IoT: The next big thing oder nur Dinge im Internet?

Selim Baykara

Internet der Dinge (Englisch: Internet of Things bzw. IoT) ist derzeit eines der großen Buzzwords. Gemeint ist damit die Vernetzung von Alltagsgegenständen mittels Internettechnologien, so dass diese selbstständig Daten sammeln und miteinander kommunizieren. In ihren Auswirkungen könnte diese Idee unseren Umgang mit moderner Technik revolutionieren: Computer als dezidierte Geräte sollen verschwinden und durch intelligente Maschinen ersetzt werden, die über die Eigenschaften von Computern verfügen, hinsichtlich der Komplexität aber gewöhnlichen Haushaltsgeräten ähneln.

Systeme, nicht Dinge

Wie bei allen griffigen Ideen gibt es auch im Fall des IoT eine rege Diskussion und einen regelrechten Medienhype. Nach Ansicht etlicher Entwickler leider nicht immer mit positiven Resultaten. Im Gegenteil: Der Begriff sei inzwischen so weit verwässert, beklagen manche, dass er für einen ernsthaften Diskurs nicht mehr viel hergibt und nur noch irgend ein „Ding im Internet“ ist. Zu den Kritikern zählt auch der Entwickler Clemens Vasters. In einem Blogbeitrag nimmt er das Konzept IoT genauer unter die Lupe und prüft, was es mit dem Internet der Dinge wirklich auf sich hat. Seine Schlussfolgerung: Bei IoT geht es nicht oder nicht hauptsächlich um Dinge – etwa um einen mit dem Supermarkt vernetzten Internetkühlschrank –, sondern um Systeme.

Das Zauberwort heißt: Kontext!

Im Unterschied zur weit verbreiteten Meinung bestehe die Hauptaufgabe des IoT nicht darin, beliebige Dinge des Alltags miteinander zu vernetzen, so der Blogger. Das Ziel seien Geräte, die in bestimmten Kontexten nach Informationen suchen, diese Informationen dann auswerten und anschließend mit anderen Geräten und Kontexten verknüpfen. Wem das zu abstrakt klingt, für den hat Vasters ein ganz handfestes Beispiel parat: Ein verschlafener Sonntagvormittag im Vorort, ein Passagier, der so schnell wie möglich in die Stadt möchte, und ein Busunternehmen, das ihm die Transportmittel zur Verfügung stellt. Normalerweise ist der Passagier in dieser Situation mit seiner Planung gebunden, weil sonntags weniger Busse fahren und man meistens eine Ewigkeit warten muss bis die richtige Linie kommt. Dank dem Internet der Dinge soll das anders werden.

Konkret stellt sich Vasters das Ganze so vor: Die Bushaltestelle scannt mittels thermodynamischer Kamera ihre Umgebung ab, um zu überprüfen, ob sich potentielle Fahrgäste in der Nähe befinden. Ist das der Fall, wird das Busunternehmen benachrichtigt, worauf die Passagiere per Knopfdruck dem System mitteilen, welche Buslinie sie wünschen. Daraufhin setzt sich der Bus in Bewegung, wobei stadtweit installierte Kameras, z. B. auf Ampeln, sowie auch der Bus selbst, zusätzliche Informationen über die Verkehrslage und Wetterbedingungen sammeln. Diese Daten werden dann an die Bushaltestelle zurückgesendet, um die günstigste Route zu berechnen, um den Passagieren eine Prognose über die geschätzte Ankunftszeit zu geben. Der springende Punkt: es geht nicht so sehr um die einzelnen Dinge, sondern um die Kontexte, in denen sie operieren. Verknüpft man diese Kontexte sinnvoll, ergibt sich für den Einzelnen ein greifbarer Mehrwert, in diesem Fall ein entspannterer Trip in die Stadt. Soweit zumindest Vasters These.

Jenseits der Daten

Was in dem Beitrag ein wenig untergeht, ist die Tatsache, dass die Realität störrisch und unvorhersehbar ist und sich aller Versuche zum Trotz in den meisten Fällen nicht auf das Sammeln von Daten reduzieren lässt. Genau aus diesem Grund wird der Betrieb eines Busunternehmens – um bei Vasters Beispiel zu bleiben – auch nicht nur von technischen Überlegungen angeleitet.

Den Faktor Wirtschaftlichkeit klammert der Beitrag beispielsweise konsequent aus, wobei gerade dieser Punkt entscheidend dafür sein dürfte, ob ein Busunternehmen eine bestimmte Linie betreibt oder eben nicht. Dazu kommt, dass Busunternehmen nicht in erster Linie auf die Bedürfnisse von Individuen zugeschnitten sind, sondern von Aggregaten ausgehen und eine Vielzahl von sich überschneidenden Interessen berücksichtigen müssen. Eine individuell und dynamisch erstellte Fahrtroute ist deshalb aus rein technischer Sicht durchaus möglich, in der Realität aber schwierig umzusetzen, da man damit andere potentielle Passagiere vor den Kopf stößt. Buslinien versuchen deshalb in der Regel den gemeinsamen Nenner der größtmöglichen Anzahl von Menschen zu finden.

Ob man diese Probleme irgendwann dank Technik und noch ausgefeilterer Datenauswertung in den Griff bekommt, sei einmal dahin gestellt. Der – nicht nur in diesem Beitrag geschmähte – Internetkühlschrank ist bestimmt nicht das Ende der technischen Evolution. Bis wir so weit sind, dass er das zur jeweiligen Stimmung passende Horsd’œuvre bestellt, dürfte es vermutlich aber noch eine ganze Weile dauern. 

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Selim Baykara
Selim Baykara
Selim Baykara studiert Anglistik, Amerikanistik und Soziologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
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