Java-EE-Faktencheck mit Christian Kaltepoth

Die Java-EE-Guardians reden Klartext: „Falls Oracle noch Interesse an Java EE hat, wäre eine Erklärung geeignet, die Verunsicherung in der Community zu beseitigen“

Hartmut Schlosser
Christian Kaltepoth

Christian Kaltepoth

Wo liegt die Zukunft von Java EE? Nachdem Oracle seine Aktivität bezüglich Java EE 8 reduziert hat, haben Community-Mitglieder die Gruppe “Java EE Guardians” ins Leben gerufen. In einer Interview-Reihe stellen wir die Ziele der Guardians vor und beleuchten den aktuellen Zustand der Java Enterprise Edition genauer. Heute reden wir mit Christian Kaltepoth, Mitglied der JSR 371 Expert Group.

Update: 47% der Teilnehmer an unserem aktuellen Quickvote haben mittlerweile für die Option: „Java EE rein von der Community weiterzuentwickeln, würde den EE-Standard voran bringen“ gestimmt. Wenn dieses Unterfangen in der aktuellen (Rechts)Lage wohl nicht so einfach umzusetzen wäre, so spricht aus diesem Ergebnis doch deutlich der Missmut bzw. das Unverständnis der Community, warum sich Oracle nicht darüber äußert, wie es mit Java EE 8 weitergehen soll.

Die Petition der Java EE Guardians hat bei Veröffentlichung dieses Artikels unterdessen über 1.700 Unterzeichner gefunden. Wir sind gespannt, wie lange sich Oracle diesem Community-Druck gegenüber unbeeindruckt zeigen wird.

Hat Oracle das Interesse an Java EE verloren?

JAXenter: Hallo Christian. Du bist langjähriger Java-EE-Anwender und als Mitglied der JSR-371-Expertengruppe aktiv an der Entwicklung der Model-View-Controller-(MVC 1.0)-Spezifikation beteiligt. Wie würdest du den aktuellen Zustand von Java EE 8 beschreiben?

Bei einigen JSRs wie JAX-RS 2.1 hat die Arbeit noch nicht einmal wirklich begonnen.

Christian Kaltepoth: Bezüglich des Zustands von Java EE 8 ergibt sich aktuell ein gemischtes Bild. Einige wenige JSRs werden sehr aktiv vorangetrieben und haben bereits wichtige Meilensteine erreicht. Dazu gehört vor allem die von Red Hat geleitete CDI-2.0-Spezifikation. Das ist besonders deshalb erfreulich, weil CDI ein immer zentralerer Bestandteil der Plattform wird.

Leider sieht es aber bei einem Großteil der anderen JSRs deutlich schlechter aus. Hier wurde Ende letzten Jahres die Arbeit seitens Oracle komplett eingestellt. Bei einigen JSRs, wie beispielsweise JSF 2.3, MVC 1.0 und Java EE Security, konnte die Community schnell eingreifen und die sinkende Aktivität Oracles durch aktive Mitarbeit teilweise auffangen. Leider ist es je nach Organisationsform des jeweiligen JSRs nicht immer möglich, ganz ohne die Oracle Spec Leads weiter zu arbeiten, da teilweise nur sie Zugriff auf die entsprechenden Source Code Repositories haben. So steht die Arbeit bei Servlet 4.0, JMS 2.1 und vielen weiteren JSRs seit vielen Monaten komplett still. Und bei einigen JSRs, wie beispielsweise bei JAX-RS 2.1, hat die Arbeit noch nicht einmal wirklich begonnen.

JAXenter: Wie können aus deiner Sicht die „Java EE Guardians“ bzw. die Community zur Verbesserung der Situation beitragen?

Christian Kaltepoth: Meiner Meinung nach kann die Community mit verschiedenen Tätigkeiten die Arbeit an Java EE 8 unterstützen. Zum einen wäre da natürlich das aktive Mitwirken in den JSRs. Viele Mitglieder der Java EE Guardians sind selbst in Expert Groups und können somit die Spezifikationen aktiv voranbringen. Sei es durch Arbeit an der Referenzimplementierung, dem TCK oder einfach durch konstruktives Vorantreiben der Diskussionen innerhalb der Expert Group.

Auf der anderen Seite sehe ich es als wichtige Aufgabe der Java EE Guardians, die Öffentlichkeit über die aktuelle Situation und die damit einhergehenden Gefahren für die Zukunft von Java EE zu informieren. Java EE ist eine sehr wichtige Technologie für viele von uns. Daher betreffen die aktuellen Ereignisse jeden, der in seiner täglichen Arbeit mit Java EE zu tun hat. Natürlich darf Oracle frei darüber entscheiden, wie viele Ressourcen für die Weiterentwicklung von Java EE aufgebracht werden. Oracle ist ein Unternehmen, welches nicht aus reinem Idealismus Geld in eine Technologie investiert. Daher müssen alle betroffenen Interessenvertreter und die Community gemeinsam an einer Lösung arbeiten.

Quickvote

Sollte Java EE unabhängig von Oracle entwickelt werden?

  • Java EE rein von der Community weiterzuentwickeln, würde den EE-Standard voran bringen. (45%, 287 Votes)
  • Java EE ohne Oracle-Beteiligung wäre zwar kein Drama, würde der Sache aber doch schaden. (30%, 191 Votes)
  • Wenn sich Oracle völlig zurückziehen würde, wäre das das Aus für Java EE. (14%, 92 Votes)
  • Es würde sich nicht viel ändern, wenn sich Oracle völlig von Java EE zurückziehen würde. (11%, 67 Votes)

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JAXenter: Auch du hast dich den Java EE Guardians angeschlossen. Was hat für dich den Ausschlag gegeben?

Christian Kaltepoth: Ich selbst arbeite seit vielen Jahren mit Java EE und ich halte die Java-EE-Plattform für eine sehr wichtige und relevante Technologie. Meinen ersten Kontakt mit Java EE hatte ich zu Zeiten von EJB 2.1, und ich habe seitdem selbst miterlebt, wie die Plattform mit jeder Version kontinuierlich verbessert wurde und sich an die Bedürfnisse der Entwickler angepasst hat. Heute hat man mit Java EE 7 eine solide Basis für die Entwicklung von Anwendungen zur Verfügung. Trotzdem habe ich natürlich ein Interesse daran, dass die Arbeit an der Plattform weiter vorangetrieben wird. Als Open-Source-Enthusiast glaube ich fest daran, dass eine starke Community ganz wesentlich für den Erfolg einer Technologie ist und sehr viel bewegen kann.

JAXenter: Im JAXenter-Quickvote scheint es eine Mehrheit für die Ansicht zu geben, dass Java EE ohne Oracle-Beteiligung schneller voran käme. Was denkst du über die Bindung von Java EE an Oracle bzw. den JCP? 

Momentan scheint es so, als hätte Oracle das Interesse an Java EE verloren.

Christian Kaltepoth: Prinzipiell halte ich den JCP für eine sehr gute Institution für die Weiterentwicklung von Java EE. Sicherlich ist der JCP nicht perfekt und einige der Mechanismen könnten und sollten verbessert werden. Dass dies möglich ist, hat die neue JCP-Version vor kurzem eindrucksvoll gezeigt. Mit der neuen Associate Membership ist es jetzt noch einfacher für die Community, durch eigene Beiträge an den JSRs mitzuarbeiten. Allerdings muss man auch beachten, dass der JCP eine von Oracle finanzierte Institution und somit nicht vollkommen unabhängig von Oracle ist.

Es gibt eine ganze Reihe von Parteien, die ein großes Interesse an Java EE und dessen Zukunft haben. Dazu gehören in erster Linie natürlich die Big Player wie Red Hat und IBM, die mit auf Java EE basierenden Produkten unter anderem ihr Geld verdienen. Ich sehe aber auch die Community als ganz wesentlichen Faktor für die Weiterentwicklung der Plattform.

Momentan scheint es so, als hätte Oracle das Interesse an Java EE verloren oder möchte zumindest nicht weiter in Java EE investieren. Da die aktuelle Inaktivität von Oracle die Weiterentwicklung der Plattform vollständig blockiert, wäre es in diesem Fall sicherlich sinnvoll, wenn sich Oracle zurückzieht und den anderen Parteien die weitere Arbeit überlässt. Das ist natürlich aus vielerlei Gründen nicht ganz so einfach wie es klingt, da es hier auch um rechtliche Fragen und Intellectual Property geht.

Falls Oracle noch Interesse an Java EE hat, wäre eine Erklärung seitens Oracle sicherlich gut dafür geeignet, die Verunsicherung in der Community zu beseitigen. Einen ersten Schritt ist jetzt das Executive Committee des JCP gegangen, indem es Oracle zu Gesprächen eingeladen hat. Ich bin sehr gespannt, wie es diesbezüglich weitergeht.

JAXenter: Was ist deine technologische Vision für die nächsten Java-EE-Versionen?

Es ist ganz wesentlich für Java EE, sich aktuellen Trends der modernen Software-Architekturen anzupassen.

Christian Kaltepoth: In den letzten Versionen hat Java EE sehr viel Wert auf die Leichtgewichtigkeit der APIs gelegt. Die großen XML-Deskriptoren sind verschwunden, und stattdessen benötigt man oft nur noch wenige Annotationen, um das Gleiche zu erreichen. Ich würde mir wünschen, dass diese Idee der Leichtgewichtigkeit weiter fortgeführt wird. Besonders im Kontext von Microservice-Architekturen sind große Application Server einfach nicht mehr zeitgemäß. Mit dem Web-Profile hat Java EE 6 bereits einen ersten Schritt in Richtung Leichtgewichtigkeit der Server getan.

Ich könnte mir für Java EE beispielsweise eine Art Micro-Profile vorstellen, welches ein minimale Java-EE-Laufzeitumgebung bereitstellt, die wie Spring Boot auch in einem Executable-JAR-Modus betrieben werden kann. Dieses neue Profil könnte dann beispielsweise nur Servlet, CDI, JPA und JAX-RS enthalten und somit eine solide Grundlage für die Entwicklung von Microservices darstellen. WildFly Swarm und Payara Micro haben ja bereits vorgemacht, dass so etwas mit Java EE möglich ist. Ich denke, dass es ganz wesentlich für Java EE ist, sich aktuellen Trends im Bereich der modernen Softwarearchitekturen anzupassen, um auch in der Zukunft relevant zu bleiben.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

 

Christian KaltepothChristian Kaltepoth arbeitet als Senior Developer bei ingenit GmbH & Co. KG in Dortmund. Sein Schwerpunkt ist die Entwicklung von webbasierten Unternehmensanwendungen auf Basis von Java-EE-Technologien. Darüber hinaus ist er in mehreren Open-Source-Projekten wie Apache DeltaSpike, Rewrite, PrettyFaces und Togglz aktiv. Er ist Mitglied der JSR 371 Expert Group und ein regelmäßiger Sprecher auf Konferenzen.

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Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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