Die Krise als Chance

Cloud, Digitalisierung & Home Office: Aktuelle Makrotrends in der Technologiebranche

Mike Mason

© Shutterstock / dani3315

Jedes halbe Jahr bietet die global tätige Softwareberatung ThoughtWorks in ihrem Technology Radar einen Überblick über aktuelle Trends in der Softwareentwicklung. Unternehmer*innen und Entwickler*innen finden darin Techniken, Plattformen, Tools sowie Sprachen und Frameworks, die ihre Aufmerksamkeit verdienen und deren Verwendung sie für ihre Projekte in Betracht ziehen können. Dabei zeichnen sich im Technology Radar übergeordnete Trends in der Technologiebranche ab. Auch der neueste Report befasst sich mit den aktuellen Makrotrends.

Remote bleibt uns auf absehbare Zeit erhalten

Die Covid-19-Pandemie hat große Auswirkungen auf die Technologiebranche und wird aller Wahrscheinlichkeit nach langfristige Veränderungen in diesem Sektor mit sich bringen. Nichts wird je wieder so sein wie vor dieser Krise.

Wer in der Softwarebranche tätig ist, kann zwar bequem von zu Hause aus arbeiten, denn selbst Pair-Programming kann remote stattfinden, wenn man auf Tools, Bandbreite und Zeitzonen Acht gibt. Aber auch die meisten von uns bleiben nicht von der Schließung der Schulen und Kitas und den allgemeinen pandemiebedingten Belastungen verschont. Rücksicht auf die individuellen Umstände ist jetzt besonders wichtig. Nicht alle haben ein gut ausgestattetes Arbeitszimmer oder Kinder, die sich selbst beschäftigen.

In den ersten Wochen mussten die grundlegenden Dinge eingerichtet werden: Infrastruktur, der Zugang hierzu, und die passenden Tools. Das ist mittlerweile geregelt. Die Frage bei der Remote-Zusammenarbeit lautet jetzt nicht mehr: „Geht das überhaupt?“, sondern eher: „Wie machen wir es richtig?“ Und da gibt es viel zu lernen. Viele Menschen merken, dass es anstrengend ist, den ganzen Tag im Videochat zu verbringen, und dass sich die Methoden der persönlichen Zusammenarbeit nicht eins zu eins in die digitale Welt übertragen lassen. Stattdessen muss man sich Gedanken darüber machen, wann Teams online sein sollten, wann die Zusammenarbeit auch asynchron erfolgen kann und welche virtuellen Tools für die eigenen Zwecke am besten geeignet sind.

Die Pandemie führt jeder oder jedem CIO die Schwachstellen der eigenen digitalen Infrastruktur vor Augen. Womöglich gab es beim Online-Umstieg der Kunden Probleme mit Resilienz und Skalierung, oder es erwies sich als schwierig, Änderungen schnell umzusetzen und ergänzende Funktionen einzuführen. Die meisten Organisationen mussten sich eingestehen, dass sie bei Weitem nicht auf dem neuesten Stand sind und suchen nun dringend Anschluss an die „digitale Transformation“.

IT Security Camp
IT Security Camp

Interview mit Christian Schneider zum Thema „DevSecOps“.

DevSecOps ist, bezogen auf Security-Checks, die logische Fortführung der Automatisierung im DevOps-Sinne

Unternehmen, die früher darauf bestanden, dass ihre Mitarbeiter*innen im Büro mit der dortigen Hardware arbeiten müssen, nehmen jetzt eine offenere Haltung ein. An die Stelle persönlicher Treffen sind virtuelle direkte Gespräche getreten. In einigen Fällen ist dies ein großer Vorteil: Großen Beratungsunternehmen steht ein globales Netzwerk aus Expert*innen zur Verfügung und es spielt keine Rolle, wo sich die betreffende Person befindet (nur die Zeitzone ist natürlich zu beachten). Interessant ist, dass Kunden eine Kontaktaufnahme mit diesen Expert*innen schon vor der Pandemie möglich gewesen wäre, die Hürden jetzt aber viel niedriger sind. Da ein persönliches Erscheinen von vornherein ausgeschlossen ist, kann Kunden nun ein/e Berater*in empfohlen werden, der/die nicht vor Ort ansässig ist. Folglich könnte diese Pandemie darin resultieren, dass in der gesamten Branche künftig mehr remote gearbeitet wird, anstatt ständig im Flugzeug unterwegs zu sein.

Prof. Tom Malone (MIT) ist der Ansicht, dass die aktuelle Krise unsere Bereitschaft remote zu arbeiten um zehn Jahre vorangebracht hat und es kein Zurück mehr gibt. Büroflächen in zentraler Lage werden an Wert verlieren, weil die Menschen lieber zu Hause oder in einem kleinen Büro in der Nähe arbeiten werden, als stundenlang zu pendeln. Technologieunternehmen gehen davon aus, dass viele ihrer Mitarbeiter*innen auch nach der Krise im Homeoffice bleiben werden. Bis zu 70 % des Personals könnten dauerhaft von zu Hause aus arbeiten.

Mehr Agilität und Innovation – auch für andere globale Herausforderungen

Auch Technologiekonferenzen werden mittlerweile ausschließlich virtuell abgehalten, was mit sehr interessanten Innovationen einhergeht. Ein gutes Beispiel ist die „Deserted Island DevOps“, eine eintägige Konferenz, die sich vollständig innerhalb des Spiels „Animal Crossing: New Horizons‟ abspielt. Die Vortragenden und die Teilnehmer*innen besuchten die Konferenzinseln mithilfe von Avataren aus dem Spiel, und damit gelang ihnen der Austausch in kleinen Gruppen, der an traditionellen Konferenzen so geschätzt wird.

Dadurch, dass alle zu Hause bleiben und die Industrie stillsteht, wird zumindest vorübergehend die Umweltverschmutzung verringert – ein weiterer positiver Effekt. Einigen Schätzungen zufolge könnten die CO2-Emissionen 2020 um bis zu 8 % zurückgehen. Der Marktanteil der erneuerbaren Energien nimmt stetig zu und hat zum ersten Mal den Anteil der Kohle an der Energieerzeugung in den USA übertroffen. Da wir weniger Auto fahren, fließt der Verkehr in den Städten besser und es gibt weniger Unfälle. So meldete das Statistische Bundesamt, dass die Zahl der Verkehrsunfälle in Deutschland im März 2020 um nahezu ein Viertel im Vergleich zum März des Vorjahres gesunken war. Auch die Zahl der Verkehrstoten auf deutschen Straßen erreichte im März den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung 1990. Der soziale Zusammenhalt und das Vertrauen in die Wissenschaft, die wir im Kampf gegen das unsichtbare Virus brauchen, werden uns womöglich auch in Zukunft helfen, mehr gegen den Klimawandel zu tun.

Ungeachtet der hohen menschlichen und wirtschaftlichen Kosten der Pandemie besteht die Hoffnung, dass sie von der Technologiebranche als Chance genutzt wird, agiler zu werden, für weniger klimaschädliche Reisen und für mehr Inklusivität und Innovation zu sorgen.

X ist auch Software

Losgelöst von der Pandemie haben sich Themen herauskristallisiert, die eigentlich nicht neu sind, sondern vielmehr alte Probleme in einem neuen (oder stärker verbreiteten) Kontext.

Ein gutes Beispiel hierfür ist „Infrastruktur als Code“. Dies ist eine recht alte Empfehlung, die bereits 2011 in den Technology Radar aufgenommen wurde. Zurzeit haben viele Organisationen unter anderem deshalb Probleme mit dem Umstieg in die Cloud, weil sie die Definition der Infrastruktur, deren Verwaltung und Automatisierung nicht mit der nötigen Sorgfalt durchführen. In der modernen Cloud-Ära ist der Aufbau von IT-Infrastruktur gleichbedeutend geworden mit der Weitergabe von Konfigurationsanweisungen an eine Cloud-Plattform. Die Terminologie „als Code“ meint, dass all die guten Praktiken, die wir in der Software-Welt gelernt haben, auf die Infrastruktur angewendet werden sollten. Die Verwendung von Quellcodekontrolle, die Einhaltung des DRY-Prinzips zur Vermeidung von Redundanzen, Modularisierung, Wartbarkeit, und die Verwendung automatisierter Tests und Delivery sind alles entscheidende Praktiken.

Vieles ist darauf zurückzuführen, dass die Verbreitung von Software, der Siegeszug der Cloud und die Bereitstellung „as a service“ Schlüsselthemen der letzten zehn Jahre waren. Anstelle hartkodierter oder physischer Instanziierungen, die sich nur langsam ändern lassen, können auf dieser Grundlage leicht anpassbare Softwarelösungen oder rein deklarative Beschreibungen einer Sache verwendet werden. Aus diesem Grund können und sollten alle wichtigen Praktiken, die wir zur Entwicklung guter Software gelernt haben – Modularität, Versionskontrolle, automatisierte Tests – auch in diesen breiteren, „softwaregestützten“ Kontexten angewandt werden.

Die Cloud ist der neue alte „Ball of Mud“

Rund um die Welt wechseln Organisationen zu irgendeiner Form des Cloud-Hostings, sei es privat, öffentlich oder hybrid. Die überwiegende Mehrheit entscheidet sich für einen der „Big 4“ – AWS, Azure, GCP und Alicloud. Aber in ihrem Überschwang, Systeme in die Cloud auszulagern, handeln sich viele womöglich Probleme für die Zukunft ein. Und davon gibt es eine ganze Reihe.

Erstens sind die Prognosen für Kosteneinsparungen und Rendite der Cloud-Migration in der Regel „höchst optimistisch“, wenn man so sagen darf. Der Betrieb eines eigenen Rechenzentrums mag kostspielig sein, aber Cloud-Hosting ist auch nicht günstig. Einsparungen bei den Personalkosten sind eher unwahrscheinlich. Und wenn der einzige Nutzen  darin besteht, wie schnell die Teams auf die Schaltfläche „Instanz erstellen“ klicken können, anstatt dass die IT-Abteilung einen Server bereitstellt, kann sich die gesamte Umgebung zu einem massiven, kostspieligen Problem ausweiten.

Zweitens wird das Motto „Lift and Shift“ oftmals nicht als Spott über eine schlecht durchdachte Migration, sondern geradezu als Migrationsstrategie aufgefasst. Die IT-Landschaft von Unternehmen umfasst oft viele Hundert, für gewöhnlich Tausende Einzelsysteme, die irgendwo betrieben werden müssen. Aus Kostengründen verbietet es sich, alle Systeme von Grund auf für den Betrieb in einer Cloud-Umgebung umzurüsten. Dennoch ist die Cloud eben nicht dasselbe wie „on premise“. Server können ausfallen, Workloads werden ständig verschoben. Der zuverlässige Betrieb eines traditionellen Workloads in der Cloud ist nicht zum Nulltarif zu haben. Die Suche nach der optimalen Lösung für eine Organisation ist in Wirklichkeit äußerst komplex und hängt von der Anwendung oder Anwendungsgruppe ab. Je größer der Anteil der Produkte und Softwaresysteme ist, die für die Cloud umgestaltet werden, desto höher sind am Ende Zuverlässigkeit und Kosteneinsparungen.

Drittens gibt es in diesem Zusammenhang noch sehr viel zu lernen, wie Systeme in der Cloud am besten gestaltet und betrieben werden. Viele Organisationen mussten feststellen, dass die Cloud ihnen nicht geholfen hat, die gestiegenen Anforderungen zu erfüllen, die sich aus der Pandemie und den damit verbundenen Ausgangsbeschränkungen ergaben. Auch die Einführung neuer Funktionen wurde nicht beschleunigt. Cloud-Architektur ist ein anspruchsvolles neues Expertengebiet. Die Teams müssen lernen, wie cloudbasierte Systeme eingeführt, weiterentwickelt, gewartet und verbessert werden können. Dieser Prozess erfordert Zeit und weitaus mehr Überlegung als die simple Vorstellung: „Wir schieben einfach alles in die Cloud“.

COVID-19 treibt Digitalisierung voran

Ohne Zweifel hat die Corona-Pandemie die Digitalisierung in vielen Bereichen vorangetrieben und vielen Unternehmen noch einmal die Bedeutung einer guten IT-Infrastruktur vor Augen geführt. Das Ergebnis zeigt sich an den Ausgaben für Cloud-Infrastrukturdienste im ersten Quartal von 2020: Weltweit stiegen die Aufwendungen für solche Services um 34 Prozent auf 31 Milliarden US-Dollar. Dieses Wachstum bei den Cloud-Diensten wurde von Organisationen auf der ganzen Welt hervorgerufen, die im Zuge der COVID-19-Pandemie auf Remote-Arbeit umsteigen und ihren Mitarbeiter*innen schnellen Zugang zu Rechenressourcen gewährleisten mussten. Es bleibt nun abzuwarten, wie diese Entwicklungen voranschreiten werden und welche pandemiebedingten Trends im nächsten Technology Radar erkennbar werden.

Geschrieben von
Mike Mason

Mike Mason ist Global Head of Technology bei ThoughtWorks.

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