Interview mit Alyssa Simpson Rochwerger, VP of Product bei Figure Eight

Women in Tech: “Nehmt Möglichkeiten wahr, seid euch eures Werts bewusst und findet Mentorinnen”

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Alyssa Simpson Rochwerger, VP of Product bei Figure Eight.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Alyssa Simpson Rochwerger, VP of Product bei Figure Eight

Alyssa ist ein kundenoriente Produktleiterin, die sich für Produkte engagiert, die überraschen, erfreuen und neue Werte an den markt bringen. Ihre Erfahrungen in der Produktskalierung vom Konzept bis hin zu großangelegten ROI hat sich sowohl in Start-Ups als auch in großen Unternehmen bewiesen. Als Director of Product bei IBM Watson hat Alyssa direkt sehen können, wie gut durchdachte und hoch entwickelte Datennutzung, die Macht hat, Industrien zu transformieren. In ihrer noch nicht lange zurückliegenden Laufbahn bei IBM hat sie die Entwicklung eines großen KI-Produktportfolio beaufsichtigt, das zudem Vision, Sprache, emotionale Intelligenz und Maschinenübersetzung beinhaltet.

Alyssa kam in San Francisco zur Welt und wuchs dort ebenfalls auf und hat einen BA in American Studies vom Trinity College. Wenn sie nicht mit Daten und Technologie beschäftigt ist, kann man sie beim Wandern, Kochen und Essen in Restaurants finden, die sich abseits der normalen Pfade befinden, zusammen Scout, ihrem Labradoodle.

Wer mehr wissen will, kann ihr auf Twitter und LinkedIn folgen.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Ich hatte meinen ersten Job nach dem Studium in einem Start-Up, im Kundendienst. Es war meine Aufgabe, mit den Kunden zu sprechen und herauszufinden, wie man sie davon abhalten kann, den Service zu kündigen. Mir wurde schnell klar, dass ich einige der Kundenprobleme lösen wollte, von denen ich täglich hörte. Das brachte mich dazu, enger mit den Entwicklerteams zusammenzuarbeiten, und so kam ich in die Technik.

Wie kamst du zu deiner aktuellen Berufslaufbahn?

Ich habe einen geisteswissenschaftlichen Abschluss und habe einen Hintergrund in Design und Fotografie; ich habe schon immer gerne Sachen gebaut und entworfen. Ich habe festgestellt, dass ich gut darin bin, komplexe und mehrdeutige Situationen punktuell zu verbinden und zu navigieren. Zu einem frühen Zeitpunkt habe ich ernsthaft erwogen, mich mit Architektur zu beschäftigen. Das Produktmanagement in der Software gibt mir das Privileg, meine Stärken auszuspielen und beim Entwerfen und Gestalten von Erfahrungen zu helfen, die Menschen nutzen.

Welche Hindernisse musstest du überwinden?

Früher in meiner Karriere musste ich oft das Hindernis überwinden, dass ich, weil ich keinen Informatikhintergrund habe, „nicht technisch genug war“, um meine Rolle zu erfüllen. Ich habe festgestellt, dass es mir immer gut gedient hat, eng mit den Entwicklerinnen zusammenzuarbeiten und genug zu lernen, um eine Bedrohung zu sein.

Hattest du Unterstützung?

Ich erhalte viel Unterstützung von meinen Freunden und meiner Familie! Ich verlasse mich stark auf mein sprichwörtliches Dorf, das mir bei meinen Karriereentscheidungen hilft, mich beruhigt, wenn ich nervös bin und mich generell unterstützt und motiviert. Ich habe zwar keine konkreten Vorbilder, aber es gibt viele Mentoren, auf die ich mich verlasse, um mich in verschiedenen Situationen zurechtzufinden.

Hat jemals jemand versucht, dich vom Lernen oder vom Vorankommen im Beruf abzuhalten

Ja, bei mehr als einer Gelegenheit. Wenn ich beruflich mit Menschen zu tun habe, die mich nicht unterstützen, dann läuft es meist auf ihre Unsicherheit hinaus. Unsicherheit in Bezug auf ihre eigene Arbeitsplatzsicherheit, ihre Fähigkeiten, ihre wahrgenommene Sicherheit oder ihren eigenen Aufstieg. Es ist nicht ungewöhnlich, Fachleuten mit einer Nullsummen-Mentalität zu begegnen. Ich finde es am besten, Mitgefühl für diese Menschen zu haben und nicht zuzulassen, dass ihre Negativität meine eigene Sichtweise beeinflusst. Im Idealfall schafft man Distanz zu negativen oder toxischen Menschen und bahnt sich seinen eigenen Weg. Normalerweise ist es schwierig, diesen Menschen auszuweichen und sich seinen eigenen Weg zu schaffen, aber es ist viel einfacher, sich zurechtzufinden und seinen eigenen Weg zu gehen, wenn man erst einmal herausgefunden hat, wie man an diese Situationen herangeht.

Ein Tag aus Alyssas Leben

Ich leite die Produktmanagement- und Designteams für Appen (das im März 2019 Figure Eight übernahm). Mein typischer Arbeitstag beinhaltet viele verschiedene Aufgaben. Er ist voll mit Meetings und Einzelgesprächen. Ich habe nur sehr wenig Ruhezeit, um mich hinzusetzen und meine Arbeit zu erledigen. Ich helfe bei der Klärung organisatorischer Fragen, manage Strategiediskussionen und arbeite an der Produktpositionierung und Preisgestaltung. Wenn ich nicht gerade an dem Produkt oder der Organisation arbeite, coache ich oft jemanden in zwischenmenschlichen Fragen oder spreche mit Kundinnen und behandle sogar Eskalationen. Kein Tag gleicht dem anderen, deshalb macht es Spaß!

Ich finde es am besten, Mitgefühl mit diesen Menschen zu haben und nicht zuzulassen, dass ihre Negativität meine eigene Sichtweise beeinflusst.

Worauf bist du in deiner Karriere am meisten stolz?

Ich bin sehr stolz darauf, dass ich andere in Führungspositionen bringen konnte – insbesondere Minderheiten oder andere in der Technologie unterrepräsentierte Menschen. Es ist kein Zufall, dass sich mein Team aus Personen zusammensetzt, die aus der ganzen Welt kommen und sich als Immigranten, LGBT, Frauen, People of Color usw. identifizieren. Ich glaube fest daran, dass vielfältige Teams zu besseren Geschäftsergebnissen kommen, die unserer Welt besser dienen. Ich bin stolz darauf, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die Menschen sicher fühlen, sie selbst zu sein und ihre Ideen zu kommunizieren. Daran arbeite ich jeden Tag hart und fördere dies auch weiterhin, da man leicht von dieser Einstellung abkommen kann.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Es ist kompliziert. Es gibt keine einfache Antwort, und das Problem ist gut untersucht und erforscht worden. Ich schaue auf die Forschung, die zeigt, wie allgegenwärtig der kulturelle und gesellschaftliche Druck ist, der bereits in der Mittelschule einsetzt und Frauen von der Technik fernhält. Es gibt Untersuchungen, die eine „Mamma-Steuer“ auf Karrieren nachweisen, und Untersuchungen, die zeigen, wie sich Voreingenommenheit einschleicht und den Aufstieg unterrepräsentierter Menschen behindert. Es gibt nicht mehr Frauen in der Technik, weil es für sie schwierig ist, diese Barrieren zu überwinden, die nicht für alle existieren.

Welche Hürden müssen Frauen heute immer noch überwinden?

Diskriminierung, sexuelle Belästigung und Voreingenommenheit. Ich habe sie alle zu verschiedenen Zeitpunkten in meiner Karriere erlebt. Darüber zu sprechen und es anzuerkennen ist wichtig für den Wandel, und ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass die nächste Generation von Frauen in der Technik nicht mit den gleichen Hindernissen konfrontiert wird.

Es gibt nicht mehr Frauen in der Technik, weil es für sie schwierig ist, diese Barrieren zu überwinden, die nicht für alle existieren.

Würde unsere Welt anders aussehen, wenn mehr Frauen im MINT-Bereich arbeiten würden?

Ja! Einige der Auswirkungen könnten einfache Dinge sein, wie z.B., dass meine Assistentin mich besser verstehen würde, wenn mehr Frauen bei der Entwicklung des Produkts und der Algorithmen, mit denen es betrieben wird, helfen würden. Ich denke, wenn es mehr Frauen in der Technik gäbe, würden die Produkte und Lösungen, die die Industrie entwickelt, einem breiteren Publikum besser dienen.

Die Diskussion über Diversität nimmt Fahrt auf. Wie lange wird es dauern, bis wir Ergebnisse der aktuellen Debatte sehen?

Ich sehe die Ergebnisse von mehr Inklusivität jeden Tag. Ich schaue auch auf die Geschichte, die traurigerweise zeigt, dass der Fortschritt des Wandels langsam ist.

Tipps & Tricks

Seid euch bewusst, dass ihr dazugehört. Seid euch darüber bewusst, dass ihr dringend gebraucht werden und in dieser Branche arbeiten wollt. Nehmt die Gelegenheiten wahr, kennt euren Wert und findet Mentorinnen und Unterstützerinnen, die euch aufhelfen.

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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