JavaOne Retrospektive: "Das Java-Volk fühlt sich degradiert"

Hartmut Schlosser

Die erste JavaOne unter Oracles Führung brachte, um es vorweg zu sagen, kaum neue Erkenntnisse über die Zukunft von Java. Gewiss, unter den Teilnehmern wurde viel diskutiert und viele Zeichen gedeutet, aber offizielle Ankündigungen gab es nur wenige. Und so basieren meine Schlüsse, die ich im Folgenden ziehen werde, vor allem auf Eindrücken und Beobachtungen und vielen Gesprächen, die ich mit Oracle-Insidern führen konnte, nicht aber auf verifizierbaren Fakten.

Das Java-Volk fühlt sich degradiert

Oracles Entscheidung, die JavaOne nicht als eigeständige Konferenz, sondern als Erweiterung der riesigen Oracle OpenWorld zu veranstalten, stieß bei vielen Teilnehmern auf deutliche Missbilligung. Vom traditonellen Konferenzort, dem Moscone Center, in ein nahegelegenes Hotel verlegt, machte sich unter den Teilnehmer das Gefühl breit, an die Peripherie gedrängt zu werden. Zwar vermeldete der Veranstalter mit 41.000 Teilnehmern eine stolze Gesamtzahl – wie viele Menschen jedoch die JavaOne besucht haben, war nirgends zu erfahren. Angesichts der engeren räumlichen Verhältnisse im Hilton Union Square ist allerdings davon auszugehen, dass die Zahl der JavaOne-Teilnehmer deutlich unterhalb derjeniger früherer Konferenzen lag.

Pragmatische Planung

Auf der diesjährigen JavaOne hat Oracle jedenfalls demonstriert, dass mit Hochdruck an Lösungen für konkrete Probleme gearbeitet wird, um auf einer technischen Ebene das Vertrauen der Community zurück zu gewinnen. Die substanziell wichtigen Ankündigungen, die Projekte Glassfish und Netbeans mit hohem Einsatz weiter zu führen, gehören definitiv in diesen Bereich. Auch die Entscheidung, die Entwicklung der nächsten Version von Java (JDK 7) nun beherzt anzugehen (wenn auch mit abgespecktem Funktionsumfang) zeugt von Pragmatismus und Entschlossenheit. Immerhin werkelte Sun seit vielen Jahren an dem Release, ohne sich zu einer klaren Roadmap durchzuringen, und verschleppte so wichtige Innovationen von Jahr zu Jahr.

Hinter verschlossenen Türen

Die Art und Weise jedoch, wie Oracle seine Planungen durchführt, trägt nicht gerade zur Beruhigung einer Java-Community bei, die es in den vergangenen Jahren gewohnt gewesen ist, frühzeitig informiert zu werden. Oracles Mühlen mahlen ganz anders – hier haben wir es mit einer stark Prozess-betonten Organisation zu tun, die es gewohnt ist, wichtige Schritte an langer Hand und hinter verschlossenen Türen vorzubereiten, um dann umso schlagkräftiger an die Öffentlichkeit zu treten.

Und so wird offenbar auch mit Java verfahren. Praktische Technologie-Roadmaps: Ja. Strategische Ankündigungen: Nein. Man lässt sich Zeit in Redwood Shores, und vor allem lässt man sich durch die Nervosität der Community nicht beeindrucken.

Auf der Suche nach einer Linie

Versucht man, zwischen den Zeilen der JavaOne-Ankündigungen zu lesen, lässt sich nur schwer eine klare Linie feststellen. Auf der einen Seite fällt die Offenheit gegenüber Java-Projekten ins Auge, die nicht in den eigenen Labs und nicht vom JCP vorangetrieben werden. So hat es den Anschein, dass z.B. Groovy oder Scala als wichtige Mitspieler im Java-Ökosystem angesehen werden. Auch Eclipse und OSGi werden nicht länger als Reizthemen betrachtet, wie dies unter Sun der Fall gewesen war.

Sehr bemerkenswert war allerdings ein Satz, den Kurian, oberster Verantwortlicher für Oracles Produktentwicklung, während der Eröffnungskeynote und eher beiläufig fallen ließ: zum Thema Java EE sagte er, für Dependency Injection benötige man jetzt keine „proprietären DI-Frameworks von Drittherstellern“ mehr. Damit meinte er u.a. Spring. Spring als proprietäres Framework: sprachlicher Lapsus oder eine Oracle-Grundhaltung?

Und Android: Zum aktuellen rechtlichen Verfahren gab es auf der JavaOne erwartungsgemäß keinen Kommentar. Auch die weitere Zukunft der Java Micro Edition verblieb im Nebulösen. Außer der Tatsache, dass man die drei Milliarden Java-getriebenen Mobiltelefone weltweit weiter mit Innovationen versorgen wolle und dass man mit Java ME.Next an einer neuen Generation des mobilen Java arbeite, konnte man keine Einzelheiten erfahren.

Lohnt sich Offenheit für Oracle?

Oracle hat durch seine klaren Roadmaps, die es präsentierte, durchaus Boden gut gemacht und konnte glaubhaft vermitteln, dass nun ein neuer Wind weht bei der Produkt- und Releaseplanung. Auch ist deutlich geworden, dass die Verfassung von Java in Redwood Shores nicht als Communiy-Angelegenheit, sondern als unternehmensinternes Thema betrachtet wird.

Man muss dabei bedenken, dass die Öffnung hin zu mehr Community-Partizipation, Open Source und Transparenz, die Sun in den vergangenen Jahren einleitete, zwar populär war, indes aber nur wenige konkrete Fortschritte brachte. Der lange Leidensweg von JDK 7 ist da nur das prominenteste Beispiel. Wenn es Oracle gelingen sollte, durch straffe Organisation und schiere Performance die Java-Plattform kompetent zu managen, dann wird das vielen Partnern genügen, und der Druck auf das Unternehmen wird nachlassen.

Reife Java-Community

Die Java-Community, das dürfen wir nicht übersehen, hat sich in den letzten fünf bis sechs Jahren deutlich weiter entwickelt. Als von Sun und dem JCP Mitte der 2000er Jahre nur wenige Impulse und vor allem viele sehr praxisferne Antworten auf aktuelle Herausforderungen gekommen waren, rettete die Community mit Spring, Hibernate, Groovy und vielen weiteren Open-Source-Tools den Fortbestand der Java-Plattform. Angesichts der enormen Verbreitung von Java und angesichts der Investitionen, die seitens der Anwender über die Jahre in Java getätigt wurden, ist davon auszugehen, dass diese Aktivitäten nicht zum Erliegen kommen werden.

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Hartmut Schlosser
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