JCP-Wahl gestartet: Betreibt Oracle Wahlkampf oder Manipulation?

Hartmut Schlosser

Die Wahl zum Executive Committee (EC) des Java Community Process (JCP) hat begonnen. Vom 19. Oktober bis zum 1. November können JCP-Mitglieder über die Zusammensetzung sowohl des EC für Java ME als auch des EC für Java SE/EE abstimmen.

Interessant ist die Wahl insbesondere deshalb, weil das Ergebnis sich auf die folgende Abstimmung für oder gegen die von Oracle vorgelegte Roadmap für JDK 7 und JDK 8 auswirken dürfte. Und bei dieser Abstimmung steht nichts Geringeres als die Zukunft Javas und des JCP auf dem Spiel.

Regularien

Zunächst ist es hilfreich, sich die Wahlregularien vor Augen zu halten. Wahlen für das JCP EC werden jedes Jahr abgehalten. Gewählte Mitglieder erhalten ein Mandat für drei Jahre, wobei jedes Jahr 5 Mandate auslaufen (bei jeweils 16 Sitzen sowohl des EC für Java SE als auch des EC für Java SE/EE ).

Bei den 5 zur Wahl stehenden Sitzen hat Oracle/Sun das Recht, 3 Kandidaten zu nominieren, die jeweils eine 50%ige Zustimmung erhalten müssen (die sogenannten „ratifizierten Sitze“). Erhält einer dieser drei Kandidaten weniger als 50% Zustimmung, muss Oracle/Sun einen neuen Kandidaten nominieren, und die Wahl wird wiederholt.

Für die zwei verbleibenden Sitze („elected seats“) kann sich jedes JCP-Mitglied aufstellen lassen, gleich ob als Unternehmen oder als Individualperson.

Kandidaten 2010

Im EC für Java SE/EE sind in diesem Jahr die Mandate für Apache, Eclipse, Google, Red Hat und die Einzelperson Doug Lea abgelaufen.

Zur Wahl für diese Sitze stehen 2010:

  • Ratifizierte Sitze (von Oracle nominiert): Apache, Red Hat, Hologic.
  • Offene Sitze: Azul Systems, Eclipse Foundation, Google, Fabio Haider, Bob Lee, Liferay, Sam Pullara.

Im EC für Java ME sind die Mandate für Aplix, Orange France, Research in Motion, Samsung und TQTVD abgelaufen.

Zur Wahl stehen 2010:

  • Ratifizierte Sitze (von Oracle nominiert): RIM, Samsung, TOTVS/TQTVD.
  • Offene Sitze: Stefano Andreani, Aplix Corporation, Paul Grojean, Pavel Lahoda, Rahul Tyagi.

Die Liste der Kandidaten mit Biografien und Nominierungsmotivationen findet sich auf www.jcp.org.

Manipulation oder Wahlkampf?

Wichtig ist in diesem Jahr insbesondere die Wahl zum EC für Java SE/EE (die Zukunft von Java ME scheint ja unter keinem guten Stern zu stehen). Wichtig ist diese deshalb, weil die Mitglieder des EC wie erwähnt über die von Oracle vorgelegte Roadmap für JDK 7 und JDK 8 abstimmen werden (genauer: über die Umbrella JSRs zu JDK 7 und JDK 8).

Befürworter und Gegner der Roadmap werden bereits jetzt alles daran setzen, gleichgesinnte Kandidaten in den EC zu lancieren, um bei der späteren Abstimmung über JDK7/8 bessere Karten zu haben.

So herrscht in weiten Teilen der Java-Community Ratlosigkeit um das von Oracle nominierte Unternehmen Hologic – ein bisher kaum in Erscheinung getretener Hersteller medizinischer Apparate, der laut Eigenbeschreibung stark auf Oracle-ERP-Systeme setzt. „Hologic ein von Oracle bewusst platzierter Verbündeter?“, mutmaßt deshalb Stephen Colebourne in seinem Blog.

Colebourne selbst macht indes weiter Stimmung für seine Pro-Apache-, Anti-Oracle-Position. Hatte er sich bereits gegen eine Wahl von Eclipse ausgesprochen, so rät er nun auch dazu, Hologic die Stimme zu verweigern. Außerdem hält Colebourne den Kandidaten Sam Pullara für einen „Pro-Oracle-Mann“ und ruft dazu auf, auch ihn nicht zu berücksichtigen.

Colebourne geht soweit, Oracle Wahl-Manipulation vorzuwerfern, und äußert Skepsis über die legitime und repräsentative Vertretung der Java Community durch den aktuellen JCP.

Maybe one day, there will be a way to represent the Java community in a fair and respectable manner. I don’t think that day was today. Stephen Colebourne

Es stellt sich die Frage: Übt Oracle sein legitimes Recht aus, Wahlkampf zu betreiben und gleichgesinnte Kandidaten vorzuschlagen – oder handelt es sich tatsächlich um unlautere Wahlmanipulation?

Die Ergebnisse der Wahl sollen am 2. November auf dem Sun-JCP-Blog veröffentlicht werden.

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Hartmut Schlosser
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