Java-EE-Faktencheck mit Josh Juneau

Die Java EE Guardians reden Klartext: „Es dauert vielleicht Monate oder Jahre, bis Oracle sich wieder auf Java EE fokussieren kann“

Hartmut Schlosser

Josh Juneau

Die Debatte um die Zukunft von Java EE geht weiter. Wir haben Josh Juneau, der mit seinem Blogpost „Java EE 8, What is the Current Status: Case Study for Completed Work Since Late 2015“ viele Community-Mitglieder auf die Stagnation bei Java EE aufmerksam gemacht hat, nach seiner Auslegung der aktuellen Situation gefragt.

Update: Mit dem Projekt MicroProfile, das von Red Hat, IBM, Payara, Tomitribe und LJC angekündigt wurde, gibt es eine weitere Community-Initiative, um Java EE auch ohne Oracle-Unterstützung voranzubringen. Auf der Basis von WildFly Swarm sollen hier Deployments möglich werden, die nur eine Untermenge von Java EE beanspruchen. Enthalten sein sollen CDI, JAX-RS und JSON-P, weitere Java-EE-Komponenten sind im Gespräch. Damit würde Java EE dem von Anatole Tresch geäußerten Wunsch nach einer Modularisierung sowie der von Gerald Mücke geforderten Unterstützung alternativer Deployment-Modelle gerecht, um beispielsweise moderne Microservice-Architekturen zu ermöglichen.

„Es ist an der Zeit, die Verantwortung an Leute abzugeben, die ein größeres Interesse an Java EE haben“

JAXenter: Wie würdest Du den aktuellen Stand von Java EE 8 beschreiben?

Das Ziel der Java EE Guardians besteht darin, die Community zur Mitarbeit zu motivieren.

Josh Juneau: Ich glaube, dass Java EE 8 zwar in der Entwicklung ist, der Fortschritt sich aber erheblich verlangsamt hat und für einige der JSRs sogar zum Stillstand gekommen ist. An vielen JSRs wird schon gearbeitet, aber diejenigen mit Oracle Spec Leads haben sich in den letzten Monat nicht vorwärts bewegt.

JAXenter: Du bist Mitglieder der neuen Gruppe mit dem Namen Java EE Guardians. Was sind die Ziele dieser Gruppe?

Josh Juneau: Das Ziel der Java EE Guardians besteht darin, die Community zur Mitarbeit zu motivieren, um Java EE voranzutreiben. Dazu machen wir sie zunächst einmal auf die gegenwärtige Situation aufmerksam. Die JSRs könnten sicherlich von der Community vorangebracht werden. Aber das Hauptziel besteht letztendlich darin, Oracle dazu zu bewegen, sich wieder um Java EE 8 zu kümmern. Schließlich kontrollieren sie das Gros der Spezifikationen.

JAXenter: Warum hast Du dich dazu entschieden, bei den Java EE Guardians mitzumachen?

Josh Juneau: Ich wollte einige der JSRs untersuchen, um festzustellen, ob die Aktivitäten wirklich eingestellt wurden. Tatsächlich habe ich nach etwas Arbeit herausgefunden, dass viele der Oracle Spec Leads sowohl Kommunikation als auch die Aktivität heruntergefahren haben und manche die Arbeit komplett eingestellt haben. Auf der anderen Seite habe ich entdeckt, dass diejenigen JSRs mit aktiver Community dagegen weiter Fortschritte machten – selbst wenn sie einen Oracle Spec Lead besaßen..

Java EE im Fokus

 

JAXenter: Glaubst Du, dass Java EE allein von der Community getragen werden könnte – ohne Einbindung Oracles?

Es ist notwendig, dass der Eigentümer von Java EE sich aufrafft.

Josh Juneau: Ich glaube schon, dass Java EE sich durch die Community weiter nach vorne bewegen kann. Die größte Hürde besteht allerdings darin, dass, wenn Java EE 8 als Standard veröffentlicht werden soll, die JSRs unter der Dach-Spezifikation von Java EE releaset werden muss. Die andere Grauzone betrifft das TCK (Test Compatibility Kit). So wie ich das sehe, haben viele der Specs kein offenes TCK. Und ohne dass ein JSR das offizielle TCK durchläuft, könnte es nicht final genannt werden und Teil von Java EE werden. Es ist also notwendig, dass der Eigentümer von Java EE sich aufrafft und hilft, die Angelegenheit wieder Fahrt aufnehmen zu lassen.

JAXenter: Und denkst Du, es ist möglich, Java EE von der Community tragen zu lassen? Wäre sie in der Lage, den Java EE Standard voranzubringen?

Josh Juneau: Gute Frage. So wie es aussieht, kann und wird die Community ihren Beitrag leisten, Java EE voranzubringen und aktuell zu halten. Doch sofern kein großes Unternehmen Mitglieder dafür bezahlt, an Spezifikationen zu arbeiten, kann es schwierig werden. Möglich wäre es natürlich, aber ich denke, die Instandhaltung von Java EE würde auf lange Sicht nicht zu gewährleisten sein. Für eine längerfristige Lösung müsste entweder Oracle oder eine anderes großes Unternehmen der Community unter die Arme greifen und sich voll hinter die Bemühungen stellen, Java EE weiterzuentwickeln.

JAXenter: Wie sieht dein persönlicher Eindruck von Java EE und seiner Zukunft aus?

Josh Juneau: Optimal wäre es meiner Meinung nach, wenn Oracle den Specifikations-Leads erlauben würde, Zeit in ihre jeweiligen JSRs zu investieren. Allerdings glaube ich nicht, dass das in nächster Zeit geschehen wird. Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass Oracle sich derzeit nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten umschaut, da Java EE und Java selbst keine großen Einnahmequellen für den Konzern darstellen – und die sind gerade im Cloud-Bereich zu finden. Wahrscheinlich will Oracle alle Ressourcen darauf verwenden, an Cloud-Projekten zu arbeiten. Von daher könnten Monate oder Jahre vergehen, bis Oracle wieder bereit ist, sich auf Java EE zu fokussieren.

Daher denke ich, dass trotz der vielen großartigen Dinge, die Oracle für Java in den letzten sechs Jahren getan hat, es an der Zeit ist, die Verantwortung an Leute abzugeben, die ein größeres Interesse an der Sache haben. Sollte sich Java EE in der nächsten Zeit nicht weiterentwickeln, wird es stagnieren, worunter das gesamte Ökosystem leiden wird.

Vielen Dank für das Interview!

Quickvote

Sollte Java EE unabhängig von Oracle entwickelt werden?

  • Java EE rein von der Community weiterzuentwickeln, würde den EE-Standard voran bringen. (45%, 287 Votes)
  • Java EE ohne Oracle-Beteiligung wäre zwar kein Drama, würde der Sache aber doch schaden. (30%, 191 Votes)
  • Wenn sich Oracle völlig zurückziehen würde, wäre das das Aus für Java EE. (14%, 92 Votes)
  • Es würde sich nicht viel ändern, wenn sich Oracle völlig von Java EE zurückziehen würde. (11%, 67 Votes)

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JuneauJosh Juneau arbeitet als Applikationsentwickler und System Analyst bei Fermilab. Unter anderem beherrscht er folgende App-Entwicklungstechnologien: Java SE, Java EE, PL/SQL, Python/Jython, Groovy und Objective-C. Seine Spezialitäten sind: App-Development für Desktop-, Enterprise- und Web-Applikationen, Entwicklung von Datenbank-Applikationen, Scripting für verschiedenste Sprachen, Datenbank-Kreation, -Management und -Entwicklung.

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Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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