Den Wertbeitrag der IT-Architektur ausweisen

Ist gute IT ihr Geld wert?

Daniel Liebhart

Die Informationstechnologie unterstützt Unternehmen bei ihrer betrieblichen Tätigkeit und stellt damit einen grundlegenden Bestandteil des Unternehmenserfolgs dar. Trotzdem ist es bisher schwierig, den Wertbeitrag der IT-Architektur konkret und sicher auszuweisen.

Business Technology Magazin

Der Artikel „Ist gute IT ihr Geld wert?“ von Daniel Liebhart ist erstmalig erschienen im

Business Technology Magazin 4.2011

In den nächsten Jahren wird ein CIO am Beitrag der IT zum Unternehmenserfolg gemessen. Das sagen zumindest die Analysten von Gartner voraus. Sie prognostizieren auch, dass durch Prozessautomatisierung Produktivitätssteigerungen von rund 25 Prozent zu erwarten sind und künftig mehr in IT investiert wird. Die CIO-Studie 2011 von IBM geht zudem davon aus, dass die Informationstechnologie einen immer größeren Einfluss auf Geschäftstätigkeit, Marktpräsenz, Rentabilität und Beweglichkeit eines Unternehmens haben wird. Das Eintreffen dieser Prognosen setzt jedoch voraus, dass ein Unternehmen beim Aufbau einer IT-Architektur vernünftige Entscheidungen trifft. Besonders wichtig ist der korrekte Umgang mit bestehenden und neuen Hard- und Softwareplattformen. Zentrale Fragestellung ist dabei, welche Komponenten aus IT-Sicht den Unternehmenserfolg signifikant beeinflussen und welche nicht. Eine gute IT-Architektur basiert auf der Gesamtsicht des Unternehmens und ist eine pragmatische Kombination bewährter und neuer Technologien. Gleichzeitig wird Ordnung im Chaos der unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten von Einzelprodukten geschaffen.

Gesamtsicht des Unternehmens

In der Theorie basiert jede IT-Architektur auf einer zugehörigen IT-Strategie, die wiederum von einer Unternehmensstrategie abgeleitet wurde. In der Praxis ist das jedoch eher selten der Fall. Dennoch orientiert sich eine kluge IT-Architektur an strategischen Zielen – ganz gleich, ob diese in schriftlicher Form vorliegen oder nicht. Ihre Gestaltung folgt also Businessvorgaben, die sich wiederum auf die zugehörige Systemgestaltung auswirken. Das bedeutet, dass sich IT-Architekten der Problematik des Business- und IT-Alignments bewusst sind – und sogar sein müssen. Zudem sollten sie Systemkomponenten analysieren, die Kosten verursachen. Nur so können sie eine Anwendungslandschaft bereitstellen, die das Unternehmen optimal unterstützt und betriebswirtschaftlich sinnvoll ist.

Business- und IT-Alignment

Die IT-Architekten müssen auch die Problematik von Business- und IT-Alignment sowie deren Ursachen in Betracht ziehen. Die Ursachen eines schlechten Alignment liegen nicht in der mangelnden Qualität der IT oder gar dem bösen Willen einzelner Fachabteilungen. Es sind eher strukturelle Probleme, die eine gut funktionierende Abstimmung erschweren. Auf der einen Seite stehen die grundverschiedenen Interessen der Fachabteilungen, auf der anderen die unterschiedlichen Bedürfnisse zwischen Business und IT – vor allem, was die Formalisierung der Geschäftstätigkeit betrifft.

Jede Fachabteilung, ganz gleich, ob sie für Kern- oder Unterstützungsprozesse zuständig ist, versucht ihre Aufgaben mit passenden organisatorischen und technischen Hilfsmitteln umzusetzen. Da die Aufgabenstellung der Fachabteilungen stark abweichen kann, sind auch die Vorstellungen der richtigen Hilfsmittel sehr unterschiedlich. Was für die eine Abteilung unabdingbar ist, ist für andere eher Fluch und unnötige Zeitverschwendung. Die unterstützende IT hat damit ihre Probleme – egal, ob sie dezentral oder zentral organisiert ist. Eine dezentral organisierte IT reflektiert diese Tatsache, indem sie für typische Bereiche wie beispielsweise Personalwesen, Buchhaltung, Einkauf oder Lagerverwaltung Standardlösungen zur Verfügung stellt. Leider wird dadurch die unterschiedliche Arbeitsweise noch zementiert, was dem Unternehmenserfolg nicht immer zuträglich ist. Eine zentral organisierte IT hingegen versucht, die verschiedenen Interessen der Fachabteilungen unter einen Hut zu bringen und stellt Kompromisslösungen zur Verfügung. Das führt wiederum dazu, dass Fachabteilungen nicht die richtigen Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Außerdem fördern sie die Entstehung von so genannten „Under the Table“-Anwendungen. Diese basieren oft auf herkömmlichen Office-Produkten und enthalten unternehmenswichtige Daten, können jedoch unternehmensweit nicht vernünftig verwaltet werden.

Das zweite Problem ist die Tatsache, dass Business und IT hinsichtlich der Formalisierung ihrer Geschäftstätigkeit sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben. Jedes IT-Projekt beginnt damit, zu analysieren, wie eine Fachabteilung genau arbeitet. Das bedeutet eine Erfassung sämtlicher Geschäftsprozesse mithilfe einer formalen Sprache, um anhand der gewonnenen Informationen die geforderte Anwendung bereitstellen zu können. Eine Fachabteilung benötigt diese Formalisierung nicht für ihr Tagesgeschäft, da das Personal auf dem jeweiligen Gebiet gut ausgebildet ist und nicht selten über jahrelange Erfahrung verfügt. Die Notwendigkeit, dieses implizite Wissen explizit zu formulieren, wird als unnötig und unprofessionell empfunden. Auf Ebene der Geschäftsprozesse werden die unterschiedlichen Bedürfnisse noch deutlicher: Um ein IT-System zu steuern, sind detaillierte Angaben zu jedem Prozessschritt mit entsprechenden Geschäftsregeln, begleitenden Dokumenten, Vorbedingungen, Nachbedingungen, Ausnahmefällen und vieles mehr erforderlich. Eine Fachabteilung kann hingegen mit einfach skizzierten Prozessen arbeiten, da die involvierten Profis wissen, was zu tun ist. Der unterstützenden IT bleibt also immer die Aufgabe, den Fachabteilungen „nachzulaufen“, um die notwendige Formalisierung zu erreichen. Das stellt für die Fachabteilungen oftmals eine ärgerliche Zusatzbelastung dar.

Was für die einzelne Anwendung und für eine durchgehende Prozessautomation gilt, gilt ebenso auf Unternehmensebene. Eine optimal organisierte IT setzt voraus, dass ein Unternehmen seine Geschäftstätigkeit weitgehend formalisiert hat. Das ist in der Praxis keineswegs die Regel. Um diese Strukturprobleme in den Griff zu bekommen, setzt man beim Aufbau einer klugen IT-Architektur auf Business Engineering. Es handelt sich hier um die Modellierung der unternehmerischen Tätigkeit mit dem Ziel, diese so transparent darzustellen, dass sie den Businesszielen angepasst werden können und Potenziale für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle eröffnen. So werden beispielsweise Businessarchitekturen, Wertschöpfungsketten, Businessinformationsmodelle und Geschäftsprozesse erfasst und in logischen Gesamtmodellen dargestellt (Abb. 1). Ein gutes Business Engineering hilft, eine Anwendungslandschaft so zu gestalten, dass die eingesetzten Technologien und Produkte die betriebliche Tätigkeit bestmöglich unterstützen.

Abb. 1: Alignment mit Business Engineering
Systemeigenschaften und Kosten

Aus Sicht der IT-Architekten gehören die allgemeinen Systemeigenschaften, respektive deren Unterstützungsgrad durch eine konkrete Implementierung, zu den größten Kostentreibern. Gleichzeitig sind sie wichtige Einflussfaktoren für den Wertbeitrag der IT-Architektur am Unternehmenserfolg. Diese basiert auf einer Reihe von grundlegenden Prinzipien, beeinflusst die allgemeinen Systemeigenschaften und erlaubt einen geregelten und kommunizierbaren Entwicklungsprozess. Die IT-Architektur ermöglicht, dass Softwaresysteme miteinander und nebeneinander existieren können, ohne sich gegenseitig stören. Die Qualität der Softwarearchitektur hat dabei einen entscheidenden Einfluss auf die „allgemeinen Eigenschaften“ des gesamten IT-Systems. Diese Systemeigenschaften lassen sich in zwei Gruppen aufteilen: Direkt zur Laufzeit messbare und indirekt messbare Eigenschaften (Abb. 2). Erstere geben Auskunft über das allgemeine Verhalten des Systems, wie Reaktionszeiten und Ergonomie. Letztere werden erst in einer späteren Phase des Systems sichtbar. Dazu zählen beispielsweise Eigenschaften wie Änderungsfreundlichkeit und Testbarkeit. Allen allgemeinen Systemeigenschaften ist gemeinsam, dass sie vor Aufbau eines IT-Systems bekannt sein sollten. Das ist in der Realität jedoch nur selten der Fall. Welche Vorgehensweise angebracht ist und welche Systemeigenschaften wie genau spezifiziert werden müssen, ist möglichst genau abzuschätzen. Im Idealfall sollte auch der Einfluss auf die Anschaffungskosten und die Entwicklungszeit untersucht werden.

Abb. 2: Die allgemeinen Systemeigenschaften

In vielen Informatikprojekten sind nur wenige allgemeine Systemeigenschaften bekannt. Üblicherweise ist die Anzahl der User, die Menge der zu verarbeitenden Daten sowie die geforderte Reaktionszeit und Verfügbarkeit eines Systems bekannt. Die Architektur als Gesamtaufbau beeinflusst diese Faktoren entscheidend. Arbeiten nur 10 User mit dem System, sieht die Architektur vollständig anders aus als bei einer Nutzung durch 10 000 User. Die allgemeinen Systemeigenschaften sollten als Rahmen für die Einführung von Standardsoftware und die Entwicklung von Individualsystemen dienen. Ein kluger IT-Architekt ist sich des Hebels der Systemeigenschaften bewusst und fällt entsprechende Entscheide in enger Abstimmung mit dem Business auf Unternehmensebene.

Geschrieben von
Daniel Liebhart
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