Interview mit Greta Fest, Frontend Software Engineer, Experience Technology beim Beratungshaus Publicis Sapient

Women in Tech: „Man muss jungen Menschen frühzeitig einen Einblick in die Branche geben.“

Ann-Cathrin Klose

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Greta Fest, Frontend Software Engineer, Experience Technology beim Beratungshaus Publicis Sapient.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Greta Fest

Greta hat ursprünglich Kunst und Gestaltung mit Fokus auf „neue Medien“ an der Hochschule München studiert und dort ihren Master of Arts gemacht. Während des Studiums und des damit einhergehenden Erstellens von WordPress-Seiten ist Greta auf den Geschmack an der Frontend-Arbeit gekommen. Diese Leidenschaft konnte sich in ihrem ersten Job als Junior Creative Developer weiter entwicklen. Inzwischen arbeitet sie bereits seit 2 Jahren als Frontend Developer bei Publicis Sapient.

Seit wann besteht dein Interesse für die Tech-Branche?

Ich komme aus einer sehr Technologie-affinen Familie. Mein Vater hat früher selbst Software entwickelt und arbeitete bereits mit der ersten Mac-Generation. Wir hatten also schon immer einen Computer im Haus. Als Kind habe ich leidenschaftlich gern gezeichnet und gemalt. So habe ich früh angefangen, am Rechner mit unterschiedlichen Gestaltungsprogrammen zu experimentieren. Ich denke, dieser Zugang und die Begeisterung meiner Mutter für meine eher dilettantischen Erstversuche (einige Ausdrucke existieren noch) haben dazu geführt, dass ich nie Berührungsängste mit Technologie hatte.

Wie verlief dein Weg bis zum jetzigen Job?

Ich habe Kunst und Gestaltung mit Fokus auf „neue Medien“ studiert. Im Rahmen meines Bachelorstudiums habe ich diverse Programmierkurse belegt, zum Beispiel einen PHP-Einführungskurs, in dem wir einfache WordPress-Seiten erstellt haben. Man merkt relativ schnell, ob einem diese Übungen Spaß machen. Mir gefiel die Kombination aus analytischem Denken und dem sofortigen visuellen Feedback. Ich habe dann nebenbei angefangen, für Freunde und Bekannte Webseiten zu entwickeln. Damals kam man mit HTML/CSS und ein bisschen JavaScript schon sehr weit. Das Ökosystem rund um Frontend-Technologien war vor ein paar Jahren noch wesentlich überschaubarer als heute. Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann hauptberuflich Programmieren würde. Es war ursprünglich auch keine bewusste Entscheidung. Die Aufgaben in meinem ersten richtigen Job haben sich einfach in diese Richtung entwickelt und ich hatte so viel Spaß daran, dass ich dabei geblieben bin.

Hast du ein Vorbild?

Ein wirkliches Role Model habe ich nicht, aber es gab einige Mentor*innen und Förderer, die meine Karriereentwicklung positiv beeinflusst haben. Dafür bin ich sehr dankbar.

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Hat man dir je Steine in den Weg gelegt?

Nein, ganz im Gegenteil. Vielleicht hatte ich einfach viel Glück, aber ich hatte immer sehr unterstützende Vorgesetzte und Kolleg*innen.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Ich bin seit zwei Jahren als Frontend-Developerin bei Publicis Sapient tätig, einem Beratungsunternehmen für die digitale Business Transformation. In der Regel arbeite ich an einem, maximal zwei unterschiedlichen Projekten gleichzeitig. Der Fokus meiner Entwicklertätigkeit liegt auf Webseiten und browserbasierten Apps. Mein Alltag ist abwechslungsreich und variiert sehr stark, je nach Projektumfang und Kunde. In der Regel gibt es einmal täglich ein Stand-up-Meeting, in dem jedes Teammitglied ein Update zum Arbeitsstand und Tagesvorhaben gibt. Im Anschluss arbeite ich alleine oder mit anderen Entwickler*innen zusammen, habe Abstimmungen mit Designer*innen und Kund*innen. Meine Aufgaben sind ebenfalls sehr vielseitig. Wenn ich beispielsweise neue Features entwickle oder eine API einbinde, muss ich mich oft erst in die Dokumentation einlesen (wenn vorhanden) und viel ausprobieren. So wird es auch nie langweilig.

Hast du selbst etwas entwickelt?

Ich habe diesen Sommer an dem Fellowship-Programm „Tech4Germany“ teilgenommen, einer Initiative, die Menschen aus der Privatwirtschaft mit Ministerien zusammenbringt, um digitale Projekte umzusetzen. Dort habe ich als Teil eines vierköpfigen Teams bestehend aus Product, Design und Entwicklung sowie dem Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz an einem neuen Rechtsinformationsportal für Bürger*innen gearbeitet. Wir haben mit Methoden aus dem Design Thinking einen Click-Dummy und eine Alpha-Version des zukünftigen Portals sowie eine dazugehörige Datenschnittstelle für deutsche Bundesgesetze entwickelt. Ein Produkt, das perspektivisch allen Bürger*innen zugänglich sein soll, hat natürlich einen anderen Fokus als ein kommerzielles Produkt, wie ich es aus meinem Arbeitsalltag gewohnt bin. Dementsprechend unterscheidet sich auch der Tech Stack und die Herangehensweise. Die Erfahrung war wirklich inspirierend und ich kann nur jedem empfehlen, sich in derartigen Initiativen zu engagieren.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Frauen fehlt der direkte Zugang zur Technologie.

Abgesehen von den Geschlechterstereotypen, denen Kinder sehr früh ausgesetzt sind, glaube ich, dass vielen jungen Frauen der direkte Zugang zur Technologie fehlt. Wenn Eltern oder andere Familienmitglieder keinen Bezug zur Informationstechnologie haben, spielt dieser Bereich in der eigenen Karriereplanung mit hoher Wahrscheinlichkeit auch keine große Rolle. In der Schule hat der IT-Unterricht oft eher einen medienpädagogischen Fokus. Dabei wird überhaupt nicht deutlich, welche möglichen Berufe zur Wahl stehen und welche spannenden Perspektiven die Branche bietet. Und um es überspitzt zu sagen: Das von den Medien propagierte Bild des „Hackers“ ist für viele Frauen eher abschreckend und kein besonders attraktiver Lebensentwurf. Um ehrlich zu sein, konnte ich mir lange Zeit auch nicht vorstellen, das Programmieren zu meinem Beruf zu machen. Im Endeffekt ist es aber ein ganz normaler Job, für den Frauen genauso geeignet sind wie Männer. Ich habe geregelte Arbeitszeiten und sitze nicht länger vor dem Bildschirm als meine Kolleg*innen aus dem Projektmanagement oder Design.

Welche Klischees sind dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet?

Das von den Medien propagierte Bild des „Hackers“ ist für viele Frauen eher abschreckend

Der Eindruck, dass Frauen in diesem Bereich „von Natur aus“ weniger Qualifikationen mitbringen oder weniger geeignet sind als Männer, hält sich relativ hartnäckig. Dies liegt vermutlich nur daran, dass es momentan so wenige Frauen gibt, die das Gegenteil beweisen. In Firmen, in denen mehr Frauen technische Berufe ausüben, spielt dieses Klischee selten eine Rolle. Ich selbst hatte glücklicherweise nie den Eindruck, dass man mich für weniger kompetent hält als meine männlichen Kollegen. Zumindest hat man mich das nicht spüren lassen. Allerdings kann die eigene Angst davor, diesem Klischee zu entsprechen, auch wahnsinnig einschüchternd sein. Dies kann dazu führen, dass man überkompensiert, indem man viel mehr arbeitet. Oder die Angst kann lähmend wirken, weil man sich nicht genug zutraut.

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten?

Es ist inzwischen allgemein anerkannt, dass homogene Gruppen weniger erfolgreich sind und dass Unternehmen mit diversen Teams, die möglichst viele unterschiedliche Perspektiven abbilden, finanziell und kulturell profitieren. Nur so lassen sich Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die spezifische Probleme und Bedürfnisse von Nutzergruppen berücksichtigen, die eben nicht weiß und männlich sind. In den letzten Jahren entwickelten sich beispielsweise im HealthTech-Bereich viele tolle Startups, die die weibliche Gesundheit im Fokus haben. Auch bei der Digitalisierung des öffentlichen Sektors ist es immens wichtig, möglichst viele Bürger*innen dazu zu bewegen, aktiv an der Demokratie teilzunehmen und politische Entscheidungsprozesse mitzugestalten. In dem Bereich gibt es aktuell sehr viele spannende Projekte und Produkte, die von weiblicher Kompetenz profitieren. Da Tech-Firmen heutzutage eine enorme gesellschaftliche Macht haben, muss einem Repräsentationsgefälle aktiv entgegengewirkt werden.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Ich hoffe es, aber das wird vermutlich noch eine Weile dauern. Ein wichtiger Schritt wäre den Zugang zu verbessern, indem man Kinder in der Schule mit neuen Technologien vertraut macht und ihnen den Raum gibt, Dinge auszuprobieren. Man muss jungen Menschen frühzeitig einen Einblick in die Branche geben und die vielseitigen Karrieremöglichkeiten aufzeigen. Es gibt in der Tat eine sehr große Bandbreite an Tech-Berufen, die kreativ und sozial sein können, vom technischen Projekt- bzw. Produktmanagement bis hin zum Game-Design. Außerdem gibt es inzwischen viele Low-Code-Plattformen, mit denen man sehr schnell und unkompliziert Prototypen umsetzen kann.

Hast du Tipps für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten?

Ein positives Arbeitsumfeld und Vorgesetzte, die einen unterstützen und mit Wertschätzung begegnen, sind extrem wichtig.

In der Tech-Branche gibt es besonders viele Quereinsteiger. Der Großteil meiner Kolleg*innen sind Autodidakten oder haben etwas entfernt Verwandtes studiert. Das Gute ist, dass man für die Webentwicklung alle Tools online findet. Es gibt zahlreiche Kurse und Tutorials, um sich weiterzubilden. Viele davon werden kostenlos angeboten. Eigeninitiative ist absolut gefragt. Man kann im Selbststudium und mit hinreichend viel Einsatz alles lernen und sollte sich nicht durch Arroganz und Klischees einschüchtern lassen. Auf jeden Fall bedarf es Durchhaltevermögen und Selbstvertrauen. Am besten holt man sich regelmäßig Feedback von Kolleg*innen ein, bevor man dem weit verbreiteten Impostor-Syndrom verfällt. Ein positives Arbeitsumfeld und Vorgesetzte, die einen unterstützen und mit Wertschätzung begegnen, sind extrem wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass diese Personen, besonders am Anfang der Karriere, sogar wichtiger sind als der eigentliche Job. Für den beruflichen Erfolg ist es außerdem hilfreich, sich ein gutes Netzwerk aufzubauen und diese Kontakte zu pflegen.

Geschrieben von
Ann-Cathrin Klose
Ann-Cathrin Klose
Ann-Cathrin Klose hat allgemeine Sprachwissenschaft, Geschichte und Philosophie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz studiert. Bereits seit Februar 2015 arbeitete sie als redaktionelle Assistentin bei Software & Support Media und ist seit Oktober 2017 Redakteurin. Zuvor war sie als freie Autorin tätig, ihre ersten redaktionellen Erfahrungen hat sie bei einer Tageszeitung gesammelt.
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