Interview mit Sven Haiges

IoT: „Es gibt zu wenige Menschen, die beide Seiten verstehen“

Melanie Feldmann

Sven Haiges

In einem Tag kann niemand zum IoT-Experten werden. Einen umfassenden Überblick über involvierte Themen, Disziplinen und auch die Stolpersteine zu bekommen, ist aber durchaus möglich. Wir haben mit Sven Haiges (SAP Hybris), Mitorganisator des IoT-Starter Workshops From Zero to Hero, darüber gesprochen, was IoT-Projekte und -Teams so besonders macht. Denn wenn Hard- und Software aufeinandertreffen, treffen auch unterschiedliche Menschen und Kulturen aufeinander.

JAXenter: Dein Schwerpunkt beim IoT Starter Workshop: From Zero to Hero liegt auf dem Prototyping. Warum ist das so eine kritische Phase?

Im Hardwarebereich tun Fehler viel mehr weh.

Sven Haiges: Wie auch in anderen Bereichen steht das Prototyping ganz am Anfang einer neuen Entwicklung. Es geht darum, Ideen zu validieren und recht schnell ein vorzeigbares Konzept oder mögliches Produkt aufzuzeigen. Diese Phase ist deshalb so kritisch, da IoT eben viel mit Hardware zu tun hat. Und Entwicklungen im Bereich der Hardware sind einfach deutlich teurer als bei Software. Umso weiter ein Hardwareprojekt fortgeschritten ist, umso aufwendiger wird es auch, Fehler zu korrigieren. Das kennt man im Prinzip auch aus der Softwarebranche. Nur würde ich sagen, dass es im Hardwarebereich noch viel mehr weh tut – es ist einfach viel teurer. Daher ist es besonders wichtig, in der recht günstigen Prototyping-Phase lieber eine Runde extra zu drehen, beispielsweise die Auswahl der Hardwarekomponenten noch einmal auf den Prüfstand zu stellen, bevor man später diese Fehler nur sehr teuer wieder korrigieren kann.

JAXenter: Beim Prototyping treffen Soft- und Hardware direkt aufeinander. Das gilt auch für die Softwareentwickler und Elektroingenieure. Treffen da nicht auch zwei Kulturen aufeinander?

Es gibt deutlich zu wenig Menschen, die beide Seiten – Hard- und Software – ausreichend gut verstehen.

Sven Haiges: Da kann ich nur zustimmen. Und es gibt meiner Meinung nach deutlich zu wenig Menschen, die beide Seiten ausreichend gut verstehen. Ich war jahrelang reiner Softwareentwickler. In dieser Welt ist true immer true und false immer false. Das hört sich naiv an, aber ich durfte vor vielen Jahren als ich angefangen habe mich mit Hardware zu beschäftigen erst einmal lernen, dass es im Hardwarebereich ein Spektrum zwischen true/false oder high/low gibt. Alles ist grau, analoge Signale sind irgendwo zwischen Null und Eins. Erst später werden diese Signale dank weiterer Verarbeitung digital. Auch kann Hardware je nach Kontext, wie Raum, Temperatur oder Licht, ganz anders reagieren. Wenn ein Sensor im Labor A noch diese Ergebnisse brachte, kann sich das je nach Kontext im Labor B schnell ändern. Das ist etwas, was man von der Software im Allgemeinen nicht so kennt.

JAXenter: Was hilft deiner Erfahrung nach dabei diese beiden Kulturen zu vereinen?

Sven Haiges: Neugier, Aufgeschlossenheit und Mut, andersdenkende Menschen kennenzulernen. Das macht die Welt im Allgemeinen zu einem besseren Ort. Ohne jetzt in die Politik abschweifen zu wollen, sieht der Trend leider gerade anders aus.

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JAXenter: Wer gehört für dich in ein IoT-Team?

Sven Haiges: Ich würde das perfekte Prototyping-Team mit Menschen besetzen, die unterschiedliche Schwerpunkte und Verantwortlichkeiten haben. Diese Schwerpunkte sollten die Bereiche Hardware, Software, UX und Business-Expertise sein. Außer den rein technischen Kompetenzen würde ich Wert auf soziale Fähigkeiten legen, zumindest bei einem Teil des Teams. Neugier, Aufgeschlossenheit und Mut sich auf andere Sichtweisen einzulassen wäre auch dabei.

JAXenter: Wo siehst du das IoT in zehn Jahren?

Wir können unsere Kinder und natürlich auch Erwachsene, die der IT eher fern sind, auf diese Zukunft vorbereiten.

Sven Haiges: Das Internet der Dinge wird in zehn Jahren natürlich noch viel mehr Industrien durchdrungen haben. In unserem alltäglichen Leben wird IoT vielleicht nicht wirklich immer bewusst wahrgenommen, aber über die Zeit werden unsere Häuser, Autos, Maschinen, der Gesundheitsbereich oder unsere Städte weitgehend digitalisiert werden. Es wird Menschen geben, die diese Digitalisierung und Durchdringung durch IoT gar nicht wahrnehmen. Sie werden dennoch zu automatischen Nutzern dieser Systeme, ob sie diese verstehen können oder nicht. Wer sich die Mühe macht, diese Systeme zumindest im Ansatz verstehen zu wollen, der kann mit großer Wahrscheinlichkeit großen Nutzen daraus ziehen. Daher ist mir aktuell auch das Thema digitale Bildung so wichtig. IoT und Digitalisierung sind absehbare Trends. Wir können unsere Kinder und natürlich auch Erwachsene, die der IT eher fern sind, auf diese Zukunft vorbereiten.

W-JAX
 
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JAXenter: Was kann ein Teilnehmer vom Workshop Zero to Hero erwarten?

Sven Haiges: Wir haben ein spannendes Programm zusammengestellt, bestehend aus Fachvortraegen und Diskussionen. Zu allen wichtigen Phasen wie Ideation, Prototyping, Produktion oder Vertrieb haben wir Experten in der Runde. Ich glaube ein Teilnehmer bekommt einen sehr wertvollen Gesamteindruck zum Thema IoT.

JAXenter: Wer sollte teilnehmen und wer vielleicht eher nicht?

Sven Haiges: Wenn jemand erwartet, innerhalb eines Tags zum umfassenden IoT-Experten ausgebildet zu werden, dann sollte der diesem Workshop wahrscheinlich eher fern bleiben. Es treffen einfach zu viele an sich schon hoch komplexe Disziplinen aufeinander. Es ist unrealistisch dies alles an einem Tag auch nur aufnehmen zu können. Es sollten Menschen teilnehmen, die an IoT interessiert sind, gerne diskutieren und idealerweise die eine oder andere Erfahrung in einer der Disziplinen schon gemacht haben. Und diese auch gerne anderen mitteilen, um voneinander zu lernen.

JAXenter: Vielen Dank für das Gespräch!

haiges_sven_wpSven Haiges arbeitet bei Hybris in München. Als Mitglied des Hybris-Lab-Teams arbeitet er mit neuen Technologien und versucht sie in Prototypen zu verwandeln. Er spricht darüber sowohl intern als auch extern, blogt auf techblog.hybris.com und zeigt einige Ergebnisse auf Konferenzen. Er hat in und außerhalb von Deutschland gelebt (Bay Area, während er bei Yahoo! war). Die Themen ändern sich schnell, aber seine wichtigsten sind IoT, iBeacons, BLE, RESTful Web Services via Node und anderen Engines, Android (Focus auf NFC, BLE) und neue HTML5-APIs. Was Sprachen betrifft ist er ein großer Groovy-Fan aber mag es außerdem in JavaScript Node-js-basierte Demos zu hacken.
Geschrieben von
Melanie Feldmann
Melanie Feldmann
Melanie Feldmann ist seit 2015 Redakteurin beim Java Magazin und JAXenter. Sie hat Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg studiert. Ihre Themenschwerpunkte sind IoT und Industrie 4.0.
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