Interview with Matthias Rosenstock

„Jeder Entwickler sollte die Architektur im Auge behalten“

Hartmut Schlosser

Matthias Rosenstock

Software-Architekten befinden sich momentan in einer spannenden Zeit, sagt Matthias Rosenstock, Enterprise-Entwickler bei Open Knowledge und Sprecher auf dem Microservices Summit 2019. Im Interview verrät er uns, welchen Herausforderungen sich Architekten im Jahr 2019 stellen müssen und wie Trends wie Microservices, Serverless und die Blockchain einzuschätzen sind.

Software-Architektur 2019

JAXenter: Die Rolle des Software-Architekten wird immer wieder mal in Frage gestellt. „Sind sie in Zeiten der DevOps-Bewegung noch nötig? Muss nicht jeder Entwickler ein Architekt sein?“ Und so weiter…. Deshalb beginnen wir mal mit einem Plädoyer für den Berufsstand: Weshalb sind dezidierte Software-Architekten deiner Meinung nach auch im Jahr 2019 noch sinnvoll? Wo siehst du ganz persönlich deine Hauptaufgabe als Software-Architekt?

Im Grunde befinden wir uns als Architekten  derzeit in einer sehr spannenden Zeit.

Matthias Rosenstock: Wir haben in den letzten Jahren einen starken Trend hin zu kleineren, fachlich isolierten Services gesehen. Im Grunde befinden wir uns als Architekten damit derzeit in einer sehr spannenden Zeit: Über Jahre gewachsene Systeme werden auf Basis der bestehenden Architektur neu analysiert und für die Zukunft vorbereitet.

Der Schnitt, der dabei vorgenommen wird, erfordert allem voran enormes Fachwissen über die entsprechenden Domänen und breites Wissen über technische Lösungskonzepte und -varianten, die sich in Zeiten von Cloud Computing in rasender Geschwindigkeit ändern. Daher stimme ich der Aussage zu, dass jeder Entwickler die Architektur im Auge behalten sollte. Ebenso steht er in Pflicht, Feedback zurückzuspielen, wenn die derzeitige Architektur in bestimmten Anwendungsfällen nicht geeignet scheint oder bessere Lösungsansätze auf den Markt kommen. In der agilen Welt sollte die Software-Architektur durch das gesamte Team diskutiert, verstanden und getragen werden.

Für mich ergeben sich durch diese Entwicklung interessante neue Themenfelder abseits der Technik: Welche Teamkomposition ist für die Lösung am besten geeignet? Wen müssen wir hinzuholen, um möglichst effektiv zu arbeiten? Wie stelle ich sicher, dass neue Designprinzipien oder Technologien sinnvoll in die Teams getragen werden (Beispiel JavaScript)? Daneben ergibt sich ein weiterer Mehrwert durch die fachliche und technische Expertise, mit der eine Produktvision und die Auswirkung auf die Software besser verstanden oder aber die Produktvision durch andere technologische Ansätze erweitert oder optimiert werden kann.

JAXenter: Software-Architektur beschäftigt sich traditionell stark mit Backend-Problematiken: Provisionierung, Skalierbarkeit, Resilienz, etc. Im Umfeld der sogenannten Serverless-Bewegung spricht man nun aber immer mehr von Managed Backends und Backend as a Service. Wird das Backend als solches für Architekten also immer uninteressanter?

Matthias Rosenstock: Backends bleiben ein spannendes Thema, nur wie so oft werden sich wohl die Aufgabenfelder ändern. Es wird auch weiterhin das klassische Backend mit allen bekannten Herausforderungen geben, da nicht alles über Managed Backends abgebildet werden kann oder darf. Allerdings werden gewiss auch viele Teams und Projekte profitieren, da gewissen technische Entscheidungen bereits durch den Serviceanbieter getroffen wurden und nicht erst geklärt werden müssen.

Als Architekt ist man daher in der Verantwortung, bei der Auswahl der Services fundiert zu helfen und Pro und Contra liefern zu können. Wie bereits zuvor erwähnt, sehe ich zudem die Aufgaben moderner Architekten nicht alleine im Aufbau technischer Komponenten, sondern ebenso deutlich im Bereich der Soft Skills.

API Confernce 2019
 Maik Schöneich

gRPC – Ein neuer heiliger Gral?

mit Maik Schöneich

Oliver Drotbohm

REST Beyond the Obvious – API Design for Ever Evolving Systems

mit Oliver Drotbohm (Pivotal Software, Inc.)

DDD Summit 2019
Nicole Rauch

Event Storming für Domain-driven Design

mit Nicole Rauch (Softwareentwicklung und Entwicklungscoaching)

Architekturtrend Serverless

JAXenter: Simon Wardley hat die wilde These aufgestellt, dass Container und Kubernetes nur eine Randerscheinung in der Geschichte der Softwareentwicklung darstellen und bald schon obsolet werden könnten, da Serverless – wie einst Software – die Welt verschlingt. Wie stehst du dazu?

Ich glaube nicht, dass Serverless die Container verdrängen wird.

Matthias Rosenstock: Wenn ich mich richtig erinnere, startete der wohl inzwischen bekannteste Vertreter Docker im Jahr 2013 mit seinem Projekt. Davor gab es bereits Linux Containers (LXC), die 2008 das Licht der Welt erblickten. Demnach sind wir im Prinzip schon über 10 Jahre dabei, Container zu entwickeln und auszuliefern – für eine Randerscheinung in der IT-Welt schon ein ordentliches Alter.

Es wird immer wieder neue Ansätze geben, allerdings glaube ich nicht, dass Serverless die Container verdrängen wird. Mit Knative hat Google nun schon seit letztem Jahr ein Produkt auf dem Markt, mit dem sich die Vorteile der Serverless-Welt mit den Vorteilen von Containern in Kubernetes verbinden lassen.

JAXenter: Viele Jahre lang war der große, möglichst komplette Application Server das Ideal und die Basis vieler Software-Architekturen. Hat diese Metapher in Zeiten der Cloud und der Microservices ausgedient?

Matthias Rosenstock: Aus der Praxis sind mir einige Application Server bekannt, die lediglich eine Anwendung ausliefern und abseits der Authentifizierung und eines Log-Viewers keine weitere Aufgabe erfüllen. Für diese Art von Anwendungen benötigt man keinen Application Server, und in der Java-Welt würde in diesem Fall ein einfacher Servlet-Container, wie Apache Tomcat, vollkommen ausreichen.

Erfahrungsgemäß gestaltet sich die Entwicklung mit kleinen Runtimes einfacher und ermöglicht es, flexibler auf Versionsanforderungen von Bibliotheken einzugehen. Dies trifft insbesondere auf Projekte zu, die auf Bleeding-Edge-Versionen angewiesen sind.

Blockchain und die Cloud

JAXenter: Und dann die Blockchain – von der immer wieder zu hören ist, dass sie das gesamte Internet revolutionieren könnte. Siehst du das kommen? Oder bleibt die Blockchain eine mögliche Lösung für einen bestimmten Anwendungsfall?

Matthias Rosenstock: Mit der Blockchain und Smart Contracts sind interessante Werkzeuge entwickelt wurden, die es nun gilt, richtig einzusetzen. Mit dem Hype der Krypto-Währungen sind diese Werkzeuge verstärkt in den Fokus geraten und es wurden krampfhaft weitere Anwendungsfälle konstruiert, die mitunter absurde Züge annehmen, nur damit das Buzzword Blockchain im Lebenslauf oder Stellenausschreibungen auftaucht. Aus meiner Sicht gibt es nur wenige Geschäftsmodelle, für die die sinnvollste Lösung auf einer Blockchain basiert. Einige Unternehmen der Touristikbranche verwenden die Blockchain schon erfolgreich und sorgen damit für mehr Preistransparenz.

JAXenter: Was ist momentan dein persönliches Steckenpferd: Welches Architekturthema liegt dir besonders am Herzen – und warum?

Matthias Rosenstock: Derzeit beschäftigen wir uns in den Projekten vorwiegend mit Architekturenthemen rund um die Cloud und mit der Frontend-Welt. Mein persönliches Interesse besteht momentan in Multi-Cloud-Architekturen, die eine besondere Würze mit sich bringen, da sich die Produkte von Anbieter zu Anbieter unterscheiden und jedes Produkt eigene Limits mit sich bringt.

JAXenter: Du hältst auf dem Microservices / DDD Summit einen Workshop namens „In 7 Schritten zum Cloud-Native mit AWS.“ Dabei migriert Ihr eine Enterprise-Anwendung Schritt für Schritt in die AWS-Cloud. Was ist deiner Erfahrung nach die größte Herausforderung dabei?

Die Herausforderung besteht darin, die richtigen Produkte aus den etwa 100 AWS-Services auszuwählen.

Matthias Rosenstock: Einige Teilnehmer haben bisher wenig Erfahrung mit Cloud-Anwendungen. Für diese Teilnehmer ist die erste große Hürde die AWS-Weboberfläche, dann folgt jedoch meist ein „Wow, das ging aber schnell“.  Die zweite Herausforderung besteht meist darin, die richtigen Produkte, aus den inzwischen etwa 100 AWS-Services, auszuwählen. Aber nach der Kennenlernphase geht es dann glücklicherweise in großen Schritten schnell weiter.

JAXenter: Was ist die Kernbotschaft des Workshops, die du jedem mit auf den Weg geben möchtest?

Matthias Rosenstock: Einfach mal ausprobieren, Anbieter vergleichen und keine Berührungsängste haben.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

Matthias Rosenstock ist Enterprise-Entwickler bei der OPEN KNOWLEDGE GmbH in Oldenburg. Er hat langjährige Erfahrung im Aufbau und der Modellierung zukunftsfähiger Software und berät Kunden bei der Auswahl und Implementierung einer geeigneten Cloud-Strategie. Daneben gehören klassische Themen des Softwaredesigns und -Testings sowie Build-Automatisierung und Continuous Delivery zu seinen Interessens- und Coachingschwerpunkten.
Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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