Open Source J2EE Power

Java Retro: JBoss 4

Bernhard Löwenstein

Der Star des Java Magazins 3.2005 war der JBoss 4.0.1, seines Zeichens der erste J2EE-1.4-zertifizierte Open-Source-Applikationsserver. Rückblickend betrachtet war dies auch die erste Version, die sich zum Betrieb von Geschäftsanwendungen produktiv nutzen ließ. Sie war so stabil, dass sich heute immer noch zahlreiche 4er-JBosse in freier Wildbahn herumtummeln – „Never touch a running system“! Bei den Vorgängerversionen führte höhere Last recht schnell zum Zusammenbruch des Gesamtsystems.

Das Einzige, das dann noch zuverlässig funktionierte, war das Logging. So schnell konnte man gar nicht reagieren, war die Log-Datei auch schon auf eine Größe angewachsen, die Notepad beim Öffnen der Datei ordentlich ins Schwitzen brachte. Noch lustiger wurde es, wenn man sich alle ERROR-Logs per E-Mail zuschicken ließ. Da konnte es durchaus passieren, dass einen sein E-Mail-Programm mit „Sie haben 2341 neue Nachrichten“ morgens begrüßte. Die Suche nach einer Lösung für das Problem gestaltete sich angesichts der spärlichen Dokumentation nicht immer einfach. Zeitweise fühlte man sich dabei schon ein bisschen wie Indiana Jones auf der Suche nach dem Heiligen Gral – wobei, der wurde letztendlich wenigstens fündig! Meist ließen sich dazu zwar jede Menge Postings seelenverwandter Hilfesuchender im JBoss-Forum finden, doch die halfen nur selten weiter. Schlau ist, wer aus dieser Not ein erfolgreiches Geschäftsmodell macht: Professional Open Source war geboren – ein Konzept, das JBoss beziehungsweise Red Hat in den Folgejahren jede Menge Geld in die Kassa spülen sollte.

Wer das Editorial von Sebastian Meyen liest, erkennt eindeutig, welchen gedanklichen Paradigmenwechsel wir in den letzten Jahren vollzogen haben. Gerade einmal sieben Jahre ist es her, dass viele Entwickler (mich eingeschlossen) beim Gedanken, Open-Source-Software in großen Projekten einzusetzen, zumindest leichte Schweißausbrüche bekamen. Heute hingegen ist es ein Qualitätsmerkmal, wenn die Quellen offen verfügbar sind. Die Vorteile von Open Source haben sich gegenüber den Vorurteilen durchgesetzt. Ein gigantischer Siegeszug war die logische Folge.

Ein weiterer mit „Message in a Bottle“ betitelter Artikel gab eine Einführung in JMS. Interessant an dem Standard ist, dass die Version 1.1 im März 2012 ihren zehnten Geburtstag feierte und eine Überarbeitung nicht in Sicht ist. Keine Frage, JMS weist keine wesentlichen Schnitzer auf, doch wer sich intensiver mit dem Thema Messaging auseinandersetzt und einen Blick auf die zahlreichen Erweiterungen heutiger derartiger Systeme wirft, wird feststellen, dass JMS in die Jahre gekommen ist.

Nach wie vor Musik in den Ohren ist hingegen Michael Wiedekings Java-Knigge – nicht nur weil er Michael Jackson darin erwähnte, sondern weil das seinerseits behandelte Thema der Codeoptimierung nach wie vor ein Dauerbrenner ist. Auf philosophische Weise diskutierte er am Beispiel des Singleton-Entwurfsmusters sowie Double-checked Lockings die verschiedenen Facetten, die bei der Optimierung zu berücksichtigen sind.

Möglicherweise bereits in Vergessenheit geraten ist, wie mühsam die Entwicklung von Web Services seinerzeit war. Bis zur J2EE-1.4-Spezifikation gab es keinen Standard für die Implementierung und Nutzung solcher Dienste. Einer der Artikel demonstrierte, wie man mit JAX-RPC Web Services implementieren kann und zeigte die große Bedeutung der Handler auf. Der Quellcode weist einige Ähnlichkeiten mit vergleichbarem JAX-WS-Code auf, wenngleich man zwei Konzepte vermisst: POJOs und Annotationen. Beide waren aber bereits deutlich am Horizont erkennbar. So stellte Oliver Ihns im EJB-Corner POJOs und POJIs seinen Lesern vor. Mit der Ankündigung, dass sie zu einer deutlichen Reduktion der architektonischen Komplexität führen werden, behielt er klarerweise Recht.

In der Tom@-Kolumne ging es darum, ob sich ein Apache/Tomcat-Cluster für unternehmenskritische Geschäftsanwendungen nutzen lässt. Der Versuch misslang – allerdings nur vorerst, denn die Autoren gaben sich nicht so schnell geschlagen und legten selbst am Quellcode Hand an. Das machten sie so gut, dass sie nicht nur ihr eigentliches Vorhaben erfolgreich zu Ende brachten, auch die Apache/Tomcat Comitter übernahmen große Teile ihrer Anpassungen. Open Source stellte somit einmal mehr seine Vorteile unter Beweis. Für das nächste Mal erlaube ich mir jetzt bereits einen runden Geburtstag anzukündigen. Welchen? Ach, als langjähriger Java-Magazin-Leser wissen Sie das doch sicher.

Bernhard Löwenstein (b.loewenstein[at]gmx.at) arbeitet als Projektleiter und Softwareentwickler für die Potsdamer Intervista AG. Er ist außerdem als selbstständiger IT-Trainer und Autor tätig. Weiterhin organisiert er als ehrenamtlicher Obmann des Instituts zur Förderung des IT-Nachwuchses altersgerecht gestaltete Programmierworkshops für Kinder und Jugendliche.
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