Interview mit Sohini Roy

Women in Tech: „Entwickelt ein Netzwerk von Menschen, die euch helfen können, an Einfluss und Gewicht zu gewinnen.“

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Sohini Roy, Produktmanagerin bei Canonical.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Sohini Roy, Produktmanagerin bei Canonical

Seit wann besteht dein Interesse für Tech – und wie entstand der erste Kontakt zu diesem Thema?

Meine Liebe zu Technologie und Innovation entspringt meiner Liebe zur Kunst. Meine Eltern haben mich immer ermutigt, die Schönheit der Welt, die mich umgibt, zu entdecken. Daraus ist die Freude entstanden, die sich bei mir einstellt, wenn ich Ideen aus meiner Phantasie in die Realität umsetze. Als Kind sah ich es nicht als Tech- oder Nicht-Tech-Leidenschaften, ich sah nur Werkzeuge, um etwas aus dem Nichts zu erschaffen. Erst als ich ein Sommerprogramm vor dem College besuchte, hatte ich Zugang zu den richtigen Werkzeugen und Software, um Tontechnik und interaktive Musiksoftware zu lernen und damit zu experimentieren.

Wie verlief dein Weg bis zum jetzigen Beruf? Welche unterschiedlichen Karrierewege hast du eingeschlagen?

In meinen zwanziger Jahren probierte ich mich in verschiedenen Jobs aus, um meine Stärken zu testen, neue Fähigkeiten zu entwickeln und eine Rolle zu finden, in der ich mich entfalten kann. Mein Grundstudium absolvierte ich in Materialwissenschaften und Biomedizintechnik. Als ich mein Studium abschloss, hatte ich einige Jahre als Praktikantin und in Labors gearbeitet und zu preisgekrönten Publikationen beigetragen. Ich hatte auch einige Führungspositionen in der Studentenverwaltung übernommen, fragte mich aber, ob ich nicht noch andere Fähigkeiten besitze, die mir helfen würden, mich in anderen Berufen auszuzeichnen. Zunächst versuchte ich mich als Beraterin bei Gesundheitseinrichtungen wo ich der Gemeinschaft durch Technologie effizienter helfen wollte. Frustriert von der Geschwindigkeit, mit der unsere Technologieangebote entwickelt wurden, baute ich schließlich selbst Funktionen für meine Kunden auf. Das führte mich zum Produktmanagement, das, meiner Meinung nach, das Beste aus beiden Welten – Wirtschaft und Technik – vereint.


Gibt es Menschen, die dich auf deinem Weg gefördert haben? Hast du Vorbilder?

Ich erinnere mich an meinen ersten Job, bei dem ich mir ein kleiner Fisch in einem großen Ozean vorkam.

Die Vizepräsidentin meiner Abteilung bemerkte meine Vorliebe, Fragen zu stellen, und nahm mich eines Tages zum Mittagessen mit. Ich fragte sie, was Führung für sie bedeutete, und sie sagte: „Wahre Führung ist, wenn man das Beste aus jedem und jeder um einen herum, über und unter einem, zum Vorschein bringt.“ Ich habe unzählige Vorbilder in der Industrie und in der Geschichte. Die Menschen, die sich meiner Meinung nach am meisten von den anderen abheben, sind diejenigen, die sich als Mentoren für andere eingesetzt haben. Im Gegenzug tue ich mein Bestes, um dies an andere, mit denen ich zusammenarbeite, weiterzugeben.

Wurden dir in deiner Karriere auch bewusst Steine in den Weg gelegt?

Ich bin in ganzen Kursen durchgefallen, mir wurde gesagt, ich sei zu ehrgeizig, man hat mir gesagt, ich solle mir eine neue Karriere suchen, und ich wurde völlig ignoriert. Immer, wenn ich mich als Versagerin fühle oder von der Welt frustriert bin, erinnere ich an eines meiner Lieblingszitate von Randy Pausch, einem Professor meiner Alma Mater: „Mauern sind nicht dazu da, uns fernzuhalten. Sie sind dazu da, uns die Chance zu geben, zu zeigen, wie sehr wir etwas wollen. Denn die Ziegelsteinmauern sollen die Menschen aufhalten, die etwas nicht so sehr wollen. Sie sind dazu da, die anderen Menschen aufzuhalten.“ Ich bin extrem wettbewerbsorientiert. Das treibt mich an, besser zu sein und alles zu geben, besonders nachdem ich versagt habe.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag in deiner aktuellen Position aus?

Ich bin Produktmanagerin bei Canonical, dem Unternehmen hinter Ubuntu, wo ich hauptsächlich für neue Initiativen verantwortlich bin. Ich bin verantwortlich für die Definition und Umsetzung von Produktstrategien, die uns helfen sollen, unsere Marktpräsenz zu vergrößern und als Unternehmen zu wachsen. Ich muss die Marktentwicklungen und Trends am Puls der Zeit verfolgen. Dafür muss ich tief in der riesigen Open-Source-Community verankert sein, um zu verstehen, wie wir die Bedürfnisse unserer Kunden unterstützen können. Dann arbeite ich daran, diese Bedürfnisse in Lösungen umzusetzen, von scheinbar endlosen Brainstorming-Sitzungen bis hin zur Entwicklung mit unseren Ingenieuren, der Umsetzung von Markteinführungsstrategien und der Zusammenarbeit mit Partnern und Verbänden.

Welche Stereotypen sind dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet? Welche Probleme ergeben sich daraus?

Es gibt immer noch das Klischee, dass Frauen mehr im Familienleben aufgehen und sie nicht verlässlich sind, wenn sie dem Job genügend Zeit widmen sollen. Aufgrund möglicher Unterbrechungen in ihrer Karriere, um Kinder zu bekommen oder sich um andere Familienmitglieder zu kümmern, würde es sich nicht lohnen, langfristig in sie zu investieren. Diese Denke ist ein Grund dafür, dass es weniger Frauen in Führungspositionen gibt. Dabei finde ich, dass gerade Positionen in der IT-Industrie Frauen die größte Flexibilität bieten, von zu Hause aus zu arbeiten. Sie können ihren Beitrag zu den Zeiten leisten, die günstig sind, so dass sie für ihre Familien da sein und trotzdem Führungsaufgaben übernehmen und sich entwickeln können. Das fördert auch eine starke Kultur der Work-Life-Balance in einem Unternehmen, die oft fehlt und dazu führt, dass Mitarbeiter ausbrennen, weniger produktiv sind und schnell abwandern.

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten? Was wären die Vorteile und wie würde sich die Arbeitswelt verändern?

Bei der Frage, wie die Welt anders sein könnte oder welche Vorteile daraus entspringen könnten, wenn mehr Frauen im technischen Bereich arbeiten, muss ich an ein Teammeeting denken. Es ging um eine populäre, kostengünstige Computerplatine. Das Team präsentierte eine Folie über die Demographie der durchschnittlichen Anwender, wonach 96 Prozent männlich seien und begann zu diskutieren, wie wir dieses demographische Profil vermarkten könnten. Ich musste die Präsentation abbrechen und sagte, dass es nicht darum gehe, wer Anwender sind, sondern wer sie sein könnten. Aus geschäftlicher Sicht liegen hier eine ungenutzte Chance und ein Marktanteil, der meiner Meinung nach, die Investition durchaus wert sind. Vor allem, wenn man mit den technischen Produkten frühzeitig Loyalität schaffen und einen lebenslangen Fürsprecher für sein Unternehmen gewinnen kann.

Tipps & Tricks

Entwickelt Fürsprecher, Mentoren oder Gleichgesinnte, die anders sind als ihr. Ganz gleich, ob es sich um Personen handelt, die länger im Amt sind oder auch anderen Geschlechts, entwickelt ein Netzwerk von Menschen, die helfen können, Einfluss und Gewicht zu gewinnen. Ihr können das schaffen, indem ihr deren Ideen öffentlich in Meetings unterstützt, sie in Einzelgesprächen kennen lernt, ihnen bei einem ihrer Projekte helft, sie um ihre Hilfe bitten oder dass sie sich für etwas einsetzen, das ihr später einer größeren Gruppe vorstellen werden. Das hat mir nicht nur geholfen, meine eigenen Theorien zu testen und Anleitung zu bekommen. Ich kann damit auch sicherstellen, dass ich männliche Fürsprecher für meine Ideen in einem Raum habe, damit ich nie ignoriert oder vernachlässigt werde.

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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