Vom Java-Ökosystem, Cargo-Kulten und Evolutionärer Architektur

JAX 2011: Zur Feier des Java-Ökosystems

Hartmut Schlosser

6:30 Uhr: Die Rheingoldhalle in Mainz öffnet ihre Pforten. Reges Treiben herrscht im Orga-Team, Aussteller legen letzte Hand an ihre Stände an, die ersten Teilnehmer melden sich am Check-in.

8:00 Uhr: Der Andrang am Check-in-Schalter erreicht seinen Höhepunkt, die Massen werden zügig mit Eintritts-Badges und Teilnehmer-Taschen versorgt. Der Menschstrom bewegt sich zielstrebig in Richtung Kongress-Saal.

8:45 Uhr: Der Saal ist fast bis auf den letzten Platz belegt, im Hintergrund läuft trendige Lounch-Musik. Sebastian Meyen betritt die Bühne und ergreift das Wort. Die JAX 2011 ist eröffnet!

Zum 11. Mal findet in diesem Jahr die Konferenz für Java, Enterprise-Architekturen, Cloud und Agile statt. Mit einer Bilanz von 1.900 Teilnehmern, 190 Konferenzsprechern und 50 Ausstellern ist dem JAX-Team 2011 erneut eine Steigerung gelungen. Gut 200 Teilnehmer mehr als im letzten Jahr vermeldete Programm-Chair Sebastian Meyen in seiner Eröffnungsrede.

Sebastian Meyen eröffnet die JAX 2011

Die JAX versteht sich als Fachkonferenz für das gesamte Java-Ökosystem. Mit dem Akronym „JAX“, das ursprünglich für Java, Apache und XML stand, sollte schon bei der Erstauflage 2001 angedeutet werden, dass sich die Konferenz zwar ausdrücklich Java widmet, unter Java indes mehr zu verstehen sei, als nur eine Programmiersprache. Die Bedeutung von Java, so machte Meyen in seiner Eröffnungsrede deutlich, lag schon damals in seinem Plattform-Charakter, der es ermöglichte, unterschiedliche Technologie-Ansätze unter einen Hut zu bringen. Das damals populäre XML habe mittlerweile zwar seinen Nimbus als Zukunftstechnologie verloren, dennoch zeige sich gerade heute mehr denn je, dass sich um Java – der Sprache – und Java – der Plattform – ein reichhaltiges Ökosystem aus verschiedensten JVM-Sprachen, Frameworks und Lösungsanbieter gebildet hat, dem sich die JAX verpflichtet fühle.

Die JAX adressiert das gesamte Java-Ökosystem, das sind Sie alle, das sind wir alle hier im Saal Sebastian Meyen

Duke Kiss
Evolutionäre Architektur

Die erste Keynote ging dieses Jahr an Erik Dörnenburg von Thoughtworks, der den Begriff des Software-Architekten aus der Perspektive des agilen Wertesystems beleuchtete. Den in der IT üblichen Bezug auf die Architektur entlarvte Dörnenburg als gefährliche Metapher. Steht am Ende eines Architektur-Entwurfs im Bauwesen stets ein fertiger Plan, der zur Ausführung an die Gebäudebauer übergeben wird, hat es ein Software-Architekt niemals mit fertigen Plänen als Endprodukte seiner Arbeit zu tun. Gerade im Enterprise-Bereich trifft man so gut wie nie auf fertige Systeme, die keiner weiteren Pflege mehr bedürfen. Nicht der Häuserbau, besser die Stadtplanung sei deshalb das ideelle Konstrukt, dem sich Software-Architekten annähern sollten.

Im Städtebau gebe es niemals einen definierten Zielzustand: Städte wachsen über lange Zeiträume, sind an den Rändern offen – und doch verschließen sie sich nicht einer sorgfältigen Planungsarbeit, der Möglichkeit des Experiments, des analytischen Erkennens von Fehlentwicklungen mit klar definierten Korrekturmaßnahmen.

Dörnenburg führte deshalb den Begriff der „Evolutionären Architektur“ ein, bei der es nicht darum gehe, strikte Regeln einzuhalten, sondern die Prozesse zu verstehen, die tatsächlich Verbesserungen zeitigten. Auch populäre Enterprise-Frameworks seien nur insofern hilfreich, als sie ein Grundgerüst bereit stellen, das allerdings stets hinterfragt, an die eigenen Bedürfnisse angepasst und in seiner Motivation verstanden werden muss.

Erik Dörnenburg in seiner Keynote: „Lean Enterprise Architecture“
Die Cargo-Anekdote

Anhand des ethnologisch belegten Falls der Cargo-Kulte veranschaulicht Dörnenburg, dass das strikte Befolgen äußerlich plausibel erscheinender Regelzusammenhänge nicht zwangsläufig zum Erfolg führt. Südseebewohner beobachteten nach Zusammenstößen mit europäischen Handelsgesellschaften, dass nach gelegentlich auftretenden Flugzeugabstürzen Frachtkisten mit neuartigen Gütern an Land geschwemmt wurden. In Opferritualen wurde deshalb das erneute Anschwemmen von Gütern heraufbeschworen, was regelmäßig auch zum Erfolg zu führen schien.

Nach dem Errichten von Handelsposten mit Flugzeug-Landebahnen, Towern und Funksprechvorrichtungen beobachteten die Inselbewohner nun das massenhafte Eintreffen von Güterkisten. Die Rituale der Weißen schienen mächtiger zu sein, als die eigenen Opfergaben, sodass versucht wurde, diese zu übernehmen. Holztürme wurden errichtet, Kopfhörer durch Kokosnusshälften imitiert, Funksprache in die Rituallithurgie aufgenommen.

Der zugespitze Vergleich Dörnenburgs lautet nun, dass sich heute Softwarearchitekten, die äußerlich vorgegebene Regelwerke ohne Verständnis der Hintergrundprozesse anwenden, im Grunde genauso verhalten wie die Südseebewohner mit ihren Cargo-Kulten.

JAX 2011: Ausstellerraum
One Ring Out

Standardisieren ist kein Selbstzweck – so lautete die zentrale Botschaft, die Dörnenburg den Teilnehmern mit auf den Weg gab. Der erste Schritt zu Struktur-Verbesserungen besteht darin, zu evaluieren, an welchen Stellen Architekturvorgaben überhaupt sinnvoll sind. Auch die Geschäftsmodelle der erfolgreichen Unternehmen unserer Zeit – Dörnenburg nennt Google und Amazon – sind nicht von der Exzellenz einer sorgfältigen Vorabplanung geprägt. Agil – und ganz im Gegensatz zu traditinellen Enterprise-Prozessen – habe man seine Kernkompetenz bei der Ausführung in der Praxis erworben. Strategien seien daraufhin in einem zweiten Schritt entstanden und immer wieder angepasst worden.

Der Erfahrung Dörnenburgs zufolge besteht der entscheidende Schritt für den Erfolg eines Unternehmens darin, Kernkompetenzen in der operativen Praxis aufzubauen, sich aber nicht auf diesen Kompetenzen auszuruhen, sondern sie an der Leitschnur erkannter Notwendigkeiten weiterzuentwickeln (One Ring Out). Beispielsweise habe die Erfahrung Amazons, dass in der Weihnachtszeit größere Bestellaufkommen zu bewältigen sind, durch eine solche „One Ring Out“-Strategie dazu geführt, dass Amazon zu einem der größten Elastic-Cloud-Anbieter geworden ist. Kein vorab geplanter Prozess spielte hier eine Rolle, sondern das Ausweiten der Kernkompetenz aufgrund der als Notwendigkeit erkannten Flexibilisierung und Skalierung von Rechenleistung.

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
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