Interview mit Carolina Moreno, Vice President of Sales, EMEA & General Manager, South of Europe at Liferay

Women in Tech: „Es gilt die Präsenz von Frauen in Unternehmen in jeder Position zu fördern“

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Carolina Moreno, Vice President of Sales, EMEA & General Manager, South of Europe at Liferay.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Carolina Moreno, Vice President of Sales, EMEA & General Manager, South of Europe at Liferay


Carolina hat nach ihrem Master als Telekommunikationsingenieurin im Jahr 2000 an der Polytechnischen Universität Madrid ihre Karriere bei Vodafone begonnen. Dort hat sie in verschiedene technischen Abteilungen gearbeitet. Seit 2005 koordinierte sie mehrere Projekte auf nationale und internationaler Ebene, bei denen Open-Source-Software als Motor für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung zum Einsatz kam. Aufgrund dieses Interesses an Open-Source-Technologien wechselte sie 2009 zu Liferay. Zu dieser Zeit operierte das Unternehmen hauptsächlich von Los Angeles (CA) aus und war in Europa noch nicht sehr präsent. Dort hat Carolina eine Vielzahl von Führungspositionen sowohl in Südeuropa als auch in der EMEA-Region ausgefüllt.Sie konzentrierte sich dabei auf Wachstum und die Leitung ihrer Teams.

Im Moment ist Carolina Vice President of Sales in EMEA und General Manager für Südeuropa bei Liferay, leitet dort das Marketing und den Produktvertrieb, einschließlich der On-Premise und Paas-Angebote. Liferay ist ein Unternehmen für Open-Source-basierte Digital Experience Platforms. Die Firma entwickelt Software, die Unternehmen aller Größenordnungen dabei hilft, digitale Erlebnisse fürs Web, für mobile Endgeräte und das IoT zu gestalten und damit ein durchgängiges Kundenerlebnis zu schaffen. Carolinas Hauptaufgabe ist, Kunden, Partner und Nutzer dabei zu unterstützen, mithilfe von Liferay-Technologie digitale Transformationsprozesse zu meisten, eine Wertschöpfung zu erreichen und dabei ein herausragendes Arbeitsumfeld zu fördern. Ein Arbeitsumfeld, in dem Menschen wachsen und ihre persönlichen und beruflichen Ziele erreichen können.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Als ich in der Oberstufe war, hatte ich einen Freund, der Telekommunikationsingenieurwesen studiert hat. Er arbeitete an einem Projekt, um isolierte Städte in Afrika zu vernetzen und so den Bürgern Konnektivität und Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. Dieses Projekt hat mir sehr gefallen. Daher habe ich beschlossen, nicht Medizin zu studieren, sondern Ingenieurin zu werden. Damals habe ich gesehen, welche Möglichkeiten Technologie den Menschen bieten kann und ich hatte das Gefühl, dass ich einen persönlichen Beitrag leisten kann. Das habe ich dann auch später in verschiedenen Positionen getan.

Hindernisse

Mein größtes Hindernis war jedoch eher eine „Betondecke“, die ich selbst durch meine persönliche Voreingenommenheit bzw. Vorurteile geschaffen habe.

Ich bin immer wieder auf Hindernisse gestoßen, die auf soziale, aber auch persönliche Vorurteile zurückzuführen sind. Wir alle kennen das Konzept der Gläsernen Decke und auch ich bin in einigen Situationen damit konfrontiert worden. Mein größtes Hindernis war jedoch eher eine „Betondecke“, die ich selbst durch meine persönliche Voreingenommenheit bzw. Vorurteile geschaffen habe. Sie war so massiv und hat dazu geführt, dass ich überzeugt war, für eine Position, einen Wechsel, eine Beförderung oder eine Gehaltserhöhung nicht gut genug zu sein – obwohl ich es faktisch war. Es hat mich einige Zeit gekostet, das zu erkennen. Einmal identifiziert, habe ich gelernt, dieses Hindernis zu überwinden.

Ich habe aber auch Hindernisse in unterschiedlicher Intensität in anderen Situationen erlebt, in denen der Status quo einer Führungskraft oder einer Gruppe von Führungskräften in Frage gestellt wurde. Sowohl Männer als auch Frauen machen solche Erfahrungen. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Begebenheit, in der mir im Hinblick auf eine Beförderung von einem männlichen Kollegen gesagt wurde: „Diese Position passt nicht so gut zu dir. Du wirst viel reisen müssen und nicht genug Zeit für deine Kinder haben. Du solltest dir das noch mal überlegen.“ Ich bezweifle, dass ein Mann mit der gleichen Aussage konfrontiert worden wäre. Bei einem Mann wird viel eher akzeptiert, wenn er viel reist und eine etwaige Beeinträchtigung der Work-Life-Balance ist selten Gegenstand von Diskussionen.

Unterstützung

Meine Familie hat immer an mein Potenzial geglaubt und mich bei jeder Herausforderung unterstützt. Aufgrund dieser Erziehung habe ich die Möglichkeit, dass ich als Frau weniger Chancen auf Erfolg haben könnte, völlig ignoriert. „Du kannst jedes Ziel erreichen, das du dir gesetzt hast, wenn du dafür arbeitest!“ – das ist immer noch ein Satz, der in Gesprächen mit meiner Mutter häufig vorkommt. Und obwohl ich auch unter meinen Freunden, Vorgesetzten und Kollegen Vorbilder gefunden habe, ist meine Mutter, Aurora, die Person, die mich wirklich am meisten inspiriert hat. Sie hat mich gelehrt, mich um Menschen zu kümmern, mit meiner Arbeit Werte zu schaffen, oft zu lächeln, einfühlsam zu sein und nach Höherem zu streben.

Ein Tag aus Carolinas Leben

Einen typischen Arbeitsalltag habe ich eigentlich nicht: Einen Großteil meiner Zeit reise ich durch Europa und treffe meine Teams, Kunden und Partner, beispielsweise in unseren Büros, auf Veranstaltungen oder in Kundenbesprechungen [a.d. Redaktion: Das Interview wurde bereits vor der Pandemie geführt]. Auf diesen Reisen halte ich regelmäßig Vorträge und Vorlesungen. Wenn ich nicht reise, widme ich 60 Prozent meiner Zeit aktuell anstehenden Fragen und Projekten und 40 Prozent der Zukunft:

Aktuellen Dingen, weil ich täglich mit den mir direkt unterstellten Mitarbeitern, Kollegen und Managern spreche und arbeite, um Projekte und Themen, die wir derzeit auf dem Tisch haben, voranzutreiben. Der Zukunft, weil ich den Rest meiner Zeit nutze, um Daten, Berichte, KPIs, Dashboards und vieles mehr zu sichten, um so unsere Performance und Ausrichtung zu messen und zu steuern. Das ist eine Grundvoraussetzung für Veränderungen und essenziell, wenn man als erstklassiges Technologieunternehmen und guter Arbeitgeber mit neuen Plänen und Prozessen den langfristigen Erfolg sichern möchte.

Ich bin stolz darauf,…

dass ich in Organisationen und Unternehmen mit einer starken Vision und hohem ethischen Anspruch gearbeitet habe. Arbeitgeber, bei denen ich die Chance hatte, einen sinnvollen Beitrag zu leisten und für die Kunden, Communitys und Mitarbeiter einen Mehrwert zu schaffen. In einem Unternehmen wie Liferay habe ich die Gelegenheit, ein Arbeitsumfeld zu etablieren, in dem Diversity, Integration und Karrieremöglichkeiten ein wichtiger Bestandteil des Erfolgs sind. Ich bin auch stolz darauf, aktiv am Wachstum beteiligt gewesen zu sein: von einem kleinen Start-up in Diamond Bar, Kalifornien, zu einer Organisation mit über 900 Mitarbeitern und 24 Niederlassungen weltweit.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Ich bin der Meinung, dass wir mehr Frauen in der Technologiebranche haben werden, wenn Unternehmen eine integrative Kultur schaffen, in der sich Frauen (und alle anderen) bei der Arbeit sicher, einbezogen und unterstützt fühlen können. Viele Unternehmen berichten, dass sie sich in hohem Maße für die Geschlechtervielfalt engagieren, doch der Anteil von Frauen auf allen Ebenen bspw. in amerikanischen Unternehmen hat sich kaum verändert. Laut dem Bericht „Women in the Workplace 2018“ (McKinsey & Company) ist der Fortschritt also ins Stocken geraten.

Frauen haben in den letzten 30 Jahren mehr Bachelor-Abschlüsse gemacht als Männer. Es gibt jedoch einen Rückgang weiblicher Angestellter, die nach der Elternzeit in den Job zurückkehren – ein Zeitpunkt, an dem ihre Leistungsfähigkeit in Frage gestellt werden könnte. Das ist vor allem dann der Fall, wenn keine angemessene Work-Life-Balance gewährleistet wird und Frauen (nicht alle) immer noch den Großteil der Verantwortung für die Hausarbeit und die Kinderbetreuung tragen. Dies betrifft in hohem Maße die MINT-Berufe, in denen von den Arbeitgebern häufig ein hohes Maß an Opferbereitschaft und Engagement verlangt wird. Je mehr wir als Gesellschaft Frauen und Männer in ihren 40ern oder 50ern (oder darüber hinaus) als erfolgreiche und glückliche Berufstätige wahrnehmen, – aber auch als fürsorgliche und engagierte Eltern – werden umso mehr Frauen einen MINT-Beruf wählen, um Chefingenieurin, Teamleiterin, Forschungsleiterin in einem medizinischen Labor, Direktorin, COO oder sogar CEO zu werden.

Welche Hürden müssen Frauen heute immer noch überwinden?

Grundsätzlich haben Frauen, meiner Meinung nach, weniger Möglichkeiten bzw. Chancen als Männer.

Grundsätzlich haben Frauen, meiner Meinung nach, weniger Möglichkeiten bzw. Chancen als Männer. Frauen erhalten Beförderungen in der Regel auf der Grundlage von Leistung, während diese bei Männern auf der Grundlage ihres Potenzials erfolgt. Aus diesem Grund müssen Frauen in stärkerem Maße ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen, um Zugang zu den gleichen oder ähnlichen Möglichkeiten zu erhalten. Dieser Nachteil nimmt nach der Mutterschaft noch zu, und für viele Frauen zahlt sich ein größeres Engagement dann nicht mehr aus. Aus diesem Grund muss ein Hauptaugenmerk darauf liegen, unabhängig vom Geschlecht, die gleichen Chancen zu bieten, um die Kluft zwischen den Geschlechtern zu schließen.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass bei Männern die Korrelation zwischen Erfolg und Beliebtheit in der Regel positiv besetzt ist – und bei Frauen aufgrund von Stereotypen negativ. Das ist ein weiterer Faktor, der Frauen zurückhält: Sie müssen aus dem Hintergrund zuschauen, anstatt ein Akteur des Wandels zu sein.

Frauen im MINT-Bereich

Die Welt würde reicher und integrativer werden je mehr Frauen im MINT-Bereich aktiv werden. Die MINT-Arbeitskräfte sollten fair verteilt sein, damit mehr Frauen nützliche wissenschaftliche und technische Innovationen hervorbringen können, die die Bedürfnisse der Hälfte der Bevölkerung (Frauen) berücksichtigen. Darüber hinaus könnte laut Forbes die Geschlechterparität am Arbeitsplatz bis 2025 das jährliche globale Bruttoinlandsprodukt um 28 Billionen US-Dollar (oder 26 Prozent) erhöhen.

Zu guter Letzt möchte ich den Autor und Unternehmensberater Tom Peters zitieren: „Frauen als Führungskräfte. Frauen sind in der Regel integrativer. Frauen neigen dazu, bessere Zuhörer zu sein. Frauen neigen dazu, mehr vom „wir“ als vom „ich“ zu sprechen. Frauen tendieren dazu, sich weniger um Hierarchien zu kümmern. Frauen neigen dazu, sich die Anerkennung zu teilen.“[1]

Meiner Meinung nach ist effektive Führung eine „Wir“-Angelegenheit.

Die Diskussion über Diversität nimmt Fahrt auf. Wie lange wird es dauern, bis wir Ergebnisse der aktuellen Debatte sehen?

Diversity führt zu gehaltvolleren Diskussionen und Ideen und fördert die dringend benötigte Kreativität in der technologischen Welt.

In der Welt der Technologie ist Diversity zunehmend mit mehr Kreativität, Innovation und Produktivität verbunden. Diese positiven Entwicklungen können dazu beitragen, dass Diversity auch in anderen, traditionelleren Sektoren mehr Verbreitung findet.

Es gilt die Präsenz von Frauen in Unternehmen in jeder Position zu fördern. Gleichzeitig ist es wichtig, dort wo Diversity respektiert und gestärkt wird, Talente zu unterstützen und zu fördern: Diversity führt zu gehaltvolleren Diskussionen und Ideen und fördert die dringend benötigte Kreativität in der technologischen Welt.

Tipps & Tricks

Führt euer Leben und eure Karriere mit Leidenschaft!

Mein Tipp ist: Führt euer Leben und eure Karriere mit Leidenschaft! Es ist möglich, eine erstklassige Ingenieurin, CEO oder Vorsitzende zu werden und gleichzeitig ein schönes Leben zu führen. Gebt nicht auf! Wägt eure Optionen ab und arbeitet für Unternehmen und Institutionen, die euch das Gefühl geben, Teil von etwas Größerem zu sein. Versucht, eine gute Mentorin oder einen guten Mentor zu finden, die/der euch bei euren Karriereoptionen berät und euch durch schwierige Zeiten führt. MINT-Berufe können echte Mehrwerte schaffen. Auch ihr könnt ein Teil davon sein: plant langfristig, verlangt Chancen und strebt nach Höherem.

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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Aber wenn sich doch keine Frauen bewerben? Wie weltfremd sind diese Leute eigentlich?