JCP-Rücktritt: Tim Peierls protestiert gegen Oracles "Durchwinker-Gremium"

Hartmut Schlosser

Tim Peierls ist vom Exekutiv-Komitee des Java Community Process zurückgetreten. Peierls erklärt in seinem Blog, dass er nach nur einem Jahr als unabhängiges Mitglied des JCP EC zu der Ansicht gelangt sei, dass der EC in der aktuellen Situation nicht in der Lage sei, etwas Bedeutungsvolles zu bewirken.

Angedeutet hatte sich Peierls´ Rücktritt bereits bei den gestern beendeten Wahlen zu den vier JSRs, die das JDK7 und JDK8 ausmachen sollen. Peierls hatte gegen zwei JSRs mit der Begründung gestimmt, Oracle habe sich nicht zu den EC-Fragen bzgl. der JSR-Lizenzbedingungen geäußert.

Bei den zwei anderen JSRs hatte sich Peierls der Stimme enthalten und nur deshalb nicht mit „Nein“ gestimmt, weil er sich nicht gegen den dringend benötigten technischen Fortschritt stellen wollte.

In seinem aktuellen Blogeintrag bemerkt Peierls, dass er dermaßen verärgert über Oracles Weigerung gewesen sei, sich zu den oft kritisierten Lizenzbedingungen für Java SE7/8 zu äußern, dass er schließlich mit „Nein“ gestimmt habe. Über das positive Ergebnis für Oracle sei er dennoch überrascht gewesen. Peierls ist sich indes sicher, dass die Mehrheit der Mitglieder nur aufgrund vertraglicher Obligationen mit „Ja“ gestimmt habe. Peierls sei nicht geschockt darüber, dass einige der Stimmen „gekauft“ worden seien – doch sei er durch das Wahlergebnis zu der Überzeugung gelangt, dass seine Stimme im EC wertlos sei.

I’m reasonably certain that the bulk of the Yes votes were due to contractual obligations rather than strongly-held principles. It’s not that I’m shocked, shocked that votes can be bought, but it finally made it clear to me that my vote was worthless. Tim Peierls

Ein weiterer Rücktrittsgrund sei die Aussage Oracles gewesen, Oracle werde die geplanten technologischen Entwicklungen in SE7 und SE8 notfalls auch unabhängig vom Wahlausgang im JCP EC durchführen.

Add to that Oracle’s expressed intent to proceed with the SE7/8 JSRs whatever the outcome of the vote, and one can only conclude that the SE/EE EC is never going to be more than a rubber stamp for Oracle. Tim Peierls

Dabei steht Peierls, der selbst Mitglied der Experten Gruppe für JSR 334 (Project Coin) ist und sich auch an den Diskussionen zu „Project Lambda“ beteiligt, hinter den technologischen Inhalten für JDK 7/8, die er als sinnvoll erachtet. Er sei durch die jüngsten Ereignisse allerdings zu dem Schluss gekommen, dass dieser Technologiefortschritt möglicherweise nicht so entscheidend für Java ist, wie gewisse Player im Java-Ökosystem stets Glauben machen möchten.

Möglicherweise werde man derzeit nur aus dem Grund mit Botschaften überhäuft, Java sei veraltet, falle hinter C# zurück etc., weil die neuen Java-Besitzer Java in eine Richtung drängen möchten, um mehr Geld damit zu verdienen und eine größere Kontrolle auszuüben.

So schön die neuen Features aus Project-Coin und Lambda auch seien – tatsächlich angewiesen seien die wenigsten Java-Entwickler darauf. Die meisten würden mit den heute zur Verfügung stehenden Java-Bordmitteln und – was viele wichtiger sei – den reichhaltigen Bibliotheken und Frameworks gut zurecht kommen.

Ein Stuhl ist also frei geworden im JCP EC. Wie JAXenter aus gut unterrichteten Kreisen erfahren hat, könnte ein weiterer freier Stuhl in Kürze folgen – und damit ist nicht der Apache-Sessel gemeint.

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Hartmut Schlosser
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