Interview mit Mike Milinkovich

„Jakarta EE 9 ermöglicht die Migration zu neueren Cloud-Native-Tools, -Produkten und -Plattformen“

Dominik Mohilo

Mike Milinkovich

Jakarta EE 9 ist erschienen. Wir haben mit Mike Milinkovich, Executive Director der Eclipse Foundation, darüber gesprochen, was dieser Meilenstein für die Java-Welt bedeutet: Wie geht es weiter mit Enterprise-Java und welche Rolle spielt dabei Open-Source-Software?

JAXenter: Hi Mike und danke, dass du dir die Zeit genommen hast! Nach ganzen drei Jahren des Planens, Verhandelns, weiteren Planens und dann der eigentlichen Arbeit am Projekt Jakarta EE ist es nun endlich geschafft: Die Zukunft von Enterprise-Java kann beginnen. Kannst du die Geschichte für unsere Leser zusammenfassen? Was geschah innerhalb der letzten drei Jahre?

Mike Milinkovich: Kurz gesagt hat Oracle Java-EE-Technologien zur herstellerneutralen Governance bei der Eclipse Foundation beigetragen. Java EE ist jetzt eine Community-getriebene Open-Source-Plattform und wurde in Jakarta EE umbenannt. Auf den ersten Blick klingt das relativ einfach, aber die Wahrheit ist, dass das ein unglaublich komplexer und herausfordernder Prozess war, der nur durch das Engagement und die Zusammenarbeit vieler verschiedener Entitäten, Mitwirkender und Organisationen möglich war. Es kann leicht vergessen werden, dass der größte Teil der Geschäftsinfrastruktur auf der Welt tatsächlich immer noch auf Java läuft. Es ist ein unglaublich großes Ökosystem mit Dutzenden Millionen von Entwicklern und Milliarden von Codezeilen, die buchstäblich einen großen Teil der globalen Wirtschaft antreiben.

Es kann leicht vergessen werden, dass der größte Teil der Geschäftsinfrastruktur auf der Welt tatsächlich immer noch auf Java läuft.

Im Fall von Jakarta EE 9 haben die Eclipse Foundation und die Jakarta-EE-Gemeinschaft den wichtigen und notwendigen Schritt auf dem Weg zu weiteren Innovationen unter Verwendung von Cloud-nativen Technologien für Java getan, und zwar den Übergang von der Verwendung des Package Namespace javax.* zu jakarta.* in einer klar definierten, konsistenten und einheitlichen Weise zu vollziehen. Auf diese Weise bietet die Version Jakarta EE 9 Unternehmen und Entwicklern eine wirklich offene Plattform für die Entwicklung standardisierter Unternehmensanwendungen in Java, die als Grundlage für künftige Innovationen dienen.

JAXenter: Jakarta EE 9 ist erschienen und einsatzbereit, was ist für die Anwender drin?

Mike Milinkovich: Jakarta EE 9 ermöglicht es Endnutzern und Anbietern von Unternehmenssoftware, von älteren, früheren Versionen zu neueren Cloud-Native-Tools, -Produkten und -Plattformen zu migrieren. Insgesamt senkt Jakarta EE die Eintrittsbarriere für neue Anbieter und Implementierungen, um Kompatibilität mit dieser neuen Spezifikation zu erreichen.

Es kann leicht vergessen werden, dass der größte Teil der Geschäftsinfrastruktur auf der Welt tatsächlich immer noch auf Java läuft.

Insgesamt senkt Jakarta EE die Eintrittsbarriere für neue Anbieter.

Das bedeutet wirklich, dass die Jakarta-EE-Gemeinschaft nun die treibende Kraft für weitere Innovationen ist. Mit der Veröffentlichung von Jakarta EE 9 ist die jahrelange herausfordernde Arbeit an der Umstellung dieser Plattform auf ein offeneres, von der Community verwaltetes Modell abgeschlossen. Infolgedessen ist die Jakarta-EE-Community dafür bereit, neue Innovationen und technische Entwicklungen für Enterprise-Java eher von unten nach oben voranzutreiben, anstatt eines „Top-down“-Prozesses, was durch das massive, komplexe Unterfangen vorangetrieben wurde, die Plattform zu einer echten Open-Source-Plattform zu machen. Das wird wahrscheinlich auch zu mehr Arbeit an individuellen Spezifikationen führen, im Gegensatz zu einer Konzentration auf eine breitere plattformweite Entwicklung.

Es ist offensichtlich, dass wir jedes Unternehmen, das auf Enterprise Java setzt, aktiv ermutigen, sich in der Jakarta-EE-Community zu engagieren. Jeder Interessierte kann hier Kontakt aufnehmen und mehr darüber erfahren.

JAXenter: Am Ende nahm die Community die Idee eines „Big Bang“ bezüglich der Namespaces an, was letztlich meiner Meinung nach wohl die beste Option war. Wie denkst du darüber?

Mike Milinkovich: Ich habe immer gedacht, dass das der beste Ansatz ist. Ich bin sehr froh, dass sich die Community hinter den „Big Bang“ gestellt und ihn ermöglicht hat. Es war wirklich der einzige Weg, um sicherzustellen, dass die Jakarta-EE-Community die Freiheit haben würde, ihren eigenen Weg zu neuen Innovationen zu gehen.

JAXenter: Nun, da die Kulisse steht, die Straße gepflastert ist, was sind die nächsten Schritte für die nahe Zukunft?

Mike Milinkovich: Haltet euch für eine sehr schnelle Veröffentlichung von Version 9.1 bereit, die sich auf die Unterstützung von Java SE 11 konzentrieren wird. In Zukunft wird sich die Kadenz neuer Software-Releases wahrscheinlich auf ein semantischeres Modell verlagern. Anstelle von jährlichen oder halbjährlichen Veröffentlichungen von großer Bedeutung werden einzelne Spezifikationen schneller aktualisiert werden.

Auf einer höheren Ebene hat Jakarta EE 9 die Community darauf vorbereitet, mit dem Aufbau für künftige Innovationen rund um Cloud-Native-Java zu beginnen und diese Plattform vollständig in die Welt der Container und Microservices zu überführen.

JAXenter: Und um ein größeres Bild zu zeichnen: Was sind die Pläne für Enterprise Java im Jahr 2021 und darüber hinaus?

In erster Linie wird das Java-EE-Ökosystem auf Jakarta EE umgestellt.

Mike Milinkovich: In erster Linie wird das Java-EE-Ökosystem auf Jakarta EE umgestellt. Die Vorteile sind einfach zu überzeugend, um sie zu ignorieren. Die Unterstützung der Anbieter für Jakarta EE war fantastisch, und wir erwarten, dass das Ökosystem schnell in den Namespace jakarta.* wechselt.

Zweitens glaube ich, dass wir den unaufhaltsamen Anstieg von Community-unterstützten Java Binaries erleben werden. Mit dem Umzug von AdoptOpenJDK in die Eclipse Foundation und der Wiedergeburt als Eclipse Adoptium wird die Branche über eine einzige, herstellerneutrale Quelle für hochwertige Open-Source-Java-Laufzeiten verfügen. Es ist zu erwarten, dass die Anwendungsrate zunehmen wird, wenn die Entwickler die hochwertigen Binaries und Technologien des Projekts im gesamten Java-Ökosystem nutzen.

Und schließlich glaube ich fest daran, dass Entwickler zunehmend herstellerneutrale Frameworks für Microservices einsetzen werden. Entwickler schauen über die Frameworks eines einzigen Anbieters hinweg und wählen stattdessen herstellerneutrale Standards für den Aufbau von Java-Microservices. MicroProfile ist ein gutes Beispiel für diesen Trend.

JAXenter: Als Executive Director der Eclipse Foundation sind Sie einer der Vordenker in Sachen Open-Source-Software. Wie gesund und blühend ist OSS im Moment?

Mike Milinkovich: OSS macht sich erstaunlich gut und wird nur noch weiter an Bedeutung gewinnen. Ich habe das schon früher gesagt, aber die einfache Tatsache ist, dass die moderne Welt auf Open Source basiert. Einer der Hauptgründe, warum Open Source auf dem Vormarsch ist, ist die Tatsache, dass es Unternehmen einen genehmigungsfreien Zugang zu Innovationen ermöglicht, die von der Community kontinuierlich verbessert werden.

JAXenter: Wie sehen Ihre Prognosen für OSS im nächsten Jahr aus?

Ich bin der Meinung, dass ganz Europa seinen Fokus auf die Digitalisierung legen und sie beschleunigen muss.

Mike Milinkovich: Ich glaube, 2021 wird das Jahr sein, in dem OSS für die EU in Bezug auf ihre politischen Entscheidungsträger und ihre Industrie in den Vordergrund rückt. Ich bin der Meinung, dass ganz Europa seinen Fokus auf die Digitalisierung legen und sie beschleunigen muss, da wir uns aus Wettbewerbssicht zwischen asiatischen und nordamerikanischen Plattform-Ökonomie-Unternehmen befinden. Zu viele europäische Unternehmen verzögern den Beginn ihrer Reise, angeblich wegen des wahrgenommenen Risikos für ihr bestehendes Geschäftsmodell. Es ist jetzt an der Zeit, dass europäische Unternehmen die offenen digitalen Plattformen der Zukunft etablieren und mit ganzem Herzen an der offenen Innovationsökonomie teilnehmen.

Zweitens gehe ich davon aus, dass Single-Vendor-Open-Source-Lösungen, d. h. Lösungen eines einzigen Anbieters, stärker unter die Lupe genommen werden. In vielerlei Hinsicht ist Single-Source-OSS die neue proprietäre Software. Wir haben festgestellt, dass die Herstellerneutralität einer der wertvollsten Aspekte von OSS ist. Dieses Maß an Neutralität zu erreichen, erfordert erhebliche Anstrengungen und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, aber diese Anstrengungen kommen letztlich allen Stakeholdern zugute.

Im Jahr 2021 werden die Akzeptanz und Übernahme von OSS entscheidend für das Überleben ganzer Branchen sein.

Wir werden auch erleben, dass Open Innovation in Technologiesektoren, die historisch nicht mit OSS in Verbindung gebracht wurden, sich viel stärker durchsetzen wird. Bei der Eclipse Foundation haben wir unsere Governance bereits um Anwendungsfälle wie KI, IoT, Edge Computing und, im Jahr 2020, um Silicon erweitert, indem wir die OpenHW Working Group gegründet haben. Ich denke, es gibt kaum Zweifel daran, dass mehr Märkte dieses Modell annehmen werden.

Und abschließend, und davon bin ich zutiefst überzeugt, denke ich, dass im Jahr 2021 die Akzeptanz und Übernahme von OSS entscheidend für das Überleben ganzer Branchen sein werden. Nehmen wir zum Beispiel die Automobilindustrie. Diese Organisationen stehen unter enormem wirtschaftlichem Druck. Sie müssen digitalisieren oder sterben. Die Beherrschung der Open-Source-Innovation in ihren Lieferketten ist ein Schlüsselelement für ihr künftiges Überleben.

JAXenter: Danke für das Interview!

Mike Milinkovich ist seit mehr als dreißig Jahren in der Softwarebranche tätig, vom Software-Engineering über das Produktmanagement bis hin zur Lizenzierung von geistigem Eigentum. Seit 2004 ist er Executive Director der Eclipse Foundation. In dieser Funktion ist er für die Unterstützung sowohl der Open-Source-Community als auch des kommerziellen Ökosystems von Eclipse verantwortlich. Bevor er zu Eclipse kam, war Mike als Vice President in der Oracle-Entwicklungsgruppe tätig. Weitere Stationen auf seinem Weg waren WebGain, The Object People, IBM, Object Technology International (OTI) und Nortel. Mike sitzt im Vorstand der Open Source Initiative (OSI) sowie im Exekutivkomitee des Java Community Process (JCP) und ist Beobachter und ehemaliges Mitglied des Vorstands von OpenJDK.

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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