Women in Tech

Warum Coding nicht mehr männlich wirken darf

Rébecca Menat

© Shutterstock / Stokkete

Immer wieder fragen sich die Tech-Welt und ihre Beobachter, warum die meisten Entwickler-Teams größtenteils oder sogar ausschließlich mit Männern besetzt sind. Vielleicht sorgt es auch nur noch für Achselzucken, denn Programmieren ist eben einfach ein „Männerberuf“ – oder?

Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass auch in der Aus- und Fortbildung zum Thema Coding der Frauenanteil im Allgemeinen recht niedrig ist. Auch bei Le Wagon war es nicht anders: Die ersten Coding-Bootcamps bestanden vor einigen Jahren zu 80 Prozent aus männlichen Teilnehmern. Als das Unternehmen wuchs und klar wurde, dass man durch die Absolvent*innen einen Einfluss darauf hat, wie sich die Branche entwickelt, entschied man zu handeln. Man versuchte, das Problem möglichst nah an den Wurzeln anzupacken. Was wurde also getan?

Le Wagon bot seit Beginn sogenannte „Coding Workshops“ an. Dabei handelt es sich um eine Art Schnupperangebot für Interessierte, die sich näher mit Coding auseinandersetzen wollen, bevor sie sich wirklich für ein Bootcamp bewerben. Auch hier fand sich natürlich der “typische” Mix – wenige Frauen, überwiegend Männer. Daher kam die Frage auf: Warum interessieren sich so wenige Frauen für diese Schnupper-Workshops? Liegt es überhaupt am mangelnden Interesse oder fühlen sie sich einfach nur nicht angesprochen? Also wurde entschieden, künftig zusätzlich identische Veranstaltungen anzubieten, jedoch nur Frauen zuzulassen.

Das Etikett macht den Unterschied

Der „Trick“ bestand tatsächlich nur darin, den Events ein anderes Etikett zu geben, ohne an den Inhalten die kleinste Kleinigkeit zu verändern. Die „Women’s Coding Workshops“ wurden von Frauen geleitet, u.a. damit diese von den Teilnehmerinnen als „role model“ wahrgenommen werden konnten. Das Ergebnis war beeindruckend: Sämtliche dieser Workshops waren so gut wie immer ausgebucht. Das führte zu erheblich mehr Bewerbungen von Frauen und letztlich zu einem deutlich höheren Anteil von Teilnehmerinnen bei den Bootcamps. Vor fünf Jahren lag der Frauenanteil bei Le Wagon bei 20 Prozent, heute beträgt er 35 Prozent! In vielen Ländern liegt er sogar bei über 40 Prozent.

Was kann man daraus nun lernen? Offenbar ist es das Image des Programmierens an sich, was viele Frauen davon abhält diesen Karriereweg für sich selbst ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Die Gründe dafür sind komplex, aber sicherlich spielt eine Rolle, dass viele Frauen (mindestens unterbewusst) überkommene Rollenvorstellungen und Klischees zur Tech-Affinität von Männern und Frauen im Hinterkopf haben. Diese verinnerlichen wir nämlich oft schon als Kinder und sie sind in den meisten Gesellschaften ziemlich fest verankert.

Wir müssen die Tech-Kultur verändern – und auch wie sie dargestellt wird

In ihrem Buch „Unlocking the Clubhouse“ präsentieren Jane Margolis und Allan Fisher die Ergebnisse einer Befragung von mehr als 100 Informatik-Studierenden. Die Studie zeigt, wodurch die “gender gap” im Bereich Coding u.a. beeinflusst wird: „Von der frühen Kindheit bis zur Hochschule wird der Umgang mit Computern von Jungen und Männern als ‚Jungssache‘ beansprucht und von Mädchen und Frauen mehr oder weniger passiv an diese abgetreten.“ Das zeigt, wie groß der Einfluss einer Kultur auf die Selbstwahrnehmung der Menschen und ihre Motivation, sich mit einem bestimmten Bereich zu beschäftigen, sein kann.

Wie können wir es aber schaffen, als Akteure in der Tech-Industrie diese Kultur aufzubrechen? Ein Schlüssel liegt mit Sicherheit in der Kommunikation:

  • Wir brauchen mehr „role models“ und müssen diese sichtbar machen. Man kann niemandem nacheifern, der unsichtbar ist. In dem Alter, in dem wir über unsere Ausbildung, über unser Studienfach und unseren späteren Beruf entscheiden, werden wir natürlich von Vorbildern beeinflusst – egal ob im unmittelbaren Umfeld oder durch prominente Persönlichkeiten. Auch wenn diese Forderung (leider) schon alt ist: Wir  brauchen definitiv mehr weibliche Vorbilder, die Mädchen inspirieren können, ihren eigenen Weg zu gehen!
  • Wir müssen Aus- und Weiterbildung im Bereich Coding anders vermarkten. Die University of California at Berkeley hat vor einigen Jahren einen Einführungskurs im Bereich Informatik umbenannt: Aus „Introduction to Symbolic Programming“ wurde  „The Beauty and Joy of Computing“. Mit dieser kleinen Änderung verkaufte die Hochschule das Programmieren als kreativ und anregend und nicht mehr als kühl und abstrakt. Die Folge war, dass im Jahr 2014 zum ersten Mal mehr Frauen als Männer an diesem Kurs teilnahmen. Insofern ist klar: Bei der Vermarktung von Coding im Ausbildungsmarkt können einzelne Formulierungen entscheidend sein!
  • Wir müssen Frauen und unterrepräsentierte Gruppen in die Kommunikation vollständig einbeziehen. Ein guter Startpunkt ist die Verwendung von genderneutraler Sprache auf allen Kommunikationskanälen, um dies schon bald zum Branchenstandard zu machen.
  • Wir müssen den Zugang zur Tech-Welt durch “safe spaces” ermöglichen. Natürlich muss es sich dabei nicht zwangsläufig um Events handeln, die ausschließlich Frauen offenstehen, Le Wagon hat damit jedoch gute Erfahrungen gemacht.

Um es noch einmal zusammenzufassen: Die Tech-Branche muss dringend erheblich stärker darauf achten, wie sie im Allgemeinen und Coding im Speziellen kulturell dargestellt wird. Nur wenn es gelingt, Tech aus der „männlichen Schublade“ herauszuholen, wird sich langfristig eine Veränderung einstellen.

Nur wenn die Mehrheit der Menschen das Programmieren nicht mehr als „Männersache“ ansieht, wird es in den Tech-Teams mehr Frauen geben – und nicht umgekehrt.

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Geschrieben von
Rébecca Menat

Rébecca ist seit acht Jahren in Tech-Startups in führenden Positionen im Bereich Marketing und Kommunikation tätig. Zu Le Wagon kam sie 2018 als CMO und mit dem festen Ziel, den Anteil der Teilnehmerinnen bei den Bootcamps zu erhöhen.

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ReinerAntiBroGrammerSebastian Franck Letzte Kommentartoren
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Sebastian Franck
Gast
Sebastian Franck

Macht doch erst mal mit und fangt dann an zu meckern. Und nicht immer nur umgekehrt.

Wer guten Code einbringt wird auch mehr geschätzt, als jemand, der nur rumopfert.

https://vertx.io/community/

AntiBroGrammer
Gast
AntiBroGrammer

wer „alle Frauen“ in eine Schublade steckt und dann noch „rumopfern“ unterstellt hat den Schuss halt nich gehört

Reiner
Gast
Reiner

Es bewerben sich leider viel zu wenig Frauen

Geeignete Bewerberinnen haben übrigens fast immer einen osteuropäischen oder russischen Migrationshintergrund