Kolumne: Mobile Welten

J2ME: Wider den Abgesang

Tam Hanna

Es gilt als goldene Regel des Journalismus, nur auf Kollegen loszugehen, die um Arbeitsplätze konkurrieren und auf Unternehmen, die keinen Presserabatt ausgeben. Da wir aber alle Techniker sind, setze ich eine gewisse Diskursfähigkeit voraus. Deshalb beginnt diese Kolumne mit einem Statement meines Gastgebers Kay Glahn, der mir diesen Auftritt dankenswerterweise ermöglicht hat.

In seiner vorherigen Kolumne postulierte er Folgendes: „Nachdem Java ME als Cross-Plattform-Umgebung für mobile Endgeräte immer weniger Anhänger in der Entwicklergemeinde findet (.)“. Aus Entwicklersicht ist diese Entscheidung durchaus nachvollziehbar und auch bis zu einem gewissen Grad wünschenswert: J2ME ist für seine ultralästigen Sicherheitswarnungen berüchtigt, gilt als schwer zu testen und noch schwieriger zu signieren. Die allgemeine Erfahrung lehrt, dass dieser Java-Dialekt nur zum Entwickeln primitiver Spiele geeignet ist. Die Mehrheit der mit J2ME entwickelten und via TV vertriebenen Spiele ist sicherlich von miserabler Qualität. Allerdings gibt es da auch sehr beliebte Webbrowser wie Opera Mini oder komplexe Bluetooth-Server (z. B. Bongo von UnME2). Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Die Tage von J2ME sind gezählt. Allerdings trifft das auch auf mich selbst zu: Meine Ärztin prophezeit, dass auch ich eines Tages sterben muss. Eines fernen Tages – das liegt mit relativer Sicherheit noch einige Jahre in der Zukunft …

Lock them in!

Hersteller können nichts weniger leiden als Interoperabilität. Betreibt ein Hardwarehersteller seinen eigenen Store, verdient er auch nach dem Verkauf. Ist er der einzige Anbieter des Betriebssystems, können die User ihre Anwendungen nicht „in Sicherheit bringen“ und sind auf ewig an ihn gebunden. Die Standardisierung von J2ME ist so gesehen eher eine Anomalie des Marktes – wie Sun das hinbekommen hat, wäre ein hochinteressantes Lehrbuch für Manager. Es war für Industrieexperten überraschend, dass Nokia als neue Entwicklungsumgebung Qt auserkoren hat und mit dem LightHouse-Projekt sogar explizit Portierungen auf andere Mobilplattformen anregt. Andererseits ist es mindestens ebenso fraglich, wieso Qt – trotz mehrerer Rauchzeichen aus dieser Richtung – bis heute nicht auf die mit Series40 betriebenen Low-End-Telefone portiert wurde. Dabei sind aktuelle S-40-Geräte wie die insbesondere in Indien populäre Asha-Serie von der Hardware her mehr als ausreichend ausgestattet. Ein 1-GHz-Prozessor könnte sogar Symbian ausführen – warum Nokia die Telefone künstlich lobotomiert, weiß niemand. Als ob das noch nicht genug wäre: Symbian hat eine großartige J2ME-Implementierung, die mit Series40 mehr oder minder mithalten kann. Die auf den Symbian-Smartphone-Shows geäußerten Pläne, bald auf J2ME zu verzichten, haben sich offensichtlich nicht bewahrheitet – die Symbian Foundation löste sich auf, bevor die Manager ihren ehrgeizigen Plan umsetzen konnten.

Der Ist-Zustand

Doch das ist noch lange nicht alles: Neben Nokia drängt eine Vielzahl erfolgreicher, ausreichend kapitalisierter und aggressiv gemanagter Telefonhersteller in den insbesondere in Entwicklungsländern wichtigen Ultra-Low-End-Markt. Und ja, hier geht es wirklich um Low-End – nicht um preiswerte Android-Telefone oder das Lumia 610. Derartige Telefone gehen für weniger als 50 US-Dollar über den Ladentisch und müssen mit einer Akkuladung tagelang auskommen – es ist klar, dass selbst eher sparsame Betriebssysteme, wie das von Nokia gekillte Symbian, dort keine Chance haben. Sogar das als sehr sparsam bekannte Bada macht auf 400-MhZ-CPUs (für dortige Verhältnisse sehr, sehr teuer) kaum Spaß. Allerdings geht sich ein J2ME-Interpreter mit Sicherheit aus: J2ME-Entwickler berichten dem Autor davon, dass bis zu 80 Prozent ihrer Downloads außerhalb der „zivilisiert zahlenden Welt“ entstehen.

Auch im Smartphone-Bereich ist J2ME noch lange nicht ausgestorben. Samsungs Bada demonstriert seine Herkunft aus dem Low-End-Segment durch eine brauchbare virtuelle Maschine. Das klassische RIM OS – selbst nicht viel mehr als eine Java-VM auf Steroiden – führt J2ME-Anwendungen ohne Probleme (wenn auch etwas widerwillig) aus. Symbian wurde schon erwähnt, und auch für Android gibt es bereits erste Interpreter von Drittanbietern.

Damit bleibt – das Windows Phone einmal ausgenommen – eigentlich nur eine Plattform völlig unbefleckt: das iPhone. Das mag dem einen oder anderen Finanzvorstand Schweißperlen auf die Stirne treiben, hat aber wenig praktische Bedeutung – sehr viele Entwickler leben sehr gut ohne „iCrap“ in ihrem Haus.

Web 2.0 ist keine Lösung

Spricht man auf einem Event von J2ME, so trifft man schnell auf den Homo-2.0icus. In den lautesten Tönen preist er die Vorteile der offenen Standards und der Plattformunabhängigkeit – ohne dabei zu bedenken, dass das Interpretieren von JavaScript et al. die in den oben angesprochenen Prozessoren heillos überfordert. Wer das nicht glaubt, kann gerne den SunSpider-Benchmark auf einem alten i486-PC mit Windows NT 4.0 ausführen (der 486 ist sehr wahrscheinlich schneller als die in Low-End-Telefonen verbaute CPU). Auch ist der Netzausbau in Entwicklungsländern eher bescheiden. Über GPRS macht Surfen keinen Spaß. Aus diesem Grund sind die den Telefonen beiliegenden Browser auch eher auf Schlankheit und Volumenseinsparung als auf Web 2.0 optimiert und arbeiten dementsprechend schlecht bis gar nicht mit JavaScript-Inhalten zusammen.

Ganz pragmatisch…

Den besten Beweis für die kommerzielle Potenz von J2ME sieht jeder, der seinen Fernseher einschaltet und sich 30 Minuten Berieselung durch einen Musiksender aussetzt. Wie im Interview unter [1] zugegeben, investieren die Anbieter von Spielen und Klingeltönen jeden Monat Millionen in die Werbung. Da sie immer noch leben, kann das Konzept J2ME so schlecht nicht sein.

Die schon angesprochene Zielgruppe hat einen weiteren Vorteil: Sie hatte noch nie mit Telefonen oder Computern zu tun und ist daher frei von Patterns und Vergleichsmöglichkeiten. Dem Autor vorliegende Zahlen über ein im Ovi Store vertriebenes Produkt belegen eindeutig, dass die Wahrscheinlichkeit für schlechtes Feedback mit der Preisklasse des Telefons zunahm. Das ist sogar relativ logisch: Wer ein teures Telefon verwendet, kennt ruckelfreie und schnell ablaufende Programme. Ruckelt die eigene App, ist sie langsam. Wer hingegen nicht weiß, dass es auch ruckelfreie Programme gibt – nun ja, der ist auch mit einer langsam funktionierenden App zufrieden.

… zum (Nicht-)Ziel

Natürlich ist J2ME nicht für alle Anwendungsfälle geeignet: Wer beispielsweise leistungsfähige 3-D-Engines realisieren will, fährt mit nativer Technologie sehr wahrscheinlich besser. Auch das Verwenden von plattformspezifischen APIs ist unter J2ME – wenn überhaupt – nur wesentlich eingeschränkt möglich. Für die eine oder andere Anwendung mag einer dieser beiden Punkte der Todesstoß sein. Das durchschnittliche Projekt kommt auch ohne 3-D- oder native APIs über die Runden. Auch wenn man es als Entwickler nicht gerne hört: Die Aufgabe des Programmierers besteht darin, für den Kunden mit minimalem Einsatz das Optimum herauszuholen. Dabei sollte einem jedes Werkzeug recht sein – J2ME ist sicher ein alter, aber noch lange nicht unbrauchbarer Gaul.

Fazit

Das Entwickeln von J2ME-Anwendungen ist mit Sicherheit weder cool noch hip. Trotzdem hat die Plattform ihre Existenzberechtigung. Opera Mini ist trotz minimalen Werbeausgaben ein Liebling der Mobilcomputerpresse. Wer eine Applikation entwickelt, die von maximaler Reichweite profitiert, fährt mit J2ME derzeit besser als mit allen anderen Plattformen. J2ME wächst jeden Tag – nicht nur im umkämpften europäischen/amerikanischen Markt, sondern auch in noch weitgehend unerschlossenen Entwicklungs- und Schwellenländern. Es ist logisch, dass andere Technologien attraktiver sind. Aber es kann auch sehr viel Freude bereiten, Millionen und Abermillionen von neuen und wenig umkämpften Kunden zu erreichen. In diesem Sinne: Machen Sie’s gut und danke fürs Lesen. In der nächsten Ausgabe finden Sie wieder Kay Glahn an dieser Stelle.

Tam Hanna befasst sich seit der Zeit des Palm IIIc mit Programmierung und Anwendung von Handcomputern. Er entwickelt Programme für diverse Plattformen, betreibt Onlinenewsdienste zum Thema und steht unter tamhan@tamoggemon.com für Fragen, Trainings und Vorträge gern zur Verfügung.
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Tam Hanna
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