Jenseits des JCP

Java ist nicht tot – Apache ist nicht tot

Sebastian Meyen

Nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit Sun und später Oracle hat sich die Apache Software Foundation offiziell aus dem Java Commnity Process zurückgezogen. Beiden – den Apachen wie Java im Allgemeinen – ist daraufhin von vielen Kommentatoren einmal wieder das unausweichliche Ende prophezeit worden. Beides ist nicht zutreffend. Weder ist Java tot, noch sind es die Apachen.


src=“http://entwickler.com/develop/zonen/magazine/onlineartikel/pspic/picture_file/12/meyen_seba4d0b42d49ecb7.jpg?1292583637″ hspace=“10″ vspace=“5″ alt=““>

Java lebt, weil Oracle gemeinsam mit IBM und Apple aktiv an der nächsten JDK-Version arbeitet, die entsprechenden Roadmaps öffentlich sind und am OpenJDK in seiner etwa vierjährigen Geschichte ohnehin kaum externe Entwickler mitgearbeitet haben. Es ist also von einer Intensivierung und nicht von einem Nachlassen der Arbeiten auszugehen. Außerdem wird mit der Zusammenführung der HotSpot Virtual Machine mit JRockit derzeit an der größten Code-Contribution zum Kernsystem von Java gearbeitet.

Apache ist ebenfalls nicht tot, nur weil eines ihrer Projekte, nämlich Harmony, durch den Streit mit Oracle und nicht zuletzt den Rückzug von IBM aus dem Entwicklerteam, einer ungewissen Zukunft entgegensieht. Gewiss, die Chancen, dass wir in Zukunft auf eine alternative Implementierung der Java Virtual Machine zurückgreifen können, sind in diesen Tagen gesunken. Aber vergessen wir trotz alldem nicht: Tomcat, Axis, Wicket, Lucene, Jackrabbit, Log4J und viele andere mehr sind Java-basierende Apache-Projekte, alive and kickin‘. Und niemand wird im Ernst daran zweifeln, dass sie weiterhin aktiv und innovativ sein werden!

Was ist nun also passiert? Die Apachen haben eigentlich nur wahr gemacht, was sie seit 2006 immer wieder angedroht hatten: Sie haben den JCP verlassen, weil ihnen die Verwendung der offiziellen Test Compatibility Kits (TCKs) für Harmony verwehrt wurde. Sie reklamieren für sich ein Recht darauf, und Oracle (ebenso wie Sun zuvor) betrachtet die Apache Foundation nicht als vollwertigen Lizenznehmer. Also ist Harmony in Gefahr, nicht aber die vielen anderen Java-Projekte bei Apache.

Wie es aussieht, wird der Traum vieler, das JDK in Community-Eigentum zu überführen, nicht in Erfüllung gehen. Oracle und seine erwählten Partner entwickeln es weiter, ganz wie es in den Jahren vor dem OpenJDK unter Sun gewesen war. Damals gab es immerhin regelmäßige JDK-Releases und ein vitales Open-Source-Umfeld, das darauf aufsetzte. Was ist also so schlimm daran, wenn wir wieder auf diesen Zustand hinsteuern?

Gewiss, als Oracle sich noch in der Opposition und Sun auf der Regierungsbank befand, setzte es sich vehement für eine Öffnung von Java ein, und Sun verweigerte diese kategorisch (James Gosling erklärte noch 2005 im Java Magazin, dass ein Open Source Java praktisch unmöglich sei!). Und jetzt sind die Rollen vertauscht: Oracle an der Regierung vertraut dem Corporate-Entwicklungsprozess mehr als der offenen Innovation und James Gosling fordert, dass Java endlich, endlich freigelassen werde! So ändern sich die Sichtweisen bei wechselnden Machtverhältnissen eben.

Der Java Community Process (JCP) verliert indes rapide an Glaubwürdigkeit und Bedeutung. Aber ist das tragisch? Zumindest in den vergangenen Jahren ist der JCP nicht gerade eine Quelle der Inspiration und Innovation gewesen. Im Gegenteil: Seit etwa 2005 hat die Anzahl neuer JSRs deutlich abgenommen und die JSRs in Bearbeitung befanden sich in einem zähen Prozess.

Die wahre Innovation ist seit vielen Jahren aus der weiten Java-Welt jenseits des JCP gekommen: von SpringSource (damals Interface21), den JRuby-Entwicklern, den Groovy-Leuten und von Scala, von JBoss, den vielen Eclipse- und Apache-Projekten, von Android und vielen anderen mehr. Die neuerliche Fixierung der gesamten Java-Welt auf Oracle und den JCP erscheint in diesem Zusammenhang ziemlich verwunderlich.

Worüber allerdings Community-weit intensiver diskutiert werden sollte, ist eine Neuordnung der Java-Editionen. Warum eigentlich muss eine Enterprise Edition die gesamte Standard Edition mit allen Desktop-APIs mit sich herumschleppen? Warum sollte überhaupt eine Standard Edition mit dem ganzen Desktop-Ballast beschwert werden, wissen wir doch, dass Java auf dem Desktop nur eine unwesentliche Rolle spielt? Und was für eine Existenzberechtigung hat eine Micro Edition, die einen deutlichen Kompatibilitätsbruch gegenüber dem übrigen Java darstellt, angesichts immer leistungsfähigerer Smartphones?

Eine entschlossene Modernisierung des Java-Systems tut Not, und für die weltweite Java-Community gibt es ein riesiges Betätigungsfeld – auch jenseits von JDK und OpenJDK. Java ist nicht tot, Apache ist nicht tot – nur beim Java Community Process sind wir uns noch nicht so sicher. Aber er hat im kommenden Jahr 2011 möglicherweise noch eine letzte Chance zu beweisen, dass er glaubwürdig und handlungsfähig ist.

Sebastian Meyen

Chefredakteur Java Magazin

Geschrieben von
Sebastian Meyen
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.