Im Gespräch mit Sebastian Meyen

JavaOne 2011: "Weit entfernt vom Pathos der legendären JavaOne-Keynotes"

Am vergangenen Montag öffnete die JavaOne mit ihrer ersten technischen Keynote ihre Pforten in San Francisco. Kann Oracle den Glanz, den die legendäre Java-Konferenz in den frühen Jahren unter Sun innehatte, wieder beleben? JAX-Chairman und JavaOne-Kenner Sebastian Meyen hat die Keynote im Webcast live mitverfolgt. Im Gespräch mit JAXenter gibt er seine Eindrücke wieder und spricht über die Veränderungen, die die JavaOne seit der Sun-Übernahme durch Oracle erfahren hat.

JAXenter: Du warst seit Mitte der Neuziger regelmäßig auf der JavaOne. Wie verfolgst du die JavaOne in diesem Jahr?

Sebastian Meyen: Ganz so regelmäßig war ich leider nicht in San Francisco, aber tatsächlich seit 1999 sehr häufig, wenn auch nicht in jedem Jahr. In diesem Jahr hat es terminlich leider nicht geklappt, weshalb ich die wichtigsten Keynotes am Bildschirm verfolge – es wird ja ziemlich viel live übertragen.

JAXenter: Es ist ja nun die zweite JavaOne unter Oracles Regie. Was sind deine Eindrücke?

Sebastian Meyen: Die JavaOne und das Moscone Center, dieser gigantische, größtenteils unterirdische Konferenz-Komplex in San Francisco, haben immer eine Einheit gebildet. Unvorstellbar für die traditionelle Java-Community, dass sie eines Tages nicht mehr an diesem Ort tagen würde. Dann hat aber Oracle im letzten Jahr entschieden, die JavaOne parallel zu seiner Oracle Open World zu veranstalten, und so zog die JavaOne den Kürzeren. Die Oracle-Konferenz belegt seit letztem Jahr nun Moscone, während die JavaOne in ein nahe gelegenes Hilton ausgewichen ist. Das kränkt viele Java-Fans schon sehr.

JAXenter: Wie wirkte die gestrige Eröffnungskeynote auf dich?

Sebastian Meyen: Sehr nüchtern. Aber dazu muss ich ein bisschen weiter ausholen. Die JavaOne hat für die Java-Community immer einen Mythos dargestellt, hier hat Sun seit Mitte der 1990er jedes Jahr ein phantastisches Wir-Gefühl beschworen, auf das besonders die Amerikaner, aber nicht nur die Amerikaner, abfahren. Erinnern wir uns an die Zeiten, wo der Java-Entwickler sich wirklich als der bessere Mensch gegenüber dem Microsoft-Entwickler fühlen konnte: denn Java war mehr als eine Technologie, es war eine Idee, ja fast schon eine Weltanschauung: Java war nicht proprietär wie die böse Microsoft-Welt, Java war ein gemeinsames Projekt, das viele Akteure in der IT-Welt vereinte, und Java beförderte nicht zuletzt die offenen Standards. Es mag heute albern klingen, aber Java stand damals für eine bessere Welt.

Was wir gestern gesehen haben, war vom Pathos-Faktor her betrachtet nur ein müder Abklatsch der legendären JavaOne-Keynotes. Keine Live-Musik vorab und eine sehr nüchterne Ansprache durch Adam Messinger, der überraschend schnell zum Sponsor Intel überleitete.

Keine Beschwörung des Geistes der Java-Community, keine Würdigung der brasilianischen Java-Fans, die sich Jahr für Jahr durch Lärmen und Applaus dafür bedankten, nur wenig Show.

Weniger Show, dafür mehr Substanz – das muss nichts Schlechtes sein. Allerdings wird es in einer Zeit, in der Roadmaps und Release-Planungen transparent sind – und es stets sein sollten – keine Überraschungen mehr geben, das ist schon klar. Im Gegenteil: Ich wäre verärgert, wenn es Überraschungen technischer Art gäbe, denn dies wäre ein Beleg dafür, dass es ein Problem mit der Transparenz in der Community gäbe.

Und dennoch halte ich dieses anhaltende Schweigen, wie es denn konkret weiter geht mit dem Java Community Process, mit dem Verhältnis zu Spring, zur OSGi Alliance, zu Android usw., für unangemessen. Wenn es schon keine technischen Sensationen zu vermelden gibt, dann wäre eine JavaOne immerhin der Ort, wo man neue Allianzen präsentiert, neue Konzepte für Innovation, Kollaboration, usw. Das hat gestern leider gänzlich gefehlt. Und so betrachtet fand ich die Keynote sehr langweilig.

JAXenter: Welche wichtigen Neuigkeiten gab es?

Sebastian Meyen: Nicht viele. Intel hat ein paar Benchmarks vorgestellt, die zeigen, wie schnell Java auf seinen neuesten Prozessoren läuft, von Oracle selbst gab es Infos zu Java 7 und 8 sowie zur nächsten Enterprise Edition, die ganz im Zeichen von PaaS stehen wird. All das wurde schon mehrfach gesagt, nicht zuletzt beinahe wortgleich auf unserer kalifornischen JAX Conference Ende Juni.

Einen gewissen Nachrichtenwert hatte die GA-Version von JavaFX 2.0 sowie die JavaFX 2.0 Mac OSX Developer Preview. In diesem Zusammenhang war es den Machern sogar gelungen, einen kurzen Moment des Staunes und der Begeisterung zu erzeugen. Die 3D-Animationen, die da auf Basis von JavaFX 2.0 gezeigt wurden, waren witzig gemacht und liefen absolut ruckelfrei über die Bühne. Ob die Welt freilich ein JavaFX braucht, sei aber dahingestellt. Immerhin soll es auch eine direkte Unterstützung für HTML5 geben, was der Technologie, die ja seit vier Jahren immer wieder neu angekündigt wird, etwas Aktualität verleiht.

Die Ankündigungen zum Thema Mobile waren übrigens sehr mager – ein paar neue Kooperationen mit Telefongesellschaften, ein paar überarbeitete APIs. Aber nichts zu sehen von der schicken Multitouch-Welt, der man auf den meisten Konferenzen heutzutage begegnet. Es ist wirklich sehr schade, dass das Thema Android, das ja so wichtig für das Java-Ökosystem ist, praktisch nicht vorkommt.

JAXenter: Was erwartest du dir generell von der diesjährigen JavaOne?

Sebastian Meyen: Diese Frage ist schwer zu beantworten. Möglicherweise hat Oracle noch ein Ass im Ärmel und wird eine wichtige Botschaft für die Java-Welt verkünden, möglicherweise passiert gar nichts.

Die JavaOne wird jedenfalls nicht mehr zu dem werden, was sie früher einmal dargestellt hat, wobei ich nicht bewerten möchte, ob dies gut oder schlecht ist. Eine Technologie-Community braucht wohl ein Epizentrum, um gewisse Dinge zu zelebrieren.

Fachlich gesehen ist die JavaOne weitgehend eine Oracle-Konferenz, was wiederum nichts Schlechtes ist, aber bekannt sein sollte. Etwa die Hälfte aller Sessions werden von Oracle-Speakern gehalten. Auch wenn man sich unter Oracle um eine größere Offenheit bemüht als noch zu Sun-Zeiten, sodass auch Eclipse, OSGi, Spring usw. hinreichend thematisiert werden, haftet dem Programm noch immer etwas Politisches an. So dürfen wir nicht vergessen, dass z.B. das Wort „Android“ in einem Katalog mit mehreren hundert Vorträgen gerade ein einziges Mal vorkommt.

Alles andere ist aber Kaffeesatzleserei, ich bin auf die folgenden Keynotes gespannt, die immer um 17.30 Uhr unserer Zeit übertragen werden, sowie über die individuellen Berichte der vielen Freunde und Partner, die vor Ort sind.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Gespräch!

Sebastian Meyen (Twitter: @smeyen) ist Chefredakteur des Java Magazins sowie des Eclipse Magazins. Außerdem trägt er die Verantwortung für Programm und Konzept sämtlicher JAX-Konferenzen weltweit. Er begleitet so die Java-Community journalistisch schon fast seit ihren Anfängen. Bevor er zur Software & Support Media GmbH kam, studierte er Philosophie in Frankfurt.
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.