Interview mit Lukas Eder

„Oracles nächste Schritte tragen sehr wahrscheinlich zur Fragmentierung des Java-Ökosystems bei“

Gabriela Motroc

Lukas Eder

Oracles President of Product Development Thomas Kurian hat in einem Interview erklärt, das Unternehmen werde Java EE nicht im Stich lassen und plane, den Standard in die Cloud zu bringen. Wir haben Java-Champion und jOOQ-Erfinder Lukas Eder gebeten, diese neusten Enthüllungen um Enterprise-Java einzuschätzen.

JAXenter: Oracles President of Product Development Thomas Kurian erklärte InfoWorld, dass sein Unternehmen Java EE in die Cloud bringen möchte. Was denkst du darüber?

Lukas Eder: Lange Zeit hat sich Larry Ellison über die Cloud lustig gemacht. Heute ist Amazon der alleinige Herrscher über die Cloud, und die meisten Konkurrenten haben es wirklich schwer, andere davon zu überzeugen, dass sie für das Geschäft von morgen noch relevant sein werden. So geht es auch Oracle. Da Oracle 12c als „Cloud-Datenbank“ positioniert, überrascht es nicht, dass nun WebLogic – und damit auch Java EE – in die „Cloud“ gehen müssen. Was auch immer das bedeutet. Am Ende könnte das alles größtenteils Marketing sein.

In anbetracht der jüngsten Aufregung um Oracles vermeintlichen Interessensverlust in Java EE war dieses „offizielle Statement“ vermutlich eine notwendige PR-Maßnahme.

Ich glaube nicht, dass Oracle am JCP und der Java-Community interessiert ist.

JAXenter: Kurian sagte, dass Oracle versuche, Java EE neu zu definieren. Glaubst du, dass Java EE wirklich einen Reboot braucht?

Lukas Eder: Das ist schwer zu sagen. Wie ich in meinem letzten Interview auf JAXenter erwähnte, glaube ich nicht, dass Oracle wirklich am JCP und der Java-Community interessiert ist. Oracle beneidet Microsoft als alleinigen Herrscher über die .NET-Plattform. Demnach muss Oracle Java EE zweifelsfrei „rebooten“ – hauptsächlich aus rechtlicher und Produktmanagement-Perspektive. Die Community benötigt allerdings ein stetig voranschreitendes Java EE mit Abwärtskompatibilität. Lange Rede, kurzer Sinn: Es sieht so aus, als würden wir in naher Zukunft zwei verschiedene Java EEs sehen. Das „alte“ Community-geführte Java EE und das „neue“ – was auch immer Oracle plant.

JAXenter: Wird die MicroProfile-Initiative von RedHat, Tomitribe, LJC und anderen nun obsolet werden, nachdem Oracle angekündigt hat, dass sie Java EE nicht aufgegeben haben?

Lukas Eder: Nein. Oracles nächste Schritte tragen sehr wahrscheinlich zur Fragmentierung des Java-Ökosystems bei. MicroProfile wird weiterhin auf eigenen Füßen stehen, als eigenständige Vision, wie Microservice-Systeme aussehen sollen – ähnlich wie durch Lagom von Lightbend noch eine weitere proprietäre Open-Source-Option angeboten werden wird.

Es bleibt also spannend!

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

Lukas-EderLukas Eder ist leidenschaftlicher Java- und SQL-Entwickler. Er ist Gründer und Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Data Geekery GmbH, dem Unternehmen hinter jOOQ – die einfachste Art, um SQL in Java zu schreiben.

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Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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2 Kommentare auf "„Oracles nächste Schritte tragen sehr wahrscheinlich zur Fragmentierung des Java-Ökosystems bei“"

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Markus Eisele
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Ich bin der Lightbend Developer Advocat und wollte nur mal kurz erwähnen, dass Lagom Apache 2 lizensiert ist. (https://github.com/lagom/lagom/blob/master/LICENSE)
Was daran proprietär sein soll wird aus dem Satz nicht ganz klar.

Lukas Eder
Gast

Markus: Als ehemaliger Java EE und JCP „Advokat“ solltest du doch wissen, was ich mit „proprietärer Open Source“ meine 🙂 Die Spezifikation, das Copyright, die IP, die Marke, und die Entwicklung / Roadmap wird von einer einzigen Entität gesteuert. Das hat mit der Lizenz nichts zu tun. Gegenbeispiele: die W3C oder IETF Standards. Ein weiteres Gegenbeispiel sind die ISO Standards (z.B. SQL), welche proprietär lizenziert werden, aber keine „proprietäre“ APIs sind. Vielleicht gibt’s ja einen besseren Begriff dafür was ich meine. „Benevolent Dictator“?

Abgesehen davon finde ich das auch nichts schlimmes.