Interview mit Sara Boddy

Women in Tech: „Frauen im MINT-Bereich müssen selbstbewusst sein und ein dickes Fell haben.“

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Sara Boddy, Senior Director F5 Labs.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Sara Boddy

Sara Boddy ist Senior Director beim Technologieunternehmen F5 Labs. In dem Unternehmen für F5 Cloud- und Sicherheitslösungen arbeitet sie seit vier Jahren in der Abteilung für aktive IT-Security Analyse, dem F5 Labs Threat Intelligence Team. Ihr Einstieg ins Thema Technologie: Computerspiele.

Seit wann besteht dein Interesse für Tech – und wie entstand der erste Kontakt zu diesem Thema?

Ich bin Ende der 90er Jahre, drei Wochen nach meinem Highschool-Abschluss, in die Security-Branche eingestiegen. Damals war Security automatisch gleich Netzwerksicherheit – und College-Programme gab es in diesem Bereich überhaupt nicht. Tatsächlich boten nur sehr wenige Colleges überhaupt Informatik an. Ich bekam einen Job als Rezeptionistin bei Conjungi Networks, das zwei Jungs in Seattle gehörte. Sie waren damals mit die fortschrittlichsten Denker im Bereich Security. Wir waren eines der wenigen Unternehmen in der Gegend, das Firewall-Implementierungen, Schwachstellenbewertungen, Penetrationstests oder Reaktion auf Vorfälle durchführte.

Wie verlief dein Weg bis zum jetzigen Beruf? Welche unterschiedlichen Karrierewege hast du eingeschlagen?

Meine Vorgesetzten bei Conjungi sahen Potenzial in mir und ließen mich die Backup-Tapes verwalten. Nach ein paar Jahren führte ich Basiskonfigurationen auf SonicWALL-Firewalls durch, schrieb Arbeitsanweisungen und lektorierte Schwachstellenbewertungen für Kunden. Richtig interessant wurde es, als das Unternehmen an einer verdeckten Operation mit dem FBI bei einem großen Hacker-Erpressungsfall teilnahm, der einen unserer Kunden betraf. Ich war damals vielleicht 21 Jahre alt, und es war eine aufregende Arbeit für mich. Da wusste ich, dass ich mein Leben lang in diesem Bereich tätig sein möchte. Vier Unternehmen und 20 Jahre später arbeite ich immer noch mit Ray Pompon zusammen, der in diesem Fall bei Conjungi die Federführung hatte.

Am Anfang meiner Karriere stand die Beratung. Das bedeutete, ich arbeitete direkt mit Kunden an verschiedenen Arten von Projekten – nicht nur an der grundlegenden Sicherheitskontrolle und -implementierung. Jede Art, auf die man im Security-Bereich scheitern konnte, habe ich aus einer Beraterrolle heraus gesehen. Das war in den frühen Tagen meiner Karriere eine wirklich gute Erfahrung.


Gibt es Menschen, die dich auf deinem Weg gefördert haben? Hast du Vorbilder?

Meine Führungskräfte und Mentoren haben mich immer sehr unterstützt, so dass ich eigentlich keinen Grund hatte, nach einem externen Vorbild zu suchen. Ich glaube, dass Frauen im MINT-Bereich wirklich gut im Netzwerken und gegenseitigen Austausch sind. Wir unterstützen einander.

Wurden dir in deiner Karriere auch bewusst Steine in den Weg gelegt?

Ich hatte das große Glück, in meiner Karriere für Männer zu arbeiten, die sich immer für meine Erfolge eingesetzt haben. Ich musste nie um eine Beförderung kämpfen, und ich hatte immer Führungskräfte, die in mir Potenzial sahen und mich angetrieben haben. Das hat mir geholfen zu wachsen. Mir ist klar, dass nicht viele Frauen die gleiche Unterstützung erhalten.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag in deiner aktuellen Position aus?

Ich habe meinen damaligen Arbeitgeber verlassen, als einer der früheren Manager das F5 Labs Threat Intelligence Team gegründet hat. Das fand ich faszinierend. Ich wollte von der Defense zur aktiven Bedrohungsanalyse übergehen und anderen helfen. Ich war die erste Mitarbeiterin des F5-Labors und jetzt, vier Jahre später, bin ich Teil eines Teams von acht Forschern, die bisher über 300 Studien, Artikel und Thought-Leadership-Blogs veröffentlicht haben.

Hast du bereits selbst etwas entwickelt? 

Nach 12 Jahren Berufserfahrung bekam ich eine Stelle im Bereich Innere Sicherheit bei der Leaf Group. Ich blieb sieben Jahre lang und stieg vom Sicherheitsmanager zum VP für Informationssicherheit und Business Intelligence auf. Während ich dort war, ging das Unternehmen an die Börse, so dass ich ein SOX (Sarbanes Oxley Act)-Programm von Grund auf aufbauen konnte.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche? Welche Hürden müssen Frauen heute immer noch überwinden? 

Es lässt sich nicht leugnen, dass Ingenieurwesen und Technologie von Männern dominierte Branchen sind.

Nach meiner Erfahrung als Kind waren Computer für viele Mädchen einfach nicht interessant, auch weil sie eher für Jungs vermarktet wurden. Ich glaube immer noch, dass Computer und Gaming auf sexistischem Design basieren. Ich erwähne das Spielen ausdrücklich, weil sich viele Kinder so für Computer begeistern. Diese Produkte werden immer noch nicht mit Blick auf Mädchen entwickelt oder vermarktet und ich denke, das trägt zu einem mangelnden Interesse von Frauen bei. Außerdem gibt es meines Erachtens nicht genug Bewusstsein darüber, worum es in diesem Bereich wirklich geht.

Welche Stereotypen sind dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet? Welche Probleme ergeben sich daraus?

Ich denke, die Notwendigkeit, ihren Wert oder ihr Fachwissen unter Beweis zu stellen, ist etwas, mit dem viele Frauen in dieser Branche zu kämpfen haben. Wie jede Frau in diesem Bereich bin ich auch auf Menschen gestoßen, die denken, dass ich als Frau keine Erfahrung habe. ‚Ich habe etwas zu sagen, aber nichts zu beweisen‘: Das sage ich mir immer noch jedes Mal, wenn ich in der Öffentlichkeit auftrete. Frauen im MINT-Bereich müssen selbstbewusst sein und ein dickes Fell haben.

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten?

Ganz einfach: Es ist wirklich cool! Die Branche ist ständig in Bewegung, es wird nie langweilig, und man kann auf globaler Ebene etwas bewirken. Die Menschen haben oft nicht auf dem Schirm, dass wir für einen funktionalen Alltag auf das Internet angewiesen sind – und es ein sehr empfindliches Ökosystem ist, das viel Hilfe braucht. Wir benötigen dringend mehr Frauen in diesem Bereich.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Ich spreche hier für den MINT-Bereich: Die Finanzierung der MINT-Fächer- und Institutionen durch die Technologiebranche ist sehr wichtig. Ich glaube auch, dass wir zur Überwindung des Gender Gaps beitragen, wenn wir tolle Geschichten darüber erzählen, was diese Industrie kann.

MINT muss frühzeitig in der Schulbildung Platz finden.

Es wird vielleicht noch eine Weile dauern, bis wir signifikante Fortschritte im Hinblick auf das Geschlechtergleichgewicht innerhalb der Branche auf allen Ebenen feststellen können, aber ich bin sicher, dass dies geschehen wird. Schon jetzt lernen Mädchen in der Grundschule coden – und so etwas wird auch die Wettbewerbsbedingungen verändern.

Hast du Tipps für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten? Was sollten andere Mädchen und Frauen über die Arbeit in der Tech-Branche wissen?

Es ist wichtig, sich in der lokalen Community zu engagieren. Wenn Sie andere Personen in der Branche kennen, können Sie sich ein besseres Bild von der Branche machen und sich gegenseitig unterstützen, wenn sich neue Stellenangebote ergeben. Unternehmen sollten im Allgemeinen auch eher bereit sein, Leute auf Einstiegsebene einzustellen. Wir bei F5 sind immer auf der Suche nach klugen, neugierigen und ehrgeizigen Leuten, insbesondere wenn sie am Anfang ihrer Karriere stehen. Ich habe viel Erfolg damit gehabt, Leute direkt nach dem College einzustellen. Sie waren immer sehr lernbegierig und wollten schnell Karriere machen, haben einen sehr kreativen Sicherheitsansatz und sind weniger voreingenommen.

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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