IT-Architektur zwischen Elfenbeinturm und Drecksarbeit

Wirkungen und deren Messung

Die IT befindet sich in einem permanenten Spannungsfeld zwischen drei Zielbereichen (Abb. 2), die miteinander konkurrieren und die nicht alle gleichzeitig vollständig erreicht werden können. Die drei Eckpunkte sind folgende:

  • Funktionen der Leistungen, die von der IT erbracht werden
  • Aufwand und Zeitbedarf für die Bereitstellung der Leistungen
  • Aufwand und Zuverlässigkeit des Betriebs, der Produktion

Abb. 2: Spannungsfeld der IT-Ziele

Die Bereitstellung und Produktion sind dabei zu einem großen Teil von den Leistungszielen abhängig. Umgekehrt gilt aber auch, dass das Niveau der Leistungsziele den Zeitbedarf für die Bereitstellung und die Höhe der Kosten für Bereitstellung, Wartung und Produktion beeinflusst. Die funktionalen Leistungen der IT können in Geschäfts-, Entwicklungs- und Produktionssicht gesehen werden:

  1. Merkmale aus Geschäftssicht: Das ist die Sicht (View), die am direktesten einen Bussiness Value sichtbar macht. Es handelt sich um die Perspektive, die die Benutzer des Systems im täglichen Gebrauch wahrnehmen. Die wesentlichsten Merkmale sind folgende:

    • Die Funktionalität, die benötigt wird, um die Geschäftsprozesse auszuführen.
    • Die Anwenderfreundlichkeit, die bewirkt, dass erfahrene und unerfahrene Benutzer mit der Anwendung arbeiten können. Sie wird im Usability-Lab getestet.
    • Multi-X-Fähigkeit: Typischer Vertreter dieser Eigenschaft ist die Mehrsprachigkeit einer Applikation, aber auch der Einsatz bei mehreren getrennten Unternehmen, Profit oder Cost Centers.
    • Die Sicherheit, die gewährleistet sein muss gegen Angriffe von (illegalen) Benutzern und gegen Schadensereignisse.
    • Datenintegrität: Die Daten müssen vollständig und überall auf dem gleichen Stand sein.
    • Finanzielle Tragbarkeit: Nutzen und Aufwand für die Applikation als Ganzes müssen in einem vernünftigen Verhältnis zu einander stehen.
  2. Merkmale aus Entwicklungssicht: Das ist die Sicht der Entwickler. Dabei stellen sich Fragen der Art: „Wie schwierig ist es Anpassungen an einzelnen Applikationen vorzunehmen? Wie kompliziert ist es ganze Applikationen zu ersetzen? Was muss getan werden um neue Anwendungen zu erstellen und einzubauen?“ Neben dem reinen Aufwand für die Arbeit spielt hier die Time to Market eine wichtige Rolle. Die wesentlichen Merkmale sind:

    • Veränderungsfreundlichkeit, d. h. Anpassung oder Erweiterung von Funktionalitäten, Elimination von nicht mehr benötigten Funktionen, aber auch technische Anpassungen an neue Umgebungen
    • Integrationsfähigkeit, um neue Komponenten in die bestehende Landschaft einzufügen
    • Konzeptionelle Integrität, dass ähnliche Funktionen in ähnlicher Weise realisiert sind
    • Wartbarkeit, im Hinblick auf die einfache Korrektur von Mängeln
  3. Merkmale aus Betriebssicht: Diese Sicht spiegelt die für den Betreiber der IT-Umgebung wichtigen Eigenschaften wider. Die wesentlichen Merkmale sind:

    • Robustheit ist die Eigenschaft auch bei unvollständigen Informationen vom Benutzer oder von internen Datenquellen her sinnvoll zu reagieren, unter Umständen mit reduzierter Funktionalität (Graceful Degradation)
    • Verfügbarkeit, im Wesentlichen ausgedrückt durch die Up-Time und die Systemausfälle
    • Systemleistung, die Durchsatzleistung zum einen durch parallele Verarbeitung, aber auch Zeit- und Ressourcenbedarf für die Durchführung einer einzelnen Operation
    • Skalierbarkeit, die es ermöglicht, auch ein stärkeres Wachstum technisch und von der Applikationslogik her zu verarbeiten. Probleme können im Applikationsbereich durch zu kleine Schlüssel entstehen und im technischen Bereich durch mangelnde Parallelverarbeitung.

Für die Messung dieser Merkmale bestehen nun zwei grundsätzliche Methoden, die je nach den Eigenschaften des Merkmals eingesetzt werden. So ist es bei einem Teil der Merkmale möglich diese direkt zu messen. In dieser Kategorie finden wir Merkmale wie die Verfügbarkeit oder die finanzielle Tragbarkeit. Beim anderen Teil der Merkmale erfolgt die Messung indem die Einhaltung von vorgegebenen Standards überprüft wird. Der Einfluss der Architektur lässt sich feststellen, indem gemessen wird, wie die Architektur Vorgaben zu diesen Punkten machte und wie weit diese eingehalten wurden.

Ziel der IT-Architektur ist es, durch eine kontinuierliche Verbesserung dieser Messzahlen eine Steigerung des Businesserfolgs der Informationsverarbeitung zu erzielen. Als vorgelagerte Tätigkeit, das heißt vor der eigentlichen Entwicklung von Anwendungen und vor der Produktionsstufe, sorgt die IT-Architektur für einheitliche, standardisierte Strukturen und für einfache, übersichtliche Vorgehensweisen bei deren Nutzung. Die Architektur gibt geeignete Technologien vor, damit nicht in jedem Projekt das Rad neu erfunden werden muss und dass somit die Vielfalt eingesetzter Technologien auf ein vertretbares Maß beschränkt wird. Ebenso wird durch das architekturgetriebene Technologiemanagement dafür gesorgt, dass veraltete Technologien rechtzeitig abgelöst werden.

Der Einfluss der IT-Architektur ist nicht nur auf den Technologiebereich beschränkt. Die Vorgabe eines Ordnungssystems, zum Beispiel nach dem Domainansatz, führt dazu, dass bei Daten und Funktionen Redundanzen nicht entstehen können oder wenn diese schon bestehen, sie zumindest aufgedeckt und überwacht werden können.

Erfolge lassen sich nur durch eine weitgehende Standardisierung erzielen. Das Problem liegt darin, dass wohl alle Beteiligten für Standardisierung sind, jeder jedoch der Meinung ist, dass seine Lösung der beste Standard ist. Wohl führen viele Wege nach Rom und so sind meistens auch mehrere Lösungen durchaus tauglich. Ein Kostenvorteil lässt sich jedoch nur erzielen, wenn man sich auf eine einzige Lösung einigt. Hierbei spielt nun die Governance eine entscheidende Rolle.

Die wichtigste Messzahl, die mithilfe der Architektur verbessert werden kann, ist die Veränderungsfreundlichkeit der Applikationslandschaft. Dieses Merkmal aus der Entwicklungssicht wird als „Resistance to Change“ (RtC), [5] bezeichnet. Sie stellt die Effizienz der IT-Entwicklung dar. Gemessen werden die Kosten und der Zeitbedarf für jedes Projekt über die Zeit verglichen. Da nun die Projekte verschieden groß und unterschiedlich komplex sind, ist eine Normierung nötig. Dies wird erreicht indem jedem Projekt eine eindeutige Größe (Size) zugewiesen wird. Als Basis für diese Größenbestimmung [6] werden mit Vorteil Function Points (FP) oder Use Case Points (UCP) benutzt. Zusätzlich ist es notwendig, dass diese Zahl mit der generellen Komplexität des Projekts gewichtet wird. Es ist ein Unterschied, ob eine neue Funktionalität realisiert werden soll oder ob es darum geht ein bestehendes Paket anzupassen oder ob eine nicht mehr benötigte Applikation eliminiert werden soll. Im Zeitverlauf zeigt dieses Maß die IT-Entwicklungseffizienz auf und gibt Auskunft über die Wirksamkeit der getroffenen Architekturmaßnahmen.

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