Interview mit Azul Systems Co-Gründer Gil Tene

"Java 8 muss seine Deadlines einhalten" – Gil Tene über JCP, Zing und Project Jigsaw

Azul Systems hat vor Kurzem die Java Virtual Machine Zing für die Open-Source-Entwicklung zur Verfügung gestellt. Im Gespräch mit JAXenter-Redakteur Chris Mayer gibt Azul-Co-Gründer Gil Tene Einblicke in die Zing JVM und kommentiert als Mitglied des Executive Committee die aktuellen Entwicklungen innerhalb des JCP. Nicht zuletzt hat er einiges zur Entscheidung zu sagen, Projekt Jigsaw von Java 8 auf eine spätere JDK-Version zu verschieben.

JAXenter: Du bist seit November 2011 Mitglied des Executive Committee des Java Community Process. Was waren die Beweggründe für deinen Beitritt und was erhoffst du dir davon?

Gil Tene: Azul lebt und atmet Java. Wir bauen skalierbare JVMs. Seit neun Jahren sind wir nun schon Teil des JCP, waren aber bislang meist nur auf der nehmenden Seite. Viel Arbeit wurde von den anderen geleistet, und wir profitierten davon.

Unsere Entscheidung, nun aktiver zu werden, basiert auf mehreren Aspekten. Einer davon war die aktuelle Pattsituation im JCP, die durch zwei Faktoren hervorgerufen wird: Zum einen durch den Streit um die Lizenzierung, bzw. die Frage, ob Apache Harmony TCKs nutzen dürfen oder nicht. Egal auf welcher Seite man hier steht, allein die Diskussion um dieses Thema hat die Aktivitäten im JCP gelähmt. Abstimmugen über die Plattform und über JSRs wurden von der Haltung à la „Ich werde erst dafür stimmen, wenn man sich gewisser Dinge angenommen hat“ beeinträchtigt.

Ein anderer Aspekt war der Erwerb Suns durch Oracle, der dazu führte, dass die gesamte Branche misstrauisch bzgl. Oracles Motive wurde. Ganz gleich, ob man mit der Geschäftsführung Suns einverstanden war, kann man doch sagen, dass es sich gegenüber dem Board als neutraler Hüter von Java verhalten hat. Niemandem kam es wirklich in den Sinn, mit Sun in Konkurrenz zu treten und sich um den Zugang zu Java machte Sorgen zu machen.

Als Oracle dann Sun kaufte, machte man sich als Software-Hersteller mit größerer Wahrscheinlichkeit zum Konkurrenten Oracles. Man fühlte sich abhängig von einer Technologie, die einem Konkurrenten gehört, und jeder hatte Fragen darüber, ob die Offenheit und Zugänglichkeit aus der Vergangenheit erhalten bleiben.

Dieselben Sorgen hatten zuerst auch wir. Mittlerweile deuten jedoch alle Zeichen darauf hin, dass Oracle den richtigen Weg zu gehen versucht und den Zugang zu Java nicht verschließt. Sie versuchen nicht, die Strukturen des Ökosystems zu verändern. Aber ein Versuch ist noch keine Tat. Als Reaktion auf diese Situation beschlossen wir, dem Executive Committee des JCP beizutreten und aktiv am Prozess teilzuhaben. Wenn wir nicht wollen, dass der JCP von einem einzigen Unternehmen beherrscht wird, bedeutet das schließlich, dass sich auch andere Unternehmen engagieren müssen.

Wir hoffen, dass die gegebenen Versprechen erfüllt werden und verfolgen alle Entwicklungen von Nahem. Wir möchten früh über Kontroversen reden, bevor sie sich zu Problemen entwickeln.

JAXenter: Kannst du uns Beispiele für derartige potentielle Problemen nennen?

Gil Tene: Das OpenJDK finde ich super – Oracle scheint voll und ganz hinter diesem guten Schachzug von Sun zu stehen. Java wird im Offenen entwickelt und erst dann in Closed Source übertragen – nicht anders herum, wie es zuvor war. Der Zugang ist da, der Code frei verfügbar. Man kann ihn nutzen und Dinge mit ihm entwickeln, wenn man möchte. Ich glaube wirklich, dass hier alle guten Absichten zum Tragen kommen. Wir planen, unsere Produkte zukünftig auf dieser offenen Codebasis aufzubauen und nicht mehr auf der geschlossen lizenzierten Codebasis.

Wenn man sich das OpenJDK jedoch tatsächlich einmal anschaut, fällt auf, dass ihm eine gewisse Vorhersehbarkeit fehlt. Was die Möglichkeit zur Nutzung und zum Testen angeht, läuft alles richtig. Wenn man sich als Unternehmen oder Privatperson dazu entscheidet, zum OpenJDK beizutragen und seine Projekte auf Basis des OpenJDK baut, kann man sicher sein, dass ein Jahr lang alles funktionieren wird. Aber man kann nicht absolut voraussagen, was in drei oder vier Jahren sein wird. Nicht, dass deine Codebeiträge entfernt würden – dafür gibt es keinerlei Absichten. Aber es gibt schlicht keine Garantie.

Das mag keine Eigenheit des OpenJDK sein, doch gewöhnlich werden solche Fälle durch eine geschäftliche Vereinbarung geregelt. Man ist als Unternehmen in einer sehr unangenehmen Situation, denn wenn man Arbeit investiert, möchte man schließlich wissen, ob man die Profite daraus auch noch in einigen Jahren genießen kann. Und falls die Vorteile dennoch irgendwann einmal verloren gehen sollten, möchte man das zumindest Jahre im Voraus wissen – und nicht ein paar Tage vorher.

Aus diesem Grund sprechen wir uns für eine größere Transparenz innerhalb des JCP aus. Man sollte stets wissen, wie lange der Zugriff auf eine erworbene Lizenz erhalten bleibt.

JAXenter: Gibt es noch weitere Punkte?

Gil Tene: Es gibt noch einige weniger komplizierte Dinge, die viel mit Prozessen zu tun haben. Der JCP bewegt sich hin zu einem deutlich offeneren Prozess, bei dem es keine geheimen Diskussionen mehr in JSRs gibt. Bei technischen Diskussionen sollte jedes JCP-Mitglied nicht nur das Ergebnis sehen, sondern auch die dahinterstehende Logik und außerdem die Möglichkeit haben, sich an der Diskussion zu beteiligen. Zumindest sollte man sie kritisieren können. Diese Entwicklung hat bereits stattgefunden, und das ist sehr positiv.

Aber offen bedeutet nicht immer gleich Open Source. Obwohl ich ein großer Befürworter von Open Source bin, sollte es niemandem auferlegt werden. Ich denke nicht, dass man Open-Source-Lizenzierung als Regel erzwingen sollten, genauso wenig wie man das bei kommerziellen Lizenzen tut. Der JCP soll sicherstellen, dass jeder die Möglichkeit hat, Implementierungen eines Standard zu bauen – und zwar kompatible Implementierungen, die die Plattform nicht fragmentieren. Darum geht es meiner Meinung nach. Ob diese Implementierungen offen oder geschlossen, kostenfrei oder kostenpflichtig sind, ist egal. Hauptsache ist, dass es viele davon gibt und man sie offen miteinander konkurrieren lässt. Und möge dann die beste gewinnen.

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