbsumfeld und glaube, dass es Spitzenleistungen fördert, solange jeder fair behandelt wird

Wieso gibt es so wenig Frauen in der Tech-Branche?

Es ist allgemein bekannt, dass die meisten Leute dazu neigen, Menschen, die sich selbst ähnlicher sind, aufmerksamer und hilfsbereiter zu begegnen, und jeder fühlt sich wohler, wenn man in einer Umgebung arbeitet, in der man nicht „der Sonderling“ ist. Beide Aspekte schränken die Diversität im Allgemeinen ein und behindern insbesondere die Beteiligung von Frauen im technischen Bereich. Aber ich denke, dass viele Technologieunternehmen, Konferenzen und Artikel (wie dieser hier) das Richtige tun, indem sie eine facettenreichere Gruppe von Menschen vorstellen. Indem wir die großen Talente, die bereits hier sind und die erstaunliche Arbeit, die sie leisten, hervorheben, können wir neue Frauen für diesen Bereich gewinnen.

Welche Hürden müssen Frauen in der Tech-Branche überwinden?

Es ist offensichtlich schwieriger für Frauen, in einem von Männern dominierten Umfeld sichtbar zu sein und ihre Meinung zu äußern. Das ist wirklich schade, denn ein breiteres Spektrum an Perspektiven ist ein enormer Innovationsmotor!

Für mich ist das insofern interessant, da ich als Erwachsene aus Israel in die USA immigriert bin. Der kulturelle Unterschied hat mir vielleicht dabei geholfen, einige dieser potenziellen Hindernisse zu umgehen. In Israel, wo ich herkomme, dienen alle Männer und Frauen gleichermaßen im Militär und wir sind für unseren direkten Sprachstil bekannt, unabhängig von Geschlecht oder Rang. Deshalb habe ich nie gezögert oder mich davor gefürchtet, etwas zu sagen oder Fragen zu stellen. Ich denke, dass das die Leute manchmal etwas überrumpelt. Es ist jedoch wirksam, die richtigen Leute ins Gespräch zu bringen.

Würde unsere Welt mit mehr Frauen im Tech-Bereich anders aussehen?

Natürlich. Je mehr Perspektiven und Erfahrungen wir zusammenbekommen, desto mehr und unterschiedlichere Ideen treffen aufeinander und fördern Originalität, Kreativität und Innovation.

Die Diskussion über Diversität gewinnt an Dynamik. Wie lange wird es dauern, bis die Ergebnisse der aktuellen Debatte vorliegen?

Die Diskussion zu führen ist großartig, aber es ist auch wichtig, bereits sichtbare Veränderungen zu sehen, die dazu beitragen, dass sich Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen in unserer Branche willkommen fühlen. Diese Veränderungen haben begonnen, aber die Ergebnisse sind je nach Branche unterschiedlich. Im Cloud-native/Open-Source-Ökosystem sehen wir mehr Frauen und People of Color in Führungsrollen und in öffentlichen Foren. Dies signalisiert anderen, dass alle zu dieser Gemeinschaft gehören.

Welche Ratschläge (und Tipps) würdest du Frauen geben, die eine technische Karriere anstreben?

Im Cloud-native/Open-Source-Ökosystem sehen wir mehr Frauen und People of Color in Führungsrollen und in öffentlichen Foren. Dies signalisiert anderen, dass alle zu dieser Gemeinschaft gehören.

Habt keine Angst davor, den Mund aufzumachen, Fragen zu stellen, um Hilfe oder eine Einführung zu bitten, eure Meinung zu äußern und eure Perspektive anzubieten. Dies ist etwas, das im Großen und Ganzen für alle gelten kann, die am Anfang ihrer Karriere stehen, was aber insbesondere für Frauen gilt, die ihre technische Karriere beginnen wollen. Ich habe vorhin erwähnt, dass mir dies aufgrund meiner Kultur und Erziehung nie als etwas in den Sinn gekommen ist, das man nicht tun sollte, aber es ist etwas, das mir gut gedient hat. Oftmals sind die Leute froh, wenn sie helfen und zuhören können.

Ich möchte euch ebenfalls darum bitten, dass ihr bereit dazu seid, härter als viele eurer männlichen Kollegen zu arbeiten. Es ist vielleicht nicht fair und in einer perfekten Welt sollte dies auch nicht der Fall sein, aber bis ein neues Gleichgewicht erreicht ist, ist das die Realität. Die einzige Möglichkeit, dies zu ändern, besteht darin, mehr Frauen mit hoher Sichtbarkeit zu haben und es wird harte Arbeit erfordern, dies zu erreichen. Glücklicherweise gibt es bereits viele Frauen im technischen Bereich, die in der Öffentlichkeit präsent sind. Und viele von ihnen werden immer gerne bereit sein, sich vielversprechenden Frauen in jeder Phase ihrer Karriere zugänglich zu machen.

Geschrieben von
Chris Stewart
Chris Stewart
Chris Stewart is an Online Editor for JAXenter.com. He studied French at Somerville College, Oxford before moving to Germany in 2011. He speaks too many languages, writes a blog, and dabbles in card tricks.
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