Berechtigte Kritik?

Overworked and Underpaid? Warum Start-ups für Entwickler:innen besser sind als ihr Ruf

Rémi Lanvin

© Shutterstock / Roman Samborskyi

Zu wenig Gehalt bei zu vielen Arbeitsstunden, statt tatsächlich hilfreichen Benefits gibt es Bier nach Feierabend, statt Überstundenausgleich einen Kickertisch. Immer wieder hört man derartige Fundamental-Kritik an Start-ups als Arbeitgeber – insbesondere unter Entwickler:innen. Rémi Lanvin, Engineering Manager bei dem HR-Software-Unternehmen Personio, hat in seinem Berufsleben bereits beide Seiten kennengelernt – sowohl Corporates als auch Jungunternehmen. Warum Start-ups trotz allem mehr Chancen bieten als man oft denkt, erläutert er in folgendem Beitrag.

Es ist ein Klischee: Immer wieder bekommen Start-ups ihr Fett weg, weil sich die Mitarbeiter:innen verausgaben, zu viele Stunden schrubben und am Ende nur ein Feierabendbier am Kickertisch bleibt. Arbeitnehmer:innen monieren, dass die Jungunternehmen mit großem Wachstumspotential außer einem Burn-out nicht viel bieten können. Von wegen! Start-ups eröffnen insbesondere den Entwickler:innen ein großes Potential. Hier sind vier Gründe warum, sich ein Start-up im Lebenslauf lohnt:

1. Real Impact

Wer als Entwickler:in in einem Konzern anheuert, kann damit rechnen, dass alles in geregelten Bahnen verläuft. Alles ist stets durchgeplant, ausdiskutiert und von den betreffenden Stellen abgesegnet. Alle Aufgaben sind damit von vornherein klar und abgestimmt – Überraschungen gibt es kaum. Die Kehrseite liegt auf der Hand: Egal was Entwickler:innen auch tun, auf die Richtungsweisung des großen Tankers Großkonzern haben sie so gut wie keinen Einfluss.

In einem Start-up hingegen ist alles im Fluss. Gerade in der frühen Phase ist wenig geplant, im besten Fall gibt es ein Ziel auf das alle hinarbeiten. Im Prinzip bauen Entwickler:innen im Start-up das Schnellboot auf dem sie sitzen, während sie den Motor ersetzen und einen Eisberg umschiffen. Der Vorteil? Es wird dabei alles von Grund auf schnell gelernt und umgesetzt und das meist ohne viel Budget. Das ist ein Skill, den sich jeder und jede Entwickler:in bewahren sollte und von jedem anderen Unternehmen, egal ob Start-up oder Corporate, gerne gesehen wird.

Aber der größte Unterschied ist: Alles was Entwickler:innen in einem Start-up vorantreiben, kann die Richtung des Unternehmens fundamental verändern. So kann der Eisberg nicht bloß umschifft, sondern gar überflogen werden – all dies liegt in der Entscheidungsgewalt der Entwickler:in. Sind wir auf dem richtigen Weg? Großartig! War es ein Fehler? Noch mal von vorn!

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2. Geschwindigkeit

Die Arbeitsweise in einem Start-up erfordert schnelle Reaktionen. Probleme können nicht stundenlang definiert und Zielstellungen formuliert werden. Oft braucht es eine Lösung und das bestenfalls sofort. Das fordert nicht nur Geschwindigkeit von den Entwickler:innen, sondern auch ein effizientes Arbeiten – denn an der nächsten Ecke wartet schon die nächste Herausforderung. Zeit, um nach Perfektion zu streben, bleibt dabei meist auf der Strecke.

In Konzernen sieht das anders aus. Hier werden Probleme sorgfältig umrissen, Kapazitäten eingeteilt und die Rollen verteilt. Überraschungen, was den Workload angeht sind eher die Ausnahme. Ich habe erlebt, dass in einem Start-up während unseres rapiden Wachstums, die Ansätze von gestern, heute nicht mehr funktionieren. Das führte dazu, dass wir uns alle drei bis sechs Monate neu erfinden mussten.

Für Mitarbeitende, die sich in einem gut vorhersehbaren Rahmen bewegen wollen, ist ein Konzern in dieser Hinsicht großartig. Für all diejenigen aber, die sich jeden Tag neuen Herausforderungen stellen wollen, ist ein Start-up die beste Option. Es ist zwar wenig vorhersehbar, aber dafür wird es auch nicht langweilig.

3. Verantwortung

Wenn Hierarchien und Rollen in einem Start-up locker verteilt sind, und dementsprechend wenig stark abgegrenzt, führt dies zu einer besonderen Perspektive für Entwickler:innen: Man übernimmt ein Pionier-Mindset. Da sowieso erwartet wird, eigene Projekte anzugehen, um das Team und das Unternehmen voranzubringen, übernimmt man auch schnell Verantwortung. Dazu gehört, außerhalb der Komfortzone zu arbeiten, aber vor allem Herausforderungen anzugehen, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen.

In einem Konzern arbeiten Software-Architekt:innen an klaren Projekten mit einem klar definierten Scope-of-Work. Über den Tellerrand wird eher selten geblickt, und wenn, dann sollten neue Ansätze und Lösungsvorschläge mit den Führungskräften abgesprochen sein. Wer ein neues Projekt im Sinn hat, muss zunächst um Erlaubnis fragen.

Bei einem Start-up dagegen, wird die Fachexpertise von Entwickler:innen jeden Tag aufs neue herausgefordert. Vielleicht muss man sich schnell Wissen über neue Technologien aneignen. Vielleicht hat man das Gefühl, ein bestimmter Bereich funktioniert nicht ausreichend gut – alle Herausforderungen nimmt man selbst in die Hand. In einem Start-up zu arbeiten bedeutet: Nicht nach Erlaubnis fragen, sondern Verantwortung zu übernehmen.

4. Risiko, das sich auszahlt

Es ist kein Geheimnis, dass die Mehrheit der Start-ups nicht weit kommen. Denn: Nur eines von zehn Start-ups kann sich dauerhaft behaupten und wachsen. Das birgt natürlich auch Risiken für alle Arbeitnehmer:innen.

In einem Konzern stellt man sich diese Frage meist nicht. Doch auch in einem gut finanzierten Start-up mit starker Investoren-Rückendeckung besteht dieses Risiko nicht mehr. Auch hier können Entwickler:innen ihre Karriere langfristig planen und ohne die Gefahr eines kurzfristigen Jobverlustes kalkulieren. Aber Stabilität ist nun einmal auch nicht alles – und selbst wenn Entwickler:innen einen Job verlieren sollten, brauchen sie sich sicherlich am derzeitigen Arbeitsmarkt keine Sorgen um eine erneute Anstellung machen.

Letztlich kommt mit dem Risiko auch ein großer Gewinn dazu: Freiheit und Wachstum. Als Entwickler:in in einem Start-up besteht großes Wachstumspotential – und das nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für einen selbst. Es ist eine Erfahrung, die sich auch ganz persönlich auszahlt: Jeden Tag lernt man Neues, muss kreativ auf Herausforderungen reagieren und wächst über sich hinaus. Das geht nur in einem dynamischen Umfeld, das sich dieses Mindset für die tägliche Arbeit bewahrt.

Fazit: Ein perfektes Umfeld für die richtigen Entwickler:innen

Es wird schnell klar, dass die aufgezählten Argumente, die für die Start-ups als Arbeitgeber sprechen, nur für einen bestimmten Typ Entwickler:innen in Frage kommen. Das Umfeld ist nicht für jeden optimal, und das ist auch okay. Wer klare Strukturen, wenig Überraschungen und definierte Verantwortlichkeiten für sein Arbeitsleben braucht, der ist bei einem etablierten Konzern bestens aufgehoben. Für all diejenigen aber, die sich nach Abwechslung sehnen, eigene Projekte starten wollen und eigenverantwortlich agieren wollen, für die ist ein Start-up ein wunderbares Umfeld, um sich sowohl beruflich aber auch menschlich weiterzuentwickeln. Eine Art Zwischenlösung können Start-ups sein, die die kritische Phase bereits hinter sich haben und kontinuierlich wachsen. Denn diese Unternehmen haben oftmals noch die flachen Hierarchien und – viel wichtiger – das agile Mindset bewahrt.

Die Fundamentalkritik, dass sich Start-ups für Entwickler:innen kaum lohnen, ist weit gefehlt. Ein weiterer Vorteil der Jungunternehmen: Mitarbeitende bekommen immer häufiger auch die Option, sich an Aktienpaketen zu beteiligen. Wer also mit dem Gedanken spielt, bei einem Start-up anzuheuern, dem sei an dieser Stelle empfohlen: Wenn man weiß, worauf man sich einlässt, kann man sich insbesondere als Entwickler:in nicht nur persönlich, sondern auch beruflich enorm weiterentwickeln.

 

 

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Geschrieben von
Rémi Lanvin

Rémi Lanvin ist Engineering Manager beim HR-Software-Unternehmen Personio.

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