Interview mit Elke Steinegger, Area VP und General Manager Deutschland, Commvault

Women in Tech: „Die Qualifikation wird pauschal aufgrund des Geschlechts erstmal angezweifelt.“

Jan Bernecke

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Elke Steinegger, Area VP und General Manager Deutschland bei Commvault.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Elke Steinegger

Elke Steinegger besetzt seit August 2020 die Position der Vice President und General Manager bei Commvault Deutschland. In dieser Rolle positioniert sie Commvault als führenden Anbieter und Partner für Datenmanagement für Kunden und Partner auf dem deutschen Markt. Zudem verantwortet Elke Steinegger die Förderung von Wachstum und Marktanteil durch den Aufbau eines effizienten und leistungsstarken Vertriebsteams in Deutschland.

Elke Steinegger hat über 30 Jahre Management-Erfahrung in den Bereichen Sales, Business und Product Development und Service Delivery. Nach ihrem Abschluss in Elektrotechnik arbeitete sie zunächst im Sales-Bereich auf verschiedenen Positionen und sammelte dort wertvolle praktische Expertise. Anschließend war sie in verschiedensten internationalen Technologie-Unternehmen tätig und war vor ihrem Wechsel zu Commvault mehrere Jahre Vice President Enterprise Presales EMEA bei Dell EMC in Frankfurt. Zudem engagiert sich Elke Steinegger in Programmen zu Corporate Social Responsibility und Diversity & Inclusion, ist Mitglied von Aufsichtsräten und führt aktive Beziehungen zu industrierelevanten Gremien und Ausschüssen.

Seit wann besteht Dein Interesse für Tech?

Ich war schon als Kind eher jemand, der Radioempfänger auseinanderbaute statt mit Puppen zu spielen – und zum Glück meiner Familie auch wieder zusammensetzte. Meine Eltern haben dieses Interesse nicht nur erkannt, sondern auch aktiv gefördert, etwa mit Elektro- und Chemiebaukasten zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Als ich entdeckte, wie die Starkstrom-Leitungen Energie über die Berge transportieren, spätestens da war ich von Technik endgültig fasziniert und habe mich für eine technische Ausbildung und Karriere entschieden.

Wie verlief Dein Weg bis zum jetzigen Job?

Nach dem Besuch des Gymnasiums im österreichischen Leoben ging ich an die Höhere Technische Bundeslehranstalt für Elektrotechnik (HTL), wo ich schon mal praktisch in die Industrie hineinschnuppern konnte. Ich hatte schon immer eine Vorliebe dafür, anderen die Funktionsweise und den Nutzen von innovativer Technologie nahe zu bringen. Die Rolle, in der ich beides vereinen konnte, war der Bereich Sales. In den ersten Jahren habe ich mir vor allem bei Siemens in München meine Sporen verdient – und zwar nicht nur an der Vertriebsfront. Ich durfte bereits früh mit vielen Partnern arbeiten, Teams führen und aufbauen und so auch Einfluss auf die Entwicklung meiner Teammitglieder nehmen. Das geht meiner Meinung nach nur, wenn man selbst Technik-Know-how, Qualitätsanspruch und Empathie vereinen kann. Es folgten verschiedene, internationale Stationen in anderen, internationalen Unternehmen in unterschiedlichen Funktionen wie Business Development, Sales, PreSales, Consulting oder Professional Services. Diese Aufgaben wurden dabei stets anspruchsvoller, größer und durchaus komplexer. Ich liebe Herausforderungen und greife auf unterschiedliche Erfahrungen zurück. Aber wenn die Aufgabe zu administrativ wird, der Bezug zu Menschen und Technik verloren geht, wird es für mich langweilig.

Gibt es Personen, die Dich unterstützt haben oder ein Vorbild für Dich sind?

Natürlich hat mich meine Familie von Anfang an unterstützt. Ich lerne gerne und ständig, aber nicht nur von großen Persönlichkeiten. Jeder Mensch ist für mich in diesem Sinne ein Role-Model. Menschen kennen zu lernen, ihre Motivationen und Potentiale zu verstehen, das ist für mich ungemein bereichernd und ich habe bisher aus nahezu jeder Begegnung etwas lernen können.

Mittlerweile bin ich selbst an dem Punkt, dass ich Corporate-Social-Responsibility-Projekte begleite und mich für „Diversity & Inclusion“-Programme einsetze, um andere zu fordern und fördern. Ich engagiere mich auch als Mentor und Coach. Natürlich gab und gibt es immer wieder Frauen, die dabei herausstachen.

Eine Frau, die ich unbedingt nennen möchte, ist Patricia Florissi, die ich in ihrer Rolle als CTO bei Dell Technologies kennen gelernt habe und die heute bei Google ist. Sie versteht es, Familie, Beruf und Technologie zu verbinden. Ihre Passion und ihre Art zu präsentieren oder zu motivieren, auch wenn es mal nicht so gut läuft, finde ich großartig.

An Michelle Obama wiederum begeistert mich, dass sie einfach anpackt, Spaß zeigt an allem, was sie tut, und sich mit viel Empathie daran macht, die Welt zu verbessern und zwar konkret. „Becoming“ ist im Übrigen eines meiner Lieblingsbücher, und sehr zu empfehlen.

Hat man dir Steine in den Weg gelegt?

es ist leider immer noch keine Selbstverständlichkeit, Frauen in den Vorstandsetagen, Aufsichtsräten oder im Senior Management zu positionieren

Zu Beginn meiner Karriere habe ich einige herausfordernde Situationen erlebt, insbesondere wenn ich in klassischen Technologierollen tätig war. Das ging aber schon los, als ich an meinem ersten Tag an der HTL (Höhere Technische Lehranstalt) als einzige Frau in eine Vorlesung marschierte und der Professor mich lieber heim an den Herd schicken wollte. Das hat mich erst recht dazu bewegt, zu bleiben und in mir den Wunsch geweckt, etwas an dieser männerdominierten Branche zu verändern.

Glücklicherweise helfen heute globale WiT-Programme, Compliance und ein breiteres Bewusstsein, achtsamer und respektvoller miteinander zu sein. Dennoch gibt es in diesem Bereich noch viel zu tun und es ist leider immer noch keine Selbstverständlichkeit, Frauen in den Vorstandsetagen, Aufsichtsräten oder im Senior Management zu positionieren.

Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus?

Ich arbeite für einen Technologieführer im Bereich Datenmanagement, Commvault. Als Area Vice President und General Manager leite ich die Geschäfte in Deutschland. Es ist wichtig, dass ich mich sowohl mit unseren Produkten und Services als auch den Herausforderungen unserer Kunden und Partner bestens auskenne. Deshalb besteht ein großer Teil meiner Arbeit darin, mit Menschen über eben diese Themen zu sprechen, passende Teams zusammenzustellen und dafür Lösungen zu entwickeln. In erste Linie höre ich viel zu und versuche Teams zu etablieren, um gemeinsam Lösungen für und mit unseren Partnern und Kunden zu entwickeln.

Arbeitest Du an einem persönlichen Projekt?

Generell sind Netzwerke ein gutes Werkzeug, um gemeinsam mehr zu erreichen.

Selbst entwickelt habe ich im klassischen Sinne nichts, denn ich habe immer für Unternehmen gearbeitet, die tolle Produkte oder Lösungen hatten. Mein Herzensprojekt neben dem Job ist eher sozialer Natur, ich engagiere mich für die PoorPoor Foundation e.V., einem sozialen Netzwerk für die Ärmsten der Armen. Mir persönlich geht es unheimlich gut und davon möchte ich gerne etwas zurückgeben: Wasser und Bildung in Afrika, Zugang zum Gesundheitswesen.

Generell sind Netzwerke ein gutes Werkzeug, um gemeinsam mehr zu erreichen. Ich öffne gerne mein eigenes, wenn ich zum Beispiel Talente sehe, die etwas erreichen möchten, Herausforderungen suchen oder Sparringspartner, um Ideen zu diskutieren. Dabei wiederum lerne ich auch immer wieder, bekomme andere Perspektiven oder Anregungen, Ideen und Meinungen. Das finde ich echt inspirierend.

Welche Stereotypen sind dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet?

Wenn jemand sagt: „Weiß die das? Kann die das? Traut sie sich, Entscheidungen zu treffen?“ Diese Fragen nerven mittlerweile. Die Qualifikation wird pauschal aufgrund des Geschlechts erstmal angezweifelt. Zudem zweifeln Frauen oft selbst daran, ob sie den Anforderungen genügen. Dies führt dazu, dass sich viele Frauen, viel zu wenig zutrauen und es erst gar nicht probieren. Dann heißt es in der Konsequenz oftmals, wir finden ja nicht genügend Frauen.

Was muss sich Deiner Meinung nach ändern, damit mehr Frauen in die Tech-Branche einsteigen?

Für mich ist die Tech-Industrie heute eine der besten Industrien, um sich mit vielen verschiedenen Karrieremöglichkeiten zu befassen. Allerdings müsste viel früher vermittelt werden, wie cool die Inhalte sind, mehr dafür geworben werden, schon in der Schule und dann an den Universitäten. Wir brauchen auch mehr Vorbilder, Erfolgsgeschichten und die Zusammenarbeit mit der Tech-Industrie, wie zum Beispiel durch Praktikumsprogramme oder Internships. Aus der Sicht eines Arbeitgebers sind wir alle gefragt, Stellenbeschreibungen zu modernisieren und mehr die „digitale Art“, Rollen und Verantwortlichkeiten in den Vordergrund zu stellen, um Talente anzuziehen.

Meiner Ansicht nach, werden Frauen ebenfalls Grenzen gesetzt und unter Umständen auch der Druck erhöht, wenn sie das Team „sozialer“ machen sollen, sie „kommunikativ“ sein sollen. Wenn Frauen nicht an der Entwicklung von Produkten, Services und Regularien beteiligt werden, fehlt sowohl die Sichtweise als auch die Innovationskraft der Hälfte der Menschheit.

Ich sehe weltweit viele Führungskräfte, mich eingeschlossen, die Frauen fördern, weil sie sich davon viele Vorteile für Unternehmen versprechen und nicht, weil sie durch Quoten dazu gezwungen werden. Viele Unternehmen wie Microsoft, Google und Commvault schenken dem Thema Vielfalt schon bei der Einstellung von Mitarbeiter*innen viel Aufmerksamkeit und haben gute Initiativen und Programme für WiT ins Leben gerufen.

Und Selbst wenn eine Quote kommen sollte, so brauchen wir noch viele Ambassadeure und auch Role-Models, die jungen Frauen als Vorbilder dienen können. Also wird uns diese Debatte noch eine Weile begleiten, ehe es eine Selbstverständlichkeit wird.

Hast Du Tipps für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten?

Wir alle sind wichtig und können uns einbringen, abweichende Meinungen äußern oder andere Lösungen vorschlagen.

Zweifle nie daran, dass du den Anforderungen gewachsen bist, schließlich wirst du ohnehin ständig dazulernen müssen. Habe Mut und versuche es einfach. Diskutiere von Anfang an mit, zeige dich selbstbewusst, verschaffe dir Sichtbarkeit und Gehör. Wir alle sind wichtig und können uns einbringen, abweichende Meinungen äußern oder andere Lösungen vorschlagen. Hier beginnt für mich bereits die Vielfalt. Und ich empfehle dringend, frühzeitig mit dem Aufbau starker und belastbarer Netzwerke zu beginnen. Knüpft eure eigenen mit Menschen, denen ihr vertrauen und von denen ihr lernen könnt. Unterstützung anzunehmen und um Unterstützung zu bitten ist keine Schwäche, sondern hilft dabei, schneller zu lernen, zu wachsen und effizienter zu werden.

Geschrieben von
Jan Bernecke
Jan Bernecke
Jan Bernecke ist seit 2019 Online-Redakteur bei S&S Media. Zuvor war der rugbyspielende Literaturwissenschaftler im Bereich Online-Marketing tätig.
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