Bessere GUIs durch neue Client-Konzepte

Java-Magazin-Zeitreise: Rich Thin Clients

Bernhard Löwenstein

Herzlich willkommen zur ersten Folge der Kolumne Java-Magazin-Zeitreise! Regelmäßig wollen wir den Inhalt älterer Magazin-Ausgaben unter Berücksichtigung der technischen Entwicklung von damals bis heute unter die Lupe nehmen. Wir haben uns für eine Zeitreise um sieben Jahre in die Vergangenheit entschieden, da nach dieser Spanne nicht nur in der Liebe die Schmetterlinge – bei Herbert G. und seinen Anhängern sind es sogar Flugzeuge – im Bauch dem routinierten Beziehungsalltag gewichen sind. Auch in der IT lässt sich nach diesem Zeitraum ein realistisches Bild für jede noch so sehr als Heilsbringer angekündigte Technologie zeichnen.

Doch beginnen wir nach diesen einleitenden Worten endlich mit der Rückschau, und zwar geht es um das Java Magazin 1.2005. Interessanterweise trug das Heft damals noch den Untertitel „Internet & Enterprise Technology“. Die Agilität, einer der Schwerpunkte heute, war zu dieser Zeit jedenfalls nur ein Randthema. Das Editorial schrieb mit Sebastian Meyen ein Altbekannter. Seinen einleitenden Worten ist zu entnehmen, wie die IT Anno dazumal tickte. Zwecks einfacherer Wartung ging der Trend hin zu Thin Clients. Doch zu dünn durften diese auch wieder nicht ausfallen, denn der Nutzer war von den Desktop-Applikationen reichhaltige grafische Oberflächen gewohnt. An HTML, JavaScript und Co. als diesbezüglich zukunftsreiche Technologien glaubte damals kaum jemand, und so war man fleißig auf der Suche nach Alternativen zur Umsetzung solcher Rich Thin Clients. Das Java Magazin widmete dieser Softwarekategorie sein Titelthema und stellte mit Thinlet, Canoo ULC und Oracle Forms drei verschiedene Vertreter vor, die auf Basis von Applets arbeiteten. Von solchen spricht zwar heute kaum noch jemand, dafür sind Apps der große Renner. Und zur Clientrealisierung setzt der Programmierer von Welt mittlerweile auf Rich Internet Applications und bedient sich dabei in den meisten Fällen des HTML/JavaScript-basierten Ansatzes. Interessant, dass sich auch auf diesem Gebiet ein Technologiemix durchgesetzt hat, der sich aufgrund seiner technischen Beschränktheit nicht übermäßig gut dafür eignet.

Das war heiß im Java Magazin 1.2005

J2EE war zu dieser Zeit natürlich ebenfalls ein Dauerbrenner im Java Magazin. Wie Chefredakteur Meyen im Vorwort richtig feststellte, fiel diese Edition aber zu schwergewichtig aus, und war trotz seiner vom akademischen Standpunkt betrachteten sauberen Konzeption im Alltag mit einem Mangel an Pragmatismus behaftet. Anders formuliert: Wir J2EE-Entwickler machten damals ganz schön etwas mit! Und so verwundert es nicht, dass laufend Alternativen zur Realisierung von Enterprise-Applikationen vorgestellt wurden. In jener Ausgabe präsentierte ein kleines Team von Entwicklern ganz aus dem Norden Deutschlands ihre für die Berenberg Bank konzipierte und implementierte Lösung. Ob diese wohl immer noch im Einsatz ist? Passend dazu gab es auch eine neunteilige Serie von Adam Bien über Architekturprinzipien, die in diesem Heft mit der Vorstellung von POJOs ihr Ende nahm. Und so schließt sich der Kreis, denn u. a. waren es die mit Annotationen versehenen POJOs, die der Java-EE-Plattform fast eineinhalb Jahre später dazu verhalfen, sich wie Phönix aus der Asche zu erheben. Anfang 2005 hätten die meisten aber wahrscheinlich eher noch Axel Schulz eine erfolgreiche Rückkehr in den Boxring zugetraut als Java EE dieses überraschende Comeback, oder?

Auch der Model-driven Architecture war in dieser Ausgabe ein praktischer Artikel zur Erstellung eines Webshops gewidmet. Nach Assemblern, den prozeduralen Sprachen und der Objektorientierung sollte sie Entwicklern dazu verhelfen, die nächste Evolutionsstufe zu erklimmen. Der Ansatz „Modellierung statt Programmierung“ erhielt natürlich in den Folgejahren Einzug in die IT, doch die ganz große Revolution blieb aus. Weit verbreitet ist dafür heute die Modellierungssprache UML2. Der neue Standard wurde um diese Zeit herum verabschiedet, das Java Magazin stellte die wichtigsten Änderungen in einem Vierteiler vor.

Ein weiterer Artikel handelte über JMX als Schnittstelle zur Überwachung und Verwaltung von Java-Anwendungen. In Sachen Webtechnologien wurde über die beiden Apache-Frameworks Cocoon und Struts berichtet. Die neuen Features im JBuilder 2005 kamen ebenfalls nicht zu kurz. Jene war übrigens die erste JBuilder-Version, die wir firmenmäßig nicht mehr erwarben. Stattdessen setzten wir nach teils heftigen Diskussionen auf das kostenlose Eclipse – ein Schritt, den wir im Nachhinein niemals bereuten! Der Siegeszug der Open-Source-Produkte hatte damals also bereits seinen Lauf genommen.

Bernhard Löwenstein (b.loewenstein[at]gmx.at) arbeitet als Projektleiter und Softwareentwickler für die Potsdamer Intervista AG. Er ist außerdem als IT-Trainer und Autor tätig.
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Bernhard Löwenstein
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