Drei Experten kommentieren

Abstellgleis oder Innovationsschub: Java EE – wohin geht die Reise?

Hartmut Schlosser

© Shutterstock / zhangyang13576997233

Wie geht es weiter mit Java EE? Oracles Pläne, die altgediente Java Enterprise Edition zu öffnen und an eine Open-Source-Foundation zu übergeben, werden heiß diskutiert in der Szene. Wird Java EE damit aufs Abstellgleis geschoben? Oder bewirkt die angestrebte Öffnung im Express einen neuen Innovationsschub? Wir haben drei Insider gebeten, die aktuelle Situation zu kommentieren.

Java EE – wohin geht die Reise?

Nach dem anstehenden Release von Java EE 8, für das gerade die offizielle Zustimmung durch das JCP Experten-Komitee erfolgt ist, soll die Java Enterprise Edition offener, transparenter und innovativer werden. Um das zu erreichen, hat Oracle vorgeschlagen, Java EE an eine anbieterneutrale Foundation zu übergeben. Implizieren würde dies auch neue Prozesse und eine alternative Lizenzpolitik, so die Ankündigung von Oracles Java-EE-Evangelist David Delabassee.

Wie Mark Struberg hier auf JAXenter präzisiert, gehen die Pläne dahin, sowohl die Java-EE-Referenzimplementierung Glassfish als auch die TCKs (Technology Compatibility Kits), mit denen eine Java-EE-Implementierung auf Standard-Konformität hin überprüft werden kann, einer noch zu findenden Open Source Foundation zu übergeben.

Die Spezifikationen sollen indes rechtlich bei Oracle verbleiben und auch weiterhin durch den JCP gesteuert werden. Fraglich ist, ob die Bezeichnung „Java EE“ noch beibehalten werden kann, da Oracle das Recht am Java-Trademark nicht aufgeben will.

Was bedeutet das für Java EE?

Soweit der Stand der Dinge. Doch was bedeutet das für die Community? Wir haben drei Experten gebeten, eine Einschätzung zu den Folgen einer solchen Marschroute für Java EE vorzunehmen.

JAXenter: Oracle hat angekündigt, Java EE an eine Open Source Foundation übergeben zu wollen. Wie beurteilt Ihr diesen Schritt? Eine gute Entscheidung?

Die Experten

A​natole Tresch ist Principal Consultant für die Trivadis AG und Specification Lead des JSR 354 (Java Money & Currency) und PPMC Member von Apache Tamaya. Twitter: @atsticks

Sebastian Daschner arbeitet als freiberuflicher Java Consultant, ist Java Champion und Mitglied der JSR 370 Expert Group. Twitter: @DaschnerS.

Christian Kaltepoth arbeitet als Senior Developer bei ingenit, beteiligt sich an Open-Source-Projekten wie Apache DeltaSpike, Rewrite, PrettyFaces und Togglz und ist Spec Lead der JSR 371 Expert Group.  Twitter: @chkal

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Innovation im Java-EE-Bereich wieder anziehen wird.

Anatole Tresch: Ich begrüße grundsätzlich diesen Schritt. Die Community engagiert sich bereits heute sehr stark in der Weiterentwicklung von Java EE, somit ist der Übergang in ein OSS-Modell fast schon logisch. Ebenso kann ich mir gut vorstellen, dass mit diesem Schritt die Innovation im Java-EE-Bereich wieder anziehen wird, was ja am Ende allen zu Gute kommt.

Sebastian Daschner: Ich finde, die Entscheidung, Java EE an eine Open Source Foundation zu übergeben, birgt eine Menge Chancen und Potential – vor allem, um die Plattform etwas schneller voranzutreiben, als das in der Vergangenheit der Fall war. Ich finde aber, dass grundsätzlich das Konzept des JCP (Java Community Process) mit dem Executive Committee und den Expert Groups sehr gut funktioniert. Ein ähnliches Konzept mit einfacheren Open-Source-Lizenzen und schnellerem Vorgehen zu kombinieren, würde der Plattform sicherlich helfen. Ein paar weiter Gedanken dazu habe ich — auf Englisch — in meinem Blog-Post geschrieben: https://blog.sebastian-daschner.com/entries/thoughts_on_opening_up_javaee

Christian Kaltepoth: Mit einer solchen Ankündigung von Oracle hat wohl niemand wirklich gerechnet. Oracle geht damit einen großen Schritt in die Richtung, die schon seit langem von der Community gefordert wird. In der Vergangenheit war Oracles Umgang mit Java EE ja heftiger Kritik ausgesetzt. Bisher hat Oracle Java EE fast im Alleingang vorangetrieben und hatte stets sehr große Kontrolle darüber, in welche Richtung sich die Entwicklung bewegte. Die Übergabe von Java EE an eine Open Source Foundation sehe ich daher als sehr positiven Schritt. Ich hoffe, dass Java EE zukünftig in einer offeneren und flexibleren Art und Weise weiterentwickelt werden kann. Ich denke, dieser Schritt eröffnet die Möglichkeit für mehr Mitarbeit der Community an Java EE.

Die Ankündigung lässt auch vermuten, dass sich Oracle eventuell in Zukunft weniger aktiv direkt in der Arbeit an Java EE einbringen möchte.

Allerdings lässt die Ankündigung auch vermuten, dass sich Oracle eventuell in Zukunft weniger aktiv direkt in der Arbeit an Java EE einbringen möchte. So sehr auch eine offenere Entwicklung von Java EE positiv zu bewerten ist, so muss man auch beachten, dass Oracle in der Vergangenheit viel für die Plattform geleistet hat. Die eventuell jetzt entstehende Lücke muss also geschlossen werden. Ich hoffe sehr, dass die Community diese Rolle übernehmen kann. Als äußerst positiv ist auf jeden Fall zu bewerten, dass Oracle die Community sehr früh informiert und in die Pläne eingeweiht hat. Das lässt darauf hoffen, dass man gemeinsam eine gute Lösung für die Zukunft von Java EE finden kann.

JAXenter: Welche Foundation käme aus Eurer Sicht am ehesten in Frage? Eine neu zu gründende „Java EE Foundation“, Eclipse, Apache oder etwas ganz anderes?

Anatole Tresch: Ich sehe keinen Grund, eine neue Foundation ins Leben zu rufen. Damit der Ausgleich zwischen den sich engagierenden Unternehmen und Personen garantiert wird, würde ich mir eine Community mit einem etablierten und klar geregelten Prozessmodell wünschen, wie es z.B. die Apache Foundation hat. Die Mechanismen dort sind zwar manchmal etwas zeitaufwendig, aber sie garantieren, dass keiner der beteiligten Stakeholder einseitig Einfluss nehmen kann. Ich denke, dass ist Java EE seiner Verbreitung geschuldet.

Sebastian Daschner: Für mich persönlich ist das weniger eine Frage der gewählten Foundation – ich glaube, alle drei Lösungen könnten gut funktionieren -, sondern eher eine der tatsächlichen Umsetzung  à la Expert-Group-ähnlichen Kommitees. Eine spannende Frage ist auch, ob es möglich ist, die Übergabe von Java EE mit dem Eclipse MicroProfile zu fusionieren.

Die wesentliche Frage ist, was in Zukunft mit dem Java Community Process geschieht.

Christian Kaltepoth: Diese Frage ist zum aktuellen Zeitpunkt sehr schwer zu beantworten. Ich denke, dass sowohl die Eclipse Foundation als auch die Apache Software Foundation geeignete Kandidaten wären. Beide Organisationen bieten seit Jahren vielen großen Open-Source-Projekten ein Zuhause und haben sehr viel Erfahrung in diesem Bereich. Die wesentliche Frage ist sicherlich, was in Zukunft mit dem Java Community Process geschieht. Aktuell sieht es so aus, als würde der JCP in seiner heutigen Form bestehen bleiben und weiterhin den rechtlichen Rahmen für die JSRs liefern. Wenn dies so bleibt, spricht aus meiner Sicht nichts gehen Eclipse oder Apache. Falls aber der JCP langfristig durch eine andere Organisation abgelöst werden soll, dann ist vielleicht eher die Gründung einer „Java EE Foundation“ sinnvoll, die auf die Entwicklung von Standards im Java-EE-Umfeld spezialisiert ist. Aber ich denke, dass man zum aktuellen Zeitpunkt diesbezüglich nur spekulieren kann.

JAXenter: Vielen Dank für Eure Kommentare!

Stimmen Sie ab in unserem Quickvote zum Thema:

Java EE wäre am besten aufgehoben bei...

  • der Apache Foundation (43%, 276 Votes)
  • einer neu zu gründenden Java EE Foundation (26%, 168 Votes)
  • der Eclipse Foundation (18%, 119 Votes)
  • Wie bisher bei Oracle und dem JCP (10%, 62 Votes)
  • der Linux Foundation (3%, 18 Votes)
  • bei einer anderen Foundation (1%, 4 Votes)

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Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser ist Redakteur und Online-Koordinator bei Software & Support Media. Seine Spezialgebiete liegen bei Java-Enterprise-Technologien, JavaFX, Eclipse und DevOps. Vor seiner Tätigkeit bei S & S Media studierte er Musik, Informatik, französische Philologie und Ethnologie.
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