Kritik an Public Review Ballot

Java 9 auf der Kippe? IBM und Red Hat wollen gegen Jigsaw stimmen

Hartmut Schlosser

(c) Shutterstock / tomertu

 

Der Konflikt um das Modulsystem für Java 9 (aka Jigsaw) spitzt sich zu. Nach der Kritik von Mitgliedern der JPMS-Experten-Gruppe hat Oracle dennoch zur Abstimmung über den zugehörigen JSR 376 aufgerufen. IBM und Red Hat haben bereits angekündigt, mit „Nein“ zu stimmen.

Bis zum 8. Mai ist das Exekutiv-Komitee des JCP aufgerufen, über den Entwurf für JSR 376 (Java Platform Module System – JPMS) abzustimmen. Vorangegangen waren kontroverse Diskussionen um den aktuellen Stand der Spezifikation, in denen Mitglieder von Red Hat, IBM, Maven und Paremus einige technische Anpassungen und nötigenfalls eine Verschiebung von Java 9 gefordert hatten.

Tim Ellison von IBM schreibt nun auf der JPMS-Mailingliste, dass der jetzige Jigsaw-Entwurf noch überarbeitet werden müsse, um sich stärker einem Einverständnis der gesamten Community anzunähern. Ellison sei persönlich enttäuscht darüber, dass trotz der vorgebrachten Einwände einiger Mitglieder der Expertengruppe eine Abstimmung über den JSR-376 Public Review durchgeführt werden soll.

Ellison zitiert dabei Passagen einer Mail von Scott Stark, in der der Red-Hat-Mitarbeiter ankündigt, Red Hat werde seine Zustimmung zum jetzigen JPMS-Entwurf verweigern:

As it stands, Red Hat will not vote for the approval of this public review draft of JPMS as it is not in the best interest of the Java community.

Das sei auch die Position von IBM, fährt Ellison fort. Deshalb werde auch IBM mit „Nein“ stimmen:

IBM is also voting „no“ which reflects our position that the JSR is not ready at this time to move beyond the Public Review stage and proceed to Proposed Final Draft.

Statt einer Annahme des jetzigen Jigsaw-Entwurfs schlägt IBM vor, die von der Expertengruppe benannten Probleme weiter zu diskutieren, Anpassungen vorzunehmen und einen breiteren Konsens zu erreichen.

Java 9 auf der Kippe?

Die große Frage lautet, was das für den Release-Termin von Java 9 bedeutet. Geplant ist dieser bekanntlich für den 27. Juli 2017. Sollen sämtliche von den Jigsaw-Kritikern gewünschten technischen Anpassungen noch umgesetzt werden, dürfte dieser Termin kaum mehr zu halten sein. Das wird Oracle mit allen Mitteln zu verhindern suchen.

Doch kann Oracle sich andererseits über so gewichtige Mitglieder der Java-Community wie Red Hat und IBM hinwegsetzen und Jigsaw im Alleingang „durchdrücken“?

Lesen Sie auch: Kritik an Jigsaw: Experten fordern Verschiebung von Java 9

Nun bedeutet die Abstimmung des JCP Exekutiv-Komitees konkret, dass 23 gewählte Mitglieder des Java Specification Process über die Annahme des Jigsaw-Entwurfs entscheiden sollen:

  • Oracle
  • Azul Systems
  • Credit Suisse
  • Eclipse Foundation
  • Fujitsu Limited
  • Gemalto M2M
  • Goldman Sachs
  • Hazelcast
  • Hewlett Packard Enterprise
  • IBM
  • Intel
  • MicroDoc
  • NXP Semiconductors
  • Red Hat Middleware
  • SAP SE
  • Software AG
  • Tomitribe
  • Twitter
  • V2COM
  • Ivar Grimstad
  • Werner Keil
  • London Java Community
  • SouJava

Zur Annahme der Entwurfs kommt es, wenn 2/3 der Mitglieder mit „Ja“ stimmen. Es handelt sich also nicht um eine Abstimmung unter den ausgewiesenen Jigsaw-Experten der JPMS-Expertengruppe, sondern um die eines Gremiums, in dem (zumindest auch) unternehmenspolitische Interessen eine Rolle spielen.  Vieles spricht also dafür, dass JSR 376 in der jetzigen Form trotz einiger Nein-Stimmen vom Exekutiv-Komitee durchgewunken wird.

Falls JSR-376 dennoch abgelehnt wird, hat der Spezifikationsleiter Oracle 30 Tage Zeit, die Einwände auszuräumen und eine neue Abstimmungsrunde einzuleiten. Ob in einem solchen Szenario der ursprüngliche Release-Termin für Java 9 zu halten ist, sei einmal dahin gestellt.

Mehr zum Thema: Projekt Jigsaw und Co.: Das erwartet uns in Java 9

Anzumerken ist in jedem Fall, dass es hier noch nicht um die finale Version der JPMS-Spezifikationen geht. Anpassungen können also auch nach der Annahme des Public-Review-Dokuments vorgenommen werden. Und dies dürfte denn auch der wahrscheinlichste Ausgang darstellen: Einige der Kritikpunkte aus dem IBM/RedHat/Maven (bzw. OSGi)-Lager werden bis zum Java-9-Release berücksichtigt, einige andere auf spätere Releases verschoben. Mit der aktuellen Anpassung des Jigsaw-Entwurfs in Bezug auf automatische Module (ein Kritikpunkt der Apache-Maven-Gruppe), deutet sich dies bereits an.

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser ist Redakteur und Online-Koordinator bei Software & Support Media. Seine Spezialgebiete liegen bei Java-Enterprise-Technologien, JavaFX, Eclipse und DevOps. Vor seiner Tätigkeit bei S & S Media studierte er Musik, Informatik, französische Philologie und Ethnologie.
Kommentare
  1. Christian2017-05-08 10:35:15

    In dem Zusammenhang ist der "An Open Letter to the JCP Executive Committee" von Mark Reinhold interessant: http://mreinhold.org/blog/to-the-jcp-ec

    Was insbesondere Red Hat hier treibt, sieht nach einem unfairen, technisch wenig vernünftigen Spiel aus.

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