Java-EE-Faktencheck mit Gerald Mücke

Die Java EE Guardians reden Klartext: „Mich haben die zahlreichen Meldungen beunruhigt, dass Oracle seine Prioritäten zu Ungunsten von Java verschiebt“

Hartmut Schlosser

Man muss kein Mitglied einer Java-EE-Expertengruppe sein, um sich den Java EE Guardians anzuschließen. In unserer Interview-Reihe zum Status Quo von Java EE sprechen wir dieses Mal mit Gerald Mücke, der als IT-Berater und Software-Architekt täglich mit Java-EE-Technologien zu tun hat.

JAXenter: Wir möchten uns über den aktuellen Zustand der Java-EE-Plattform unterhalten. Bevor wir zur Zukunft und Java EE 8 kommen – wo steht die Plattform mit Java EE 7 aus deiner Sicht gerade?

Das größte Problem der EE-Plattform ist, dass damit vor allem Applikationsserver assoziiert werden.

Gerald Mücke: Java EE 7 deckt bereits eine Vielzahl an Technologien ab, wodurch die Plattform sehr vielseitig im Unternehmenskontext einsetzbar ist. Die mit EE 6 eingeführten und mit EE 7 verbesserten Technologien JAX-RS und CDI brachten zahlreiche neue Möglichkeiten, Enterprise-Applikationen schnell und effizient zu entwickeln. Dadurch ist es viel einfacher und natürlicher, Anwendungen nach „neuen“ Paradigmen wie REST zu entwickeln. Mit Java EE 7 kamen dann WebSockets, JSON und Batch-Unterstützung hinzu. Vor allem letzteres spielt in größeren Unternehmen eine wichtige Rolle, so dass bisher auf proprietäre oder selbstentwickelte Lösungen zurückgegriffen werden musste.

Abgesehen von den zahlreichen Möglichkeiten, die EE 7 bereits bietet, sind in Großunternehmen viele dieser Technologien noch gar nicht angekommen, da die Platzhirsche unter den Applikationsservern erst seit einem knappen Jahr EE-7-kompatible Versionen anbieten und entsprechende Plattformmigrationen in den größeren Unternehmen eher langfristige Angelegenheiten sind.

Das ist dann meiner Meinung nach auch das größte Problem mit der EE-Plattform, dass damit vor allem Applikationsserver assoziiert werden und weniger ein „Werkzeugkasten“, um Lösungen zu bauen, so wie z.B. die Standard Edition wahrgenommen wird.

JAXenter: Jetzt steht das nächste Release an: Java EE 8. Wie sieht es hier mit dem Entwicklungsstand aus? 

Gerald Mücke: Sehr unterschiedlich. Die von der Community geführten JSRs haben generell eine höhere Aktivität und werden vermutlich rechtzeitig fertiggestellt. Bei den von Oracle geführten JSRs ist weniger, zum Teil keine Aktivität zu erkennen. Ob die von Oracle geführten JSRs rechtzeitig fertig werden, kann ich nicht sagen, da ich keine Oracle-Internas kenne.

Dass es im Moment etwas schleppend voran geht, der Release Termin verschoben wurde und die von Oracle geführte JSRs nicht so richtig voran kommen, kann ich aber im Grunde verschmerzen, da es bei Java EE eher wenig um Geschwindigkeit als vielmehr um Stabilität geht. Java EE 7 war bereits zwei Jahre verabschiedet, bevor die beiden größten Application-Server-Anbieter entsprechende Unterstützung in ihren Produkten anboten, und es wird weitere Jahre dauern, bis Kunden auf diesen Plattformen arbeiten. Ich persönlich schätze einen standardisierten, stabilen Werkzeugkasten höher als die Schnellebigkeit, wie sie z.B. in der JavaScript-Welt anzutreffen ist. Zumal ich ohnehin immer die Möglichkeit habe, neue Technologien einzusetzen, wenn es erforderlich ist.

JAXenter: Jetzt hat sich eine Gruppe namens „Java EE Guardians“ gebildet, die sich zum Ziel gesetzt hat, Java EE voran zu bringen. Mit welchen Aktivitäten könnte das geschehen?

Ich könnte mir vorstellen, dass die Guardians die Community stärker zusammenführt.

Gerald Mücke: Ich könnte mir vorstellen, dass die Guardians die Community stärker zusammenführen und dabei helfen können, nicht nur mehr Verantwortung zu übernehmen, sondern auch zu bekommen.

Bisher habe ich selbst die Entwicklung von Java nur aus der Beobachterperspektive wahrgenommen. Das hat sich durch die Gründung der Guardians geändert, und ich denke, das könnte vielen anderen Entwicklern ebenso den nötigen Anstoß geben, sich zu beteiligen.

Die wichtigste Aktivität ist aus meiner Sicht also die Community-Arbeit. Denn dadurch, dass sich der Aufruhr in der Community jetzt in einer Gruppe manifestiert hat, der sich bereits viele prominente Anhänger der Java-Welt angeschlossen haben, gibt dem ganzen Vorhaben mehr Gewicht und erhöht damit auch die Chancen auf Erfolg.

JAXenter: Was waren für die dich Beweggründe, dich den Java EE Guardians anzuschließen?  

Gerald Mücke: Ich bin vor allem als Berater bei Kunden, die Lösungen brauchen. Da in Großunternehmen Java EE eine etablierte Platform ist, fällt es mir leichter, Lösungen zu bauen, da ich die vorzufindende Technologie und ihre Eigenheiten kenne. Durch die Standardisierung kann ich meinen Erfahrungsschatz kontinuierlich vertiefen und muss nicht immer wieder von neuem anfangen, mich in neue Frameworks oder Technologien einzuarbeiten. D.h. für mich ist Java EE und dessen Standardisierung ein enorm wichtiger und effizienzsteigernder Faktor – wenn nicht sogar die Grundlage – für meine tägliche Arbeit.

Mich haben daher vor allem die zahlreichen Meldungen beunruhigt, dass Oracle seine Prioritäten zu Ungunsten von Java verschiebt. Das nachlassende Commitment bei JavaFX – und das, obwohl es dringend eine langfristige Alternative zu Swing bräuchte –, der Abbau der Evangelisten und nun zuletzt die fehlende Aktivität bei der Arbeit an EE lassen in mir Zweifel aufkommen, wie sehr Oracle noch hinter Java steht.

Da Java EE für mich sehr wichtig ist und ich die Initiative und das Vorhaben der Java EE Guardians unterstützenswert fand, bin ich beigetreten.

JAXenter: Denkst du, es wäre von Vorteil, wenn Java EE gänzlich von der Community entwickelt würde?

Gerald Mücke: Ja und Nein. Auf der einen Seite sehe ich ein starkes Committment von anderen Firmen wie RedHat, die durchaus schon mehrfach exzellent bewiesen haben, dass sie Wesentliches zu Java EE beitragen können und es auch ganz gut ohne Oracle schaffen würden. Auf der anderen Seite ist Oracle „Eigentümer“ von Java, und es würde für die Community-Bestrebungen ein beträchtliches Risiko darstellen, wenn Oracle nicht beteiligt wäre. Allerdings fände ich es gut, wenn der Community mehr Autonomie zugestanden würde und Oracle bestenfalls konsultativ und anderweitig unterstützend wirken würde, z.B. durch Bereitstellung von Ressourcen, Technologien, Patenten, etc.

JAXenter: Welche technologischen Weiterentwicklungen sollten in Java EE deiner Meinung nach umgesetzt werden?

Gerald Mücke: Aus meiner Sicht bedarf das Thema Security etwas mehr Zuwendung, da es bisher weder einfach zu handhabende, noch einheitliche Lösungen gibt, die häufig in Eigenentwicklungen münden. Dieses Thema wird mit dem Java EE Security API 1.0 ja bereits adressiert, und ich bin gespannt auf die Neuerungen, die da kommen werden.

Außerdem würde ich mir vor allem wünschen, dass neben dem Applikationsserver auch weitere Deployment-Modelle standardisiert und vereinfacht würden. Nicht nur, aber auch im Zuge des Microservice-Trends sind alternative Deployment-Modelle wie Embedded bzw. Container-less Deployments durchaus salonfähig geworden. Vielleicht könnte hier Wildfly Swarm ein Vorreiter sein, aber auch in Zukunft die mit Java 9 kommende Modularisierung helfen.

Zu guter Letzt denke ich an Ansätze wie Reactive Programming oder auch Enterprise Integration Patterns, bei denen einfach zu handhabende und standardisierte APIs helfen würden, die Anwendungsentwicklung bei zunehmender Vielfalt der Framworks und Tools zu vereinfachen und Kunden langfristige Investitionssicherheit zu geben.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

99fe7a65c7222e09991936223ae74fccGerald Mücke ist als IT Berater und Software Architekt für Enterprise Content Management Systeme tätig. Er verfügt über langjährige Erfahrung im Java Enterprise Umfeld, sowohl in der Produktentwicklung als auch in der Beratung. Seine Themenschwerpunkte liegen bei Agiler Softwareentwicklung, Microservices und Java Content Repositories.

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Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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