Blick auf den JBoss Application Server 6.0.0

JBoss AS6: Treffen der sechsten Generationen

Bernhard Löwenstein und Oliver Kraeft

Der Boss schlechthin veröffentlichte Mitte November 2010 sein neues Werk „The Promise“, das unter anderem neue Songversionen von „Fire“ und „Rendezvous“ enthält. Rund eineinhalb Monate später konnten nun auch die Java-Anhänger ein verspätetes Weihnachtsgeschenk ihres bedeutsamsten „Bosses“ entgegen nehmen – seit dem 28. Dezember 2010 steht die finale Version des JBoss AS6 zum Download bereit. Um bei den von Bruce Springsteen gewählten Worten zu bleiben: Hält jener sein Versprechen, entfacht dieser bei den Nutzern gar ein Feuer der Begeisterung oder verkommt das Ausprobieren des Systems zu einem wenig romantischen Rendezvous? Zur Beantwortung dieser Fragen wollen wir das neue Release genauer unter die Lupe nehmen.

Wenn heutzutage jemand eine größere Geschäftsanwendung entwickelt, dann ist es nur in den seltensten Fällen sinnvoll und ratsam, auf die Nutzung eines Applikationsservers oder einer adäquaten Middleware zu verzichten. Anstatt also bei null zu beginnen, wird in den meisten Fällen ein solches Softwaresystem eingesetzt, das dem Entwickler bestimmte Dienste und Funktionalitäten zur einfacheren Realisierung seiner Anwendung zur Verfügung stellt und mittels dieser Abstraktion die Systemkomplexität besser beherrschbar macht. Der Preis dafür ist, dass die Applikationskomponenten gegen bestimmte Spezifikationen und Schnittstellen zu entwerfen und zu entwickeln sind. Ob der vorhin genannten Vorteile ist man aber als Entwickler gerne bereit, diesen Preis zu zahlen.

Beim JBoss Application Server (JBoss AS) handelt es sich um Javas Nummer 1 unter den Applikationsservern, das weltweit am häufigsten eingesetzte System dieser Klasse. Er stellt seinen Nutzern eine bzgl. Java Enterprise Edition (Java EE) konforme Plattform zur Verfügung, auf deren Basis sich Enterprise-Applikationen, Webanwendungen und Portale entwickeln und ausführen lassen. Neben den von der Spezifikation geforderten und somit in einem solchen Softwaresystem standardmäßig zur Verfügung stehenden Funktionalitäten und Diensten bietet der Java-Branchenprimus auch jede Menge zusätzliche Features, z. B. Caching oder Clustering, sodass kaum noch Wünsche offen bleiben. Da es sich beim JBoss AS um ein Produkt einer Open-Source-Community handelt, ist der Quellcode natürlich für jedermann offen zugänglich.

History

Die Geschichte des Applikationsservers begann im Jahr 1999. Marc Fleury rief damals noch unter dem Namen Enterprise JavaBeans Open Source Software (EJBoss) dessen Entwicklung ins Leben und implementierte anfangs lediglich den EJB-Teil der J2EE-Spezifikation. Zwei Jahre später wurde dann die JBoss Group LLC gegründet, die 2002 mit der Veröffentlichung des JBoss AS3, einem vollwertigen J2EE-Applikationsserver, endgültig den Durchbruch schaffte. Aus dieser Firma ging schließlich die JBoss Inc. hervor, die sich Mitte 2006 der Linux-Distributor Red Hat unter den Nagel riss. Die Popularität des JBoss AS nahm mit jeder weiteren Version zu, und viele der anfänglich für den Applikationsserver entwickelten Komponenten wurden später als eigenständige Projekte weitergeführt. Unter dem Namen JBoss Enterprise Application Platform (JBoss EAP), als deren wichtigster Baustein der Applikationsserver zu nennen ist, entwickelte sich auch eine kommerzielle Schiene, die dem führenden Open-Source-Lösungsanbieter Geld in die Kasse spülen soll. Im Jahr 2009 kam dann nach mehrjähriger Entwicklungszeit mit der Version 5.1 ein Java-EE-5-konformer Applikationsserver auf den Markt. Ende 2010 wurde der JBoss AS6 für allgemein verfügbar erklärt.

Java-EE-6-Web-Profile-konforme Plattform

Nach dem Download und Entpacken der gezippten Distributionsdatei lässt sich mit wenigen Blicken erkennen, dass im Vergleich zur Vorgängerversion nur geringfügige Änderungen an der grundlegenden Verzeichnisstruktur vorgenommen wurden. Der bereits erfahrene JBoss-Nutzer wird sich deshalb schnell zurechtfinden.

Nach dieser ersten oberflächlichen Prüfung wollen wir jetzt aber einen Blick unter die Haube werfen. Die Entwickler haben sich seinerzeit zum Ziel gesetzt, mit dem JBoss AS6 einen Java-EE-6-Web-Profile-konformen Applikationsserver auf den Markt zu bringen, und das ist ihnen – quasi in allerletzter Sekunde – auch gelungen. Der JBoss AS reiht sich dadurch in die bis dato recht spärliche Liste entsprechend kompatibler Systeme ein [1].

Die finale Java-EE-6-Spezifikation war im Dezember 2009, also bereits vor etwas mehr als einem Jahr, veröffentlicht worden. Durch die Einführung von Profilen wollte man den Herstellern den Bau konformer Plattformen erleichtern, da diese nun nicht mehr den gesamten Java-EE-6-Stack, sondern lediglich die für ihr System relevanten Komponenten realisieren und dem Entwickler zur Verfügung stellen mussten. Bis dato wurde lediglich ein solches leichtgewichtiges Profil spezifiziert und veröffentlicht, nämlich das auf die Entwicklung von modernen Webanwendungen abzielende Web Profile.

Nachdem der JBoss AS6 diesbezüglich kompatibel ist, lohnt ein Blick auf die von der zugehörigen Spezifikation [2] geforderten Technologien. All diese hat das neue Major Release nun an Bord (Tabelle 1).

Tabelle 1: Vom Java EE 6 Web Profile geforderte Technologien

Technologie Version JSR
Bean Validation 1.0 303
Common Annotations for the Java Platform 1.1 250
Contexts and Dependency Injection for the Java EE Platform (CDI) 1.0 299
Debugging Support for Other Languages 1.0 45
Dependency Injection for Java (DI) 1.0 330
Enterprise JavaBeans (EJB) 3.1 Lite 318
Expression Language (EL) 2.2 245
Interceptors 1.1 318
Java Persistence API (JPA) 2.0 317
Java Transaction API (JTA) 1.1 907
JavaServer Faces (JSF) 2.0 314
JavaServer Pages (JSP) 2.2 245
Managed Beans 1.0 316
Servlet 3.0 315
Standard Tag Library for JavaServer Pages (JSTL) 1.2 52

Da es nicht der Sinn dieses Artikels ist, dem Leser eine Einführung in die Java-EE-6-Plattform zu geben (siehe Kasten „Mehr zum Thema“) und eine solche auch deutlich den Rahmen sprengen würde, wollen wir lediglich ein paar Highlights herausgreifen, um die neuen Möglichkeiten bei der Entwicklung von Webanwendungen unter Verwendung des JBoss AS6 aufzuzeigen.

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Geschrieben von
Bernhard Löwenstein und Oliver Kraeft
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