Agile-Manifesto-Autor Andy Hunt legt neue Methode vor

Ist Agile gescheiter(t) ?

Moritz Hoffmann, Michael Thomas

Im Frühjahr letzten Jahres hatte Dave Thomas auf seinem Blog den Tod von Agile verkündet. Nun hat sich mit Andrew Hunt ein weiterer Autor des Agilen Manifests, 14 Jahre nach seiner Veröffentlichung, zum seiner Ansicht nach zweifelhaft gewordenen Ruhm von Agile geäußert. Hunt präsentiert in einem Blogbeitrag eine problemorientierte Analyse des Scheiterns von Agile und stellt mit GROWS ein neues agiles Konzept zur Diskussion.

Agil Arbeiten, agile Teams, Agilität. Das grammatische Problem um Agile – die Entwicklung vom Adverb über das Adjektiv zum Substantiv – drückt nach Ansicht der Agile-Manifesto-Autoren Dave Thomas und Andrew Hunt letztlich eines in der Praxis der IT-Branche aus. Die auf Flexibilität angelegten Prinzipien agiler Software-Entwicklung sind Hunts Einschätzung zufolge zu einer bedeutungslosen Ansammlung von Merksprüchen und Marketing-Slogans verkommen. Eine Vielzahl von Beratern und Beratungsfirmen verkaufen Schlagwort um Schlagwort, Methode um Methode, ohne dass in den Teams, geschweige denn in Unternehmen, agil gearbeitet würde, so Hunt weiter.

Nüchterne Bilanz

Stattdessen sei eine isolierte Befolgung der von selbsternannten Agilisten aufgestellten Handlungsanweisungen zu beobachten, während sich das Management das Label „Wir sind agil“ auf die Fahnen schreibt. Anstatt die abstrakten Prinzipien des Agilen Manifests in der täglichen Teamarbeit ernst zu nehmen, werde seit 14 Jahren das gleiche Set an Tools und Methoden bemüht, das teilweise ebenso strikt befolgt und abgearbeitet wird, wie einst der große Plan in der klassisch-industriellen Produktion:

What happened to the idea of inspect and adapt? What happened to the idea of introducing new practices, of evolving our practices to suit the challenges at hand?

Dabei sollten es den Mitautoren des Manifests zufolge doch die Entwickler sein, die die Probleme erkennen, analysieren und das Produkt wie die Projektstruktur entsprechend anpassen. Agil ist eine Haltung, keine Regel. Dass auch diese nicht unbedingt neue Erkenntnis immer weniger in den Teams mit agilem Anspruch präsent zu sein scheint, führt Hunt auf das Problem der Vermittlung zurück, das Agilität als bloße Idee zwangsläufig mit sich bringt.

Das Problem mit “Inspect and adapt”

Es ist ein inhärenter Fehler, auf den Hunt hinweist. An sich hat dieser weder mit bockigen Teams, noch mit übermotivierten Agilisten zu tun, sondern liegt im Problem der Wissensvermittlung überhaupt begründet. Veränderungen erkennen, Probleme analysieren und Projektstruktur, Abläufe und Rollen an die neuen Bedingungen anpassen – das ist, so Hunt, der Kern agilen Arbeitens. Was einfach klingt, ist aber keineswegs trivial, vor allem nicht für Anfänger und neue Teammitglieder.

Das Konzept von Inspect & Adapt setzt ein ebenso breites wie spezialisiertes Know How sowie einen hohen Grad an Umsichtigkeit voraus. Anfänger können nicht entscheiden, wie das Produkt aufgrund von Veränderungen auf dem Markt, im Unternehmen oder beim Stakeholder angepasst werden muss, ihnen fehlt der Blick für die relevanten Faktoren, für das Projektumfeld und für das Ganze, auf das ein Product Change reagiert. Ohne ein tragfähiges Konzept blieb für die Anleitung zur Agilität nur die bewährte Methode:

The only way for beginners to be effective is to follow simple, context-free rules; rules of the form: „When this happens, do that.“

Das Scheitern agiler Softwareentwicklung beginnt nach Hunt also mit dem Scheitern der Vermittlung von Agilität. Konkrete Regeln sowie auf den Agile-Markt geworfene Tools und Methoden ersetzen ihm zufolge die individuelle Anpassung an individuell zu bestimmende Probleme, bis zuletzt die Form den Inhalt der Projekte aufgefressen hat:

So instead of looking up to the agile principles and the abstract ideas of the agile manifesto, folks get as far as the perceived iron rules of a set of practices, and no further.”

Also: Zeit für neue Prinzipien, für neue Ideen und Modelle!

GROWS – Auf zu neuen Ufern?

Wo Dave Thomas noch mit einer ordentlichen Portion Optimismus auf eine konsequentere Umsetzung der Agile Order „Individuals and Interactions over Processes and Tools” setzte, ist Andrew Hunt bereits einen Schritt weiter. Anstatt Agile noch einmal zu töten, hat er es schon beerdigt und sich zusammen mit seinem Kollegen Jared Richardson der Rettung von Agilität durch einen neuen Namen und einen neuen Bildungsansatz verschrieben.

In GROWS (Growing Real-World Oriented Working Systems) entwerfen Hunt und Richardson ein neues Paradigma mit neuen Bildern für neue Impulse. Auch hier misst Hunt der Sprache eine hohe Relevanz zu. So sei die Rede von Softwareentwicklung, -Bau oder -Design zu deterministisch und zu linear. Deshalb ist die Nähe der Benennung GROWS zum englischen Growth – Wachstum – keinswegs zufällig. Schließlich ist Veränderung ein Sinnesimplikat von Wachstum, ja fast ein Synonym. Und eben um Veränderung geht es bei Inspect & Adapt, dessen Umsetzung in GROWS  von vier Ideen flankiert werden soll:

1. Evidence-based
2. Dreyfus Skill Model
3. Local Adaptation
4. All-Inclusive

Was soll das bedeuten? Zunächst sollen Analyse und Anpassung auf sogenanntem Real-World-Feedback fußen. Der eine oder andere mag hier einen Warnhinweis bezüglich allzu abstrakter, digitaler und quantitativer Analysewerkzeuge herauslesen. Vor allem aber geht es um eine substantielle und kontinuierliche Auseinandersetzung der Teams mit der Außenwelt.

Keine Methode ohne Vermittlung

Und nun folgt der Clou von GROWS: Anstatt eine entsprechende Inspect & Adapt-Methode feilzubieten, empfehlen Hunt und Richardson, anhand des Dreyfus Skill Model die unterschiedlichen Fähigkeiten und Entwicklungspotentiale im Team zu reflektieren. Dem in den frühen 1980er Jahren entwickelten Bildungs- und Forschungsmodell zufolge haben Lernende zunächst eine Reihe von Skill-Stufen zu durchwandern, ehe sie einen umfassenden Blick auf das Projekt in ihrer Umgebung gewonnen haben und überhaupt dazu in der Lage sind, die Produktentwicklung agil voranzutreiben.

Dazu gehört auch eine individuelle Einschätzung davon, welche Anpassungen an den lokal spezifischen Bedingungen vorzunehmen sind. Zuletzt folgt GROWS einem umfassenden All-Inclusive-Prinzip. Isolierte Verbesserungen, bspw. nur für Entwickler, nur für User oder nur für Sponsoren, sind keine:

There is no ”us” versus ”them.” There is only us.

Richardson hat den neuen Ansatz zuletzt bereits Mitte April auf der TriAgile-Konferenz in North Carolina vorgestellt. Ob sich hinter dem neuen Label auch neue Chancen für an Agilität Interessierte verbergen und wie die Etablierung von GROWS in gescheiterten agilen Projekten vonstatten gehen soll, bleibt abzuwarten. Andrew Hunt jedenfalls hat bereits einen weiteren Blogeintrag angekündigt, in dem er konkret auf die einzelnen Prinzipien von GROWS eingehen will. Wir dürfen gespannt sein.

Aufmacherbild: A group of people thinking on Agile process von Shutterstock.com
Urheberrecht: Pictofigo

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Geschrieben von
Moritz Hoffmann
Moritz Hoffmann
Moritz Hoffmann hat an der Goethe Universität Soziologie sowie Buch- und Medienpraxis studiert. Er lebt seit acht Jahren in Frankfurt am Main und arbeitet in der Redaktion von Software und Support Media.
Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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